Interaktives Lernwerk Biologie
Vom Molekül zum Ökosystem
43 Stationen in sieben Kapiteln führen von den Molekülen und Zellen über Stoffwechsel, Gene und Evolution zum menschlichen Körper, zur Ökologie und zur Medizin. Jede Station gibt es für die 7. und die 10. Klasse, für die Oberstufe als Schwerpunkt und mit Inhalten aus dem Studium, jeweils mit Grafiken zum Ausprobieren, Erklärungen, Lernkarten und Fragen zum Selbsttest.
Das Niveau lässt sich jederzeit oben umschalten. Die Klassenstufen sind eine Orientierung: Je nach Bundesland und Schulform kommen die Themen in anderen Jahrgängen dran.
Vertiefungen: Viele Stationen haben auf den höheren Niveaus ein zusätzliches Modul mit eigenen Grafiken; in der Übersicht des Lernpfads steht dann „mit Vertiefung“. Auf dem Niveau Studium kommen in vielen Stationen eigene Reiter mit Hochschulinhalten hinzu. Zahlen mit Quellenangabe im Fuß der Seite.
Dein Lernpfad
Kapitel A · Stationen 1 bis 5
Grundlagen: Moleküle und Zellen
Was Lebewesen von unbelebter Materie unterscheidet, woraus sie chemisch bestehen und wie Zellen gebaut sind. Zucker, Fette, Eiweiße und Nukleinsäuren sind die Bausteine, Proteine erledigen fast jede Arbeit in der Zelle, und Membranen grenzen sie ab und steuern, was hinein- und hinausgelangt.
Schaubild: Antippen eines Kästchens springt zur Station. Pfeile zeigen, was woraus hervorgeht.
Station 1 von 43
Was ist Leben?
Woran erkennt man, ob etwas lebt?
Das lernst du hier
- die Kennzeichen des Lebendigen nennen und an Beispielen prüfen
- begründen, warum Feuer und Kristalle nicht leben und warum Viren ein Grenzfall sind
- die Ebenen des Lebens vom Atom bis zur ganzen Erde der Größe nach ordnen
- die Kennzeichen des Lebens mit Fachbegriffen erläutern und auf Grenzfälle wie Viren, Prionen, ruhende Samen und das Maultier anwenden
- Organisationsebenen von der Zelle bis zur Biosphäre zuordnen und ihre Größenordnungen abschätzen
- die chemische Grundlage des Lebens beschreiben: die Elemente C, H, O, N, P, S und Wasser als Lösungsmittel
- Lebewesen als offene Systeme im Fließgleichgewicht thermodynamisch beschreiben
- Hypothesen zur Entstehung des Lebens (Miller-Urey-Versuch, RNA-Welt, hydrothermale Quellen) mit ihren Belegen bewerten
- Altersangaben der ältesten Lebensspuren mit ihren Unsicherheiten einordnen
- Definitionen des Lebens und das Konzept der Minimalzelle kritisch diskutieren
Eine Katze, ein Baum und ein Pilz leben, ein Stein und eine Wolke nicht. Um das sicher zu unterscheiden, prüfen Biologinnen und Biologen eine Reihe von Kennzeichen. Lebewesen bestehen aus einer oder vielen Zellen. Sie nehmen Stoffe auf, bauen sie um und gewinnen daraus Energie; das ist ihr . Sie wachsen und entwickeln sich, sie reagieren auf ihre Umgebung, zum Beispiel auf Licht, Wärme oder Berührung, und sie bekommen Nachkommen, denen sie ihre Merkmale vererben.
Außerdem halten Lebewesen ihr Inneres im Gleichgewicht: Dein Körper bleibt bei etwa 37 °C, ob es draußen friert oder heiß ist. Fachleute nennen das . Über viele Generationen verändern sich Lebewesen außerdem; das ist die .
Erst alle Kennzeichen zusammen zeigen Leben. Einzelne davon findet man auch bei Dingen, die nicht leben. Ein Feuer verbraucht Holz und Sauerstoff und breitet sich aus. Ein Salzkristall wächst in einer Salzlösung. Beide haben aber keine Zellen und keine Erbinformation, und sie regeln nichts. Umgekehrt bekommt ein Maultier keine Jungen und lebt trotzdem. Ein trockener Bohnensamen liegt jahrelang wie tot in der Schublade und keimt dann in feuchter Erde.
Schwierig wird es bei . Sie haben Erbinformation und verändern sich mit der Zeit. Sie bestehen aber nicht aus Zellen, haben keinen eigenen Stoffwechsel und vermehren sich nur in den Zellen anderer Lebewesen. Die meisten Fachleute zählen sie deshalb nicht zu den Lebewesen (mehr dazu in Station 18).
Leben ist in Ebenen aufgebaut. Atome bilden Moleküle, Moleküle bauen Zellen, gleichartige Zellen bilden Gewebe, Gewebe bilden Organe, und viele Organe arbeiten in einem Körper zusammen. Alle Lebewesen einer Art in einem Gebiet sind eine Population, alle Lebewesen eines Gebiets mit Boden, Wasser und Klima ein Ökosystem. Alle Ökosysteme der Erde zusammen bilden die Biosphäre. Die Grafik führt durch diese Ebenen, vom Atom bis zum Durchmesser der Erde, und zu jeder Ebene gibt es eine Station in diesem Lernpfad.
Die Biologie nennt sieben Kennzeichen, die alle Lebewesen gemeinsam haben:
- Zellaufbau: Nach der Zelltheorie (Schleiden 1838, Schwann 1839, Virchow 1855) besteht jedes Lebewesen aus Zellen, und jede Zelle entsteht aus einer Zelle (Station 4).
- und Energieumwandlung (Station 7).
- Wachstum und Entwicklung nach einem erblichen Programm.
- : Lebewesen nehmen Reize auf und reagieren darauf.
- Fortpflanzung und Vererbung über die DNA (Station 12).
- : Regelkreise halten Körpertemperatur, pH-Wert oder Blutzucker konstant (Station 25).
- : Populationen verändern sich über Generationen (Station 16).
An Grenzfällen sieht man, wozu die Liste dient. Viren bestehen aus Erbgut (DNA oder RNA) in einer Proteinhülle; sie haben keinen Stoffwechsel und werden nur in Wirtszellen vermehrt. sind falsch gefaltete Proteine ohne Erbgut, die normale Proteine umfalten und so Krankheiten wie BSE auslösen (Nobelpreis 1997 für Stanley Prusiner). Ruhende Samen und Sporen drosseln ihren Stoffwechsel fast auf null: Ein rund 2000 Jahre alter Samen der Dattelpalme aus der Festung Masada keimte noch (Sallon et al. 2008). Bärtierchen überstehen Austrocknen und Frost in der ; Tiere aus Moos, das über 30 Jahre bei −20 °C lagerte, lebten wieder auf und legten Eier (Tsujimoto et al. 2016). Ein Maultier (Pferdestute × Eselhengst) hat 63 Chromosomen und ist fast immer unfruchtbar. Es lebt trotzdem, denn Fortpflanzung ist ein Merkmal der Art als Ganzes; ein einzelnes Tier muss sie nicht erfüllen. Feuer und Kristalle zeigen einzelne Merkmale wie Wachstum oder Energieumsatz, aber keines der übrigen.
Chemisch beruht Leben auf wenigen Elementen. Sauerstoff (65 %), Kohlenstoff (18 %), Wasserstoff (10 %) und Stickstoff (3 %) machen zusammen rund 96 % der Masse eines Menschen aus; in der Erdkruste kommt Kohlenstoff nur in Spuren vor (OpenStax Biology 2e). Phosphor steckt in DNA, ATP und Membranlipiden, Schwefel in Proteinen. Kohlenstoff geht vier Bindungen ein und bildet Ketten, Ringe und Verzweigungen, die Gerüste aller Biomoleküle (Station 2). Wasser macht etwa 70 % der Masse einer Zelle aus (Alberts); als polares Molekül löst es Ionen, Zucker und Aminosäuren und ist Reaktionspartner bei Kondensation und Hydrolyse.
Die Organisationsebenen reichen über 17 Zehnerpotenzen: vom Atom (etwa 10⁻¹⁰ m) über Moleküle (10⁻⁹ m), Proteine (wenige Nanometer), Viren (meist einige zehn bis einige hundert Nanometer), Bakterien (1–5 µm) und Körperzellen (10–30 µm) bis zu Organen, Organismen, Populationen, Ökosystemen und der Biosphäre (Erddurchmesser 12 742 km). Mit bloßem Auge erkennt man Dinge ab etwa 0,1 mm, mit dem Lichtmikroskop ab etwa 0,2 µm; Viren und Proteine zeigt erst das Elektronenmikroskop.
Thermodynamisch sind Lebewesen offene Systeme: Sie tauschen Stoffe und Energie mit der Umgebung aus. Ihre Konzentrationen an ATP, Glucose oder Ionen bleiben annähernd konstant, obwohl ständig Stoffe hindurchfließen; das ist ein . Es liegt weit vom chemischen Gleichgewicht entfernt. Im Gleichgewicht wäre ΔG = 0, und keine Reaktion könnte mehr Arbeit leisten; für eine Zelle bedeutet das den Tod. Den Abstand hält der Energiedurchfluss aufrecht, Licht bei fotosynthetisch aktiven Organismen, chemische Energie bei allen anderen (Station 7). Beim Aufbau geordneter Strukturen sinkt die im Organismus; dafür gibt er Wärme und energiearme kleine Moleküle wie CO₂ und H₂O ab, sodass die Entropie von Organismus und Umgebung zusammen steigt.
Die Kennzeichen des Lebens beschreiben Zellen und Abstammungslinien. Viren sind obligat intrazelluläre Parasiten: Außerhalb der Wirtszelle ist das Viruspartikel (Virion) chemisch inaktiv. Prionen (PrPSc) dienen als Faltungsvorlage für das normale Prionprotein PrPC (Station 3); in Zellkultur setzen sich unter Selektionsdruck bestimmte Faltungsvarianten durch (Li et al. 2010), ohne dass Zellen, Stoffwechsel oder Regulation beteiligt wären. Die Kryptobiose (Keilin 1959) ausgetrockneter Bärtierchen ist ein umkehrbarer Stillstand ohne messbaren Stoffwechsel; Leben ist hier an intakte Strukturen gebunden. Bärtierchen überlebten sogar zehn Tage im offenen Weltraum (Jönsson et al. 2008).
Wie Leben entstand, ist nicht geklärt; mehrere Befunde zeigen aber, welche Schritte möglich sind. 1953 ließ Stanley Miller im Labor von Harold Urey eine Woche lang elektrische Entladungen durch Methan, Ammoniak, Wasserstoff und Wasserdampf laufen und fand Aminosäuren; er berichtete fünf (Miller 1953). Eine Nachanalyse der aufbewahrten Proben wies 2008 vierzehn Aminosäuren im Originalaufbau nach und 22 in einer Variante mit Dampfdüse, die einen Vulkanausbruch nachahmte (Johnson et al. 2008). Heutige Modelle der frühen Atmosphäre sind weniger reduzierend (mehr CO₂ und N₂), was die Ausbeuten senkt. Nach der RNA-Welt-Hypothese (Gilbert 1986) war RNA zugleich Informationsträger und Katalysator: Es gibt RNA-Enzyme (; Nobelpreis für Chemie 1989 an Cech und Altman), und im Ribosom knüpft die rRNA die Peptidbindung (Nissen et al. 2000). Hydrothermale Quellen am Meeresboden bieten Gradienten von pH-Wert und Redoxpotenzial sowie eisen- und schwefelhaltige Minerale als Katalysatoren. Rekonstruktionen des letzten gemeinsamen Vorfahren aller Lebewesen (LUCA) ergeben einen anaeroben Stoffwechsel, der Wasserstoff und CO₂ nutzte (Moody et al. 2024, Station 17).
Die ältesten Lebensspuren sind schwer zu belegen, weil alte Gesteine verformt und erhitzt wurden und auch abiotische Vorgänge Strukturen und Isotopensignale erzeugen (Javaux 2019). Weitgehend anerkannt sind aus Westaustralien (Dresser-Formation und Strelley Pool, 3,48–3,43 Milliarden Jahre) und Mikrofossilien aus dem Strelley Pool (3,4 Milliarden Jahre). Ältere Hinweise sind umstritten: Graphit mit leichtem Kohlenstoff aus Grönland (über 3,7 Milliarden Jahre), Strukturen aus 3,7 Milliarden Jahre altem Gestein in Grönland, die 2016 als Stromatolithen gedeutet und 2018 als Verformungen erklärt wurden (Allwood et al. 2018), und Graphit in 4,1 Milliarden Jahre alten Zirkonkristallen. Die molekulare Uhr setzt LUCA auf etwa 4,2 Milliarden Jahre (4,09–4,33; Moody et al. 2024). Die Erde ist 4,54 Milliarden Jahre alt; Pearce et al. (2018) schätzen, dass Leben 200 bis 800 Millionen Jahre nach Beginn der Bewohnbarkeit auftrat.
Definitionsfrage: Eine verbreitete Arbeitsdefinition lautet „Leben ist ein sich selbst erhaltendes chemisches System, das zu darwinscher Evolution fähig ist“. Sie entstand um 1992 in einer Arbeitsgruppe der NASA; Gerald Joyce zitierte sie 1994 im Vorwort zu „Origins of Life: The Central Concepts“. Offiziell ist sie nicht. Einwände: Viren evolvieren nur in Wirtszellen, ein unfruchtbares Maultier evolviert nicht, und völlig selbst erhaltend ist kein System. Erwin Schrödinger beschrieb 1944 in „What is Life?“, dass Organismen sich von „negativer Entropie“ ernähren und ihre Erbinformation in einem „aperiodischen Kristall“ speichern, neun Jahre vor der Strukturaufklärung der DNA. Ilya Prigogine erhielt 1977 den Nobelpreis für Chemie für die Theorie der dissipativen Strukturen: Ordnung, die nur durch ständigen Energiedurchfluss fern vom Gleichgewicht besteht, etwa Konvektionszellen oder oszillierende Reaktionen. Lebewesen sind solche Strukturen mit Vererbung. Wie wenig eine Zelle braucht, zeigt die synthetische Minimalzelle JCVI-syn3.0: 531 000 Basenpaare mit 473 Genen (438 für Proteine, 35 für RNA), davon 149 mit unbekannter Funktion (Hutchison et al. 2016). Die Variante JCVI-syn3A hat 493 Gene und teilt sich etwa alle zwei Stunden (Breuer et al. 2019).
Wie begann das Leben?
Ein Versuch von 1953, Spuren im ältesten Gestein und die Frage, wie wenig eine Zelle braucht.Bausteine aus Gas und Funken
Miller wollte prüfen, ob unter den Bedingungen, die man 1953 für die frühe Erde annahm, organische Moleküle ohne Lebewesen entstehen können. Wasser im unteren Kolben verdampfte, im oberen Kolben trafen Methan, Ammoniak, Wasserstoff und Wasserdampf auf Funkenentladungen. Der Kühler kondensierte den Dampf, gelöste Produkte sammelten sich in der Falle und flossen zurück. Nach einer Woche fand Miller mit Papierchromatografie fünf Aminosäuren, zwei davon nach eigener Angabe nicht sicher (Miller 1953).
2008 untersuchten Johnson et al. aufbewahrte Originalproben mit modernen Methoden: 14 Aminosäuren und fünf Amine im Standardaufbau, 22 Aminosäuren in einem Aufbau mit Dampfdüse, der Bedingungen in Vulkanwolken nachahmt. Heute nimmt man eine weniger reduzierende Atmosphäre aus CO₂, N₂ und Wasserdampf an, in der die Ausbeuten viel kleiner sind; örtlich reduzierende Bedingungen an Vulkanen oder nach Einschlägen sind möglich. Offene Schritte bleiben die Verknüpfung zu Polymeren, die Abgrenzung durch Membranen und der Beginn der Vererbung.
Formal entstehen Aminosäuren über die Strecker-Synthese aus Aldehyden, Blausäure (HCN) und Ammoniak, die im Funken aus den Gasen gebildet werden. Für die RNA-Welt fehlte lange ein plausibler Weg zu Nukleotiden; Powner, Gerland und Sutherland zeigten 2009 eine Synthese aktivierter Pyrimidin-Nukleotide aus einfachen Vorstufen, ohne Ribose und Base getrennt herzustellen.
Miller 1953, Science 117:528; Johnson et al. 2008, Science 322:404; Powner, Gerland & Sutherland 2009, Nature 459:239
Was als Beleg zählt
Mögliche Lebensspuren sind Formen (Mikrofossilien, Stromatolithen) und chemische Signale, vor allem ein Überschuss des leichten Kohlenstoffisotops ¹²C, den Enzyme wie RuBisCO beim Einbau von CO₂ erzeugen. Beides kann auch ohne Leben entstehen oder später verändert werden; ein Befund gilt erst als sicher, wenn geologischer Zusammenhang, Form, Chemie und Alter zusammenpassen (Javaux 2019). Pearce et al. (2018) nahmen 3,7 Milliarden Jahre als Untergrenze für Leben an; nach ihren Kriterien erfüllen die Mikrofossilien aus dem Strelley Pool alle Bedingungen, die Röhrchen aus Nuvvuagittuq und der Graphit in Zirkonen nicht.
Molekulare Uhren für LUCA hängen von Fossilkalibrierungen und Ratenmodellen ab. Moody et al. (2024) kalibrierten mit Genen, die vor LUCA dupliziert wurden, und erhielten 4,09–4,33 Milliarden Jahre. Damit hätte Leben sehr bald nach der Entstehung von Erde und Mond existiert; die Schätzung ist ein Modellergebnis, kein Fund.
Javaux 2019, Nature 572:451; Pearce et al. 2018, Astrobiology 18:343; Allwood et al. 2018, Nature 563:241; Moody et al. 2024, Nat Ecol Evol 8:1654
Wie viele Gene braucht eine Zelle?
Das J. Craig Venter Institute baute ab 2010 Genome von Mycoplasma mycoides chemisch nach (JCVI-syn1.0, 1079 kb) und strich in Zyklen aus Entwurf, Synthese und Test alle verzichtbaren Gene. JCVI-syn3.0 (2016) wächst mit 473 Genen, bildet aber unregelmäßige Zellen. Nach Wiedereinbau von 19 Genen, darunter die Teilungsgene ftsZ und sepF, teilt sich JCVI-syn3A regelmäßig in Kugeln von etwa 0,4 µm.
Von den 473 Genen hatten 149 keine bekannte Funktion (Hutchison et al. 2016): Selbst die einfachste bekannte Zelle ist noch nicht vollständig verstanden. Ihr Genom ist kleiner als das jedes frei lebenden natürlichen Organismus, sie braucht aber ein Nährmedium mit vielen fertigen Bausteinen.
Hutchison et al. 2016, Science 351:aad6253; Breuer et al. 2019, eLife 8:e36842; Blattner et al. 1997, Science 277:1453; Goffeau et al. 1996, Science 274:546; GENCODE Release 50
Wie hat das Leben angefangen?
Die Erde ist etwa 4,5 Milliarden Jahre alt. Die ältesten sicheren Spuren von Leben sind rund 3,5 Milliarden Jahre alt: Gesteine, die Bakterien Schicht für Schicht aufgebaut haben (Stromatolithen). Wie aus unbelebten Stoffen die ersten Zellen wurden, weiß niemand genau. 1953 zeigte Stanley Miller, dass in einem Glaskolben aus Gasen, Wasser und künstlichen Blitzen Bausteine von Eiweißen entstehen. Zellen entstanden dabei nicht.
Im Miller-Urey-Versuch (1953) entstanden aus Methan, Ammoniak, Wasserstoff und Wasserdampf unter elektrischen Entladungen Aminosäuren. Nach der RNA-Welt-Hypothese konnte RNA anfangs Information speichern und Reaktionen beschleunigen, bevor DNA und Proteine diese Aufgaben übernahmen. Als Entstehungsorte gelten unter anderem heiße Quellen am Meeresboden. Weitgehend anerkannt sind Lebensspuren ab etwa 3,5 Milliarden Jahren; ältere Hinweise sind umstritten.
Die ausführliche Vertiefung mit Grafiken gibt es ab dem Niveau Oberstufe.
Station 2 von 43
Biomoleküle
Woraus bestehen Lebewesen chemisch, und wie weist man die Stoffe in der Nahrung nach?
Das lernst du hier
- die drei Nährstoffgruppen und ihre Aufgaben nennen
- Stärke, Traubenzucker, Fett und Eiweiß nachweisen
- erklären, warum Butter fest und Öl flüssig ist
- Zucker als Ringe aus Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff beschreiben und ihren Weg durch den Körper verfolgen
- wissen, dass Blutgruppen Zuckerketten auf den Zellen sind
- Monomere und Polymere unterscheiden
- Kondensation und Hydrolyse erklären
- Nachweisreaktionen durchführen und deuten
- Ein- und Zweifachzucker (Glucose, Fructose, Maltose, Lactose, Saccharose) nach Bau und Vorkommen unterscheiden
- Zucker auf Zelloberflächen erklären: Blutgruppen, Virusandockstellen, Zellwanderung
- Bau von Kohlenhydraten, Lipiden, Proteinen und Nukleinsäuren vergleichen
- glykosidische Bindung, Esterbindung, Peptidbindung und Phosphodiesterbindung zuordnen
- Struktur und Funktion verknüpfen: Stärke und Cellulose, gesättigte und ungesättigte Fettsäuren
- Monosaccharide in Fischer- und Haworth-Projektion darstellen, D/L, Anomere und Epimere erklären
- die Glykokalyx als Erkennungscode deuten (AB0-System, Influenza, Selektine)
Farben schematisch. Im echten Labor Schutzbrille tragen; Fehling-Lösung und Natronlauge sind ätzend.
Unsere Nahrung enthält drei große Gruppen von Nährstoffen. Kohlenhydrate wie Stärke und Zucker liefern schnell Energie. Fette speichern viel Energie auf wenig Raum und halten warm. Eiweiße (Proteine) sind vor allem Baustoffe für Muskeln, Haut, Haare und Enzyme. Dazu kommen Wasser, Mineralstoffe, Vitamine und Ballaststoffe.
Welche Nährstoffe in einem Lebensmittel stecken, lässt sich mit einfachen Tests herausfinden: Iodlösung färbt Stärke blauschwarz, ein Teststreifen zeigt Traubenzucker an, Fett hinterlässt einen Fettfleck auf Papier, und Eiweiß färbt sich mit Biuret-Lösung violett.
Viele Nährstoffe sind lange Ketten aus kleinen Bausteinen. Stärke besteht aus vielen Traubenzucker-Bausteinen. Bei der Verdauung zerlegt der Körper die Ketten wieder in ihre Bausteine, damit sie ins Blut gelangen können.
Biomoleküle sind die Stoffe, aus denen Lebewesen bestehen. Die großen unter ihnen sind : lange Ketten aus vielen gleichartigen Bausteinen, den Monomeren. Stärke und Glykogen bestehen aus Glucose, Proteine aus Aminosäuren, DNA aus Nukleotiden. Fette sind keine Ketten; ein Fettmolekül besteht aus Glycerin und drei Fettsäuren.
Beim Verknüpfen wird jeweils ein Wassermolekül abgespalten (). Beim Spalten, etwa bei der Verdauung, wird Wasser wieder eingelagert (). Enzyme wie Amylase, Lipase und Peptidasen beschleunigen diese Spaltung.
Nachweisreaktionen unterscheiden die Stoffgruppen. Die Fehling-Probe zeigt reduzierende Zucker an. Dass Haushaltszucker dabei negativ bleibt, Traubenzucker und Milchzucker aber positiv sind, ist eine typische Prüfungsfrage.
Die vier Stoffklassen der Biomoleküle unterscheiden sich in Bausteinen und Bindungstyp:
- Kohlenhydrate: Monosaccharide wie Glucose und Fructose, verknüpft über . Die Stellung der Bindung am C1-Atom (α oder β) entscheidet über die Form: α-1,4 ergibt die Schraube der Amylose, β-1,4 gestreckte Ketten, die sich über Wasserstoffbrücken zu Cellulosefasern zusammenlagern.
- Lipide: Triacylglycerine (Glycerin mit drei Fettsäuren über Esterbindungen), Phospholipide (amphiphil, Baustein der Membran, Station 5) und Steroide wie Cholesterin. Lipide sind keine Polymere.
- Proteine: Aminosäuren über Peptidbindungen (Station 3).
- Nukleinsäuren: Nukleotide über Phosphodiesterbindungen (Station 12).
Alle diese Bindungen entstehen formal durch Kondensation und werden durch Hydrolyse gespalten. Die Hydrolyse setzt Energie frei, der Aufbau kostet Energie. Ob ein Zucker Fehling-positiv ist, hängt am freien halbacetalischen C-Atom: Saccharose verknüpft die anomeren C-Atome von Glucose und Fructose und ist deshalb nicht reduzierend.
Zucker: Chemie und Rolle im Körper
Vom einzelnen Traubenzucker-Molekül über Milch- und Haushaltszucker bis zu den Zuckerketten, die jede Zelle außen tragen.Zucker sind kleine Ringe aus Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff
Traubenzucker (Glucose) hat die Formel C₆H₁₂O₆: sechs Kohlenstoffatome, und auf jedes kommt ein Wassermolekül (H₂O). Daher der Name Kohlen-hydrat: „Kohlenstoff mit Wasser“. In Wasser bildet das Molekül einen Ring aus fünf Kohlenstoffatomen und einem Sauerstoffatom. Die vielen OH-Gruppen außen am Ring lieben Wasser, deshalb löst sich Zucker so gut.
Fruchtzucker (Fructose) hat dieselbe Formel, aber die Atome sitzen anders, und der Ring ist kleiner. Er schmeckt süßer als Traubenzucker und steckt in Obst und Honig. Haushaltszucker besteht aus beiden, fest zusammengehängt.
Aldehyd oder Keton, Kette oder Ring
Einfachzucker (Monosaccharide) sind Ketten aus drei bis sieben Kohlenstoffatomen mit vielen Hydroxygruppen (–OH) und einer Carbonylgruppe. Sitzt sie am Kettenende (–CHO), heißt der Zucker Aldose, zum Beispiel Glucose und Galactose; sitzt sie innen (C=O), Ketose, zum Beispiel Fructose. Die OH-Gruppen machen Zucker wasserlöslich und erlauben Wasserstoffbrücken.
In Wasser klappt die Kette zum Ring: Eine OH-Gruppe greift die Carbonylgruppe an. Glucose bildet einen Sechsring, Fructose meist einen Fünfring. Glucose, Galactose und Fructose haben alle die Summenformel C₆H₁₂O₆ und sind Isomere: gleiche Atome, andere Anordnung, andere Eigenschaften. Ribose (C₅H₁₀O₅) ist der Zucker in RNA und ATP, Desoxyribose der Zucker der DNA.
Fischer-Projektion, Ringschluss, Anomere
In der Fischer-Projektion steht die Kette senkrecht, das am höchsten oxidierte C-Atom oben; waagerechte Bindungen zeigen zum Betrachter. Die OH-Gruppe am untersten Stereozentrum (C5 der Hexosen) rechts bedeutet D-Reihe; fast alle natürlichen Zucker sind D-Zucker. Zucker, die sich nur an einem Stereozentrum unterscheiden, heißen Epimere: Galactose ist das C4-Epimer, Mannose das C2-Epimer der Glucose.
Der Ringschluss ist eine Halbacetalbildung: Die OH-Gruppe an C5 greift das Aldehyd-C1 an. Dabei entsteht ein neues Stereozentrum, das anomere C-Atom. Steht seine OH-Gruppe in der Haworth-Projektion unten (trans zur CH₂OH-Gruppe), heißt das Anomer α, steht sie oben, β. In Lösung wandeln sich beide über die offene Kette ineinander um (Mutarotation, Gleichgewicht etwa 36 % α, 64 % β). Nur die offene Kette hat die freie Aldehydgruppe, deshalb sind Zucker mit freiem anomerem C-Atom reduzierend (Fehling-positiv).
Der Pyranosering liegt als Sessel vor; in β-D-Glucose stehen alle Substituenten äquatorial. Das macht sie zur stabilsten Aldohexose und erklärt, warum Glucose der häufigste Zucker der Biosphäre ist. Abkömmlinge: Desoxyzucker (2-Desoxyribose), Zuckeralkohole (Sorbit, Xylit, aus der Reduktion der Carbonylgruppe), Zuckersäuren (Glucuronsäure; auch Ascorbinsäure ist ein Glucose-Abkömmling), Aminozucker (Glucosamin, N-Acetylglucosamin, N-Acetylgalactosamin) und Sialinsäuren (N-Acetylneuraminsäure, neun C-Atome, sauer). Phosphorylierte Zucker (Glucose-6-phosphat) sind die Form, in der Zucker im Stoffwechsel umgesetzt werden (Station 8).
Drei Zweifachzucker, drei Enzyme
Zwei Einfachzucker werden unter Wasserabspaltung über ein Sauerstoffatom verbunden (glykosidische Bindung). Maltose (Malzzucker) entsteht beim Abbau von Stärke und besteht aus zwei Glucose-Bausteinen. Lactose (Milchzucker) aus Galactose und Glucose steckt in Milch. Saccharose (Haushaltszucker) aus Glucose und Fructose stammt aus Zuckerrübe und Zuckerrohr.
Im Dünndarm spalten eigene Enzyme die drei Zucker: Maltase, Laktase und Saccharase. Fehlt die Laktase, gelangt Milchzucker in den Dickdarm, wo Bakterien ihn vergären: Blähungen und Durchfall (Laktoseintoleranz). Dass Erwachsene in Europa Milch meist vertragen, ist das Ergebnis einer jungen Anpassung (Station 16).
Bindungstyp bestimmt Verdaulichkeit und Fehling-Probe
Maltose ist α-1,4-verknüpft, Lactose β-1,4, Saccharose über beide anomeren C-Atome (Glc α1 ↔ β2 Fru). Weil bei Saccharose kein anomeres C-Atom frei bleibt, gibt es keine offene Aldehydform: Saccharose ist nicht reduzierend. Maltose und Lactose haben je ein freies anomeres C-Atom und sind reduzierend.
Die Bürstensaum-Enzyme Maltase, Laktase und Saccharase-Isomaltase sitzen in der Membran der Dünndarmzellen; die freigesetzten Monosaccharide werden über SGLT1 (Glucose, Galactose, mit Natrium) und GLUT5 (Fructose) aufgenommen und über GLUT2 ans Blut abgegeben. Laktasepersistenz beruht in Europa auf der Variante −13910*T vor dem LCT-Gen (Enattah 2002), die die Laktase-Produktion über das Säuglingsalter hinaus aufrechterhält; weltweit ist die Mehrheit der Erwachsenen laktase-nicht-persistent.
Säurehydrolyse oder Invertase spalten Saccharose zu Invertzucker (Glucose + Fructose); die Drehrichtung des polarisierten Lichts kehrt sich dabei um (+66° → −20°), daher der Name. Trehalose (α,α-1,1-Glc-Glc) ist ebenfalls nicht reduzierend und schützt Zellen von Hefen und Bärtierchen beim Austrocknen. Isomaltose (α-1,6) entsteht an den Verzweigungen von Amylopektin und Glykogen.
Zucker reist durch den Körper
Stärke aus Brot und Nudeln wird schon im Mund angeknabbert (Amylase im Speichel) und im Dünndarm fertig zerlegt. Als Traubenzucker geht der Zucker ins Blut. Das Blut bringt ihn zu allen Zellen; das Gehirn braucht am meisten. Was übrig ist, speichern Leber und Muskeln als Glykogen, und wenn auch die Speicher voll sind, wird aus Zucker Fett.
Bakterien auf den Zähnen fressen Zucker und machen daraus Säure, die den Zahnschmelz auflöst: Karies. Deshalb nach Süßem die Zähne putzen oder wenigstens mit Wasser spülen. Ballaststoffe (zum Beispiel aus Vollkorn und Gemüse) sind auch Zuckerketten, die wir nicht verdauen können; sie füttern die guten Darmbakterien.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt, höchstens ein Zehntel der Energie als freien Zucker zu essen, besser nur ein Zwanzigstel. Für ein Kind sind das etwa 25 bis 40 g am Tag; eine Dose Cola hat schon rund 35 g.
Verdauung, Verteilung, Speicherung
Amylasen aus Speichel und Bauchspeicheldrüse spalten Stärke zu Maltose, die Bürstensaumenzyme des Dünndarms zerlegen Zweifachzucker zu Monosacchariden. Glucose gelangt über Transporter ins Blut; der Blutzucker liegt nüchtern bei 70 bis 100 mg/dl (3,9 bis 5,6 mmol/l) und wird von Insulin und Glukagon geregelt (Station 25). Das Gehirn verbraucht etwa 120 g Glucose am Tag. Leber (etwa 80 g) und Muskeln (etwa 500 g) speichern Glucose als Glykogen; darüber hinaus wird sie zu Fett umgebaut.
Steigt der Blutzucker über etwa 180 mg/dl, schafft die Niere die Rückgewinnung nicht mehr, und Zucker erscheint im Urin (bei unbehandeltem Diabetes). Karies entsteht, wenn Mundbakterien wie Streptococcus mutans Zucker zu Säure vergären und der pH-Wert auf der Zahnoberfläche unter etwa 5,5 fällt. Ballaststoffe (Cellulose, resistente Stärke, Pektin) werden erst im Dickdarm von Bakterien zu kurzkettigen Fettsäuren abgebaut; die DGE empfiehlt mindestens 30 g am Tag.
Die WHO empfiehlt, freie Zucker (zugesetzter Zucker sowie Zucker in Säften und Honig) auf unter 10 % der Energiezufuhr zu begrenzen, besser unter 5 %. Bei 2000 kcal am Tag sind das 50 g beziehungsweise 25 g.
Glucose als Leitwährung, Fructose als Sonderfall
Glucose wird nach der Aufnahme sofort phosphoryliert (Hexokinase, in der Leber Glukokinase) und ist damit in der Zelle gefangen; von Glucose-6-phosphat aus führen die Wege in Glykolyse, Glykogensynthese und Pentosephosphatweg (Station 8 und 11). Galactose wird in der Leber zu Glucose-1-phosphat umgebaut (Leloir-Weg; Galaktosämie bei Enzymdefekt). Fructose umgeht die wichtigste Regelstelle der Glykolyse: Die Leber spaltet sie über Fructose-1-phosphat direkt zu Triosen, ohne Kontrolle durch die Phosphofructokinase. Große Fructosemengen fördern deshalb die Fettsynthese in der Leber und erhöhen die Harnsäure.
Die Glykierung ist die nicht-enzymatische Reaktion von Glucose mit Aminogruppen von Proteinen (Maillard-Reaktion, Amadori-Umlagerung). Der Anteil glykierten Hämoglobins (HbA1c) spiegelt den mittleren Blutzucker der letzten 8 bis 12 Wochen; ein Wert ab 6,5 % (48 mmol/mol) ist ein Diagnosekriterium für Diabetes (Station 25). Fortgeschrittene Glykierungsprodukte (AGEs) tragen zu Gefäß- und Nervenschäden bei.
Freie Zucker: WHO 2015 (starke Empfehlung unter 10 % der Energie, bedingte Empfehlung unter 5 %); DGE, DAG und DDG 2018 für Deutschland ebenfalls unter 10 %. Glucose im Urin ab einer Plasmakonzentration von etwa 180 mg/dl, weil die SGLT2-Transporter im proximalen Tubulus gesättigt sind; SGLT2-Hemmer (Gliflozine) nutzen genau das als Therapieprinzip. Der Stephan-Kurve folgend sinkt der Plaque-pH nach Zuckerzufuhr binnen Minuten unter den kritischen Wert von 5,5 und braucht 30 bis 60 Minuten zur Erholung.
Jede Zelle trägt Zucker-Antennen
Außen auf der Zellmembran sitzen kurze Zuckerketten, die an Eiweißen und Fetten hängen. Diese Zuckerschicht (Glykokalyx) ist wie ein Namensschild: Andere Zellen und das Immunsystem lesen daran ab, wer die Zelle ist. Die Blutgruppen A, B, AB und 0 sind nichts anderes als verschiedene Zuckerketten auf den roten Blutkörperchen. Bekommt jemand Blut mit fremden Zuckern, greift das Immunsystem es an; deshalb muss die Blutgruppe passen.
Auch Krankheitserreger lesen die Zucker: Das Grippevirus dockt an einen bestimmten Zucker auf unseren Atemwegszellen an, bevor es eindringt. Und der Schleim in Nase, Lunge und Darm besteht aus riesigen Zuckereiweißen (Mucinen), die Erreger abfangen.
Glykokalyx: Erkennung, Schutz, Andockstellen
Die Zuckerketten der Zelloberfläche sitzen an Membranproteinen (Glykoproteine) und Membranlipiden (Glykolipide) und zeigen immer nach außen. Sie sind kurz, aber aus vielen verschiedenen Bausteinen aufgebaut und verzweigt; so lassen sich mit wenigen Zuckern sehr viele verschiedene „Codes“ bilden. Blutgruppen: Alle Menschen tragen die Grundkette H. Bei Blutgruppe A hängt am Ende zusätzlich N-Acetylgalactosamin, bei B Galactose, bei AB beides, bei 0 nichts. Das Immunsystem bildet Antikörper gegen die Zucker, die man selbst nicht hat; daher sind 0-Spender für alle verträglich.
Viren: Das Influenzavirus bindet mit seinem Hämagglutinin an Sialinsäure, den endständigen Zucker vieler Ketten; sein zweites Oberflächenprotein, die Neuraminidase, schneidet Sialinsäure ab, damit neue Viren die Zelle verlassen können. Grippemittel wie Oseltamivir blockieren diese Schere. Zellwanderung: Weiße Blutkörperchen „rollen“ bei einer Entzündung an der Gefäßwand entlang, weil Selektine der Gefäßzellen kurz an Zuckerketten der Blutzellen haften, und verlassen dann das Gefäß (Station 30).
Glykane: der dritte Code neben DNA und Protein
Glykoproteine tragen N-glykosidisch (an Asparagin in der Sequenz Asn-X-Ser/Thr) oder O-glykosidisch (an Serin/Threonin) gebundene Oligosaccharide; Glykolipide tragen Zucker am Ceramid; Proteoglykane lange, sulfatierte Glykosaminoglykane (Heparansulfat, Chondroitinsulfat), Hyaluronsäure füllt als freies Polymer die extrazelluläre Matrix. Die Glykosylierung läuft im ER (N-Glykane werden als Block von einem Dolichol-Träger übertragen) und im Golgi (Beschneiden und Verlängern durch Glykosidasen und Glykosyltransferasen). Weil kein Gen die Kette vorgibt, ist das Glykan-Muster zelltyp- und zustandsabhängig: Es ändert sich bei Entzündung und in Tumoren.
AB0-System: Die Glykosyltransferase A hängt N-Acetylgalactosamin, die Transferase B Galactose an die H-Substanz (Fucose-Gal-GlcNAc-…); beide Enzyme unterscheiden sich in vier Aminosäuren, das 0-Allel trägt eine Leserasterverschiebung und ist inaktiv. Anti-A und Anti-B sind natürliche IgM-Antikörper, geprägt durch Darmbakterien mit ähnlichen Zuckern. Influenza: Hämagglutinin menschlicher Viren bindet bevorzugt α2,6-verknüpfte Sialinsäure (obere Atemwege), Vogelviren α2,3-verknüpfte (Darm der Vögel, tiefe Atemwege des Menschen); dieser Unterschied begrenzt die Übertragung von Vogelgrippe. Leukozyten-Rolling: P- und E-Selektin des Endothels binden Sialyl-Lewis-X auf Leukozyten; das schwache, schnell lösbare Bindungsverhalten erzeugt das Rollen, bis Chemokine Integrine aktivieren und die Zelle fest haftet (Adhäsionskaskade).
Sialinsäure als „Selbst“-Signal: Siglecs auf Immunzellen und Faktor H des Komplementsystems erkennen Sialinsäure und dämpfen Angriffe auf körpereigene Zellen (Varki: „self-associated molecular patterns“). Erreger wie Neisseria meningitidis und Trypanosomen tarnen sich mit Sialinsäure, Tumoren tragen oft mehr davon (Hypersialylierung) und entgehen so der Abwehr; alternde Erythrozyten verlieren Sialinsäure und werden in Milz und Leber aussortiert. Angeborene Glykosylierungsstörungen (CDG) betreffen Enzyme des N-Glykan-Wegs und führen zu Multisystemerkrankungen; die Bestimmung des Transferrin-Glykans ist der Suchtest. Lektine (Glykan-bindende Proteine) sind die Leser dieses Codes: Selektine, Siglecs, Galectine, das Mannose-bindende Lektin der angeborenen Abwehr.
Station 3 von 43
Aminosäuren und Proteine
Wie wird aus einer Kette von Bausteinen ein Werkzeug mit genau passender Form?
Das lernst du hier
- erklären, wofür der Körper Eiweiße braucht
- beschreiben, dass Eiweiße gefaltete Ketten aus Bausteinen sind
- erklären, warum Eiklar beim Kochen fest und weiß wird
- den Grundbau einer Aminosäure zeichnen
- Peptidbindung und Primärstruktur erklären
- die vier Strukturebenen unterscheiden und Denaturierung erklären
- an der Sichelzellanämie zeigen, wie eine Mutation ein Protein verändert
- Aminosäuren nach ihren Seitenketten einteilen; Zwitterion und isoelektrischen Punkt erklären
- den Strukturebenen die stabilisierenden Bindungen zuordnen
- Kooperativität, Bohr-Effekt und 2,3-BPG am Hämoglobin erklären
- an der Sichelzellanämie den Weg vom Gen über das Protein zum Merkmal beschreiben
Punkt oben rechts: essenziell für Erwachsene. pI-Werte: CRC Handbook; wo Lehninger um mehr als 0,1 abweicht, ist der Bereich angegeben.
Eiweiße, in der Fachsprache Proteine, sind die Arbeitstiere des Körpers. Sie bauen Muskeln, Haut und Haare auf, transportieren Sauerstoff im Blut, wehren als Antikörper Krankheitserreger ab und beschleunigen als Enzyme die Vorgänge in den Zellen.
Jedes Eiweiß ist eine lange Kette aus Bausteinen, den Aminosäuren. Es gibt 20 verschiedene. Wie die Buchstaben eines Wortes bestimmt ihre Reihenfolge, welches Eiweiß entsteht. Die Kette faltet sich zu einer ganz bestimmten Form, und nur in dieser Form erfüllt das Eiweiß seine Aufgabe.
Hitze, Säure oder Alkohol zerstören die Form. Beim Kochen wird das durchsichtige Eiklar weiß und fest: Die Eiweiße entfalten sich und verklumpen miteinander. Das lässt sich nicht rückgängig machen.
Seine Eiweiße baut der Körper selbst. Die Bausteine stammen aus der Nahrung: Fleisch, Fisch, Milch, Eier, Hülsenfrüchte und Getreide enthalten Eiweiß, das bei der Verdauung in einzelne Aminosäuren zerlegt wird.
Proteine bestehen aus . Alle haben dasselbe Grundgerüst: ein zentrales Kohlenstoffatom mit einer Aminogruppe (–NH₂), einer Carboxygruppe (–COOH), einem Wasserstoffatom und einem Rest. Die 20 Aminosäuren unterscheiden sich nur im Rest; er kann unpolar, polar, sauer oder basisch sein.
Zwei Aminosäuren verbinden sich unter Wasserabspaltung zu einem Dipeptid; die neue Bindung heißt . Viele Aminosäuren ergeben ein Polypeptid. Seine Struktur beschreibt man auf vier Ebenen:
- Primärstruktur: die Reihenfolge der Aminosäuren, festgelegt im Gen (Station 12).
- Sekundärstruktur: und , gehalten durch Wasserstoffbrücken im Rückgrat der Kette.
- Tertiärstruktur: die räumliche Gestalt der ganzen Kette, gehalten durch Wechselwirkungen zwischen den Resten.
- Quartärstruktur: Mehrere Ketten lagern sich zusammen, etwa beim Hämoglobin.
Hitze, Säuren, Laugen und Schwermetallsalze zerstören die Raumstruktur (). Das Protein verliert seine Funktion, obwohl die Kette erhalten bleibt. Wie eng Struktur und Funktion zusammenhängen, zeigt die Sichelzellanämie: Der Austausch einer einzigen Aminosäure verändert das Hämoglobin so, dass rote Blutkörperchen bei Sauerstoffmangel ihre Form verlieren.
Aminosäuren tragen eine basische Aminogruppe und eine saure Carboxygruppe. In Wasser bei mittlerem pH liegen beide geladen vor (–NH₃⁺, –COO⁻): Die Aminosäure ist ein . Je nach pH nimmt sie Protonen auf oder gibt sie ab; am ist die Nettoladung null. Darauf beruhen Elektrophorese und Pufferwirkung.
Die Reste bestimmen die Faltung. Reste sammeln sich im Inneren, polare und geladene liegen außen. Die Tertiärstruktur halten hydrophobe Wechselwirkungen, Wasserstoffbrücken, Ionenbindungen und kovalente zwischen Cysteinresten zusammen. Mehrere Ketten können eine Quartärstruktur bilden.
Struktur bestimmt Funktion. Am Hämoglobin lässt sich das quantitativ zeigen: Die vier Untereinheiten binden Sauerstoff , und H⁺, CO₂ und senken die Affinität (). Die Sichelzellanämie verbindet die Ebenen Gen, Protein und Merkmal: Eine Punktmutation tauscht Glutaminsäure gegen Valin, das Hämoglobin polymerisiert bei Sauerstoffmangel, die Erythrozyten verformen sich.
Die Faltung ist keine Suche durch alle denkbaren Konformationen; dafür würde selbst ein kleines Protein astronomisch lange brauchen (Levinthal-Paradox). Die Kette gleitet über teilweise gefaltete Zwischenstufen in den energetisch günstigsten Zustand (Faltungstrichter). Die Nettostabilität gefalteter Proteine ist klein, typisch 20–65 kJ/mol, weil sich große Enthalpie- und Entropiebeiträge fast aufheben.
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Die Zelle
Woraus bestehen Lebewesen, und was passiert in einer Zelle?
Das lernst du hier
- Tier- und Pflanzenzelle unterscheiden
- die wichtigsten Zellbestandteile und ihre Aufgaben nennen
- wissen, wie sich Bakterien von unseren Zellen unterscheiden
- die vier Grundgewebe nennen und wissen, warum man Gewebe färbt
- Zellorganellen im elektronenmikroskopischen Bild zuordnen
- Prokaryoten und Eukaryoten vergleichen
- erklären, warum Zellen in Reaktionsräume gegliedert sind
- Epithel-, Binde-, Muskel- und Nervengewebe im Schnitt erkennen
- Kompartimentierung und ihre Folgen für den Stoffwechsel begründen
- die Endosymbiontentheorie mit Belegen darstellen
- Bau und Funktion der Organellen verknüpfen
- Gewebe nach Schichtung, Zellform und Oberfläche benennen und Färbeprinzipien (H&E, PAS, Immunhistochemie) erklären
Räumliches Schema, nicht maßstabsgetreu. Die Hülle ist durchscheinend, damit die Organellen als Körper sichtbar bleiben; der Regler „Durchsicht“ macht sie undurchsichtig oder fast unsichtbar. Ziehen dreht die Zelle, Antippen wählt einen Bestandteil. Zoom: Regler, zwei Finger oder Strg + Mausrad; Umschalt + Ziehen (oder zwei Finger) verschiebt den Ausschnitt, Doppelklick setzt die Ansicht zurück.
Alle Lebewesen bestehen aus Zellen. Ein Bakterium ist eine einzige Zelle, ein erwachsener Mensch besteht aus rund 30 Billionen. Zellen sind so klein, dass man sie nur unter dem Mikroskop sieht.
Trotzdem arbeitet jede Zelle wie ein kleiner Betrieb: Sie nimmt Stoffe auf, wandelt sie um, wächst und kann sich teilen. Tier- und Pflanzenzellen haben gemeinsame Bestandteile: Zellmembran, Zellplasma, Zellkern und . Pflanzenzellen haben zusätzlich eine Zellwand, eine große Vakuole und Chloroplasten.
Bakterien sind viel kleiner und einfacher gebaut. Sie haben keinen Zellkern; ihre Erbinformation liegt frei im Zellplasma.
Im Lichtmikroskop sieht man vor allem Zellkern, Zellwand und Chloroplasten. Erst das Elektronenmikroskop zeigt, dass Zellen in viele Reaktionsräume gegliedert sind, die . Jedes hat eine eigene Aufgabe: Ribosomen bauen Proteine, das endoplasmatische Retikulum (ER) und der Golgi-Apparat verarbeiten und verschicken sie, Lysosomen bauen Stoffe ab, Mitochondrien liefern ATP.
Diese Gliederung heißt . Sie erlaubt, dass gegensätzliche Vorgänge gleichzeitig ablaufen, etwa der Aufbau von Proteinen am ER und ihr Abbau im Lysosom.
Man unterscheidet zwei Bautypen: Prokaryoten (Bakterien und Archaeen) haben keinen Zellkern und keine membranumhüllten Organellen. Eukaryoten (unter anderem Pflanzen, Tiere und Pilze) haben einen Zellkern und Organellen. Ein Mensch besteht aus rund 30 bis 36 Billionen Zellen.
Zellen sind offene Systeme: Sie tauschen ständig Stoffe und Energie mit ihrer Umgebung aus und halten so einen geordneten Zustand fern vom chemischen Gleichgewicht aufrecht. Eukaryotische Zellen sind durch Biomembranen in gegliedert. Das hat drei Folgen:
- Reaktionen mit unterschiedlichen Bedingungen (pH-Wert, Enzymausstattung) laufen getrennt ab.
- Konzentrationsunterschiede über Membranen speichern Energie, etwa der Protonengradient in Mitochondrien.
- Stoffwechselwege lassen sich räumlich trennen und getrennt regulieren: Fettsäuren werden im Cytosol aufgebaut und im Mitochondrium abgebaut.
Mitochondrien und Chloroplasten stammen nach der Endosymbiontentheorie von einst frei lebenden Bakterien ab. Belege: Doppelmembran, eigene ringförmige DNA, 70S-Ribosomen wie bei Bakterien und Vermehrung durch Teilung.
Nach Hatton et al. (2023) besteht ein erwachsener Mann aus etwa 36 Billionen Zellen, eine Frau aus etwa 28 Billionen, ein zehnjähriges Kind aus etwa 17 Billionen. Ältere Schätzungen für einen 70-kg-Referenzmann kommen auf rund 30 Billionen (Sender, Fuchs und Milo 2016).
Von der Zelle zum Gewebe
Zellen gleicher Bauart und Aufgabe bilden Gewebe, Gewebe bilden Organe. Die Histologie untersucht diesen Feinbau im Mikroskop, meist an gefärbten Schnitten.Zelle, Gewebe, Organ
Ein Mensch besteht aus Billionen Zellen, aber nur aus etwa 200 Zellarten. Zellen, die gleich gebaut sind und dieselbe Aufgabe haben, bilden zusammen ein Gewebe. Es gibt vier Grundgewebe: Deckgewebe (Epithel) bedeckt Oberflächen innen und außen, Binde- und Stützgewebe hält alles zusammen (dazu gehören auch Fett, Knorpel, Knochen und Blut), Muskelgewebe bewegt, Nervengewebe leitet Signale. Aus mehreren Geweben entsteht ein Organ wie der Magen: Deckgewebe innen, Muskeln in der Wand, Nerven und Bindegewebe dazwischen.
Vier Grundgewebe, ein Organ
Die Histologie ordnet alle Gewebe des Körpers vier Grundtypen zu. Epithelgewebe besteht aus dicht gepackten Zellen auf einer Basalmembran; es bedeckt, grenzt ab, nimmt auf und bildet Drüsen. Bindegewebe hat wenige Zellen und viel Zwischenzellsubstanz aus Fasern (Kollagen, elastische Fasern) und Grundsubstanz; Fett-, Knorpel-, Knochengewebe und Blut sind Sonderformen. Muskelgewebe zieht sich mit Aktin und Myosin zusammen: quergestreift (Skelett, Herz) oder glatt. Nervengewebe aus Neuronen und Gliazellen verarbeitet und leitet Erregungen. Jedes Organ ist eine Kombination: Die Darmwand hat innen Epithel, darunter Bindegewebe mit Gefäßen, dann glatte Muskulatur und überall Nervengeflechte.
Gewebelehre als Bauplanlehre
Epithelien werden nach Schichtung (einschichtig, mehrschichtig, mehrreihig: alle Zellen berühren die Basalmembran, nicht alle die Oberfläche), nach Zellform (platt, kubisch, hochprismatisch) und nach Oberflächendifferenzierung (Mikrovilli, Kinozilien, Verhornung) benannt; sie sind gefäßfrei und werden aus dem darunterliegenden Bindegewebe ernährt. Bindegewebe definiert sich über die extrazelluläre Matrix: Kollagenfasern (Zugfestigkeit, Typ I), retikuläre Fasern (Typ III, Netze in Lymphorganen), elastische Fasern (Elastin) und die Grundsubstanz aus Proteoglykanen und Glykosaminoglykanen (Station 2). Fibroblasten bilden die Matrix; Fett, Knorpel, Knochen und Blut sind spezialisierte Bindegewebe. Muskelgewebe: Skelettmuskelfasern sind vielkernige Synzytien mit randständigen Kernen und Sarkomeren; Herzmuskelzellen sind verzweigt, einkernig und über Glanzstreifen (Disci intercalares) gekoppelt; glatte Muskelzellen sind spindelförmig ohne Sarkomere. Nervengewebe: Neurone (uni-, bi-, multipolar) und Glia (Astrozyten, Oligodendrozyten, Mikroglia, Ependym; peripher Schwann-Zellen); beim Menschen kommen auf etwa 86 Milliarden Neurone ungefähr ebenso viele Gliazellen (Azevedo 2009).
Terminologia Histologica (FIPAT 2008) legt die lateinischen Namen fest, etwa Epithelium simplex squamosum, Textus connectivus laxus, Textus muscularis striatus skeletalis, Neuron multipolare. Klinisch wichtig: Metaplasie (Umwandlung eines Epithels in ein anderes, etwa Zylinder- zu Plattenepithel in den Atemwegen von Rauchern), Dysplasie und die Herkunft von Tumoren: Karzinome stammen aus Epithelien, Sarkome aus Binde- und Stützgeweben, Gliome aus Gliazellen (Station 40).
Warum man Gewebe färbt
Ein dünner Gewebeschnitt ist fast durchsichtig, man sieht kaum etwas. Deshalb färbt man ihn. Die Standardfärbung heißt H&E: Hämatoxylin färbt die Zellkerne blau-violett, Eosin färbt das Zellplasma und die Fasern rosa. So lassen sich Zellen zählen, ihre Form erkennen und kranke Zellen von gesunden unterscheiden.
H&E: zwei Farbstoffe, zwei Ladungen
Hämatoxylin (mit Aluminium zu Hämalaun) ist positiv geladen und bindet an negativ geladene Strukturen: an die DNA im Kern und an die RNA der Ribosomen. Solche Strukturen heißen basophil (blau-violett). Eosin ist negativ geladen und bindet an positiv geladene Proteine im Zellplasma und in Kollagenfasern: azidophil (rosa bis rot). Rote Blutkörperchen sind kräftig rot, Fett bleibt weiß, weil es beim Einbetten herausgelöst wird. Spezialfärbungen zeigen, was H&E nicht zeigt: Die PAS-Reaktion färbt Zucker (Schleim, Glykogen, Basalmembran) magenta.
Von der Routinefärbung zum Molekülnachweis
H&E ist die Übersichtsfärbung der Pathologie: Kernmorphologie (Chromatin, Nucleoli, Mitosen) und Gewebearchitektur. Spezialfärbungen: PAS (Perjodsäure-Schiff) für Glykogen, Muzine, Basalmembranen und Pilze; Masson-Trichrom oder Elastica-van-Gieson für Kollagen (blau beziehungsweise rot) und elastische Fasern (schwarz); Berliner Blau für Eisen; Kongorot für Amyloid. Die Immunhistochemie weist einzelne Proteine mit Antikörpern nach (Station 30), sichtbar gemacht über ein Enzym (Peroxidase, braunes DAB-Produkt) oder Fluoreszenz; damit lassen sich Tumoren typisieren (Zytokeratine für Karzinome, CD-Marker für Lymphome) und Therapieziele prüfen (HER2, PD-L1, Station 40). Die In-situ-Hybridisierung zeigt DNA- oder RNA-Sequenzen direkt im Schnitt, etwa Genamplifikationen oder Viren.
Fluoreszenzmikroskopie: DAPI bindet DNA (blau), Antikörper tragen Fluorochrome (FITC grün, Cy3 rot); konfokale Mikroskopie liefert optische Schnitte. Auflösungsgrenzen: Lichtmikroskop etwa 0,2 µm (Abbe), Superauflösung 20 bis 50 nm, Elektronenmikroskop im Nanometerbereich. Artefakte, die man kennen muss: Schrumpfung durch Fixierung, herausgelöstes Fett, Quetsch- und Messerartefakte, Überfärbung.
Sieben Schritte bis zum Bild
Gewebe wird entnommen, in Formalin fixiert, damit es nicht zerfällt, entwässert und in Paraffin eingebettet. Erst der feste Block lässt sich am Mikrotom in hauchdünne Scheiben von wenigen Tausendstel Millimetern schneiden. Die Schnitte werden gefärbt, mit einem Deckglas abgedeckt und mikroskopiert. Für eine Diagnose während einer Operation gibt es den Gefrierschnitt: Das Gewebe wird eingefroren und in 10 bis 20 Minuten beurteilt.
Präparation bestimmt, was man sieht
Fixierung mit 4 % Formaldehyd vernetzt Proteine und stoppt Enzyme (Autolyse); sie dauert Stunden bis einen Tag und lässt Gewebe schrumpfen. Entwässerung in aufsteigender Alkoholreihe und Xylol, Einbettung in Paraffin, Schnitte von 2 bis 5 µm am Rotationsmikrotom; Gefrierschnitte am Kryostat sind dicker (5 bis 10 µm) und schneller, aber weniger detailreich. Für die Elektronenmikroskopie: Glutaraldehyd und Osmiumtetroxid, Kunstharzeinbettung, Ultradünnschnitte von 50 bis 100 nm, Kontrastierung mit Uranyl- und Bleisalzen. Weil Fett in Alkohol und Xylol gelöst wird, erscheinen Fettzellen im Paraffinschnitt leer.
Molekulare Pathologie arbeitet am selben Material: Aus formalinfixiertem, paraffineingebettetem Gewebe (FFPE) lassen sich DNA und RNA für PCR, Sequenzierung und In-situ-Hybridisierung gewinnen (Station 15); Gewebemikroarrays bündeln hunderte Proben auf einem Objektträger, und die digitale Pathologie bewertet gescannte Schnitte mit Bildanalyse. Blot-Verfahren (Southern: DNA, Northern: RNA, Western: Protein) arbeiten dagegen mit Gewebeextrakten und verlieren die Ortsinformation; sie ergänzen die Histologie, ersetzen sie nicht.
Eine Erbinformation, viele Zellformen
Alle Zellen eines Menschen haben dieselbe Erbinformation. Trotzdem sieht eine Nervenzelle ganz anders aus als ein rotes Blutkörperchen, weil in jeder Zellart andere Gene eingeschaltet sind. Die Form passt zur Aufgabe: Nervenzellen haben lange Fortsätze zum Leiten, Muskelzellen sind lang und voller Fasern zum Ziehen, rote Blutkörperchen sind flache Scheiben ohne Kern, damit viel Platz für den Sauerstoffträger bleibt.
Spezialisierung durch Genaktivität
Aus einer befruchteten Eizelle entstehen über 200 Zelltypen. Sie tragen dieselbe DNA, lesen aber verschiedene Gene ab (Station 12): Ein Keratinozyt bildet Keratin, ein Fibroblast Kollagen, ein Chondrozyt Knorpelmatrix, ein Neuron Neurotransmitter. Diese Differenzierung ist weitgehend dauerhaft; Stammzellen in Knochenmark, Darm und Haut liefern Nachschub für Gewebe mit hohem Zellumsatz.
Form folgt Funktion, Funktion folgt Genexpression
Differenzierung beruht auf Transkriptionsfaktoren und epigenetischen Markierungen (Station 12): Dieselbe DNA, verschiedene Programme. Erythrozyten verlieren Kern und Organellen (Lebensdauer etwa 120 Tage), neutrophile Granulozyten leben nur Stunden bis Tage, Neurone und Herzmuskelzellen werden kaum ersetzt. Gewebe mit hohem Umsatz (Darmepithel alle 3 bis 5 Tage, Epidermis etwa 4 Wochen) hängen von adulten Stammzellen ab. Der Zelltyp bestimmt auch die Krankheit: Fibroblasten vernarben, Hepatozyten regenerieren, Chondrozyten kaum, deshalb heilt Knorpel schlecht.
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Die Membran
Wie kommen Stoffe in die Zelle hinein und wieder hinaus?
Das lernst du hier
- Diffusion und Osmose erklären
- verstehen, warum Zellen in Wasser anschwellen oder schrumpfen
- den Bau der Membran beschreiben
- passiven und aktiven Transport unterscheiden
- Endocytose und Exocytose einordnen
- Transport über das elektrochemische Potenzial begründen
- Kanal, Carrier, primär und sekundär aktiven Transport vergleichen
- Sättigung und Spezifität von Carriern erklären
Die Zellmembran ist etwa zehntausendmal dünner als ein Haar. Trotzdem ist sie eine wählerische Grenze: Manche Stoffe gelangen von allein hindurch, andere nur durch besondere Durchgänge.
Teilchen sind ständig in Bewegung. Dadurch verteilen sie sich von selbst dorthin, wo weniger von ihnen sind. Das heißt . So gelangt Sauerstoff aus dem Blut in die Zellen und Kohlenstoffdioxid aus den Zellen ins Blut.
Für Wasser gibt es eine besondere Form, die : Wasser strömt durch die Membran zu der Seite, auf der mehr Stoffe gelöst sind. Deshalb werden welke Salatblätter in Wasser wieder knackig, und rote Blutkörperchen platzen in reinem Wasser.
Die Membran besteht aus einer Doppelschicht von Phospholipiden. Ihre Köpfe sind wasserliebend und zeigen nach außen, ihre Schwänze sind fettartig und bilden das Innere. Kleine, ungeladene Moleküle wie Sauerstoff (O₂) und Kohlenstoffdioxid (CO₂) durchqueren diese Schicht leicht. Ionen und größere polare Moleküle wie brauchen Transportproteine.
Passiver Transport folgt dem Konzentrationsgefälle, bei Ionen dem elektrochemischen Gefälle aus Konzentrationsunterschied und Membranspannung, und kostet keine zusätzliche Stoffwechselenergie: Diffusion, , Kanäle und Carrier. Aktiver Transport arbeitet gegen das Gefälle und verbraucht ATP, etwa die Natrium-Kalium-Pumpe.
Große Partikel nimmt die Zelle auf, indem sich die Membran einstülpt und ein Bläschen abschnürt (Endocytose). Fresszellen verschlingen so ganze Bakterien. Umgekehrt verschmelzen Bläschen mit der Membran und geben ihren Inhalt ab (Exocytose), zum Beispiel Insulin aus der Bauchspeicheldrüse.
Das Flüssig-Mosaik-Modell (Singer und Nicolson 1972) beschreibt die Membran als zweidimensionale Flüssigkeit aus Phospholipiden, in der Proteine seitlich beweglich sind. Die Lipidschicht ist für kleine unpolare Moleküle durchlässig, für Ionen und polare Moleküle praktisch undurchlässig.
Die Triebkraft für passiven Transport ist das elektrochemische Potenzial: Bei Ionen zählen der Konzentrationsunterschied und die Spannung über der Membran. Kanäle und Carrier beschleunigen nur den Ausgleich. Carrier zeigen dabei Sättigung und Substratspezifität wie Enzyme.
Primär aktiver Transport ist direkt an die Spaltung von ATP gekoppelt (Na⁺/K⁺-ATPase). Sekundär aktiver Transport nutzt einen vorhandenen Gradienten: Der Natrium-Glucose-Cotransporter SGLT1 im Dünndarm schleust Glucose zusammen mit Na⁺ in die Darmzelle, auch gegen das Konzentrationsgefälle der Glucose. Den Na⁺-Gradienten dafür hält die Na⁺/K⁺-ATPase aufrecht.
Membranen, Calcium-Signale und Calcium-abhängige Reaktionen
Kein Ion trägt so viele Botschaften wie Ca²⁺: Es löst Muskelkontraktion, Ausschüttung von Botenstoffen, Blutgerinnung und die Aktivierung von T-Zellen aus. Möglich macht das ein steiler Konzentrationsunterschied über Membranen.Wenig drinnen, viel draußen
Im Blut und in der Gewebeflüssigkeit ist rund zehntausendmal mehr freies Calcium gelöst als im Zellplasma. Pumpen in der Zellmembran und im endoplasmatischen Retikulum (ER) befördern Calcium ständig hinaus oder in das ER, unter Verbrauch von ATP. Öffnet sich ein Kanal, strömt Calcium in Sekundenbruchteilen ins Zellplasma. Dieser plötzliche Anstieg ist das Signal.
Gradient, Pumpen, Kanäle
Freies Ca²⁺ beträgt im Zytosol in Ruhe etwa 100 nmol/l, außen etwa 1,2 mmol/l (ionisiertes Calcium im Blut etwa 1,1 bis 1,3 mmol/l, Gesamtcalcium etwa 2,2 bis 2,6 mmol/l, davon rund 40 % an Proteine gebunden; Referenzbereiche laborabhängig). Daraus folgt ein Nernst-Potenzial von etwa +125 mV: Elektrisch und chemisch drängt Ca²⁺ in die Zelle. Die Plasmamembran-Ca²⁺-ATPase (PMCA) pumpt 1 Ca²⁺ je ATP hinaus, der Na⁺/Ca²⁺-Austauscher (NCX) tauscht 3 Na⁺ gegen 1 Ca²⁺, die SERCA pumpt 2 Ca²⁺ je ATP ins ER.
Warum gerade Calcium? Zellen arbeiten mit Phosphat (ATP, DNA, Phospholipide). Calciumphosphat ist schwer löslich, Zellen müssen Ca²⁺ also ohnehin niedrig halten. Gerade deshalb bewirkt schon ein kleiner Einstrom einen großen relativen Anstieg: ein guter Schalter.
Die Membran selbst ist asymmetrisch gebaut: Phosphatidylserin und Phosphatidylethanolamin sitzen innen, Phosphatidylcholin und Sphingomyelin außen; ATP-getriebene Flippasen halten das aufrecht. Zwei Wege heben diese Ordnung auf. Ein starker Ca²⁺-Anstieg aktiviert die Scramblase TMEM16F: Aktivierte Blutplättchen kehren so Phosphatidylserin nach außen, an dem die Gerinnungsfaktoren andocken; fehlt TMEM16F, entsteht eine Blutungsneigung, das Scott-Syndrom (Suzuki et al. 2010). In der Apoptose spalten Caspasen die Flippasen und aktivieren die Scramblase Xkr8; das außen liegende Phosphatidylserin ist dann ein „Friss mich“-Signal für Fresszellen. Annexin V bindet Ca²⁺-abhängig an dieses Phosphatidylserin; markiert man es fluoreszent, zählt die Durchflusszytometrie apoptotische Zellen.
Calcium schaltet die Abwehr an
Erkennt eine T-Zelle ihr Antigen, öffnen sich Calciumkanäle, und das Calcium im Zellplasma steigt immer wieder kurz an. Diese Calcium-Wellen aktivieren ein Enzym, das den Schalter NFAT in den Zellkern schickt. Dort startet NFAT die Gene für Botenstoffe wie Interleukin-2, mit dem sich T-Zellen gegenseitig zur Vermehrung anregen.
Medikamente nach Organtransplantationen (Ciclosporin, Tacrolimus) blockieren genau diesen Weg: Calcium steigt zwar, aber NFAT bleibt draußen, und die Abwehr greift das fremde Organ nicht an.
Vom T-Zell-Rezeptor zu NFAT
Der T-Zell-Rezeptor aktiviert die Phospholipase Cγ, die PIP₂ in IP₃ und Diacylglycerin spaltet. IP₃ öffnet Kanäle im ER, das ER leert sich, der Sensor STIM1 in der ER-Membran bemerkt das und öffnet ORAI1-Kanäle in der Zellmembran (speichergesteuerter Ca²⁺-Einstrom, CRAC-Kanäle). Fehlt ORAI1 erblich, entsteht ein schwerer kombinierter Immundefekt (Feske et al. 2006). Ca²⁺ bindet Calmodulin, Calmodulin aktiviert die Phosphatase Calcineurin, Calcineurin dephosphoryliert NFAT, das daraufhin in den Kern wandert.
Die Zelle liest nicht nur, ob Ca²⁺ steigt, sondern wie: Häufige Oszillationen halten NFAT im Kern, weil es langsamer hinausgelangt, als es hineinkommt. Dolmetsch, Xu und Lewis (1998) zeigten, dass die Frequenz entscheidet, welche Transkriptionsfaktoren aktiv werden. Das Modell links bildet diese Logik qualitativ nach, es ist keine Messung.
Ciclosporin A wirkt im Komplex mit Cyclophilin, Tacrolimus (FK506) mit FKBP12; beide Komplexe blockieren Calcineurin. Thapsigargin hemmt die SERCA irreversibel: Das ER läuft leer, ORAI1 bleibt offen, Ca²⁺ steigt dauerhaft statt in Wellen. Chelatoren wie BAPTA oder EGTA fangen freies Ca²⁺ ab.
Ein Ion, viele Aufgaben
Calcium wirkt, indem es an Eiweiße bindet und deren Form ändert. Im Muskel löst es die Kontraktion aus, an Nervenenden die Ausschüttung von Botenstoffen, im Blut die Gerinnung. Laborröhrchen für Blutbild und Gerinnungstests enthalten deshalb Stoffe, die Calcium binden (EDTA, Citrat), damit das Blut flüssig bleibt (Station 42).
Bindestellen mit Familienähnlichkeit
Die meisten Ca²⁺-Sensoren nutzen wenige Bauprinzipien. Die EF-Hand ist eine Helix-Schleife-Helix, deren Schleife Ca²⁺ mit Sauerstoffatomen aus Asp- und Glu-Seitenketten umschließt; Calmodulin hat vier davon, Troponin C ebenso. C2-Domänen binden Ca²⁺ zusammen mit negativ geladenen Membranlipiden (Synaptotagmin, Proteinkinase C). Gerinnungsfaktoren tragen Gla-Domänen mit γ-Carboxyglutamat, das nur mit Vitamin K entsteht; Phenprocoumon und Warfarin blockieren das Recycling von Vitamin K und damit diese Carboxylierung. Annexine binden Ca²⁺ und Phosphatidylserin, Cadherine werden erst durch Ca²⁺ steif genug, Zellen zusammenzuhalten.
Ca²⁺ koppelt auch den Energiebedarf an den Stoffwechsel: Im Mitochondrium aktiviert es die Pyruvat-Dehydrogenase-Phosphatase, die Isocitrat- und die α-Ketoglutarat-Dehydrogenase (Denton und McCormack). Arbeitet ein Muskel mehr, steigt Ca²⁺, und die Atmungskette bekommt mehr NADH, bevor ATP knapp wird. Zu viel Ca²⁺ im Mitochondrium öffnet dagegen die Permeabilitätspore und leitet den Zelltod ein.
Ein Hormon aus Licht
Vitamin D ist streng genommen ein Hormon-Vorläufer. In der Haut spaltet UV-B-Licht (etwa 290 bis 315 nm) im 7-Dehydrocholesterol den B-Ring: eine photochemische, elektrocyclische Ringöffnung, wie sie die Woodward-Hoffmann-Regeln beschreiben. Das entstandene Prävitamin D₃ lagert sich durch Körperwärme zu Vitamin D₃ um, in der Haut etwa zehnmal schneller als in organischen Lösungsmitteln (Tian und Holick 1999). Die Leber hängt eine OH-Gruppe an C25 (25-Hydroxyvitamin D, Speicher- und Transportform, Halbwertszeit etwa zwei bis drei Wochen, gemessen rund 15 Tage, Jones et al. 2015; diese Form misst das Labor). Die Niere bildet daraus das aktive Calcitriol (1,25-Dihydroxyvitamin D, Halbwertszeit wenige Stunden), gesteuert vom Parathormon.
Calcitriol bindet den Vitamin-D-Rezeptor, einen Transkriptionsfaktor. Er steigert die Calciumaufnahme im Darm und wirkt auf Knochen und Niere. Fällt das ionisierte Calcium, schüttet die Nebenschilddrüse über ihren Calcium-Sensor (CaSR) Parathormon aus: Calcium wird aus dem Knochen gelöst, in der Niere zurückgewonnen und die Calcitriol-Bildung angekurbelt.
Auch Makrophagen besitzen das aktivierende Enzym (CYP27B1). Nach Kontakt mit Bakterienbestandteilen bilden sie lokal Calcitriol und daraus das antimikrobielle Peptid Cathelicidin (Liu et al. 2006). Bei Sarkoidose läuft diese Bildung ungebremst, deshalb kann der Calciumspiegel steigen. Wie viel Vitamin D das Immunsystem wirklich braucht und ob Tabletten Infekte oder Krebs verhindern, ist Thema in Station 42.
Kapitel B · Stationen 6 bis 11
Stoffwechsel und Energie
Der rote Faden ist die Energie: Licht wird in Zucker gespeichert, Zucker wird schrittweise zu ATP abgebaut, Enzyme machen jeden Schritt möglich, und ein Netz von Wegen verbindet Zucker, Fette und Aminosäuren.
Schaubild: Energiefluss vom Licht bis zur Arbeit der Zelle. Antippen springt zur Station.
Station 6 von 43
Enzyme
Warum laufen Reaktionen in der Zelle so schnell ab, und das bei nur 37 °C?
Das lernst du hier
- erklären, was Enzyme tun
- das Schlüssel-Schloss-Prinzip beschreiben
- verstehen, warum Hitze Enzyme zerstört
- Aktivierungsenergie und Enzym-Substrat-Komplex erklären
- Substrat- und Wirkungsspezifität unterscheiden
- Einfluss von Temperatur und pH-Wert begründen
- Enzymkinetik mit Vmax und Km deuten
- kompetitive und nicht-kompetitive Hemmung unterscheiden
- allosterische Regulation und Rückkopplung erklären
Gelb: Substrat, das genau ins aktive Zentrum passt. Rosa: ein anderer Stoff, der nicht passt.
sind Eiweiße, die chemische Reaktionen beschleunigen, ohne sich dabei zu verbrauchen. Ohne sie liefen viele Reaktionen im Körper so langsam ab, dass Leben nicht möglich wäre.
Jedes Enzym hat eine Tasche, in die nur ein bestimmter Stoff passt, wie ein Schlüssel in ein Schloss. Im Speichel steckt zum Beispiel das Enzym Amylase. Es zerlegt Stärke in Zucker. Deshalb schmeckt Brot süßlich, wenn du es lange kaust.
Enzyme arbeiten am besten bei Körpertemperatur. Wird es zu heiß, verlieren sie ihre Form und funktionieren nicht mehr. Das siehst du beim Kochen eines Eis: Das Eiweiß wird fest und bleibt es auch nach dem Abkühlen.
Damit eine Reaktion startet, braucht sie eine Anschubenergie, die Aktivierungsenergie. Enzyme senken sie. Das bindet im , es entsteht ein Enzym-Substrat-Komplex, dann werden die Produkte frei, und das Enzym steht für die nächste Runde bereit.
Enzyme sind substratspezifisch (sie erkennen nur bestimmte Stoffe) und wirkungsspezifisch (sie katalysieren nur eine bestimmte Reaktion). Ihre Aktivität hängt von den Bedingungen ab: Mit steigender Temperatur reagieren sie schneller, als Faustregel doppelt bis dreimal so schnell pro 10 °C (RGT-Regel, Reaktionsgeschwindigkeit-Temperatur-Regel). Oberhalb des Optimums zerstört die Wärme die räumliche Struktur des Proteins, es denaturiert.
Auch der pH-Wert zählt: Pepsin arbeitet im sauren Magen bei etwa pH 2, die Amylase im Speichel bei etwa pH 7, Trypsin im Dünndarm im leicht basischen Bereich.
Enzyme verändern nicht das Gleichgewicht einer Reaktion, nur die Geschwindigkeit, mit der es erreicht wird. Sie binden den Übergangszustand besonders fest, stabilisieren ihn und senken so die Aktivierungsenergie. Die Bindung folgt eher der Induced-Fit-Vorstellung (Koshland): Das aktive Zentrum passt sich beim Binden an.
Steigt die Substratkonzentration, nähert sich die Reaktionsgeschwindigkeit einem Höchstwert (Vmax), wenn alle Enzymmoleküle besetzt sind. Die ist die Substratkonzentration bei halber Maximalgeschwindigkeit und ein Maß für die Affinität.
Kompetitive Hemmstoffe konkurrieren mit dem Substrat ums aktive Zentrum: Km steigt, Vmax bleibt, viel Substrat verdrängt den Hemmstoff. Nicht-kompetitive Hemmstoffe binden an anderer Stelle: Vmax sinkt, Km bleibt. Zellen regeln Schlüsselenzyme allosterisch: Häufig hemmt das Endprodukt eines Stoffwechselwegs dessen erstes Enzym (negative Rückkopplung).
Reaktionsatlas: Zelle und Labor
Die Zelle nutzt dieselben Reaktionstypen wie die organische Chemie, aber bei 37 °C, in Wasser, bei neutralem pH und mit einem einzigen gewünschten Produkt. Ein Vergleich, Reaktion für Reaktion.Gleiche Chemie, andere Bedingungen
Ein Labor beschleunigt Reaktionen mit Hitze, Druck, starken Säuren oder Basen, reaktiven Reagenzien und organischen Lösungsmitteln. Eine Zelle kann nichts davon nutzen. Enzyme erreichen dasselbe, indem sie Reaktionspartner in genauer Ausrichtung festhalten, Ladungen im Übergangszustand mit passenden Seitenketten oder Metallionen ausgleichen und Protonen gezielt übertragen. Hinzu kommt die Selektivität: Ein Enzym setzt eine bestimmte Bindung in einem bestimmten Molekül um und liefert meist nur eines von zwei Spiegelbildern.
Umgekehrt hat die Chemie Reaktionen entwickelt, die keine Zelle beherrscht, und lernt von Enzymen: Die Prolin-Katalyse der Aldolreaktion ahmt das Enamin der Aldolase nach, Eisenkatalysatoren für C–H-Oxidationen sind dem Cytochrom P450 nachempfunden. Heute setzt die Industrie selbst Enzyme ein, etwa Lipasen in Waschmitteln oder Transaminasen in der Arzneimittelsynthese.
Lehninger 7. Aufl.; Clayden, Organic Chemistry 2. Aufl.; Daten zu Geschwindigkeiten siehe Reiter „Wie viel schneller?“.
Langsame Chemie, schnelle Enzyme
Viele Reaktionen des Stoffwechsels laufen ohne Katalysator so langsam ab, dass sie für ein Lebewesen nie stattfänden. Wolfenden und Mitarbeiter haben solche Geschwindigkeiten bei hohen Temperaturen gemessen und auf 25 °C zurückgerechnet. Eine Peptidbindung in neutralem Wasser hat danach eine Halbwertszeit von rund 400 Jahren, die Decarboxylierung von Orotidin-5′-monophosphat (OMP) von 78 Millionen Jahren, die Hydrolyse eines Phosphatmonoesters von rund 10¹² Jahren, länger als das Alter des Universums. Phosphatasen beschleunigen diese Hydrolyse um etwa den Faktor 10²¹.
Manche Enzyme sind so schnell, dass nur noch die Diffusion bremst: Die Triosephosphat-Isomerase erreicht kcat/Km ≈ 2,4 · 10⁸ M⁻¹ s⁻¹ (Albery und Knowles 1976). Jeder Zusammenstoß mit dem Substrat führt praktisch zum Umsatz.
Radzicka und Wolfenden 1995, Science 267:90; 1996, JACS 118:6105; Lad, Williams und Wolfenden 2003, PNAS 100:5607; Albery und Knowles 1976, Biochemistry 15.
Station 7 von 43
Energie und ATP
Woher hat die Zelle ihre Energie, und womit „bezahlt“ sie ihre Arbeit?
Das lernst du hier
- den Weg der Energie von der Sonne bis in deine Muskeln beschreiben
- Fotosynthese und Zellatmung als Gegenstücke erkennen
- ATP als Energieträger der Zelle kennen
- die Summengleichungen von Fotosynthese und Zellatmung aufstellen
- den ATP-ADP-Kreislauf erklären
- begründen, warum bei Energieumwandlungen Wärme entsteht
- energetische Kopplung über ATP mit ΔG begründen
- Redoxäquivalente (NADH, FADH₂, NADPH) einordnen
- erklären, warum die ATP-Hydrolyse in der Zelle stärker exergon ist als unter Standardbedingungen
Zellatmung: Traubenzucker + Sauerstoff → Kohlenstoffdioxid + Wasser + Energie
Zellatmung: C₆H₁₂O₆ + 6 O₂ → 6 CO₂ + 6 H₂O + Energie
Zellatmung: C₆H₁₂O₆ + 6 O₂ → 6 CO₂ + 6 H₂O; ΔG°′ ≈ −2870 kJ/mol
Jede Zelle braucht ständig Energie: zum Bewegen, zum Wachsen, zum Reparieren und um warm zu bleiben. Diese Energie stammt letztlich von der Sonne. Pflanzen fangen das Licht ein und bauen damit Traubenzucker auf. Das ist die Fotosynthese. Dabei geben sie Sauerstoff ab.
Wir nehmen die Energie mit der Nahrung auf. In unseren Zellen wird der Zucker mit Sauerstoff wieder abgebaut, das ist die Zellatmung. Die Energie wird dabei in kleine Päckchen umgepackt: (Adenosintriphosphat). ATP funktioniert ähnlich wie ein Akku. Gibt es seine Energie ab, wird es zu ADP. In den Mitochondrien wird ADP wieder zu ATP aufgeladen.
Bei jeder Umwandlung geht ein Teil der Energie als Wärme verloren. Deshalb ist dein Körper warm, und deshalb wird dir beim Sport heiß.
Bei der Fotosynthese wandeln Pflanzen Lichtenergie in chemische Energie um und speichern sie in Glucose. Die Zellatmung kehrt die Gesamtgleichung um und setzt diese Energie wieder frei. Die Zelle nutzt sie aber nicht direkt, sondern über einen Zwischenspeicher: (Adenosintriphosphat).
Wird von ATP eine Phosphatgruppe abgespalten (ATP → ADP + P), wird Energie frei. Sie treibt Muskelarbeit, aktiven Transport und den Aufbau von Stoffen an. Die Zellatmung lädt das wieder zu ATP auf. Ein Erwachsener setzt so am Tag etwa so viel ATP um, wie er wiegt. Im Muskel reicht der Vorrat bei voller Belastung dagegen nur für wenige Sekunden; ATP muss ständig neu gebildet werden.
Bei jeder Energieumwandlung wird ein Teil als Wärme frei. Diese Wärme hält unsere Körpertemperatur bei etwa 37 °C.
Stoffwechsel koppelt exergone Reaktionen (ΔG < 0, etwa der Abbau von Glucose) mit endergonen (ΔG > 0, etwa Synthesen, Transport gegen ein Gefälle, Muskelkontraktion). ATP ist das Bindeglied. Die Hydrolyse ATP → ADP + Pᵢ liefert unter Standardbedingungen ΔG°′ ≈ −30,5 kJ/mol, in der Zelle etwa −50 kJ/mol, weil die Zelle das Verhältnis von ATP zu ADP weit vom Gleichgewicht hält.
Neben ATP gibt es Elektronenüberträger: Beim Abbau von Nährstoffen nimmt NAD⁺ (Nicotinamidadenindinukleotid) Elektronen auf und wird zu , FAD wird zu . Beide liefern die Elektronen an die Atmungskette. dient vor allem als Reduktionsmittel für Aufbauprozesse, etwa in der Fettsäuresynthese und im Calvin-Zyklus.
Rechnet man mit Standardwerten, landet gut ein Drittel der Energie der Glucose im ATP; unter den realen Bedingungen in der Zelle ist der Anteil höher. Der Rest wird als Wärme frei. Ein Erwachsener setzt pro Tag ATP in der Größenordnung seines Körpergewichts um. Der Bestand im Körper ist winzig dagegen: Lehrbücher nennen Werte zwischen etwa 50 und 250 g; jedes ATP-Molekül wird also viele hundert Mal am Tag neu gebildet.
Station 8 von 43
Glykolyse und Gärung
Wie gewinnt eine Zelle Energie aus Traubenzucker, auch ohne Sauerstoff?
Das lernst du hier
- erklären, dass Zucker in der Zelle schrittweise abgebaut wird
- beschreiben, was bei der Gärung entsteht
- erklären, warum Muskeln bei starker Anstrengung brennen
- den Ablauf der Glykolyse in Grundzügen beschreiben
- die Bilanz der Glykolyse angeben
- alkoholische Gärung und Milchsäuregärung vergleichen
- erklären, warum NAD⁺ zurückgewonnen werden muss
- Investitions- und Ertragsphase unterscheiden und die Bilanz herleiten
- die Rolle der Substratkettenphosphorylierung erklären
- die Energieausbeute mit und ohne Sauerstoff vergleichen
- die Regelstellen der Glykolyse benennen
Die drei irreversiblen Schritte sind rot markiert; sie sind die Regelstellen. ΔG-Werte: Lehninger, 7. Auflage; Km-Werte: Löffler/Petrides, 9. Auflage.
Zucker ist der schnellste Brennstoff der Zelle. Er wird nicht auf einmal verbrannt, sondern in vielen kleinen Schritten zerlegt. So lässt sich die Energie nach und nach einfangen, statt dass sie als Wärme verloren geht.
Der erste Teil dieses Abbaus läuft überall in der Zellflüssigkeit ab und braucht keinen Sauerstoff. Dabei wird ein Traubenzucker in zwei kleinere Teile zerlegt, und die Zelle gewinnt etwas Energie in Form von ATP (Station 7).
Ist Sauerstoff da, werden die Teile in den Mitochondrien weiter abgebaut, und es kommt viel mehr Energie heraus (Station 9). Fehlt Sauerstoff, muss die Zelle anders weitermachen: Das nennt man Gärung. Hefe macht daraus Alkohol und Kohlenstoffdioxid, unsere Muskeln machen Milchsäure.
Deshalb brennen die Muskeln bei starker Anstrengung: Sie zerlegen den Zucker schneller, als die Mitochondrien mit dem Sauerstoff nachkommen. Die Milchsäure wird später wieder abgebaut.
Die läuft im Cytoplasma ab und braucht keinen Sauerstoff. Sie zerlegt ein Glucosemolekül mit sechs Kohlenstoffatomen in zwei Moleküle mit je drei Kohlenstoffatomen.
Zuerst muss die Zelle investieren: Zwei ATP werden verbraucht, um den Zucker anzuschieben. Danach entstehen vier ATP und zwei . Unter dem Strich bleiben 2 ATP, 2 NADH und 2 Pyruvat pro Glucose.
Mit Sauerstoff wird das Pyruvat in den Mitochondrien weiter abgebaut (Station 9). Ohne Sauerstoff entsteht ein Problem: Für die Glykolyse wird NAD⁺ gebraucht, und das ist schnell verbraucht. Die löst das, indem sie das Pyruvat umsetzt und dabei NAD⁺ zurückgewinnt. Bei der alkoholischen Gärung entstehen Ethanol und CO₂, bei der Milchsäuregärung Lactat.
Die Gärung liefert nur die 2 ATP aus der Glykolyse, dafür sofort und ohne Sauerstoff. Im Muskel entsteht Lactat deshalb vor allem dann, wenn die Glykolyse schneller läuft, als die Mitochondrien das Pyruvat verarbeiten können, etwa beim Sprint, auch wenn Sauerstoff da ist (Station 29).
Die Glykolyse besteht aus zehn enzymkatalysierten Schritten im Cytosol. In der Investitionsphase (Schritte 1–5) werden zwei ATP verbraucht, um Glucose zu phosphorylieren und in zwei C₃-Körper zu spalten. In der Ertragsphase (Schritte 6–10) entstehen je C₃-Körper ein NADH und zwei ATP, zusammen also 4 ATP und 2 NADH. Netto: 2 ATP, 2 NADH, 2 Pyruvat.
Die ATP-Bildung erfolgt hier durch : Eine Phosphatgruppe wird direkt von einem energiereichen Zwischenprodukt auf ADP übertragen, ohne Protonengradient und Atmungskette.
Nur drei Schritte sind in der Zelle praktisch irreversibel und damit Regelstellen: Hexokinase, Phosphofructokinase-1 und Pyruvatkinase. Die Phosphofructokinase-1 ist der Schrittmacher; sie wird durch ATP und Citrat gehemmt und durch AMP und Fructose-2,6-bisphosphat aktiviert. Die Gluconeogenese muss genau diese drei Schritte mit eigenen Enzymen umgehen (Station 11).
Die Glykolyse ist der einzige Weg, auf dem Erythrozyten ATP gewinnen; sie besitzen keine Mitochondrien. Viele Tumorzellen bauen Glucose auch bei ausreichend Sauerstoff überwiegend zu Lactat ab (Warburg-Effekt); das liefert schnell Bausteine für Wachstum, obwohl die ATP-Ausbeute gering bleibt.
Station 9 von 43
Zellatmung
Wie wird aus einem Stück Traubenzucker Energie, die die Zelle nutzen kann?
Das lernst du hier
- die Wortgleichung der Zellatmung aufstellen
- erklären, warum wir atmen
- Zellatmung und Gärung vergleichen
- die drei Abschnitte der Zellatmung und ihre Orte nennen
- die ATP-Bilanz begründen
- Milchsäuregärung erklären
- Glykolyse, oxidative Decarboxylierung, Citratzyklus und Atmungskette mit Bilanzen darstellen
- die chemiosmotische ATP-Bildung erklären
- begründen, warum die Bilanz bei 30–32 ATP liegt
In den Mitochondrien wird Traubenzucker mithilfe von Sauerstoff abgebaut. Dabei entstehen Kohlenstoffdioxid, das wir ausatmen, und Wasser. Die frei werdende Energie wird in gespeichert. Das nennt man Zellatmung.
Traubenzucker + Sauerstoff → Kohlenstoffdioxid + Wasser + Energie (ATP)
Deshalb atmen wir: Die Lunge holt den Sauerstoff, das Blut bringt ihn zu den Zellen und nimmt das Kohlenstoffdioxid mit zurück.
Beim Sprint kommt nicht genug Sauerstoff in die Muskeln. Dann gewinnen die Muskelzellen Energie auch ohne Sauerstoff. Das liefert aber viel weniger ATP, und es entsteht Milchsäure (). Hefepilze machen etwas Ähnliches: Sie bilden dabei Alkohol und Kohlenstoffdioxid. Das Gas lässt den Brotteig aufgehen.
Die Zellatmung verläuft in drei Abschnitten:
- Glykolyse im Zellplasma: (6 C-Atome) wird in zwei Moleküle (je 3 C-Atome) gespalten. Netto entstehen 2 ATP.
- Citratzyklus im Mitochondrium: Pyruvat wird schrittweise zu CO₂ abgebaut. Die energiereichen Elektronen werden auf Transportmoleküle übertragen, vor allem .
- Atmungskette an der inneren Mitochondrienmembran: Die Elektronen wandern zum Sauerstoff, es entsteht Wasser. Die frei werdende Energie treibt die ATP-Synthase an. Hier entsteht der Großteil des ATP.
Insgesamt liefert ein Glucosemolekül rund 30 ATP. Ältere Schulbücher nennen 36 oder 38; die niedrigere Zahl berücksichtigt, dass für jedes ATP mehr Protonen nötig sind als früher angenommen.
Milchsäuregärung: Ohne Sauerstoff stockt die Atmungskette, und NADH staut sich. Der Muskel überträgt die Elektronen deshalb auf Pyruvat, es entsteht Lactat. So wird NAD⁺ wieder frei, und die Glykolyse läuft weiter, allerdings mit nur 2 ATP pro Glucose.
Glykolyse (Cytosol, zehn Schritte): Glucose + 2 NAD⁺ + 2 ADP + 2 Pᵢ → 2 Pyruvat + 2 NADH + 2 H⁺ + 2 ATP + 2 H₂O. Zwei ATP werden investiert, vier durch Substratkettenphosphorylierung gewonnen.
Oxidative Decarboxylierung (Matrix): Der Pyruvat-Dehydrogenase-Komplex bildet aus Pyruvat , CO₂ und NADH. Dieser Schritt ist irreversibel.
Citratzyklus: Acetyl-CoA (C₂) und Oxalacetat (C₄) bilden Citrat (C₆). Nach zwei Decarboxylierungen und mehreren Oxidationen liegt wieder Oxalacetat vor. Ertrag pro Umlauf: 3 NADH, 1 FADH₂, 1 GTP (oder ATP), 2 CO₂.
Atmungskette: Die Komplexe I bis IV übertragen Elektronen von NADH beziehungsweise FADH₂ über Ubichinon und Cytochrom c auf O₂. Komplex I, III und IV pumpen dabei Protonen in den Intermembranraum. Der Protonengradient treibt die ATP-Synthase an, einen rotierenden molekularen Motor (, Peter Mitchell, Nobelpreis 1978).
| Abschnitt (pro Glucose) | direkt | NADH | FADH₂ | ATP gesamt |
|---|---|---|---|---|
| Glykolyse | 2 ATP | 2 | – | 5–7 |
| Pyruvat → Acetyl-CoA | – | 2 | – | 5 |
| Citratzyklus | 2 GTP | 6 | 2 | 20 |
| Summe | 4 | 10 | 2 | 30–32 |
Gerechnet mit 2,5 ATP pro NADH und 1,5 ATP pro FADH₂. Die Spanne bei der Glykolyse hängt davon ab, wie ihr NADH ins Mitochondrium gelangt.
Citratzyklus, Atmungskette, Energiebilanz
Der Citratzyklus als Rad, ein Simulator für die Atmungskette mit Hemmstoffen und ein ATP-Rechner. Die Glykolyse im Detail steht in Station 8. Werte nach Lehninger (7. Aufl.) und Watt et al. 2010, siehe Quellen.Drehscheibe des Stoffwechsels
Der Citratzyklus läuft in der Mitochondrienmatrix. Er oxidiert den Acetylrest (C₂) des Acetyl-CoA vollständig zu 2 CO₂ und sammelt die Elektronen auf 3 NADH und 1 FADH₂. Oxalacetat (C₄) ist Katalysator: Es wird pro Umlauf verbraucht und regeneriert.
Regulation
- Citrat-Synthase: gehemmt durch ATP, NADH, Succinyl-CoA, Citrat.
- Isocitrat-Dehydrogenase: aktiviert durch ADP und Ca²⁺, gehemmt durch ATP und NADH; wichtigste Regelstelle.
- α-Ketoglutarat-Dehydrogenase: aktiviert durch Ca²⁺, gehemmt durch Succinyl-CoA und NADH.
Amphibol: Abbau und Aufbau zugleich
Zwischenprodukte werden ständig abgezweigt: Citrat für die Fettsäuresynthese, α-Ketoglutarat für Glutamat, Succinyl-CoA für Häm, Oxalacetat für Aspartat und Gluconeogenese. Anaplerotische Reaktionen füllen nach, vor allem die Pyruvat-Carboxylase (Biotin), die Acetyl-CoA allosterisch aktiviert: Viel Acetyl-CoA signalisiert Bedarf an Oxalacetat.
Reaktionen und Regulation: Lehninger 7. Aufl.
Was der Simulator zeigt
Die Komplexe I, III und IV pumpen pro 2 Elektronen 4, 4 und 2 Protonen in den Intermembranraum: 10 H⁺ pro NADH, 6 H⁺ pro FADH₂ (Succinat, Komplex II pumpt nicht). Der Gradient aus Membranpotenzial (≈ 150–180 mV, matrixnegativ) und ΔpH (≈ 0,5–1) treibt die ATP-Synthase.
Vier Zustände, die man kennen sollte
- Gekoppelt: Elektronentransport und ATP-Synthese sind über den Gradienten verbunden. Ohne ADP steigt der Gegendruck, die Atmung wird gebremst (respiratorische Kontrolle).
- Blockiert (Rotenon, Antimycin A, Cyanid, CO): Oberhalb des Blocks staut sich alles reduziert, unterhalb bleibt alles oxidiert. Kein O₂-Verbrauch, kein Gradient, kein ATP.
- Synthase gehemmt (Oligomycin): Der Gradient steigt auf das Maximum, die Atmung sinkt auf einen Bruchteil, ATP-Bildung null.
- Entkoppelt (2,4-Dinitrophenol, UCP1): Protonen fließen an der Synthase vorbei zurück. Die Atmung läuft maximal, die Energie wird zu Wärme. Das braune Fettgewebe nutzt genau das mit dem Entkopplerprotein UCP1.
Reaktive Sauerstoffspezies: Etwa 0,1–2 % des verbrauchten O₂ werden an Komplex I und III zu Superoxid reduziert; Superoxid-Dismutase und Glutathion-Peroxidase fangen es ab.
Stöchiometrie und Hemmstoffe: Lehninger 7. Aufl.; c₈-Ring der Säuger-ATP-Synthase: Watt et al. 2010, PNAS. Die Balken sind qualitativ.
Woher die Zahlen kommen
Ein NADH liefert 10 H⁺, ein FADH₂ 6 H⁺. Die ATP-Synthase der Säuger hat einen c₈-Ring: 8 H⁺ pro Umdrehung für 3 ATP, dazu etwa 1 H⁺ für den Austausch von ATP gegen ADP und Phosphat über die innere Membran, zusammen ≈ 3,7 H⁺ pro ATP. Daraus folgen P/O ≈ 2,7 (NADH) und 1,6 (FADH₂). Die Lehrbuchwerte 2,5 und 1,5 beruhen noch auf einem angenommenen c₁₀-Ring; mit ihnen ergeben sich 30–32 ATP pro Glucose.
Das cytosolische NADH der Glykolyse gelangt nicht direkt ins Mitochondrium. Der Malat-Aspartat-Shuttle überträgt die Elektronen auf mitochondriales NAD⁺ (voller Ertrag), der Glycerin-3-phosphat-Shuttle auf FAD (geringerer Ertrag). Daher die Spanne 30 bis 32.
Fettsäuren sind energiedichter: Palmitat liefert 106 ATP (mit 2,5/1,5) bei 256 g/mol, Glucose 32 bei 180 g/mol. Pro Gramm ist das mehr als das Doppelte; die Kohlenstoffatome der Fettsäure sind stärker reduziert.
Lehninger 7. Aufl.; Watt et al. 2010, PNAS 107:16823; Ferguson 2010, PNAS 107:16755.
Station 10 von 43
Fotosynthese
Wie bauen Pflanzen aus Licht, Wasser und Kohlenstoffdioxid Zucker auf?
Das lernst du hier
- die Wortgleichung der Fotosynthese angeben
- erklären, wofür Pflanzen Licht, Wasser und CO₂ brauchen
- einen einfachen Versuch zur Sauerstoffbildung deuten
- Licht- und Dunkelreaktion unterscheiden
- den Bau des Chloroplasten beschreiben
- begrenzende Faktoren erkennen und erklären
- Absorptions- und Wirkungsspektrum lesen
- die Lichtreaktionen an der Thylakoidmembran erklären (Z-Schema, Fotolyse, Chemiosmose)
- den Calvin-Zyklus in seinen drei Abschnitten darstellen und bilanzieren
- Versuchsergebnisse zu begrenzenden Faktoren auswerten
- Fotorespiration sowie C4- und CAM-Pflanzen einordnen
Pflanzen können etwas, das Tiere nicht können: Sie bauen ihre Nahrung selbst auf. Dafür brauchen sie Licht, Wasser und Kohlenstoffdioxid aus der Luft. Daraus entstehen Traubenzucker und Sauerstoff.
Kohlenstoffdioxid + Wasser + Licht → Traubenzucker + Sauerstoff
Das geschieht in den grünen Teilen der Pflanze. Der grüne Farbstoff heißt Chlorophyll; er fängt das Licht ein. Deshalb sind Blätter grün: Grünes Licht wird kaum genutzt, sondern zurückgeworfen.
Aus dem Traubenzucker baut die Pflanze Stärke als Vorrat, außerdem Zellwände, Eiweiße und alles andere. Der Sauerstoff ist für die Pflanze ein Abfallprodukt, für uns die Grundlage zum Atmen.
Die Fotosynthese läuft in den ab. Die Summengleichung lautet: 6 CO₂ + 12 H₂O → C₆H₁₂O₆ + 6 O₂ + 6 H₂O.
Sie besteht aus zwei Teilen. In der Lichtreaktion an den fängt Licht ein. Wasser wird gespalten, dabei entsteht Sauerstoff. Gewonnen werden ATP und NADPH. In der Dunkelreaktion (Calvin-Zyklus) im Stroma wird mit dieser Energie CO₂ zu Zucker aufgebaut. Sie heißt Dunkelreaktion, weil sie kein Licht braucht, läuft aber tagsüber ab.
Wie schnell die Fotosynthese läuft, hängt von mehreren Faktoren ab: Lichtstärke, CO₂-Gehalt und Temperatur. Immer der knappste Faktor begrenzt die Rate; das lässt sich im Blasenzählversuch zeigen.
In den Lichtreaktionen an der Thylakoidmembran arbeiten zwei Fotosysteme zusammen. Fotosystem II entzieht dem Wasser Elektronen (Fotolyse: 2 H₂O → O₂ + 4 H⁺ + 4 e⁻) und gibt sie über eine Elektronentransportkette an Fotosystem I weiter; dieses überträgt sie am Ende auf NADP⁺. Die Kette pumpt Protonen ins Thylakoidlumen; der entstehende Gradient treibt die ATP-Synthase an (Chemiosmose, Station 9). Trägt man die Energieniveaus auf, ergibt sich das Z-Schema.
Im Calvin-Zyklus im Stroma bindet CO₂ an Ribulose-1,5-bisphosphat (Carboxylierung). Das Produkt zerfällt in zwei Moleküle 3-Phosphoglycerat, die mit ATP und NADPH zu Glycerinaldehyd-3-phosphat reduziert werden. Der größere Teil wird zur Regeneration des Akzeptors gebraucht. Für ein Molekül G3P werden drei CO₂, neun ATP und sechs NADPH verbraucht.
RuBisCO bindet auch Sauerstoff. Daraus folgt die Fotorespiration, die Energie kostet und bei Hitze und geschlossenen Spaltöffnungen zunimmt. C4- und CAM-Pflanzen umgehen das, indem sie CO₂ vorher anreichern: räumlich getrennt (C4) oder zeitlich getrennt (CAM).
Zusätzlich zum nicht-zyklischen Elektronentransport gibt es den zyklischen Weg um Fotosystem I: Er liefert nur ATP und passt das Verhältnis von ATP zu NADPH an den Bedarf des Calvin-Zyklus an. Hemmstoffe wie DCMU unterbrechen die Kette hinter Fotosystem II und werden in der Forschung und als Herbizide genutzt. RuBisCO gilt als das häufigste Protein der Erde; Schätzungen gehen von einer Gesamtmasse in der Größenordnung von 0,7 Gigatonnen aus (Bar-On und Milo 2019).
Station 11 von 43
Das Stoffwechselnetz
Was macht der Körper mit Nudeln, Butter und Ei?
Das lernst du hier
- die drei Hauptnährstoffe und ihre Bausteine nennen
- Nährstoffe als Brennstoff und Baustoff unterscheiden
- wissen, wo der Körper Vorräte anlegt
- den gemeinsamen Endabbau aller Nährstoffe beschreiben
- Auf- und Abbau (Anabolismus, Katabolismus) unterscheiden
- erklären, warum Harnstoff entsteht
- Acetyl-CoA als Knotenpunkt begründen
- Gluconeogenese, β-Oxidation, Fettsäuresynthese und Ketogenese einordnen
- erklären, warum Fett netto nicht zu Glucose werden kann
Unsere Nahrung enthält drei Hauptnährstoffe: Kohlenhydrate (zum Beispiel in Nudeln und Brot), Fette (Butter, Öl, Nüsse) und Eiweiße (Ei, Fleisch, Linsen). Bei der Verdauung werden sie in kleine Bausteine zerlegt: Kohlenhydrate in Traubenzucker, Fette in Fettsäuren und Glycerin, Eiweiße in Aminosäuren.
Die Bausteine gelangen über den Darm ins Blut und zu allen Zellen. Die Zellen nutzen sie auf zwei Arten: als Brennstoff für Energie und als Baumaterial. Aus Aminosäuren baut der Körper zum Beispiel eigene Eiweiße für Muskeln, Haare und Enzyme.
Was gerade nicht gebraucht wird, speichert der Körper: Zucker als in Leber und Muskeln, Fett im Fettgewebe.
Alle drei Nährstoffgruppen münden in einen gemeinsamen Endabbau: Glucose, Fettsäuren und viele Aminosäuren werden zu einem Zwischenprodukt umgebaut, der aktivierten Essigsäure (). Sie wird im Citratzyklus und in der Atmungskette verwertet.
Stoffwechsel besteht aus Abbau (Katabolismus), der Energie freisetzt, und Aufbau (Anabolismus), der Energie verbraucht. Fett ist der dichteste Energiespeicher: Für Lebensmittel rechnet man mit 37 kJ (9 kcal) pro Gramm Fett und 17 kJ (4 kcal) pro Gramm Kohlenhydrate oder Eiweiß.
Beim Abbau von Aminosäuren fällt Stickstoff an, zunächst als giftiges Ammoniak. Die Leber wandelt es in um, den die Nieren mit dem Urin ausscheiden.
Acetyl-CoA ist der Knotenpunkt: Es entsteht aus Pyruvat (Kohlenhydrate), durch aus Fettsäuren und aus vielen Aminosäuren. Von hier führt der Weg in den Citratzyklus oder in Aufbauwege wie die Fettsäure- und Cholesterinsynthese.
Eine wichtige Einbahnstraße ist die Pyruvat-Dehydrogenase-Reaktion. Weil sie irreversibel ist und Acetyl-CoA im Citratzyklus netto vollständig zu CO₂ wird, kann der Mensch aus geradzahligen Fettsäuren keine Glucose bilden. Aus dem Glycerin der Fette, aus Lactat und aus glucogenen Aminosäuren gelingt die dagegen.
Im Hunger baut die Leber überschüssiges Acetyl-CoA zu um, die Gehirn, Herz und Muskeln verwerten. Auf- und Abbauwege sind räumlich (Cytosol oder Mitochondrium) und hormonell getrennt, damit keine Leerlaufzyklen entstehen.
Stoffwechselwege im Detail
Die wichtigsten Wege jenseits der Zellatmung: Fettsäureabbau und -aufbau, Gluconeogenese, Glykogen, Pentosephosphatweg, Harnstoffzyklus, Cholesterin und Lipoproteine, dazu Coenzyme und Nukleotide.Vom Fett zum Acetyl-CoA
- Aktivierung im Cytosol: Acyl-CoA-Synthetase, Fettsäure + CoA + ATP → Acyl-CoA + AMP + PPᵢ. Kosten: zwei energiereiche Bindungen.
- Carnitin-Shuttle: Carnitin-Palmitoyltransferase 1 (CPT1, äußere Membran) überträgt den Acylrest auf Carnitin, die Translokase bringt Acylcarnitin in die Matrix, CPT2 bildet wieder Acyl-CoA. Malonyl-CoA hemmt CPT1: Während die Zelle Fettsäuren aufbaut, werden keine abgebaut.
- Vier Reaktionen pro Zyklus: Acyl-CoA-Dehydrogenase (FAD → FADH₂), Enoyl-CoA-Hydratase, 3-Hydroxyacyl-CoA-Dehydrogenase (NAD⁺ → NADH), Thiolase (spaltet Acetyl-CoA ab). Die Kette wird um zwei C-Atome kürzer.
Sonderfälle
- Ungeradzahlige Fettsäuren: Am Ende bleibt Propionyl-CoA. Über Propionyl-CoA-Carboxylase (Biotin) und Methylmalonyl-CoA-Mutase (Vitamin B12) wird es zu Succinyl-CoA, also glucogen.
- Ungesättigte Fettsäuren brauchen eine Isomerase und eine Reduktase für die Doppelbindungen.
- Sehr langkettige Fettsäuren (ab etwa C22) werden zuerst in Peroxisomen gekürzt; dort entsteht statt FADH₂ Wasserstoffperoxid (Katalase).
- MCAD-Mangel (mittelkettige Acyl-CoA-Dehydrogenase): etwa 1 : 10 000 Neugeborene in Deutschland, erfasst im Neugeborenenscreening. Gefährlich sind Fastenphasen: hypoketotische Hypoglykämie.
Lehninger 7. Aufl.; Inzidenz: DGNS-Screeningreport 2022.
Vier Umgehungen für drei Einbahnstraßen
Sieben Schritte der Glykolyse laufen rückwärts. Die drei irreversiblen Schritte (Hexokinase, PFK-1, Pyruvatkinase) werden durch vier eigene Enzyme umgangen:
- Pyruvat-Carboxylase (Mitochondrium, Biotin): Pyruvat + CO₂ + ATP → Oxalacetat. Acetyl-CoA aktiviert sie allosterisch: Viel Acetyl-CoA aus der β-Oxidation schaltet auf Glucoseneubildung.
- PEP-Carboxykinase (Mitochondrium und Cytosol): Oxalacetat + GTP → PEP + CO₂. Oxalacetat verlässt das Mitochondrium als Malat oder Aspartat.
- Fructose-1,6-Bisphosphatase (Cytosol): gehemmt durch Fructose-2,6-bisphosphat und AMP.
- Glucose-6-Phosphatase (ER, nur Leber und Niere): setzt freie Glucose ins Blut frei. Dem Muskel fehlt sie.
Lehninger 7. Aufl.
Speicher und Enzyme
Glykogenosen
| Typ | Enzymdefekt | Leitsymptom |
|---|---|---|
| I (von Gierke) | Glucose-6-Phosphatase | schwere Nüchternhypoglykämie, Hepatomegalie, Lactatazidose |
| II (Pompe) | lysosomale α-1,4-Glucosidase (saure Maltase) | Kardiomyopathie, Muskelschwäche; Enzymersatztherapie möglich |
| V (McArdle) | Muskel-Glykogen-Phosphorylase | Belastungsintoleranz, Muskelkrämpfe, Myoglobinurie |
Lehninger 7. Aufl.; Löffler/Petrides 9. Aufl.
Oxidative Phase (links, irreversibel): 2 NADPH und Ribulose-5-phosphat. Nicht-oxidative Phase (rechts, reversibel): Transketolase (Thiaminpyrophosphat) und Transaldolase verschieben C₂- und C₃-Einheiten und verbinden den Weg mit der Glykolyse.
Zwei Produkte, drei Bedarfslagen
- NADPH für reduktive Synthesen (Fettsäuren, Cholesterin, Steroide), für die Glutathion-Reduktase (Schutz vor oxidativem Stress), für Cytochrom-P450-Monooxygenasen und die NADPH-Oxidase der Phagocyten (Station 30).
- Ribose-5-phosphat für Nukleotide und Coenzyme.
- Braucht die Zelle nur NADPH, führt die nicht-oxidative Phase die Pentosen als Fructose-6-phosphat und GAP in die Glykolyse zurück; braucht sie nur Ribose, läuft die nicht-oxidative Phase rückwärts aus Glykolyse-Zwischenprodukten.
Glucose-6-phosphat-Dehydrogenase-Mangel
Häufigster Enzymdefekt des Menschen: etwa 4,9 % der Weltbevölkerung, rund 330 Millionen Menschen, X-chromosomal vererbt, vor allem in Malariagebieten (Selektionsvorteil durch Schutz vor Plasmodien). Erythrozyten können ohne NADPH kein Glutathion regenerieren. Oxidativer Stress durch Favabohnen (Favismus), Primaquin, Sulfonamide oder Infektionen löst Hämolyse aus.
Lehninger 7. Aufl.; Prävalenz: Nkhoma et al. 2009, Blood Cells Mol Dis 42:267.
Stickstoff entgiften
Beim Abbau von Aminosäuren überträgt die Transaminierung (Pyridoxalphosphat; ALT, AST) die Aminogruppe auf α-Ketoglutarat, die Glutamat-Dehydrogenase setzt sie als Ammoniak frei. Ammoniak ist neurotoxisch (Blutnormalwert unter etwa 50 µmol/l) und wird als Glutamin und Alanin zur Leber transportiert.
Klinik
- Harnstoffzyklusdefekte: am häufigsten der OTC-Mangel (X-chromosomal); Hyperammonämie mit Erbrechen, Lethargie, Koma.
- Leberzirrhose: hepatische Enzephalopathie durch Ammoniak; Therapie u. a. mit Lactulose.
- Phenylketonurie: Phenylalanin-Hydroxylase-Defekt, etwa 1 : 10 000 in Deutschland, Neugeborenenscreening, phenylalaninarme Diät.
- Essenziell sind neun Aminosäuren: His, Ile, Leu, Lys, Met, Phe, Thr, Trp, Val. Rein ketogen: Leucin und Lysin.
Lehninger 7. Aufl.; Löffler/Petrides 9. Aufl.; DGNS-Screeningreport 2022.
Cholesterinsynthese (Cytosol und ER): Die HMG-CoA-Reduktase ist der geschwindigkeitsbestimmende Schritt. Sinkt das Zellcholesterin, aktiviert der Transkriptionsfaktor SREBP-2 ihre Synthese; AMPK phosphoryliert und hemmt sie; Statine hemmen sie kompetitiv. Farnesylpyrophosphat ist Abzweig für Ubichinon, Dolichol und die Prenylierung von Proteinen wie Ras.
Fettsäuresynthese gegen β-Oxidation
| Fettsäuresynthese | β-Oxidation | |
|---|---|---|
| Ort | Cytosol | Mitochondrienmatrix |
| Acylträger | Acyl-Carrier-Protein (ACP) der Fettsäure-Synthase | Coenzym A |
| Redox-Partner | NADPH (Pentosephosphatweg, Malatenzym) | FAD, NAD⁺ |
| C₂-Einheit | Malonyl-CoA (aktiviert) | Acetyl-CoA (Produkt) |
| Schlüsselenzym | Acetyl-CoA-Carboxylase (Biotin) | CPT1 (Eintritt ins Mitochondrium) |
| Aktiviert durch | Citrat, Insulin (Dephosphorylierung) | Glukagon, Adrenalin, AMPK (Malonyl-CoA ↓) |
| Gehemmt durch | Palmitoyl-CoA, AMPK-Phosphorylierung, Glukagon | Malonyl-CoA (an CPT1) |
Bilanz Palmitat: 8 Acetyl-CoA + 7 ATP + 14 NADPH. Acetyl-CoA verlässt das Mitochondrium als Citrat; die ATP-Citrat-Lyase setzt es im Cytosol wieder frei (Citrat-Shuttle). Die Fettsäure-Synthase der Tiere ist ein Multienzymkomplex, der in sieben Zyklen je zwei C-Atome anhängt.
Desaturasen: Der Mensch hat Δ9-, Δ6- und Δ5-Desaturasen, aber keine Δ12- und Δ15-Desaturase. Linolsäure (18:2, ω-6) und α-Linolensäure (18:3, ω-3) sind deshalb essenziell; aus ihnen entstehen Arachidonsäure, EPA und DHA.
Lehninger 7. Aufl.
Lipoproteinklassen
| Klasse | Dichte (g/ml) | Haupt-Apolipoprotein | Aufgabe |
|---|---|---|---|
| Chylomikronen | < 0,95 | B-48 (+ C-II, E) | Nahrungsfett aus dem Darm |
| VLDL | 0,95–1,006 | B-100 (+ C-II, E) | Triglyceride aus der Leber |
| IDL | 1,006–1,019 | B-100, E | Zwischenstufe VLDL → LDL |
| LDL | 1,019–1,063 | B-100 | Cholesterin zu den Geweben |
| HDL | 1,063–1,21 | A-I | reverser Cholesterintransport zur Leber |
Löffler/Petrides 9. Aufl.; Hu et al. 2020, Circulation 141:1742; Beheshti et al. 2020, JACC 75:2553; ESC/EAS-Leitlinie 2019, Eur Heart J 41:111.
Vitamine als Coenzyme
| Vitamin | Coenzym | Beispielreaktion | Mangel |
|---|---|---|---|
| B1 Thiamin | Thiaminpyrophosphat (TPP) | PDH, α-Ketoglutarat-DH, Transketolase | Beriberi, Wernicke-Korsakow-Syndrom |
| B2 Riboflavin | FAD, FMN | Succinat-DH, Acyl-CoA-DH, Komplex I/II | Ariboflavinose (Mundwinkelrhagaden) |
| B3 Niacin | NAD⁺, NADP⁺ | Dehydrogenasen | Pellagra |
| B5 Pantothensäure | Coenzym A | Acylgruppen-Transfer | sehr selten |
| B6 Pyridoxin | Pyridoxalphosphat (PLP) | Transaminasen, Decarboxylasen, Glykogen-Phosphorylase | Dermatitis, Neuropathie, Anämie |
| B7 Biotin | Biotin | Carboxylasen (Pyruvat-Carboxylase, ACC, Propionyl-CoA-Carboxylase) | Dermatitis, Haarausfall |
| B9 Folsäure | Tetrahydrofolat | C₁-Transfer (Thymidylat, Purine) | megaloblastäre Anämie, Neuralrohrdefekte |
| B12 Cobalamin | Methyl-, Adenosylcobalamin | Methionin-Synthase, Methylmalonyl-CoA-Mutase | perniziöse Anämie, Neuropathie |
| C Ascorbat | Ascorbat | Prolyl-/Lysylhydroxylase (Kollagen) | Skorbut |
| K | Vitamin-K-Hydrochinon | γ-Carboxylierung (Faktoren II, VII, IX, X) | Blutungsneigung |
| Liponsäure (kein Vitamin) | Lipoamid | PDH, α-Ketoglutarat-DH | – |
Nukleotidstoffwechsel kompakt
Purine de novo
Aus PRPP, Glutamin, Glycin, Aspartat, Formyl-THF und CO₂ wird IMP, daraus AMP und GMP. Energieaufwendig, deshalb Salvage über HGPRT. Defekt: Lesch-Nyhan-Syndrom (Hyperurikämie, Selbstverletzung).
Purinabbau
Xanthinoxidase bildet Harnsäure. Normwerte: Männer unter 7,0 mg/dl, Frauen unter 6,0 mg/dl; ab etwa 6,8 mg/dl kristallisiert Urat (Gicht). Allopurinol hemmt die Xanthinoxidase.
Pyrimidine
CPS II (cytosolisch), Aspartat-Transcarbamoylase, Dihydroorotat-Dehydrogenase (Angriffspunkt von Leflunomid); erst Ring, dann Ribose. Defekt der UMP-Synthase: Orotacidurie.
Desoxynukleotide
Ribonukleotid-Reduktase macht aus NDP dNDP. Thymidylat-Synthase (dUMP → dTMP) braucht Methylen-THF; 5-Fluorouracil hemmt sie, Methotrexat die Dihydrofolat-Reduktase.
Lehninger 7. Aufl.; Löffler/Petrides 9. Aufl.
Kapitel C · Stationen 12 bis 15
Gene und Vererbung
Wie aus der Information in der DNA Proteine und Merkmale werden, wie Zellen ihr Erbgut verdoppeln und weitergeben, nach welchen Regeln Merkmale vererbt werden und wie man Erbinformation heute liest und verändert.
Schaubild: Vom Gen zum Merkmal und von Generation zu Generation. Antippen springt zur Station.
Station 12 von 43
Vom Gen zum Protein
Wie wird aus der Information in der DNA ein Protein, und was passiert, wenn sich die Information ändert?
Das lernst du hier
- erklären, dass die DNA im Zellkern die Baupläne für Eiweiße enthält
- beschreiben, wie eine Abschrift des Bauplans zu den Ribosomen gelangt
- verstehen, dass ein Fehler im Bauplan ein Eiweiß verändern kann
- den Bau der DNA beschreiben (Doppelhelix, Basenpaarung)
- Transkription und Translation erklären
- mit der Code-Sonne übersetzen
- Genmutationen und ihre Folgen unterscheiden
- die Proteinbiosynthese bei Pro- und Eukaryoten vergleichen (Prozessierung, Spleißen)
- die Eigenschaften des genetischen Codes erklären
- Mutationstypen und ihre Folgen auf Proteinebene beurteilen
- die Genregulation am lac-Operon erklären
Ausschnitt aus dem Gen HBB (β-Globin), codierender Strang. Codon-Zählung traditionell ohne das Start-Methionin. Eine Base antippen tauscht sie aus (A → C → G → T).
Im Zellkern jeder Zelle liegt die Erbinformation, die DNA. Sie ist wie ein riesiges Kochbuch: Jedes Rezept, ein Gen, beschreibt, wie ein bestimmtes Eiweiß gebaut wird.
Das Kochbuch bleibt im Zellkern. Braucht die Zelle ein Eiweiß, schreibt sie das passende Rezept ab. Diese Abschrift heißt mRNA. Sie wandert aus dem Zellkern zu den Ribosomen, den kleinen Eiweißfabriken im Zellplasma.
Das Ribosom liest die Abschrift in Dreiergruppen. Zu jeder Dreiergruppe gehört eine bestimmte Aminosäure. So hängt das Ribosom Baustein an Baustein, bis die Kette fertig ist und sich zum Eiweiß faltet.
Ist im Rezept ein Buchstabe verändert, kann ein falscher Baustein eingebaut werden. Bei der Sichelzellanämie reicht ein einziger veränderter Buchstabe, damit sich die roten Blutkörperchen verformen (Station 3).
Die DNA ist eine Doppelhelix aus zwei Strängen. Jeder Strang besteht aus Nukleotiden mit dem Zucker Desoxyribose, einem Phosphatrest und einer der vier Basen Adenin, Thymin, Guanin und Cytosin. Die Basen der beiden Stränge paaren sich komplementär: A mit T, G mit C.
Ein Gen ist ein DNA-Abschnitt, dessen Information in eine RNA umgeschrieben wird; bei proteincodierenden Genen dient diese RNA als Vorlage für ein Protein, andere Gene liefern zum Beispiel rRNA oder tRNA. Bei der im Zellkern baut die RNA-Polymerase am codogenen Strang eine komplementäre ; in der RNA steht Uracil statt Thymin. Bei der liest das Ribosom die mRNA in Dreiergruppen, den . Jede bringt eine bestimmte Aminosäure und erkennt mit ihrem das passende Codon.
Der genetische Code ordnet den 64 möglichen Codons 20 Aminosäuren und das Stoppsignal zu; die meisten Aminosäuren haben mehrere Codons. verändern die Basenfolge: Ein Basenaustausch kann ohne Folgen bleiben, eine Aminosäure austauschen oder ein Stoppcodon erzeugen. Wird eine Base eingefügt oder entfernt, verschiebt sich das Leseraster, und alle folgenden Aminosäuren ändern sich.
Bei Eukaryoten sind Transkription und Translation räumlich getrennt. Die RNA-Polymerase II bindet mithilfe von Transkriptionsfaktoren am , liest den codogenen Strang in 3′→5′-Richtung und synthetisiert die Prä-mRNA in 5′→3′-Richtung. Diese wird prozessiert: 5′-Kappe, Spleißen der durch das Spleißosom, Poly-A-Schwanz. Bei Bakterien fehlen Kernhülle und meist auch Introns; Ribosomen beginnen schon an der wachsenden mRNA.
Der genetische Code ist ein Triplettcode. Er ist degeneriert (mehrere Codons pro Aminosäure, meist in der dritten Base verschieden), eindeutig, kommafrei, nicht überlappend und nahezu universell. Das Ribosom liest die mRNA 5′→3′; die Kette wächst vom N- zum C-Terminus.
Welche Gene abgelesen werden, regelt die Zelle. Bei Bakterien liegen Gene für einen Stoffwechselweg oft als zusammen; das lac-Operon wird durch Lactose angeschaltet (Substratinduktion), das trp-Operon durch Tryptophan abgeschaltet (Endproduktrepression). Bei Eukaryoten wirken Transkriptionsfaktoren, Enhancer, der Verpackungszustand des Chromatins (Histonacetylierung, DNA-Methylierung), alternatives Spleißen und kleine RNAs zusammen.
Mutationen wirken je nach Ort verschieden: im Exon auf die Proteinsequenz, an Spleißstellen auf das Spleißen, im Promotor auf die Menge. Vorzeitige Stoppcodons führen meist nicht zu verkürzten Proteinen, weil die mRNA durch den nonsense-vermittelten Abbau (NMD) beseitigt wird. Nur etwa 1–2 % des menschlichen Genoms codieren Proteine.
Basen, Paarung, Schmelzen, Schäden
Vier Basen, zwei Paarungsregeln und ein paar Atome, die über Mutation oder Treue entscheiden: die Chemie hinter der Doppelhelix.Ein Nukleotid hat drei Teile
Jeder DNA-Baustein besteht aus einer Base, dem Zucker Desoxyribose und einem Phosphatrest. Die Basen sind ringförmige Stickstoffverbindungen: Adenin und Guanin haben zwei Ringe (Purine), Cytosin, Thymin und Uracil einen (Pyrimidine). In der RNA ersetzt Uracil das Thymin, und der Zucker ist Ribose mit einer zusätzlichen OH-Gruppe.
Die Zucker sind über Phosphat zu einer Kette verbunden, immer vom 5′-Kohlenstoff des einen zum 3′-Kohlenstoff des nächsten Zuckers. Daher hat jeder Strang eine Richtung: von 5′ nach 3′.
Aufbau und Nummerierung
Die Base hängt über eine N-glykosidische Bindung am C1′ des Zuckers: Purine über N9, Pyrimidine über N1. Base plus Zucker heißt Nukleosid (Desoxyadenosin), mit Phosphat Nukleotid (dAMP). Die Ringatome der Base tragen Zahlen ohne Strich, die des Zuckers Zahlen mit Strich. Das Rückgrat bilden Phosphodiesterbindungen zwischen 3′-OH und 5′-Phosphat; bei pH 7 trägt jede Phosphatgruppe eine negative Ladung, deshalb wandert DNA im elektrischen Feld zur Anode (Gelelektrophorese, Station 15).
Warum Desoxyribose? Die 2′-OH-Gruppe der Ribose kann das benachbarte Phosphat angreifen und den Strang spalten (intramolekulare Umesterung, in Lauge schnell). DNA ohne diese Gruppe ist chemisch viel stabiler und eignet sich als Langzeitspeicher; RNA ist für kurzlebige Botschaften und Katalyse gebaut.
Warum Thymin statt Uracil? Cytosin verliert spontan seine Aminogruppe (hydrolytische Desaminierung) und wird zu Uracil. Weil DNA normalerweise kein Uracil enthält, erkennt die Uracil-DNA-Glykosylase jedes U als Schaden. Die Methylgruppe des Thymins ist das Erkennungszeichen „echte Base“. Bei 5-Methylcytosin führt die Desaminierung dagegen direkt zu Thymin, das nicht als fremd auffällt: CpG-Stellen sind deshalb Mutations-Brennpunkte.
Warum A zu T und G zu C passt
Die Basen paaren über Wasserstoffbrücken: Ein Wasserstoffatom an einem Stickstoff (Donor) zeigt auf ein freies Elektronenpaar eines Sauerstoffs oder Stickstoffs (Akzeptor). A und T bilden zwei, G und C drei solcher Brücken. Weil immer ein großes Purin einem kleinen Pyrimidin gegenübersteht, ist die Doppelhelix überall gleich breit.
Donor-Akzeptor-Muster und Geometrie
Liest man die Paarungskante von der großen zur kleinen Furche, hat Guanin das Muster Akzeptor–Donor–Donor (O6, N1–H, N2–H), Cytosin das Gegenstück Donor–Akzeptor–Akzeptor (N4–H, N3, O2). Adenin bietet Donor–Akzeptor (N6–H, N1), Thymin Akzeptor–Donor (O4, N3–H). Ein falsches Paar passt nicht ins Muster oder nicht in die Geometrie: Die C1′-Atome beider Watson-Crick-Paare liegen etwa 10,5 Å auseinander, das prüfen Polymerasen beim Einbau.
Die Wasserstoffbrücken sorgen für die Spezifität. Die Stabilität der Doppelhelix kommt vor allem aus der Stapelung der flachen Basen übereinander (Basenstapelung). Messungen an DNA mit Strangbrüchen zeigen, dass die Paarung eines A·T-Paares allein die Helix sogar leicht destabilisiert, während die Stapelung sie trägt (Yakovchuk, Protozanova und Frank-Kamenetskii 2006).
Seltene Tautomere (Imino- statt Aminoform, Enol- statt Ketoform) verschieben das Donor-Akzeptor-Muster: Ein Enol-Guanin paart dann wie Adenin mit Thymin. Watson und Crick schlugen 1953 vor, dass so Mutationen entstehen; NMR-Messungen haben solche kurzlebigen Fehlpaarungen inzwischen nachgewiesen. Das G·U-Wobble-Paar (Crick 1966) erklärt, warum eine tRNA mehrere Codons lesen kann.
Hitze trennt die Stränge
Erhitzt man DNA, lösen sich die beiden Stränge voneinander. Die Temperatur, bei der die Hälfte getrennt ist, heißt Schmelztemperatur. DNA mit viel G und C schmilzt später, weil diese Paare stärker zusammenhalten. Beim Abkühlen finden passende Stränge wieder zusammen. Das nutzt die PCR in jedem Zyklus (Station 15).
Kooperatives Schmelzen
Einzelsträngige DNA absorbiert UV-Licht bei 260 nm deutlich stärker als doppelsträngige (Hyperchromie), weil die gestapelten Basen sich gegenseitig abschirmen. Misst man die Absorption beim Erwärmen, erhält man eine steile S-Kurve: Das Schmelzen ist kooperativ, einmal geöffnete Bereiche destabilisieren ihre Nachbarn. Für lange DNA in Standardsalzlösung (0,15 M NaCl, 0,015 M Natriumcitrat) gilt nach Marmur und Doty (1962) näherungsweise Tm = 69,3 °C + 0,41 · (GC-Anteil in %).
Die Formel gilt nur für lange, gemischte Sequenzen. Kurze Oligonukleotide wie PCR-Primer berechnet man mit dem Nearest-Neighbor-Modell, das Stapelenergien benachbarter Basenpaare aufsummiert. Höhere Na⁺-Konzentration erhöht Tm, weil die Kationen die Abstoßung der Phosphate abschirmen; Formamid senkt sie. Thermophile Organismen haben übrigens nicht systematisch GC-reichere Genome; ihre rRNA ist es dagegen schon.
DNA ist chemisch nicht stabil
Wasser, Sauerstoff und UV-Licht verändern die DNA ständig. Tomas Lindahl schätzte 1993, dass in jeder Zelle täglich bis zu etwa 10 000 Basen durch Hydrolyse verloren gehen und insgesamt in der Größenordnung von 104 bis 105 Schäden entstehen. Dass das Erbgut dennoch erhalten bleibt, verdanken wir Reparatursystemen: Basenexzisionsreparatur (einzelne Basen), Nukleotidexzisionsreparatur (sperrige Schäden wie UV-Dimere), Fehlpaarungsreparatur nach der Replikation und die direkte Umkehr, etwa durch MGMT.
Jeder Schadenstyp hinterlässt, wenn er nicht repariert wird, ein typisches Mutationsmuster. Diese Mutationssignaturen lassen sich in Tumorgenomen ablesen: UV-Licht erzeugt C→T und CC→TT an Pyrimidin-Paaren, Tabakrauch vor allem G→T. Station 39 zeigt, warum diese ständigen Fehler zur Frage führen, warum es Krebs überhaupt gibt.
Lindahl, Modrich und Sancar erhielten 2015 den Chemie-Nobelpreis für die Aufklärung von Basenexzisions-, Fehlpaarungs- und Nukleotidexzisionsreparatur.
Histone, Acetylierung, Methylierung
Dieselbe DNA in jeder Zelle, und doch liest eine Leberzelle andere Gene als eine T-Zelle. Chemische Markierungen an Histonen und an der DNA entscheiden mit, was zugänglich ist.Verpackung als Schalter
Die DNA einer Zelle wäre ausgestreckt etwa zwei Meter lang. Sie ist um Eiweißkugeln gewickelt, die Histone. Eine Histonkugel mit der darum gewickelten DNA heißt Nukleosom, die Kette daraus Chromatin. Liegen die Nukleosomen locker, kommen die Ablese-Enzyme an die Gene heran. Liegen sie dicht gepackt, bleibt das Gen stumm.
Kleine chemische Anhängsel an den Histonen und an der DNA steuern, wie dicht gepackt wird. Sie werden bei der Zellteilung teilweise weitergegeben und können sich durch Ernährung, Stress oder Alter ändern. Diese Ebene oberhalb der Gensequenz heißt Epigenetik.
Nukleosom und Histon-Code
Ein Nukleosom besteht aus einem Oktamer aus je zwei Histonen H2A, H2B, H3 und H4, um das etwa 147 Basenpaare DNA in 1,65 linksgängigen Windungen laufen (Luger et al. 1997); Histon H1 bindet die Verbindungs-DNA. Die Histone sind reich an Lysin und Arginin, ihre positiven Ladungen halten die negativ geladene DNA. Aus dem Kern ragen flexible Histonschwänze, an denen Enzyme Acetyl-, Methyl- oder Phosphatgruppen anhängen.
Jede Markierung wird von Writern gesetzt, von Erasern entfernt und von Readern gelesen. Typische Muster: H3K4me3 (Lysin 4 an Histon H3, dreifach methyliert) an aktiven Promotoren, H3K27ac an aktiven Enhancern, H3K36me3 in abgelesenen Genkörpern; H3K9me3 in dauerhaft verschlossenem Heterochromatin, gebunden von HP1; H3K27me3 als Polycomb-Stummschaltung durch den Komplex PRC2 mit der Methyltransferase EZH2. In embryonalen Stammzellen tragen Entwicklungsgene oft gleichzeitig K4me3 und K27me3: bivalente Promotoren, bereit zum Ein- oder Ausschalten.
Zwei Gruppen, zwei Wirkprinzipien
Acetylierung überträgt die Acetylgruppe von Acetyl-CoA auf die ε-Aminogruppe eines Lysins. Aus dem positiv geladenen Ammonium wird ein ungeladenes Amid: Das Histon hält die DNA schwächer fest, und Proteine mit Bromodomäne (etwa BRD4) binden das Acetyllysin und holen die Transkriptionsmaschinerie heran.
Methylierung überträgt eine Methylgruppe aus S-Adenosylmethionin (SAM) in einer SN2-Reaktion. Die Ladung bleibt erhalten, ein Lysin trägt auch mit drei Methylgruppen eine positive Ladung. Die Wirkung entsteht allein durch Reader-Proteine, die über einen Käfig aus aromatischen Aminosäuren gezielt K4me3, K9me3 oder K27me3 erkennen. Deshalb kann Methylierung aktivieren oder stilllegen, je nachdem, welche Position betroffen ist.
Das Labor macht es ähnlich: Acetylierungen gelingen mit Essigsäureanhydrid oder Acetylchlorid, Methylierungen mit Methyliodid oder Dimethylsulfat, beides SN2-taugliche Methylquellen. SAM ist das biologische Gegenstück, ein Sulfoniumsalz mit guter Abgangsgruppe. Der Unterschied liegt in der Selektivität: Ein Enzym methyliert genau ein Lysin an genau einem Histon.
Ein Methyl, das die Zellteilung überdauert
In Säugetieren wird Cytosin vor allem in CpG-Folgen (C gefolgt von G) an C5 methyliert; in Körperzellen sind etwa 70 bis 80 % aller CpG methyliert. Ausnahmen sind CpG-Inseln, CpG-reiche Abschnitte an vielen Promotoren, die meist unmethyliert bleiben. Wird eine CpG-Insel methyliert, schaltet das Gen dauerhaft ab, etwa bei der X-Inaktivierung, bei geprägten Genen (Imprinting) oder bei Tumorsuppressorgenen in Krebszellen.
Weil CpG auf beiden Strängen vorkommt, ist das Muster symmetrisch. Nach der Replikation trägt nur der alte Strang die Methylgruppe (hemimethyliert). Das Protein UHRF1 erkennt diesen Zustand und holt DNMT1, die das Muster auf den neuen Strang kopiert: ein epigenetisches Gedächtnis. DNMT3A und DNMT3B setzen neue Methylierungen.
Aktiv entfernt wird 5-Methylcytosin von den TET-Dioxygenasen (Tahiliani 2009): Sie oxidieren die Methylgruppe schrittweise zu Hydroxymethyl, Formyl und Carboxyl, die Leiter vom Alkan über Alkohol und Aldehyd zur Carbonsäure, wie im Chemieunterricht. Die Glykosylase TDG schneidet 5fC und 5caC heraus, die Basenexzisionsreparatur setzt ein unmethyliertes C ein. TET-Enzyme brauchen Fe²⁺, Sauerstoff und α-Ketoglutarat; das Onkometabolit 2-Hydroxyglutarat aus mutierter IDH1 oder IDH2 hemmt sie (Dang 2009).
Stoffwechsel schreibt mit
Alle Writer und Eraser hängen an Metaboliten: Acetyl-CoA für Acetyltransferasen, SAM für Methyltransferasen, NAD⁺ für Sirtuine, α-Ketoglutarat und Fe²⁺ für JmjC-Demethylasen und TET, FAD für LSD1. Sinkt Acetyl-CoA, etwa im Hunger, sinkt die Histonacetylierung. Mikrobielles Butyrat und der Ketonkörper β-Hydroxybutyrat hemmen Histon-Deacetylasen (Shimazu 2013). Butyrat erhöht so die Acetylierung am Foxp3-Locus und fördert regulatorische T-Zellen im Darm (Furusawa 2013, Station 28).
Im Immunsystem zeigt sich die Epigenetik doppelt. Eine stabile Treg-Zelle erkennt man an der demethylierten TSDR im FOXP3-Gen; diese Region wird sogar als Labormarker gezählt. Monozyten, die einmal β-Glucan oder BCG gesehen haben, behalten aktivierende Histonmarken an Entzündungsgenen und reagieren später stärker: trainierte Immunität (Netea 2016). Erschöpfte T-Zellen im Tumor sind epigenetisch festgelegt, was die Wirkung von Checkpoint-Hemmern begrenzt (Station 40).
| Wirkstoffklasse | Beispiel (FDA-Zulassung) | Einsatz |
|---|---|---|
| DNMT-Hemmer | Azacitidin (2004), Decitabin (2006) | Myelodysplastische Syndrome, AML |
| HDAC-Hemmer | Vorinostat (2006), Romidepsin (2009) | kutanes T-Zell-Lymphom |
| EZH2-Hemmer | Tazemetostat (2020) | epitheloides Sarkom, follikuläres Lymphom |
| IDH-Hemmer | Enasidenib (2017), Ivosidenib (2018), Vorasidenib (2024) | AML mit IDH-Mutation; Vorasidenib: Grad-2-Gliom |
Epigenetische Uhren schätzen das biologische Alter aus Methylierungsmustern; die erste Mehrgewebe-Uhr nutzt 353 CpG-Stellen (Horvath 2013).
Station 13 von 43
Zellteilung
Wie entstehen aus einer Zelle zwei mit derselben Erbinformation, wie entstehen Keimzellen, und was passiert, wenn die Kontrolle versagt?
Das lernst du hier
- beschreiben, wie aus einer Zelle zwei werden
- erklären, wofür der Körper Zellteilung braucht
- wissen, dass Keimzellen nur halb so viele Chromosomen haben
- Zellzyklus und Phasen der Mitose beschreiben
- den Bau eines Chromosoms erklären (Chromatiden, Centromer)
- Mitose und Meiose vergleichen
- die Entstehung einer Trisomie 21 erklären
- die semikonservative Replikation und das Meselson-Stahl-Experiment erklären
- Leit- und Folgestrang mit den beteiligten Enzymen beschreiben
- Kontrollpunkte des Zellzyklus und die Entstehung von Krebs erklären
- Rekombination in der Meiose (Crossing-over, zufällige Verteilung) erklären
Jeder Mensch entsteht aus einer einzigen Zelle, der befruchteten Eizelle. Durch Zellteilung werden daraus Billionen Zellen. Auch später teilen sich ständig Zellen, zum Beispiel in der Haut, im Darm und im Knochenmark. So wachsen Kinder, so heilen Wunden, und so werden verbrauchte Zellen ersetzt.
Bevor sich eine Zelle teilt, verdoppelt sie ihre Erbinformation. Bei der Teilung bekommt jede Tochterzelle eine vollständige Kopie. Die Erbinformation ist auf Chromosomen verteilt; Menschen haben in fast jeder Körperzelle 46 davon.
Ei- und Spermienzellen entstehen durch eine besondere Teilung und haben nur 23 Chromosomen. Bei der Befruchtung kommen 23 und 23 wieder zu 46 zusammen.
Die Zellteilung wird streng kontrolliert. Teilen sich Zellen ohne Kontrolle, kann Krebs entstehen.
Der Zellzyklus besteht aus der Interphase (G₁-, S- und G₂-Phase) und der Mitose. In der S-Phase wird die DNA verdoppelt. Danach besteht jedes Chromosom aus zwei identischen Chromatiden, die am Centromer zusammenhängen.
Mitose: In der Prophase verdichten sich die Chromosomen, der Spindelapparat entsteht, die Kernhülle zerfällt. In der Metaphase liegen die Chromosomen in der Äquatorialebene. In der Anaphase ziehen die Spindelfasern die Chromatiden zu den Polen, in der Telophase bilden sich neue Kernhüllen. Danach teilt sich das Cytoplasma. Ergebnis: zwei erbgleiche Zellen mit je 46 Chromosomen.
Meiose: zwei Teilungen hintereinander. In der ersten trennen sich die homologen Chromosomen (Reduktion von 46 auf 23), in der zweiten die Chromatiden. Es entstehen vier Keimzellen mit einfachem Chromosomensatz. Die zufällige Verteilung der mütterlichen und väterlichen Chromosomen und das Crossing-over sorgen für genetische Vielfalt.
Trennen sich Chromosomen bei der Meiose nicht (Nondisjunction), entstehen Keimzellen mit einem Chromosom zu viel oder zu wenig. Ein Beispiel ist die Trisomie 21 (Down-Syndrom).
Die Replikation ist semikonservativ: Jeder neue Strang entsteht an einem alten Strang als Matrize (Meselson und Stahl 1958). Die Helicase trennt die Stränge, die Primase setzt kurze RNA-Primer, die DNA-Polymerase verlängert nur in 5′→3′-Richtung. Deshalb entsteht der Leitstrang kontinuierlich, der Folgestrang in Okazaki-Fragmenten, die nach dem Entfernen der Primer die Ligase verknüpft.
Der Zellzyklus wird an Kontrollpunkten überwacht. Cycline und cyclinabhängige Kinasen (CDK) treiben ihn voran; Tumorsuppressoren wie p53 halten ihn bei DNA-Schäden an oder lösen den programmierten Zelltod () aus. Krebs entsteht meist erst, wenn mehrere Kontrollen ausfallen: Protoonkogene werden zu Onkogenen aktiviert (zum Beispiel RAS), Tumorsuppressorgene fallen aus (zum Beispiel TP53), die Telomerase wird aktiv.
In der Prophase I der Meiose paaren sich die homologen Chromosomen; beim Crossing-over tauschen Nicht-Schwesterchromatiden Abschnitte aus. Zusammen mit der zufälligen Verteilung der Homologen in der Anaphase I (2²³ ≈ 8,4 Millionen Kombinationen beim Menschen, ohne Crossing-over) ergibt das genetisch einzigartige Keimzellen.
Telomere aus TTAGGG-Wiederholungen werden bei jeder Replikation kürzer, weil am Ende des Folgestrangs der letzte Primer nicht ersetzt werden kann (Endreplikationsproblem). In menschlichen Fibroblasten gehen dabei 50–200 Basenpaare pro Teilung verloren (Harley et al. 1990); nach etwa 40–60 Teilungen stellen sie die Teilung ein (Hayflick-Grenze). Keimbahn-, Stamm- und die meisten Krebszellen verlängern ihre Telomere mit der Telomerase (Nobelpreis 2009: Blackburn, Greider, Szostak).
Station 14 von 43
Vererbung
Warum ähneln Kinder ihren Eltern, und wie lässt sich vorhersagen, welche Merkmale die Nachkommen haben?
Das lernst du hier
- erklären, dass jedes Kind von beiden Eltern Erbanlagen bekommt
- dominante und rezessive Merkmale unterscheiden
- mit einem Kreuzungsschema vorhersagen, wie Nachkommen aussehen können
- Gen, Allel, Genotyp und Phänotyp unterscheiden
- die Mendelschen Regeln anwenden
- dominant-rezessive und intermediäre Erbgänge mit Kreuzungsschemata darstellen
- Stammbäume auswerten
- autosomale und gonosomale Erbgänge in Stammbäumen bestimmen und begründen
- Kodominanz und multiple Allelie am AB0-System erklären
- aus Testkreuzungen Genabstände berechnen (Kopplung, Crossing-over)
- Allel- und Genotypfrequenzen nach Hardy-Weinberg berechnen
Kinder ähneln ihren Eltern, weil sie von beiden Erbanlagen bekommen. Für jedes Merkmal gibt es in jeder Zelle zwei Erbanlagen: eine von der Mutter, eine vom Vater. Die verschiedenen Ausführungen einer Erbanlage heißen Allele.
Manche Allele setzen sich durch, sie sind dominant. Andere zeigen sich nur, wenn sie doppelt vorhanden sind; sie sind rezessiv. Bei Erbsen ist gelb dominant über grün: Eine Erbse mit einem Allel für gelb und einem für grün ist gelb.
Der Mönch Gregor Mendel kreuzte im Klostergarten in Brünn acht Jahre lang Erbsen und zählte die Nachkommen. 1866 veröffentlichte er seine Ergebnisse. Bei einem Versuch zählte er 6022 gelbe und 2001 grüne Samen, fast genau drei zu eins.
Auch beim Menschen werden manche Merkmale so vererbt, etwa einige Erbkrankheiten. Die meisten Merkmale wie die Körpergröße hängen aber von vielen Genen und von der Umwelt ab.
Ein Gen ist ein Abschnitt der DNA mit der Information für ein Merkmal; seine Varianten heißen Allele. Körperzellen haben von jedem Gen zwei Allele. Sind sie gleich, ist das Lebewesen für dieses Merkmal reinerbig (homozygot), sonst mischerbig (heterozygot). Die Allelkombination ist der Genotyp, das sichtbare Merkmal der Phänotyp.
Mendel fand drei Regeln. Uniformitätsregel: Kreuzt man zwei reinerbige Eltern, die sich in einem Merkmal unterscheiden, sind alle Nachkommen der ersten Tochtergeneration (F1) gleich. Spaltungsregel: Kreuzt man die F1 untereinander, spaltet die F2 im Verhältnis 3 : 1 auf, beim intermediären Erbgang 1 : 2 : 1. Unabhängigkeitsregel: Zwei Merkmale werden unabhängig voneinander vererbt (9 : 3 : 3 : 1), wenn ihre Gene auf verschiedenen Chromosomen liegen.
Grundlage ist die Meiose (Station 13): Bei der Bildung der Keimzellen werden die beiden Allele jedes Gens getrennt, jede Keimzelle erhält eines. Beim Menschen lassen sich Erbgänge nur aus Stammbäumen erschließen. Mukoviszidose wird autosomal-rezessiv vererbt und betrifft in Deutschland etwa eines von 5000 Neugeborenen; die Rot-Grün-Sehschwäche ist X-chromosomal-rezessiv und betrifft etwa 8 % der Männer, aber nur rund 0,4 % der Frauen.
Neben dem dominant-rezessiven und dem intermediären Erbgang gibt es Kodominanz: Beide Allele prägen sich vollständig aus. Im AB0-System sind A und B kodominant und beide dominant über 0; das Gen hat damit drei Allele (multiple Allelie). Ob ein dominanter Phänotyp homo- oder heterozygot ist, zeigt eine Rückkreuzung mit dem homozygot rezessiven Elter.
Gene auf den Geschlechtschromosomen werden gonosomal vererbt. Männer haben nur ein X-Chromosom (hemizygot); deshalb zeigt sich bei ihnen jedes X-chromosomal-rezessive Allel, etwa bei Hämophilie A, die etwa einen von 4000 männlichen Neugeborenen betrifft. Mütter sind meist gesunde Überträgerinnen (Konduktorinnen).
Gene auf demselben Chromosom sind gekoppelt und werden nur getrennt, wenn dazwischen ein Crossing-over stattfindet. Je weiter sie auseinanderliegen, desto häufiger ist das. Thomas Hunt Morgan untersuchte das ab 1910 an Drosophila, sein Student Alfred Sturtevant erstellte 1913 die erste Genkarte. Ein Centimorgan (cM) entspricht 1 % Rekombination, beim Menschen im Mittel etwa einer Million Basenpaare.
Reale Erbgänge sind oft komplizierter. Penetranz: Nicht jeder Träger erkrankt; Frauen mit einer krankheitsverursachenden BRCA1-Variante erkranken bis zum 80. Lebensjahr zu etwa 72 % an Brustkrebs (Kuchenbaecker et al. 2017). Epistasie: Ein Gen überdeckt ein anderes, etwa beim Labrador (9 : 3 : 4). Polygene Merkmale: Die Körpergröße ist zu etwa 80–90 % erblich (Zwillingsstudien), verteilt auf Tausende Varianten; 12 111 Varianten erklären rund 40 % der Varianz bei Menschen europäischer Abstammung (Yengo et al. 2022). Mitochondriale Vererbung verläuft nur über die Mutter.
Station 15 von 43
Gentechnik und Genome Editing
Wie liest und verändert man Erbinformation, was davon wird heute angewendet, und was ist erlaubt?
Das lernst du hier
- erklären, was Gentechnik ist, und Beispiele nennen
- beschreiben, wozu man DNA vervielfältigt und vergleicht
- Chancen und Risiken von Eingriffen ins Erbgut abwägen
- die Aufgaben von PCR, Sequenzierung und Genfähren beschreiben
- ein Bandenmuster auswerten (genetischer Fingerabdruck)
- das Prinzip der Genschere CRISPR-Cas9 erklären
- Verfahren der Gentechnik nach ihrer Aufgabe ordnen: lesen, vervielfältigen, übertragen, verändern
- die beiden Ergebnisse eines gezielten Schnitts unterscheiden: Ausfall eines Gens oder Korrektur nach Vorlage
- somatische Gentherapie und Keimbahneingriff unterscheiden und an zugelassenen Beispielen einordnen
- die Rechtslage in Deutschland und der EU darstellen und begründet Stellung nehmen
Stand der Zulassungen nach FDA, EMA und MHRA, recherchiert im Oktober 2026. Preise sind Listenpreise der Hersteller in den USA.
Rechtsstand Oktober 2026. Keine Rechtsberatung; maßgeblich sind die Gesetzestexte.
Gentechnik heißt, die Erbinformation eines Lebewesens gezielt zu verändern. Ein frühes Beispiel ist Insulin. Menschen mit Diabetes brauchen es als Medikament. Seit 1982 stellen Bakterien es her, in die man das menschliche Insulin-Gen eingesetzt hat.
Mit einem Verfahren namens PCR lässt sich eine winzige Menge DNA millionenfach vervielfältigen. Erst dadurch kann man sie untersuchen, zum Beispiel beim Nachweis von Viren oder bei Spuren an einem Tatort.
Seit 2012 gibt es die Genschere CRISPR-Cas9. Sie findet eine bestimmte Stelle im Erbgut und schneidet dort. Die Zelle repariert den Schnitt, und dabei lässt sich ein Gen ausschalten oder berichtigen. Für diese Entwicklung gab es 2020 den Nobelpreis für Chemie.
Seit 2023 gibt es damit auch ein Medikament für Menschen mit Sichelzellkrankheit (Station 3). Eingriffe ins Erbgut sind trotzdem umstritten. In Deutschland ist es verboten, das Erbgut so zu verändern, dass die Änderung an Kinder weitergegeben würde.
Die Gentechnik arbeitet mit vier Grundaufgaben: vervielfältigen (PCR), lesen (Sequenzierung), übertragen (Genfähren wie Plasmide oder Viren) und verändern (Genome Editing).
Die PCR wiederholt immer denselben Kreislauf aus Erhitzen, Abkühlen und Verlängern. In jeder Runde verdoppelt sich die Zahl der Kopien: Nach 30 Runden sind es rechnerisch mehr als eine Milliarde. Bei der Gelelektrophorese wandert die negativ geladene DNA im elektrischen Feld durch ein Gel; kurze Stücke kommen schneller voran. So entsteht ein Bandenmuster, das sich vergleichen lässt.
CRISPR-Cas9 stammt aus der Virenabwehr von Bakterien. Eine kurze Leit-RNA führt das Enzym Cas9 zu der Stelle im Erbgut, die zu ihr passt; dort trennt Cas9 den DNA-Faden durch. Die Zelle flickt den Bruch sofort wieder. Geschieht das ohne Vorlage, bleiben meist kleine Fehler zurück, und das Gen fällt aus. Liefert man eine Vorlage mit, kann die Zelle die Stelle nach dieser Vorlage neu aufbauen.
Angewendet wird das in der Forschung, in der Landwirtschaft und in der Medizin. Zugelassene Therapien verändern Körperzellen eines einzelnen Menschen. Veränderungen an Keimzellen oder Embryonen wären vererbbar und sind in Deutschland strafbar.
Die klassische Gentechnik beruht auf Werkzeugen aus Bakterien: Restriktionsenzyme zerlegen DNA an bestimmten Erkennungsstellen (Nobelpreis 1978), Ligasen verbinden Stücke wieder, Plasmide und virale Vektoren dienen als Genfähren. 1972 und 1973 entstanden die ersten rekombinanten DNA-Moleküle; 1982 kam das erste gentechnisch hergestellte Medikament auf den Markt, Humaninsulin aus Escherichia coli.
Beim Genome Editing führt eine Leit-RNA den Cas9-Komplex zu einer passenden Stelle und erzeugt dort einen Bruch beider Stränge. Entscheidend ist, wie die Zelle repariert. Die schnelle, vorlagenfreie Verknüpfung der Enden hinterlässt oft kleine Einfügungen oder Verluste; das Leseraster verschiebt sich und das Gen fällt aus (Knockout). Mit einer eingebrachten Vorlage repariert die Zelle dagegen nach Muster, was einen gezielten Austausch erlaubt; dieser Weg ist deutlich seltener und nur in bestimmten Phasen des Zellzyklus möglich (Station 13). Neuere Verfahren verzichten auf den Doppelstrangbruch und schreiben einzelne Basen oder kurze Abschnitte um.
Medizinisch ist zwischen somatischer Gentherapie und Keimbahneingriff zu unterscheiden. Somatische Therapien wirken nur im behandelten Menschen; sie sind zugelassen, teils ex vivo mit entnommenen Zellen, teils in vivo mit Virusvektoren oder Lipidnanopartikeln. Keimbahneingriffe wären vererbbar und sind in Deutschland nach dem Embryonenschutzgesetz strafbar; in der EU sind entsprechende klinische Prüfungen untersagt.
Grenzen der Verfahren liegen weniger im Schneiden als in der Zustellung und in der Kontrolle. Lipidnanopartikel erreichen vor allem die Leber, Virusvektoren können Immunreaktionen auslösen, und die Zahl der behandelbaren Zellen begrenzt den Erfolg. Dazu kommen unbeabsichtigte Veränderungen an ähnlichen Stellen im Genom, größere Umbauten am Zielort und Mosaike, wenn nur ein Teil der Zellen verändert wird. Jede Anwendung am Menschen erfordert deshalb eine aufwendige Sicherheitsprüfung.
Kapitel D · Stationen 16 bis 21
Evolution und Vielfalt
Evolution erklärt, warum es so viele verschiedene Lebewesen gibt und warum sie einander trotzdem ähneln. Das Kapitel ordnet die Vielfalt im Stammbaum des Lebens, stellt Mikroben, Pflanzen und Tiere mit ihren Bauplänen vor und endet bei der Herkunft des Menschen.
Schaubild: Vom Prinzip der Evolution zur Ordnung der Vielfalt. Antippen springt zur Station.
Station 16 von 43
Evolution
Warum gibt es so viele verschiedene Lebewesen, und wie entstehen neue Arten?
Das lernst du hier
- erklären, dass sich Lebewesen über viele Generationen verändern
- Variation und Auslese am Beispiel des Birkenspanners beschreiben
- Fossilien und Körperbau als Belege für Verwandtschaft nennen
- Darwins Theorie mit Variation, Selektion und Anpassung erklären und von Lamarck abgrenzen
- Belege unterscheiden: Fossilien, Homologie und Analogie, Rudimente, DNA-Vergleiche
- Artbildung durch Trennung und reproduktive Isolation beschreiben
- Evolutionsfaktoren (Mutation, Rekombination, Selektion, Gendrift, Genfluss) und Selektionsformen anwenden
- allopatrische und sympatrische Artbildung sowie Isolationsmechanismen erklären
- die Synthetische Theorie und molekulare Belege (Mutationsraten, Stammbäume) einordnen
- Evolution am Menschen und in beobachteten Experimenten (Resistenzen, Langzeitexperiment) beschreiben
Zeitangaben: Internationale Stratigraphische Tabelle (ICS 2026) und die im Fuß genannten Arbeiten; die Uhr rechnet 4,54 Milliarden Jahre auf 24 Stunden um.
Lebewesen sehen nicht alle gleich aus, auch innerhalb einer Art: Manche Birkenspanner sind hell, manche dunkel. Welche überleben, hängt von der Umwelt ab. Auf heller Rinde entdecken Vögel die dunklen Falter leichter, auf rußgeschwärzter Rinde die hellen. Die Überlebenden bekommen Nachkommen, die ihnen ähneln. So wird eine Eigenschaft über viele Generationen häufiger oder seltener. Das nennt man Auslese oder Selektion.
Charles Darwin hat das als Erster genau beschrieben. Auf seiner Weltreise mit dem Schiff Beagle (1831 bis 1836) sammelte er Tiere und Pflanzen und fragte sich, warum es auf nahen Inseln jeweils eigene Arten gibt. 1859 erschien sein Buch über die Entstehung der Arten.
Dass sich Lebewesen über lange Zeit verändert haben, zeigen Fossilien: versteinerte Reste aus alten Gesteinsschichten. Der Archaeopteryx hatte Federn und Flügel wie ein Vogel, aber Zähne und einen langen Knochenschwanz wie ein Reptil. Auch der Körperbau verrät Verwandtschaft: Im Arm des Menschen, im Flügel der Fledermaus und in der Flosse des Wals stecken dieselben Knochen.
Darwins Theorie beruht auf drei Beobachtungen: Lebewesen bekommen mehr Nachkommen, als überleben können; die Nachkommen unterscheiden sich (Variation); und ein Teil dieser Unterschiede wird vererbt. Wer in seiner Umwelt besser zurechtkommt, hinterlässt im Durchschnitt mehr Nachkommen (natürliche Selektion). Dadurch werden vorteilhafte Merkmale häufiger: Die Population passt sich an. Die Anpassung entsteht nicht, weil ein Lebewesen sie „braucht“, sondern weil von den vorhandenen Varianten die passenden übrig bleiben.
Jean-Baptiste de Lamarck erklärte Anpassung anders: Organe würden durch Gebrauch gestärkt und diese erworbenen Eigenschaften vererbt. Das stimmt nicht: Ein trainierter Muskel verändert nicht die Gene in den Keimzellen. Darwin kannte die Gene noch nicht; erst die Verbindung seiner Theorie mit der Genetik (Mutation als Quelle der Variation, Vererbung nach Mendel) ergab die Synthetische Evolutionstheorie.
Belege liefern Fossilien (Übergangsformen wie Archaeopteryx, 1861 entdeckt, oder Tiktaalik, ein Fisch mit Gelenken in den Flossen, 375 Millionen Jahre alt), der Vergleich des Körperbaus (homologe Organe mit gleichem Grundbauplan trotz verschiedener Funktion, analoge Organe mit gleicher Funktion ohne gemeinsamen Bauplan, Rudimente wie der Blinddarmfortsatz) und die DNA: Menschen und Schimpansen unterscheiden sich in etwa 1,2 % der Basenpaare (gezählt als Einzelbasenaustausche).
Neue Arten entstehen meist, wenn eine Population geteilt wird, etwa durch einen Fluss oder Meeresarm. Beide Teile entwickeln sich getrennt weiter. Treffen sie später wieder aufeinander und können sich nicht mehr miteinander fortpflanzen, sind zwei Arten entstanden.
Evolution ist die Veränderung der Allelfrequenzen einer Population über Generationen. Die Synthetische Theorie (Dobzhansky 1937, Mayr 1942, Huxley 1942) benennt die Faktoren: Mutation liefert neue Allele (beim Menschen etwa 1,2 · 10⁻⁸ Mutationen je Basenpaar und Generation, rund 70 Neumutationen je Kind), Rekombination mischt sie, Selektion verschiebt die Frequenzen gerichtet, Gendrift zufällig (stark in kleinen Populationen, etwa nach dem Flaschenhals der Nördlichen See-Elefanten um 1892 mit nur noch rund 20 Tieren), Genfluss gleicht Populationen an. Die Selektion wirkt auf den Phänotyp; nur der erbliche Anteil der Variation wird weitergegeben.
Nach ihrer Wirkung auf die Merkmalsverteilung unterscheidet man gerichtete (Dürre 1977 auf Daphne Major: mittlere Schnabelhöhe von Geospiza fortis in einer Generation von etwa 9,2 auf 9,9 mm), stabilisierende (Geburtsgewicht) und disruptive Selektion. Bei der Birkenspanner-Rückkehr der hellen Form seit den 1960er-Jahren schätzt man den Selektionskoeffizienten gegen die dunkle Form auf etwa 0,09 je Tag (Cook 2012); die dunkle Form geht auf ein Transposon im Gen cortex zurück, das sich auf etwa 1819 datieren lässt (van't Hof 2016).
Artbildung: Nach dem biologischen Artbegriff (Mayr) gehören Individuen zur selben Art, wenn sie sich unter natürlichen Bedingungen fruchtbar fortpflanzen können. Allopatrische Artbildung beginnt mit räumlicher Trennung; sympatrische Artbildung geschieht ohne Trennung, etwa durch Polyploidie bei Pflanzen oder ökologische Spezialisierung wie bei den Buntbarschen des Victoriasees (mindestens 500 Arten in rund 15 000 Jahren). Isolationsmechanismen wirken vor der Befruchtung (zeitlich, ethologisch, mechanisch) oder danach (Hybridsterilität, etwa beim Maultier). Ringarten wie der Grünlaubsänger um das Tibet-Plateau zeigen die Zwischenstufen.
Mensch: Die Linien von Mensch und Schimpanse trennten sich vor etwa 6 bis 8 Millionen Jahren (neuere Genomvergleiche mit vollständigen Genomen: 5,5 bis 6,3 Millionen Jahre). „Lucy“ (Australopithecus afarensis, 3,2 Millionen Jahre) lief aufrecht; die ältesten Homo-sapiens-Fossilien aus Jebel Irhoud sind etwa 315 000 Jahre alt. Heutige Menschen außerhalb Afrikas tragen etwa 1 bis 2 % (Erstschätzung 2010: 1 bis 4 %) Neandertaler-DNA; die Laktasepersistenz (Milchzucker-Verdauung im Erwachsenenalter) breitete sich in Europa erst in den letzten rund 7500 Jahren aus und ist ein Beispiel für laufende Selektion.
Neutrale Theorie und molekulare Uhr: Kimura (1968) zeigte, dass ein großer Teil der Unterschiede auf DNA-Ebene selektiv neutral ist und durch Drift fixiert wird. Die Fixierungswahrscheinlichkeit eines neutralen Allels ist seine Frequenz (für eine Neumutation 1/(2N)), die Substitutionsrate deshalb gleich der Mutationsrate μ, unabhängig von der Populationsgröße. Daraus folgt die molekulare Uhr: Die Zahl der Unterschiede zwischen zwei Linien wächst etwa proportional zur Zeit seit der Trennung. Im Langzeitexperiment von Lenski (Start 24. Februar 1988, zwölf Populationen von E. coli, 2024 mehr als 80 000 Generationen) entstand in einer Population nach rund 31 000 Generationen die Fähigkeit, Citrat unter Sauerstoff zu verwerten (Blount 2008), ein Beispiel für historische Kontingenz: Die Neuerung setzte frühere, zunächst neutrale Mutationen voraus.
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Der Stammbaum des Lebens
Wie sind alle Lebewesen miteinander verwandt, und wie ordnet man ihre Vielfalt?
Das lernst du hier
- erklären, dass alle Lebewesen von gemeinsamen Vorfahren abstammen
- die drei großen Gruppen Bakterien, Archaeen und Eukaryoten unterscheiden
- in einem einfachen Stammbaum ablesen, wer mit wem näher verwandt ist
- Lebewesen mit wissenschaftlichem Doppelnamen benennen und in Rangstufen einordnen
- Stammbäume über gemeinsame abgeleitete Merkmale lesen und die Vorstellung einer Stufenleiter widerlegen
- erklären, wie Vergleiche von DNA und RNA Verwandtschaft sichtbar machen
- das Drei-Domänen-System und den Befund zur Herkunft der Eukaryoten aus Asgard-Archaeen darstellen
- LUCA und seine Altersschätzung mit ihrer Unsicherheit einordnen
- molekulare Stammbäume, molekulare Uhr und horizontalen Gentransfer erklären
- beschriebene und geschätzte Artenzahlen unterscheiden
Alle Lebewesen sind miteinander verwandt, wie die Mitglieder einer riesigen Familie. Ein Stammbaum zeigt, wer mit wem näher verwandt ist. An seiner Wurzel steht ein gemeinsamer Vorfahr aller heutigen Lebewesen. Forschende nennen ihn , nach den englischen Anfangsbuchstaben für „letzter universeller gemeinsamer Vorfahr“. Nach einer Schätzung von 2024 lebte er vor rund 4,2 Milliarden Jahren und war ein Einzeller.
Heute teilt man alle Lebewesen in drei große Gruppen ein, die : Bakterien, Archaeen und Eukaryoten. Bakterien und Archaeen sind winzige Einzeller ohne Zellkern. sehen Bakterien ähnlich, bilden aber eine eigene Gruppe; viele leben an extremen Orten wie heißen Quellen oder Salzseen. sind Lebewesen, deren Zellen einen Zellkern haben: Tiere, Pflanzen, Pilze und viele Einzeller.
Pilze gehören nicht zu den Pflanzen. Sie betreiben keine Fotosynthese, ihre Zellwände bestehen aus Chitin wie der Panzer von Insekten, und sie ernähren sich von anderen Lebewesen. Vergleicht man die Erbinformation, stehen Pilze den Tieren näher als den Pflanzen.
Wie nah zwei Lebewesen verwandt sind, liest man im Stammbaum dort ab, wo sich ihre Äste treffen. Dieser Punkt steht für ihren letzten gemeinsamen Vorfahren. Je näher er an den Spitzen liegt, desto näher sind sie verwandt. Ob ein Ast oben oder unten gezeichnet ist, spielt keine Rolle; die Grafik zeigt das an zwei gedrehten Bildern desselben Stammbaums.
Damit sich Forschende weltweit verständigen, hat jede Art einen wissenschaftlichen Doppelnamen, etwa Homo sapiens für den Menschen und Fagus sylvatica für die Rotbuche. Das System geht auf Carl von Linné zurück. Beschrieben sind bisher über 2,2 Millionen Arten (Catalogue of Life 2025). Wie viele es wirklich gibt, weiß niemand genau; eine bekannte Schätzung kommt allein bei den Lebewesen mit Zellkern auf rund 8,7 Millionen.
Die Systematik ordnet Lebewesen in Rangstufen: Domäne, Reich, Stamm, Klasse, Ordnung, Familie, Gattung, Art. Der Mensch gehört zur Domäne der Eukaryoten, zum Reich der Tiere, zum Stamm der Chordatiere, zur Klasse der Säugetiere, zur Ordnung der Primaten, zur Familie der Menschenaffen (Hominidae) und zur Gattung Homo. Die nach Carl von Linné (Species Plantarum 1753 für Pflanzen, Systema Naturae, 10. Auflage 1758 für Tiere) gibt jeder Art einen Doppelnamen aus Gattungsname und Artzusatz, kursiv geschrieben. Linné ordnete nach Ähnlichkeit; heute sollen Gruppen die Abstammung abbilden.
Ein zeigt Verwandtschaft als Verzweigungen. Jeder Verzweigungspunkt steht für einen gemeinsamen Vorfahren; zwei Linien, die sich einen Verzweigungspunkt teilen, sind . Wie nah zwei Arten verwandt sind, hängt allein davon ab, wie jung ihr letzter gemeinsamer Vorfahr ist. Die Reihenfolge der Namen an den Spitzen sagt nichts, denn jeder Ast lässt sich um seinen Verzweigungspunkt drehen. Eine Gruppe begründen nur , die ein Vorfahr neu erworben und an alle Nachkommen weitergegeben hat, etwa Haare und Milchdrüsen der Säugetiere. Merkmale, die schon ältere Vorfahren besaßen, etwa vier Gliedmaßen, zeigen innerhalb der Landwirbeltiere keine engere Verwandtschaft.
Carl Woese verglich 1977 die RNA der Ribosomen (16S-rRNA) vieler Mikroorganismen und fand eine Gruppe, die sich von allen Bakterien unterschied: die . 1990 schlug er drei Domänen vor: Bacteria, Archaea und Eukarya. Archaeen haben Membranlipide mit Etherbindungen und keine Mureinwand, und ihre Enzyme zum Ablesen der Gene ähneln denen der Eukaryoten. In Eukaryoten stecken außerdem ehemalige Bakterien: Mitochondrien stammen von Alphaproteobakterien ab, Chloroplasten von Cyanobakterien (Endosymbiose, Station 4).
Heute beruhen Stammbäume vor allem auf DNA- und Proteinsequenzen. Man vergleicht dasselbe Gen bei verschiedenen Arten und zählt die Unterschiede: Je mehr es sind, desto länger sind die Linien getrennt. Häufen sich Unterschiede ungefähr gleichmäßig an, lässt sich daraus die Zeit der Trennung schätzen (), geeicht mit datierten Fossilien. Der Catalogue of Life führt in der Ausgabe von 2025 über 2,2 Millionen anerkannte Arten. Mora et al. (2011) schätzten die Zahl der Arten mit Zellkern auf 8,7 Millionen (± 1,3 Millionen); demnach wären rund 86 % noch nicht beschrieben.
Der letzte universelle gemeinsame Vorfahr () lässt sich aus Genen rekonstruieren, die Bakterien und Archaeen gemeinsam haben. Nach Moody et al. (2024) lebte er vor etwa 4,2 Milliarden Jahren (4,09–4,33), besaß rund 2600 Proteine und ein Genom von mindestens 2,5 Megabasen, lebte ohne Sauerstoff als Acetogen (Wood-Ljungdahl-Weg: Acetat aus H₂ und CO₂) und hatte bereits ein frühes CRISPR-Cas-Abwehrsystem gegen Viren. LUCA war demnach eine Zelle in einer Lebensgemeinschaft mit anderen Zellen und Viren, nicht der Anfang des Lebens. Die Datierung hängt an der Kalibrierung der molekularen Uhr, und horizontaler Gentransfer erschwert die Zuordnung einzelner Gene.
Woese & Fox (1977) begründeten die Archaeen mit Katalogen von 16S-rRNA-Bruchstücken, Woese, Kandler & Wheelis (1990) das Drei-Domänen-System. Seit 2015 kennt man aus Umwelt-DNA die Lokiarchaeen (Spang et al. 2015), die 2017 mit verwandten Gruppen zum Superstamm der zusammengefasst wurden (Zaremba-Niedzwiedzka et al. 2017). Ihre Genome enthalten Gene für „eukaryotische Signaturproteine“, etwa Verwandte des Aktins, ESCRT-Proteine für den Membranumbau und kleine GTPasen. 2020 gelang erstmals die Kultur eines Asgard-Archaeons, das nur in Gemeinschaft mit Partnern wächst, die seinen Wasserstoff verbrauchen (Imachi et al. 2020); es trägt seit 2024 den gültigen Namen Promethearchaeum syntrophicum. Eme et al. (2023) stellen die Eukaryoten nach der Analyse von 175 Asgard-Genomen als Schwestergruppe der Hodarchaeales in die Heimdallarchaeia. Eukaryoten wären dann aus Archaeen hervorgegangen, und es gäbe nur zwei primäre Domänen. Die genaue Position hängt von Datensätzen und Modellen ab.
Großgruppen der Eukaryoten (Burki et al. 2020): Opisthokonten (Tiere, Pilze und ihre einzelligen Verwandten) bilden mit den Amöbozoen die Amorphea. Archaeplastiden (Rotalgen, Grünalgen, Landpflanzen) tragen Plastiden aus der primären Endosymbiose eines Cyanobakteriums; mit der SAR-Gruppe (Stramenopile, Alveolaten, Rhizarien) bilden sie die Diaphoretickes. Dazu kommen Discoba (Euglena, Trypanosomen) und Metamonaden (Giardia). Die Reihenfolge der Abzweigungen an der Basis der Eukaryoten ist ungeklärt. Viele Algen der SAR-Gruppe erhielten ihre Plastiden aus einer Rot- oder Grünalge (sekundäre Endosymbiose), auch der Malariaerreger Plasmodium mit seinem Apikoplasten. Wie ein Organell entsteht, zeigt ein 2024 beschriebener Fall: Ein stickstofffixierendes Cyanobakterium in der Meeresalge Braarudosphaera bigelowii teilt sich im Takt der Wirtszelle und importiert Proteine aus ihr; die Autoren nennen es Nitroplast (Coale et al. 2024).
Molekulare Stammbäume entstehen aus ausgerichteten (alignierten) homologen Sequenzen mit Distanzverfahren (UPGMA, Neighbor-Joining), Maximum Parsimony, Maximum Likelihood oder Bayes-Verfahren; die Stützung einzelner Äste prüft man etwa mit dem Bootstrap. Die molekulare Uhr (Zuckerkandl & Pauling) misst Zeit über angehäufte Substitutionen und wird mit Fossilien kalibriert. Bei Prokaryoten durchbricht das Bild eines Baums: Durch Transformation, Transduktion und Konjugation wandern Gene auch zwischen entfernt verwandten Arten. Bei E. coli gehen etwa 18 % der Gene auf solche Übertragungen seit der Trennung von Salmonella zurück (Lawrence & Ochman 1998). Genstammbäume können deshalb vom Artstammbaum abweichen; an der Basis gleicht der Baum des Lebens eher einem Netz (Doolittle 1999).
Kladistik und Wurzel: Ein umfasst einen Vorfahren mit allen Nachkommen, etwa Säugetiere oder Landpflanzen. Paraphyletisch ist eine Gruppe, der Nachkommen fehlen: „Reptilien“ ohne Vögel, „Fische“ ohne Landwirbeltiere, „Prokaryoten“ ohne Eukaryoten. Polyphyletisch sind Gruppen, die nach konvergenten Merkmalen gebildet wurden, etwa „Algen“. Die Wurzel des Lebensbaums lässt sich nicht mit einer Außengruppe setzen; man nutzt Gene, die schon vor LUCA verdoppelt wurden (Elongationsfaktoren EF-Tu und EF-G, Untereinheiten der ATPase). Ihre Kopien dienen sich gegenseitig als Außengruppe und setzen die Wurzel zwischen Bakterien und Archaeen (Gogarten et al. 1989, Iwabe et al. 1989). Der Catalogue of Life führt (Stand Oktober 2026) 25 055 Bakterien- und 722 Archaeenarten; das sind gültig beschriebene, meist kultivierte Arten und nur ein kleiner Teil der tatsächlichen Vielfalt. Für Pilze reichen Schätzungen von 0,6 Millionen (Mora et al. 2011) bis 2,2–3,8 Millionen Arten (Hawksworth & Lücking 2017) bei rund 120 000 anerkannten.
Stammbäume aus Sequenzen
Wie aus gezählten Unterschieden ein Baum wird und warum Gene manchmal quer zwischen den Ästen wandern.UPGMA: das ähnlichste Paar zuerst
Die fünf Sequenzen sind ausgedachte Übungsdaten. Man zählt für jedes Paar die Positionen, an denen sich die Basen unterscheiden, und trägt die Zahlen in eine Distanzmatrix ein. Dann verbindet man das Paar mit dem kleinsten Abstand; der Verzweigungspunkt liegt bei der halben Distanz. Die neue Gruppe erhält zu allen anderen den Mittelwert der Abstände ihrer Mitglieder. Das wiederholt man, bis alles verbunden ist.
UPGMA (unweighted pair group method with arithmetic mean) setzt voraus, dass sich Unterschiede in allen Linien gleich schnell anhäufen. Ist das nicht so, liefert es falsche Bäume; Verfahren wie Neighbor-Joining oder Maximum Likelihood erlauben verschiedene Raten.
Distanzen aus dem Anteil p verschiedener Positionen unterschätzen die wahre Zahl der Substitutionen, weil spätere Mutationen frühere überschreiben oder rückgängig machen. Die Jukes-Cantor-Korrektur d = −¾ · ln(1 − 4p/3) gleicht das aus; für p = 0,5 ergibt sie d ≈ 0,82.
Sokal & Michener 1958 (UPGMA); Saitou & Nei 1987, Mol Biol Evol 4:406 (Neighbor-Joining); Jukes & Cantor 1969
Gene wandern quer
Prokaryoten erhalten Gene auch von Zellen, die nicht ihre Mutterzelle sind. Bei der Transformation nehmen Zellen freie DNA aus der Umgebung auf (Griffith 1928). Bei der Transduktion verpackt ein Phage versehentlich Bakterien-DNA und überträgt sie in die nächste Zelle. Bei der Konjugation wird ein Plasmid über eine Zellbrücke kopiert. So verbreiten sich Gene für Antibiotikaresistenz auch zwischen verschiedenen Arten (Station 37).
Bei E. coli stammen nach Lawrence & Ochman (1998) 755 von 4288 Genen aus mindestens 234 Übertragungen seit der Trennung von Salmonella. Ein Stammbaum einzelner Gene zeigt dann die Geschichte des Gens, nicht unbedingt die der Art. Doolittle (1999) beschrieb den Baum des Lebens an seiner Basis deshalb als Netz.
Lawrence & Ochman 1998, PNAS 95:9413; Doolittle 1999, Science 284:2124
Woher weiß man, wer mit wem verwandt ist?
Früher verglich man vor allem den Körperbau. Heute vergleicht man die Erbinformation: Bei nah verwandten Lebewesen ist die Reihenfolge der DNA-Bausteine sehr ähnlich, bei entfernt verwandten unterscheidet sie sich an vielen Stellen. Aus diesen Unterschieden berechnen Computer Stammbäume.
Man richtet dasselbe Gen verschiedener Arten untereinander aus, zählt die Unterschiede und erhält eine Distanzmatrix. Verbindet man schrittweise die ähnlichsten Arten, entsteht ein Stammbaum. Bei Bakterien wandern Gene allerdings auch quer zwischen Arten (horizontaler Gentransfer), etwa Resistenzgene auf Plasmiden.
Die ausführliche Vertiefung mit Grafiken gibt es ab dem Niveau Oberstufe.
Station 18 von 43
Mikroben, Viren und Pilze
Wie leben Bakterien, Archaeen und Pilze, und wie vermehren sich Viren?
Das lernst du hier
- Bakterien, Viren, Pilze und Einzeller nach Größe und Bau unterscheiden
- erklären, wie sich Bakterien durch Zweiteilung vermehren und warum ihr Wachstum endet
- nennen, wofür Mikroben und Pilze nützlich sind und welche krank machen können
- die Wachstumskurve einer Bakterienkultur mit vier Phasen beschreiben und Zellzahlen nach n Teilungen berechnen
- den Vermehrungszyklus eines Phagen im lytischen und im lysogenen Weg erklären
- Bau und Lebensweise von Pilzen beschreiben: Hyphen, Myzel, Zersetzer, Mykorrhiza
- die Stoffwechselvielfalt der Prokaryoten mit Ernährungstypen ordnen und Biofilme erklären
- lytischen und lysogenen Zyklus molekular vergleichen und Retroviren einordnen
- Wachstumskinetik quantitativ auswerten: Generationszeit, Wachstumsrate, Nährstoffbegrenzung
- Archaeen als Methanbildner und Einzeller mit Zellkern am Beispiel Plasmodium einordnen
Mikroben oder Mikroorganismen sind Lebewesen, die so klein sind, dass man sie nur unter dem Mikroskop sieht. Dazu gehören Bakterien, Archaeen, viele Pilze wie die Hefe und Einzeller mit Zellkern. Ein Bakterium ist meist nur ein bis fünf Tausendstel Millimeter lang. Bakterien leben überall: im Boden, im Wasser, in heißen Quellen, auf deiner Haut und in deinem Darm. Die allermeisten sind harmlos oder sogar nützlich (Station 28).
Bakterien vermehren sich durch Zweiteilung: Eine Zelle wächst, verdoppelt ihr Erbgut und teilt sich in zwei. Unter besten Bedingungen schafft das Darmbakterium E. coli das etwa alle 20 Minuten. Aus einer Zelle werden so nach 21 Teilungen, also in sieben Stunden, über zwei Millionen. Irgendwann ist die Nahrung aufgebraucht: Das Wachstum hört auf, und später sterben die Bakterien ab. Die Grafik zeigt das als Wachstumskurve.
Viren sind noch viel kleiner. Sie bestehen nur aus Erbinformation und einer Hülle aus Eiweiß. Sie haben keinen Stoffwechsel und vermehren sich nur, indem sie eine Zelle befallen und deren Werkzeuge benutzen. Es gibt Viren für Menschen, Tiere und Pflanzen und auch solche, die Bakterien befallen, die . Ob Viren leben, besprechen wir in Station 1.
Pilze haben Zellen mit Zellkern. Hefen sind Einzeller; Schimmel und Hutpilze bilden feine Fäden, die , die ein Geflecht im Boden oder im Holz bilden. Was wir im Wald als Pilz sammeln, ist nur der Fruchtkörper. Pilze zersetzen Laub und totes Holz und machen daraus wieder Nährstoffe für Pflanzen. Viele Bäume leben mit Pilzen zusammen, die an ihren Wurzeln wachsen: Der Pilz liefert Wasser und Mineralstoffe, der Baum gibt Zucker ab (). Hefe lässt Brotteig aufgehen; manche Pilze machen krank, etwa Fußpilz.
Auch Einzeller mit Zellkern können Krankheiten auslösen. Der Erreger der Malaria wird von Mücken übertragen und vermehrt sich in roten Blutkörperchen. 2024 erkrankten weltweit schätzungsweise 282 Millionen Menschen an Malaria, rund 610 000 starben, die meisten davon Kinder in Afrika (WHO).
Bakterien sind : Ihr ringförmiges Chromosom liegt frei im Cytoplasma (Nucleoid), dazu kommen oft kleine DNA-Ringe, die Plasmide. Sie haben 70S-Ribosomen, eine Zellmembran und meist eine Zellwand aus Murein, viele auch Geißeln und Pili. Nach der Form unterscheidet man Kokken (Kugeln), Stäbchen, Spirillen (Schrauben) und Vibrionen (Kommas). Die Gramfärbung (Christian Gram 1884) trennt grampositive Bakterien mit dicker Mureinschicht von gramnegativen mit dünner Mureinschicht und äußerer Membran. Viele Bakterien heften sich an Oberflächen und umhüllen sich mit Schleim zu einem , etwa im Zahnbelag; 40–80 % aller Bakterien- und Archaeenzellen der Erde leben in Biofilmen (Flemming & Wuertz 2019).
Bei der Zweiteilung verdoppelt sich die Zellzahl nach jeder g. Nach n Teilungen gilt N = N₀ · 2ⁿ mit n = t / g. Bei g = 20 min sind es nach 5 Stunden 15 Teilungen; die Zellzahl steigt auf das 2¹⁵-Fache, rund 33 000-fach. Besonders schnell teilt sich Vibrio natriegens: weniger als 10 Minuten (Eagon 1962); in der Natur wachsen die meisten Bakterien viel langsamer. Eine Kultur im Kolben durchläuft vier Phasen: Anlaufphase (Anpassung, kaum Teilungen), exponentielle Phase (konstante Generationszeit), stationäre Phase (Nährstoffe knapp, Abfallstoffe reichern sich an, Teilung und Absterben halten sich die Waage) und Absterbephase.
Viren bestehen aus Erbgut (DNA oder RNA) und einer Proteinhülle, dem ; manche haben zusätzlich eine Lipidhülle aus der Membran der Wirtszelle. Die meisten sind einige zehn bis einige hundert Nanometer groß. Ein Virus befällt nur Zellen mit passenden Andockstellen (Rezeptoren): Der Phage λ bindet an das Protein LamB von E. coli, HIV an CD4 auf T-Helferzellen. Der Vermehrungszyklus läuft in Schritten ab: Anheften, Eindringen des Erbguts, Bildung der Virusbausteine durch die Zelle, Zusammenbau, Freisetzung. Bakteriophagen können zwei Wege gehen: Im entstehen sofort neue Phagen, und die Zelle platzt; im wird das Phagenerbgut als Prophage ins Bakterienchromosom eingebaut und bei jeder Teilung mitkopiert. Antibiotika wirken nicht gegen Viren (Station 37).
Archaeen sind ebenfalls Prokaryoten, bilden aber eine eigene Domäne (Station 17). Viele sind : Methanopyrus kandleri wächst noch bei 122 °C (Takai et al. 2008), Picrophilus bei pH 0, Halobakterien in gesättigter Salzlösung. leben im Pansen von Rindern, im menschlichen Darm (Station 28) und in Biogasanlagen. Nach der Schätzung des Umweltbundesamts für 2025 stammten in Deutschland 76,7 % der Methanemissionen der Landwirtschaft aus der Verdauung von Nutztieren, vor allem von Rindern.
Pilze sind Eukaryoten mit einer Zellwand aus Chitin und ernähren sich heterotroph als Zersetzer, Parasiten oder Partner anderer Lebewesen. Ihre Hyphen bilden ein Myzel, Fruchtkörper dienen der Sporenbildung. Hefen wie Saccharomyces cerevisiae vergären Zucker zu Ethanol und CO₂ (Station 8). Mykorrhizapilze versorgen Pflanzenwurzeln mit Wasser und Mineralstoffen; Flechten sind Gemeinschaften aus Pilz und Alge oder Cyanobakterium. Krankheitserreger sind etwa Hautpilze, Candida und Aspergillus, bei Pflanzen Mehltau und Rost. Einzeller mit Zellkern (Protisten) wie Amöben, Pantoffeltierchen und der Malariaerreger Plasmodium gehören zu verschiedenen Großgruppen der Eukaryoten (Station 17).
Prokaryoten nutzen fast jede Energiequelle, die die Chemie bietet. Man ordnet sie nach drei Merkmalen: nach der Energiequelle (Licht: photo-, chemische Reaktion: chemo-), nach der Elektronenquelle (organische Stoffe: organo-, anorganische wie H₂, H₂S, NH₄⁺ oder Fe²⁺: litho-) und nach der Kohlenstoffquelle (CO₂: autotroph, organische Stoffe: heterotroph). Cyanobakterien sind photolithoautotroph (oxygene Fotosynthese mit Wasser als Elektronenquelle), nitrifizierende Bakterien chemolithoautotroph (NH₄⁺ → NO₂⁻ → NO₃⁻), E. coli chemoorganoheterotroph und fakultativ anaerob. Nur Prokaryoten binden Luftstickstoff (Nitrogenase), etwa Knöllchenbakterien in Leguminosen, und die Methanogenese, den Hauptweg der biologischen Methanbildung, betreiben nur Archaeen. In sitzen Zellen in einer Matrix aus extrazellulären polymeren Substanzen; über Quorum Sensing, das Messen kleiner Signalmoleküle, stimmen sie ihre Genexpression auf die Zelldichte ab. Biofilme sind oft wesentlich toleranter gegen Antibiotika als frei schwimmende Zellen (Station 37).
In der exponentiellen Phase gilt dN/dt = μ · N mit der spezifischen Wachstumsrate μ = ln 2 / g. Wird ein Nährstoff knapp, sinkt μ nach der Monod-Gleichung μ = μmax · S / (KS + S), wobei KS die Nährstoffkonzentration für die halbe Höchstrate ist; die Endzellzahl hängt über den Ertragskoeffizienten von der Nährstoffmenge ab. Gemessen wird über die Trübung (optische Dichte bei 600 nm), mit Zählkammern oder über koloniebildende Einheiten auf Agarplatten, die nur teilungsfähige Zellen erfassen. Im Chemostaten fließt ständig frisches Medium zu; im Fließgleichgewicht ist μ gleich der Verdünnungsrate.
Die Baltimore-Klassifikation ordnet Viren nach ihrem Genom und dem Weg zur mRNA; David Baltimore unterschied 1971 sechs Gruppen, heute sind es sieben. Beim Phagen λ entscheidet ein genetischer Schalter über den Weg: Setzt sich der Repressor cI gegen das Protein Cro durch, baut die Integrase das Genom an einer bestimmten Stelle (attB) ins Chromosom ein. DNA-Schäden, etwa durch UV-Licht, aktivieren RecA, das die Selbstspaltung von cI auslöst; der Prophage wird ausgeschnitten und geht in den lytischen Zyklus. Nach etwa 40 Minuten bei 37 °C setzt eine Zelle rund 100 neue Phagen frei (EcoliWiki). Prophagen können Giftgene mitbringen: Das Choleratoxin wird von einem Phagen codiert (Waldor & Mekalanos 1996). wie HIV schreiben ihr RNA-Genom mit der reversen Transkriptase in DNA um und bauen es als Provirus ins Genom der Wirtszelle ein; rund 8 % des menschlichen Genoms gehen auf solche Retroelemente mit langen Endwiederholungen (LTR, long terminal repeats) zurück (Lander et al. 2001).
Methanbildende Archaeen reduzieren CO₂ mit H₂ zu Methan (CO₂ + 4 H₂ → CH₄ + 2 H₂O) oder spalten Acetat. In Pansen, Darm und Biogasanlage stehen sie am Ende einer Kette: Bakterien hydrolysieren Polymere, vergären die Bausteine zu Fettsäuren, Alkoholen, H₂ und CO₂, acetogene Bakterien bilden daraus Acetat und H₂, und die Methanbildner halten durch ihren H₂-Verbrauch den Wasserstoff-Partialdruck niedrig, sodass die vorgelagerten Gärungen energetisch möglich bleiben (Syntrophie). Biogas besteht vor allem aus Methan und CO₂; bei 60 % Methan hat ein Kubikmeter einen Heizwert von rund 6 kWh (FNR). Lignin bauen vor allem Pilze ab (Weißfäule); sie halten damit den Kohlenstoffkreislauf im Wald in Gang (Station 33). Der Chytridpilz Batrachochytrium dendrobatidis trug zum Rückgang von mindestens 501 Amphibienarten bei, 90 davon gelten als ausgestorben (Scheele et al. 2019).
Plasmodium gehört zu den Alveolaten (Station 17). Mit dem Stich einer weiblichen Anopheles-Mücke gelangen Sporozoiten ins Blut und in die Leber, vermehren sich dort und befallen als Merozoiten rote Blutkörperchen, die sie bei P. falciparum im Takt von 48 Stunden platzen lassen; einige werden zu Geschlechtsformen, die eine Mücke beim nächsten Stich aufnimmt. Fünf Arten befallen Menschen, am gefährlichsten ist P. falciparum. 2024 gab es nach Schätzung der WHO rund 282 Millionen Malariafälle und 610 000 Todesfälle, 95 % davon in der Afrika-Region der WHO; dort betrafen etwa drei Viertel der Todesfälle Kinder unter fünf Jahren (WHO, Faktenblatt vom 4. Dezember 2025).
Viren im Genom und Riesenviren: Ein Hüllprotein-Gen eines endogenen Retrovirus, Syncytin-1, wird heute für die Bildung der Plazenta gebraucht (Mi et al. 2000). Riesenviren überlappen in Größe und Genom mit Zellen: Mimivirus wurde 1992 zunächst für ein Bakterium gehalten und 2003 als Virus beschrieben (La Scola et al. 2003); Pandoravirus ist etwa 1 µm lang und trägt ein Genom von rund 2,5 Mb (Philippe et al. 2013). Bakterien wehren Phagen mit Restriktionsenzymen und CRISPR-Cas ab, beides heute Werkzeuge der Gentechnik (Station 15). Phagen werden außerdem als Mittel gegen multiresistente Erreger erforscht.
Stoffwechsel der Mikroben
Wie man Mikroben nach ihrer Energie- und Kohlenstoffquelle ordnet und wie aus Gras Methan wird.Drei Fragen, ein Wort
Der Name eines Ernährungstyps setzt sich aus drei Teilen zusammen: der Energiequelle (photo-, chemo-), der Elektronenquelle für Reduktionen (litho-, organo-) und der Kohlenstoffquelle (auto-, hetero-), dazu die Endung -troph. Menschen sind chemoorganoheterotroph, Pflanzen photolithoautotroph mit Wasser als Elektronenquelle.
Chemolithoautotrophe gewinnen Energie aus anorganischen Reaktionen und bauen daraus Biomasse auf. An Hydrothermalquellen der Tiefsee tragen schwefeloxidierende Bakterien ganze Lebensgemeinschaften ohne Sonnenlicht, etwa als Symbionten von Röhrenwürmern.
Madigan et al., Brock Biology of Microorganisms, 16. Aufl. 2021
Vier Stufen, viele Arten
In einer Biogasanlage arbeiten verschiedene Mikroben wie an einem Fließband: Hydrolyse, Versäuerung, Essigsäurebildung und Methanbildung. Die letzte Stufe leisten methanbildende Archaeen. Weil sie Wasserstoff verbrauchen, bleibt sein Partialdruck niedrig; erst dadurch lohnt sich für die Bakterien davor der Abbau von Propionat oder Butyrat zu Acetat (FNR, Gärbiologie).
Im Pansen eines Rinds läuft die Kette nur zum Teil gleich ab: Das Rind nimmt die Fettsäuren selbst über die Pansenwand auf, und wegen der kurzen Verweilzeit entsteht das Methan vor allem aus H₂ und CO₂. Ein Teil der Energie des Futters geht dabei als Methan verloren. Nach der Schätzung des Umweltbundesamts für 2025 machten Emissionen aus der Verdauung 76,7 % der landwirtschaftlichen Methanemissionen in Deutschland aus.
FNR, biogas.fnr.de (Gärbiologie; Was ist Biogas?); Umweltbundesamt, Beitrag der Landwirtschaft zu den Treibhausgas-Emissionen; Thauer et al. 2008, Nat Rev Microbiol 6:579
Was Mikroben für uns tun
Milchsäurebakterien machen aus Milch Joghurt und aus Kohl Sauerkraut. Hefe lässt Brot aufgehen. Bakterien und Pilze zersetzen Laub und Abfälle, Bakterien an den Wurzeln von Erbsen und Bohnen holen Stickstoff aus der Luft. In Kläranlagen reinigen Bakterien das Abwasser, und in Biogasanlagen entsteht mit ihrer Hilfe Gas zum Heizen.
Mikroben schließen die Stoffkreisläufe: Zersetzer machen Nährstoffe wieder verfügbar, Knöllchenbakterien binden Luftstickstoff, Methanbildner erzeugen Biogas. In der Biotechnik stellen Bakterien und Hefen Medikamente wie Insulin her (Station 41), und Antibiotika stammen ursprünglich aus Pilzen und Bodenbakterien (Station 37).
Die ausführliche Vertiefung mit Grafiken gibt es ab dem Niveau Oberstufe.
Station 19 von 43
Pflanzen
Wie kommt das Wasser bis in die Blätter, und wie reagiert eine Pflanze ohne Nerven auf Licht und Jahreszeit?
Das lernst du hier
- Wurzel, Sprossachse, Blatt und Blüte mit ihren Aufgaben beschreiben
- den Weg des Wassers von der Wurzel bis zur Verdunstung im Blatt erklären
- beschreiben, wie aus einer Blüte Samen und Frucht werden
- an Kaktus und Seerose zeigen, wie Pflanzen an ihren Standort angepasst sind
- den Bau von Wurzel, Sprossachse und Blatt mit Xylem, Phloem, Epidermis und Spaltöffnungen beschreiben
- Wasser- und Zuckertransport mit Transpirationssog, Wurzeldruck und Druckstrom erklären
- Fototropismus und Fruchtreife mit Pflanzenhormonen erklären
- Angepasstheiten von Trocken- und Wasserpflanzen am Blattbau begründen
- den Wassertransport mit Wasserpotenzialen und der Kohäsions-Tensions-Theorie erklären
- die Regulation der Spaltöffnungen und den Phloemtransport nach Münch darstellen
- klassische Versuche zu Fototropismus und Fotoperiodismus auswerten
- den Generationswechsel von Moos, Farn und Samenpflanze vergleichen
Eine Blütenpflanze hat vier Grundorgane: Wurzel, Sprossachse, Blätter und Blüten. Die Wurzel verankert die Pflanze im Boden und nimmt Wasser und Mineralstoffe auf. Dafür trägt sie dicht an dicht feine Wurzelhaare, die ihre Oberfläche stark vergrößern. Die Sprossachse, also Stängel oder Stamm, trägt Blätter und Blüten. In ihr verlaufen Leitungsbahnen wie dünne Rohre: In den einen steigt Wasser nach oben, in den anderen wird Zucker aus den Blättern in die ganze Pflanze verteilt. In den Blättern bildet die Pflanze mit Licht Zucker; wie das geht, erklärt Station 10 (Fotosynthese).
Auf der Unterseite der Blätter sitzen winzige Poren, die . Durch sie kommt Kohlenstoffdioxid in das Blatt, und durch sie verdunstet Wasser. Jedes Wasserteilchen, das verdunstet, zieht das nächste hinter sich her wie bei einer Kette. So entsteht ein Sog, der Wasser aus der Wurzel bis in die Blätter holt. Bei Trockenheit schließt die Pflanze ihre Spaltöffnungen und spart Wasser. Fehlt trotzdem zu viel, werden die Zellen schlaff, und die Pflanze welkt.
Pflanzen haben keine Nerven, reagieren aber auf ihre Umwelt. Eine Pflanze am Fenster wächst zum Licht hin. Dafür sorgt ein Pflanzenhormon, also ein Botenstoff: Er sammelt sich auf der Schattenseite des Stängels. Dort strecken sich die Zellen stärker, und der Stängel biegt sich zum Licht. Viele Pflanzen blühen nur zu einer bestimmten Jahreszeit, weil sie messen, wie lang die Nächte sind.
In der Blüte entstehen die Samen. Bienen, andere Insekten oder der Wind tragen Blütenstaub, den Pollen, von den Staubblättern auf die Narbe einer anderen Blüte. Das ist die . Aus dem Pollenkorn wächst ein Schlauch bis zur Eizelle im Fruchtknoten; dort kommt es zur Befruchtung. Aus der befruchteten Eizelle wird der Keimling im Samen, aus dem Fruchtknoten wird die Frucht, etwa eine Kirsche oder eine Erbsenhülse.
Pflanzen sind an ihren Standort angepasst. Ein Kaktus speichert Wasser in seinem dicken Stamm, seine Blätter sind zu Dornen umgebildet, und eine Wachsschicht bremst die Verdunstung. Die Seerose hat große Schwimmblätter mit Spaltöffnungen auf der Oberseite und luftgefüllte Hohlräume in Stiel und Blatt, durch die Luft bis zu den Wurzeln im Schlamm gelangt.
Gefäßpflanzen sind aus Geweben aufgebaut. Die Epidermis (Abschlussgewebe) ist außen von einer Wachsschicht überzogen, der Cuticula, die die Verdunstung bremst. Die Leitgewebe liegen in Leitbündeln: Im (Holzteil) steigen Wasser und Mineralstoffe in toten, verholzten Röhren nach oben, im (Siebteil) fließt Zuckerlösung in lebenden Siebröhren. (Bildungsgewebe) an Spross- und Wurzelspitze sorgen für das Längenwachstum; bei Bäumen bildet das Kambium jedes Jahr neues Holz, so entstehen die Jahresringe.
Im Blattquerschnitt folgen obere Epidermis, Palisadengewebe mit vielen Chloroplasten, Schwammgewebe mit luftgefüllten Zwischenräumen und die untere Epidermis mit den Spaltöffnungen. Jede Spaltöffnung besteht aus zwei bohnenförmigen Schließzellen. Nehmen sie Wasser auf, steigt ihr Innendruck (), sie krümmen sich, und der Spalt öffnet sich.
Die Wurzelhaare nehmen Wasser durch auf (Station 5). Aktiv aufgenommene Mineralstoffe erzeugen in der Wurzel einen Druck, den Wurzeldruck; er reicht nur wenige Meter weit. Der wichtigste Antrieb ist der Transpirationssog: Wasser verdunstet aus den Blättern (). Weil Wassermoleküle zusammenhalten (Kohäsion) und an den Gefäßwänden haften (Adhäsion), wird eine durchgehende Wassersäule von der Wurzel bis ins Blatt nachgezogen. Die Energie dafür liefert die Sonne.
Zucker fließt im Phloem von der Quelle, etwa einem Blatt, zur Senke, etwa Wurzel, Frucht oder Knospe. Hormone steuern das Wachstum: lässt Zellen sich strecken und lenkt den Spross zum Licht (Fototropismus), Gibberelline fördern Sprossstreckung und Keimung, Cytokinine die Zellteilung, schließt bei Trockenheit die Spaltöffnungen, Ethylen lässt Früchte reifen. An der Nachtlänge erkennt die Pflanze die Jahreszeit (): Kurztagpflanzen wie die Chrysantheme blühen im Herbst, Langtagpflanzen wie der Spinat im Frühsommer.
Trockenpflanzen (Xerophyten) sparen Wasser: dicke Cuticula, Spaltöffnungen in Gruben mit Haaren (Oleander), eingerollte Blätter (Strandhafer), Wasserspeicher und Dornen statt Blättern (Kakteen). Wasserpflanzen (Hydrophyten) haben ein luftgefülltes Durchlüftungsgewebe, eine dünne Cuticula und Spaltöffnungen auf der Oberseite der Schwimmblätter; untergetauchte Blätter wie die der Wasserpest haben keine.
Wasserpotenzial. Die Richtung des Wasserflusses folgt dem Ψ, gemessen in Megapascal (MPa): Ψ = Ψs + Ψp + Ψg. Reines Wasser hat Ψ = 0, gelöste Stoffe senken es (Ψs < 0), Turgor hebt es (Ψp > 0), Zug im Xylem senkt es (Ψp < 0), und die Schwerkraft kostet 0,01 MPa je Meter Höhe. Wasser fließt zum niedrigeren Ψ. Für eine gut versorgte Pflanze nennen Lehrbücher etwa −0,3 MPa im Boden, −0,6 MPa in der Wurzel, −0,8 bis −1,2 MPa im Stamm und −1 bis −2 MPa im Blatt; Luft mit 50 % relativer Feuchte hat bei 20 °C rund −94 MPa. Der größte Sprung liegt zwischen Blatt und Luft, und dort sitzt mit den Spaltöffnungen auch der größte Widerstand.
Kohäsions-Tensions-Theorie (Dixon und Joly 1894). Wasser verdunstet von den feuchten Zellwänden in die Interzellularen. In den feinen Poren der Wände bilden sich gekrümmte Menisken, die einen Zug erzeugen (Tension); die Kohäsion der Wassermoleküle gibt ihn bis in die Wurzel weiter. Druckkammermessungen ergaben Xylemspannungen zwischen etwa −0,5 und −8 MPa (Scholander 1965). Reißt die Wassersäule, entstehen Gasblasen (Kavitation, Embolie); das begrenzt die Baumhöhe. Der höchste bekannte Baum, der Küstenmammutbaum „Hyperion“, maß 2019 116,07 m, ein Modell sagt eine Obergrenze von 122 bis 130 m voraus (Koch 2004). In der Wurzel versperrt der Caspary-Streifen der den Weg durch die Zellwände; Wasser und Ionen müssen durch Membranen. Aktiv aufgenommene Ionen erzeugen den Wurzeldruck, meist einige Zehntel MPa, der sich nachts als Guttation zeigt.
Spaltöffnungen. Blaues Licht aktiviert über Phototropine die Protonenpumpe (H⁺-ATPase) der Schließzellen. Die Membran wird negativer, K⁺ strömt durch Kanäle ein, Cl⁻ und Malat gleichen die Ladung aus; Ψs sinkt, Wasser folgt, der Turgor steigt. Weil die Cellulosefasern der Wand ringförmig verlaufen, krümmen sich die Zellen, und der Spalt öffnet sich. Bei Wassermangel bildet die Pflanze (ABA): Ca²⁺ steigt, Anionenkanäle öffnen, K⁺ strömt aus, der Spalt schließt sich. Jede Öffnung ist ein Kompromiss zwischen CO₂-Aufnahme und Wasserverlust (C4- und CAM-Pflanzen, Station 10). Xerophyten senken die Transpiration mit dicker Cuticula, eingesenkten Spaltöffnungen und Rollblättern; Hydrophyten versorgen untergetauchte Organe über ein Durchlüftungsgewebe (Aerenchym) mit Sauerstoff.
Phloem. Nach der Druckstromtheorie von Ernst Münch (1930) wird Saccharose in der Quelle aktiv in die Siebröhren geladen, oft über Protonen-Saccharose-Symporter der Geleitzellen. Ψs sinkt, Wasser strömt aus dem Xylem nach, der Turgor steigt. In der Senke wird Zucker entladen, Wasser tritt aus, der Druck sinkt; der Druckunterschied treibt einen Massenstrom. An der Prunkwinde wurden in der Quelle etwa 1,1 MPa und in der Senke 0,6 MPa gemessen (Knoblauch 2016). Belege: Aus angestochenen Siebröhren tritt Saft unter Druck aus; Blattläuse dienen mit ihrem Stechrüssel als Sonde. Nach einer Ringelung der Rinde staut sich Zucker oberhalb des Rings.
Hormone, Licht und Fortpflanzung. Darwin (1880) fand, dass die Spitze eines Keimlings Licht wahrnimmt, die Krümmung aber weiter unten entsteht. Boysen-Jensen (1910–1913) und Went (1926, ausführlich 1928) zeigten, dass ein wandernder Stoff die Botschaft überträgt: Auxin. Einseitiges Licht verlagert es über PIN-Transporter auf die Schattenseite, wo es die Zellwand ansäuert und lockert (Säurewachstum). Dass die Tageslänge die Blüte steuert, entdeckten Garner und Allard (1920). Gemessen wird aber die Nacht: Kurztagpflanzen blühen erst, wenn die ununterbrochene Dunkelheit eine kritische Länge überschreitet; ein Lichtblitz mitten in der Nacht verhindert das (Hamner und Bonner 1938). Gemessen wird mit Phytochrom, das zwischen einer Rotlicht absorbierenden Form (Pr, 660 nm) und einer Dunkelrot absorbierenden Form (Pfr, 730 nm) wechselt; das Blühsignal FT, das „Florigen“, wandert als Protein vom Blatt zur Sprossspitze (Corbesier 2007). Bei Blütenpflanzen verschmilzt eine Spermazelle mit der Eizelle, die zweite mit der Zentralzelle zum Nährgewebe (doppelte Befruchtung); den Generationswechsel von Moos und Farn zeigt die Vertiefung.
Wasser durch Membranen und Gefäße. Membranen quert Wasser vor allem durch Aquaporine; Arabidopsis besitzt 35 Aquaporin-Gene in vier Familien, darunter PIPs der Plasmamembran und TIPs des Tonoplasten (Quigley 2001). Phosphorylierung und pH steuern ihre Öffnung; bei Sauerstoffmangel nach Überflutung schließt die Ansäuerung des Cytosols sie und senkt die Leitfähigkeit der Wurzel. Im Xylem gilt näherungsweise Hagen-Poiseuille: Die Leitfähigkeit eines Gefäßes wächst mit der vierten Potenz des Radius. Weite Gefäße leiten viel, sind aber anfälliger für Embolien. Von 226 untersuchten Waldbaumarten arbeiten etwa 70 % mit einer hydraulischen Sicherheitsmarge unter 1 MPa (Choat 2012).
Signalwege. Viele Pflanzenhormone wirken, indem sie eine Hemmung aufheben. Auxin bindet den Rezeptor TIR1, Teil einer Ubiquitin-Ligase; Aux/IAA-Repressoren werden abgebaut, ARF-Transkriptionsfaktoren schalten Gene an. Gibberellin bindet GID1 und lässt DELLA-Repressoren abbauen; die Halbzwerg-Weizensorten der Grünen Revolution tragen DELLA-Varianten (Rht), die nicht mehr abgebaut werden (Peng 1999). Abscisinsäure bindet PYR/PYL-Rezeptoren, die Phosphatasen vom Typ PP2C hemmen; freigesetzte SnRK2-Kinasen aktivieren den Anionenkanal SLAC1 der Schließzellen.
Generationswechsel und Hormone
Wie Moos, Farn und Samenpflanze zwischen haploider und diploider Generation wechseln, und was die fünf klassischen Pflanzenhormone bewirken.Zwei Generationen im Wechsel
Bei Landpflanzen wechseln zwei Generationen ab. Der Gametophyt ist haploid (n) und bildet durch Mitose Eizellen und Spermazellen. Nach der Befruchtung wächst aus der diploiden Zygote (2n) der Sporophyt; er bildet durch Meiose haploide Sporen (Station 13), aus denen wieder Gametophyten werden.
Bei Moosen ist die grüne Pflanze der Gametophyt; der Sporophyt bleibt eine Kapsel auf einem Stiel und wird von ihm ernährt. Bei Farnen ist die Farnpflanze der Sporophyt, der Gametophyt ein wenige Millimeter großer Vorkeim (Prothallium). Moose und Farne brauchen für die Befruchtung Wasser, weil die Spermazellen zur Eizelle schwimmen. Bei Samenpflanzen schrumpfen die Gametophyten auf wenige Zellen im Pollenkorn und in der Samenanlage; der Pollenschlauch bringt die Spermazellen zur Eizelle. Pollen und Samen machten die Fortpflanzung unabhängig vom Wasser.
Bei Blütenpflanzen besteht der weibliche Gametophyt meist aus sieben Zellen mit acht Kernen (Embryosack vom Polygonum-Typ), der männliche aus zwei bis drei Zellen. Die doppelte Befruchtung (Nawaschin 1898) liefert neben der Zygote das triploide Endosperm. Samenpflanzen und manche Farne sind heterospor: Sie bilden kleine Mikrosporen und große Megasporen.
Taiz et al., Plant Physiology and Development, 6. Aufl. 2015; Raven, Evert & Eichhorn, Biology of Plants; Nawaschin 1898.
Fünf Hormone im Überblick
- Auxin (Indol-3-essigsäure), gebildet in Spross- und Blattspitzen: Streckungswachstum, Foto- und Gravitropismus, Hemmung der Seitenknospen (Apikaldominanz), Wurzelbildung. Genutzt in Bewurzelungspulver; synthetische Auxine wie 2,4-D wirken als Herbizide. Signal: Rezeptor TIR1 → Abbau der Aux/IAA-Repressoren → ARF-Transkriptionsfaktoren.
- Gibberelline, entdeckt über einen Reispilz, der Reis überlang wachsen lässt (Kurosawa 1926): Sprossstreckung, Keimung (Amylase im Getreidekorn), Fruchtwachstum. Signal: Rezeptor GID1 → Abbau der DELLA-Repressoren.
- Cytokinine, erstmals 1955 als Kinetin beschrieben: Zellteilung, Austreiben von Seitenknospen, verzögerte Blattalterung. In der Gewebekultur entscheidet das Verhältnis von Auxin zu Cytokinin, ob Wurzeln oder Sprosse entstehen (Skoog und Miller 1957). Signal: Histidinkinasen → Phosphorelais → Response-Regulatoren.
- Abscisinsäure (ABA): Schließen der Spaltöffnungen bei Wassermangel, Samen- und Knospenruhe. Signal: PYR/PYL-Rezeptoren hemmen PP2C-Phosphatasen → SnRK2-Kinasen aktivieren den Anionenkanal SLAC1.
- Ethylen (Ethen, ein Gas): Fruchtreife, Blatt- und Blütenfall, Dreifachreaktion von Keimlingen im Dunkeln. Bananen werden in Reifekammern mit Ethylen nachgereift. Signal: Rezeptor ETR1 am endoplasmatischen Retikulum; Ethylen schaltet die Kinase CTR1 ab.
Hormone wirken in sehr geringen Konzentrationen, oft fern vom Bildungsort, und ihre Wirkung hängt von Gewebe und Zusammenspiel ab: Dieselbe Auxinmenge, die einen Spross strecken lässt, hemmt das Wachstum einer Wurzel.
Auxin, Gibberellin und Jasmonat folgen demselben Muster: Das Hormon verbindet einen Repressor mit einer SCF-Ubiquitin-Ligase und lässt ihn im Proteasom abbauen. Cytokinine nutzen ein Phosphorelais, wie es Bakterien als Zweikomponentensystem kennen.
Taiz et al. 2015; Skoog & Miller 1957, Symp Soc Exp Biol 11:118; Peng et al. 1999, Nature 400:256.
Moose, Farne und Samenpflanzen
Moose und Farne bilden keine Blüten und keine Samen. Sie vermehren sich mit Sporen, winzigen Zellen, die der Wind verbreitet. Für die Befruchtung brauchen sie Wasser, etwa Regen oder Tau, denn die männlichen Keimzellen schwimmen zur Eizelle. Deshalb wachsen sie oft an feuchten, schattigen Orten. Bei Samenpflanzen tragen Wind oder Tiere den Pollen, Wasser ist dafür nicht nötig.
Bei Moosen und Farnen wechseln zwei Generationen ab: Eine bildet Keimzellen (Eizellen und Spermazellen), die andere bildet Sporen. Beim Moos ist die grüne Pflanze die Generation mit den Keimzellen; die Sporenkapsel auf dem Stiel ist die zweite Generation. Beim Farn ist die große Farnpflanze die Sporen bildende Generation, ihre Sporen sitzen in Häufchen an der Blattunterseite. Aus einer Spore wächst ein kleiner Vorkeim, auf dem die Keimzellen entstehen. Für die Befruchtung ist ein Wasserfilm nötig, in dem die Spermazellen zur Eizelle schwimmen. Bei Samenpflanzen übernehmen Pollenkorn und Pollenschlauch diese Aufgabe.
Die ausführliche Vertiefung mit Grafiken gibt es ab dem Niveau Oberstufe.
Station 20 von 43
Tiere
Was haben Qualle, Regenwurm, Biene und Mensch gemeinsam, und wie lösen Tiere dieselben Aufgaben auf verschiedene Weise?
Das lernst du hier
- Merkmale nennen, die alle Tiere gemeinsam haben
- wirbellose Tiergruppen und die fünf Wirbeltierklassen an Beispielen unterscheiden
- vergleichen, wie Tiere atmen, sich stützen und ihre Körpertemperatur halten
- Baupläne nach Symmetrie, Skelett, Atmungsorgan und Kreislauf vergleichen
- die großen Tierstämme mit Merkmalen und Beispielen beschreiben
- wechselwarme und gleichwarme Tiere vergleichen
- begründen, warum Vögel im Stammbaum zu den Reptilien gehören
- Baupläne nach Keimblättern, Leibeshöhle und Urmundschicksal einordnen
- einen Stammbaum der Tierstämme lesen und Merkmale als abgeleitete Merkmale deuten
- das Gegenstromprinzip der Kiemen und die Leistung verschiedener Atmungsorgane erklären
- monophyletische und paraphyletische Gruppen am Beispiel der Wirbeltiere unterscheiden
Tiere bestehen aus vielen Zellen. Anders als Pflanzen können sie ihre Nahrung nicht selbst herstellen; sie fressen Pflanzen, andere Tiere oder deren Reste. Die meisten Tiere bewegen sich mit Muskeln und nehmen ihre Umwelt mit Nerven und Sinnesorganen wahr. Schwämme haben weder Nerven noch Muskeln und gehören trotzdem zu den Tieren.
Bekannt sind über 1,5 Millionen Tierarten (Zählung von 2013). Rund eine Million davon sind Insekten, also etwa zwei von drei Arten. Die Wirbeltiere, zu denen auch wir gehören, machen nur etwa 5 % aus. Forscher schätzen, dass es noch viel mehr Tierarten gibt als bisher beschrieben, rund 7,8 Millionen (Schätzung von 2011).
Tiere ohne Wirbelsäule nennt man Wirbellose. Dazu gehören Schwämme, Nesseltiere wie Quallen, verschiedene Würmer, Weichtiere wie Schnecken und Muscheln, Gliederfüßer wie Insekten, Spinnen und Krebse sowie Stachelhäuter wie der Seestern. Wirbeltiere haben ein Innenskelett mit Wirbelsäule. Es gibt fünf Klassen: Fische, Amphibien, Reptilien, Vögel und Säugetiere.
Alle Tiere müssen atmen, sich stützen und fortbewegen, und sie lösen diese Aufgaben verschieden. Der Regenwurm atmet über seine feuchte Haut, Fische atmen mit Kiemen, Insekten durch feine Luftröhrchen, die , Vögel und Säugetiere mit Lungen. Insekten tragen ihr Skelett außen als Panzer, wir tragen es innen. Vögel und Säugetiere halten ihre Körpertemperatur gleich (), Eidechsen und Fische nehmen die Temperatur der Umgebung an (). Wie dein eigener Körper atmet und das Blut pumpt, zeigt Kapitel E ab Station 22.
Vögel stammen von Dinosauriern ab. Ihre nächsten heute lebenden Verwandten sind die Krokodile. Deshalb zählen Biologen die Vögel heute zur Verwandtschaft der Reptilien.
Tiere sind vielzellige, heterotrophe Lebewesen: Sie nehmen energiereiche Stoffe mit der Nahrung auf. Ihre Zellen haben keine Zellwand und werden von Eiweißfasern wie Kollagen zusammengehalten. Baupläne unterscheiden sich in der Symmetrie: Schwämme haben keine feste Form, Nesseltiere sind radiärsymmetrisch wie ein Rad, die meisten Tiere mit Vorder- und Hinterende, Bauch- und Rückenseite. Nesseltiere entwickeln sich aus zwei , zweiseitige Tiere aus dreien.
Die großen Stämme sind Schwämme, Nesseltiere (Quallen, Korallen), Plattwürmer (Planarie, Bandwurm), Weichtiere (Schnecken, Muscheln, Tintenfische), Ringelwürmer (Regenwurm), Fadenwürmer, Gliederfüßer (Insekten, Spinnentiere, Krebse, Tausendfüßer), Stachelhäuter (Seestern, Seeigel) und Chordatiere, zu denen die Wirbeltiere gehören. Rund eine Million der über 1,5 Millionen beschriebenen Tierarten sind Insekten (Stork 2018).
Atmung und Kreislauf hängen zusammen. Kleine oder flache Tiere versorgen ihre Zellen durch Diffusion über die Haut. Größere brauchen große Austauschflächen: Kiemen im Wasser, Lungen an Land. Insekten leiten Luft in Tracheen direkt zu den Zellen; ihr Blut transportiert kaum Sauerstoff und fließt im offenen Kreislauf frei um die Organe. Regenwürmer, Tintenfische und Wirbeltiere haben einen geschlossenen Kreislauf mit Gefäßen. Das Herz der Fische hat eine Kammer, das von Vögeln und Säugetieren zwei getrennte Hälften für Lungen- und Körperkreislauf. Herz, Lunge und Kreislauf des Menschen erklärt Station 26.
Den Körper stützt ein Hydroskelett (Flüssigkeitsdruck beim Regenwurm), ein Außenskelett (Chitinpanzer der Gliederfüßer, die sich zum Wachsen häuten) oder ein Innenskelett aus Knochen und Knorpel. Gleichwarme Tiere halten ihre Temperatur mit Wärme aus dem Stoffwechsel konstant und brauchen dafür ein Mehrfaches an Nahrung; wechselwarme Tiere nutzen Sonne und Schatten.
Süßwasserpolypen vermehren sich auch durch Knospung, Blattläuse im Sommer ohne Männchen (Jungfernzeugung), die meisten Tiere geschlechtlich. Viele Wassertiere befruchten außen, Landtiere innen. Reptilien, Vögel und Säugetiere sind : Ihr Embryo wächst in einer flüssigkeitsgefüllten Hülle, unabhängig vom Wasser. Im Stammbaum gehören die Vögel zu den Reptilien; ihre nächsten Verwandten sind die Krokodile.
Tiere (Metazoa) sind vielzellig und heterotroph; ihre Zellen sind durch eine kollagenhaltige Matrix und Zellkontakte verbunden, die Entwicklung verläuft über eine Blastula. Die nächsten einzelligen Verwandten sind die Kragengeißeltierchen (Choanoflagellaten). Beschrieben sind über 1,5 Millionen lebende Arten, geschätzt werden rund 7,8 Millionen (Mora 2011); bei den Insekten stehen rund 1 Million beschriebenen etwa 5,5 Millionen geschätzte gegenüber (Stork 2018). Je nach System unterscheidet man 30 bis 40 Stämme; Zhang (2013) zählt 40. Den Körper des Menschen behandelt Kapitel E ab Station 22.
Baupläne. Nesseltiere sind diploblastisch (Ektoderm, Entoderm), die übrigen Gewebetiere triploblastisch: Das Mesoderm bildet Muskulatur, Bindegewebe und bei vielen Gruppen die Wand einer sekundären Leibeshöhle, des . Plattwürmer haben keine Leibeshöhle, Fadenwürmer eine primäre. Nach dem Schicksal des Urmunds unterscheidet man (Grobben 1908). Molekulare Stammbäume bestätigen beide Gruppen und teilen die Urmünder in Spiralia (Plattwürmer, Weichtiere, Ringelwürmer) und Häutungstiere (Fadenwürmer, Gliederfüßer; Aguinaldo 1997). Segmente entstanden demnach mehrfach, und der Typ der Leibeshöhle ist kein verlässliches Verwandtschaftsmerkmal.
Atmung. Der Gasaustausch folgt dem Fick'schen Diffusionsgesetz: Er wächst mit Fläche und Konzentrationsunterschied und sinkt mit der Diffusionsstrecke. Luftgesättigtes Süßwasser enthält bei 10 °C rund 8 ml Sauerstoff je Liter (11,3 mg), Luft rund 210 ml. Fischkiemen nutzen das : Blut und Wasser fließen entgegengesetzt, das Blut trifft auf der ganzen Länge auf sauerstoffreicheres Wasser, und so werden über 80 % des Sauerstoffs entnommen; im Gleichstrom wäre es höchstens die Hälfte. Vogellungen werden dank Luftsäcken in einer Richtung durchströmt. Tracheen bringen Luft bis an die Zellen, deshalb genügt Insekten ein offener Kreislauf.
Temperatur. Ektotherme Tiere beziehen ihre Wärme aus der Umgebung und regulieren über ihr Verhalten (Sonnenbaden, Schatten); ihr Stoffwechsel steigt nach der RGT-Regel (Reaktionsgeschwindigkeit-Temperatur-Regel) etwa auf das Zwei- bis Dreifache je 10 °C (Station 6). Endotherme Vögel und Säugetiere erzeugen Wärme im Stoffwechsel, isolieren mit Federn oder Haaren und benötigen ein Mehrfaches an Energie. Die Endothermie entstand in beiden Gruppen unabhängig; Thunfische und manche Haie halten Teile ihres Körpers warm, der Gotteslachs (Opah) den ganzen Körper (Wegner 2015).
Kladistik. Eine monophyletische Gruppe umfasst einen Vorfahren und alle seine Nachfahren. „Reptilien“ ohne Vögel sind , weil die Vögel aus Dinosauriern hervorgingen und mit den Krokodilen die Archosaurier bilden. Ebenso paraphyletisch sind die „Fische“: Lungenfische sind mit den Landwirbeltieren näher verwandt als mit dem Karpfen. Die fünf klassischen Wirbeltierklassen beschreiben Organisationsstufen, keine vollständigen Abstammungsgemeinschaften.
Baupläne und Gene. Hox-Gene legen entlang der Körperachse fest, welche Strukturen entstehen; ihre Reihenfolge im Gencluster entspricht der Reihenfolge der Ausprägung (Kolinearität). Manche Steuergene sind über Stämme hinweg austauschbar: Das Pax6-Gen der Maus löst in der Taufliege zusätzliche Komplexaugen aus (Halder 1995). Umstritten ist, ob Schwämme oder Rippenquallen als Erste abzweigten; konservierte Genkopplungen sprechen für die Rippenquallen (Schultz 2023). Dann wären Nervenzellen bei Schwämmen verloren gegangen oder zweimal entstanden.
Größe und Stoffwechsel. Der Grundumsatz wächst nicht proportional zur Körpermasse M, sondern etwa mit M0,75 (Kleiber 1932); je Gramm setzt eine Maus deshalb weit mehr Energie um als ein Elefant. Das Verhältnis von Oberfläche zu Volumen sinkt mit der Größe; Diffusion allein reicht deshalb nur für kleine oder flache Tiere.
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Die Herkunft des Menschen
Woher kommen wir, und was verraten Fossilien und altes Erbgut über unsere Vorfahren und Verwandten?
Das lernst du hier
- erklären, dass Mensch und Schimpanse gemeinsame Vorfahren haben
- wichtige Vorfahren und Verwandte des Menschen auf einer Zeitleiste einordnen
- beschreiben, wie sich aufrechter Gang, Gehirn, Werkzeuge und Feuernutzung entwickelten
- die Stellung des Menschen unter den Primaten und die Trennung von der Schimpansenlinie einordnen
- Homininen-Arten nach Zeit, Fundort und Merkmalen vergleichen
- die Ausbreitung des Homo sapiens und die Vermischung mit Neandertalern beschreiben
- begründen, warum sich Menschen biologisch nicht in Rassen einteilen lassen
- Datierungen von Fossilien mit ihren Unsicherheiten bewerten
- die Evolution des Menschen als verzweigten Busch beschreiben
- Befunde der Paläogenetik zu Vermischung und Denisova-Menschen erklären
- jüngere Anpassungen und die Verteilung genetischer Vielfalt auswerten
Datierungen ändern sich mit neuen Funden und Methoden. Balken zeigen den Zeitraum der bekannten Funde, nicht die gesamte Lebenszeit einer Art.
Der Mensch gehört zu den , wie Affen und Menschenaffen. Unsere nächsten heute lebenden Verwandten sind Schimpanse und Bonobo. Mensch und Schimpanse haben gemeinsame Vorfahren, die vor etwa 6 bis 7 Millionen Jahren in Afrika lebten; Schätzungen reichen von 5,5 bis über 9 Millionen Jahren. Seitdem haben sich beide Linien getrennt weiterentwickelt.
Fossilien zeigen viele Arten auf dem Weg zu uns. Bekannt ist „Lucy“, ein Skelett, das 1974 in Äthiopien gefunden wurde und 3,2 Millionen Jahre alt ist. Lucy ging schon aufrecht auf zwei Beinen, hatte aber ein Gehirn kaum größer als das eines Schimpansen. Erst später wurde das Gehirn größer; im Lauf der Menschwerdung hat es sich etwa verdreifacht.
Die ältesten Steinwerkzeuge sind etwa 3,3 Millionen Jahre alt. Feuer nutzten Menschen sicher seit rund einer Million Jahren. Mit Feuer konnten sie kochen, sich wärmen und Raubtiere fernhalten.
Unsere Art, Homo sapiens, entstand in Afrika vor rund 300 000 Jahren. Vor etwa 70 000 bis 50 000 Jahren breitete sie sich über die Welt aus. Dabei traf sie auf andere Menschenarten wie den Neandertaler und bekam mit ihnen Kinder. Deshalb tragen Menschen außerhalb Afrikas heute etwa 2 % Neandertaler-Erbgut. Herausgefunden hat das der Forscher Svante Pääbo, der dafür 2022 den Nobelpreis bekam.
Alle heutigen Menschen sind sehr eng verwandt: Zwei Menschen unterscheiden sich nur in etwa jedem tausendsten Baustein ihres Erbguts. Die meisten Unterschiede gibt es in Afrika, wo Menschen am längsten leben. Die Hautfarbe passte sich an die Stärke der Sonne an und sagt wenig über Verwandtschaft aus.
Der Mensch gehört zu den Menschenaffen; seine Linie, die , trennte sich nach genetischen Schätzungen vor etwa 5,5 bis 9,3 Millionen Jahren von der des Schimpansen (Moorjani 2016; Yoo 2025). Der älteste mögliche Hominine, Sahelanthropus aus dem Tschad, ist rund 7 Millionen Jahre alt (7,2 bis 6,8 Millionen). Mensch und Schimpanse unterscheiden sich in etwa 1,2 % der Basenpaare (Station 16).
zeigt sich am Skelett: Das Hinterhauptsloch sitzt unter dem Schädel, die Wirbelsäule ist S-förmig, das Becken kurz und breit, der Fuß hat ein Gewölbe und einen großen Zeh in Reihe. Ardipithecus (4,4 Millionen Jahre) konnte mit dem großen Zeh noch greifen; Australopithecus afarensis mit „Lucy“ ging aufrecht, wie Fußspuren von Laetoli (rund 3,6 Millionen Jahre) zeigen. Paranthropus mit riesigen Backenzähnen war ein Seitenzweig.
Der älteste Fund der Gattung Homo ist ein rund 2,8 Millionen Jahre alter Unterkiefer aus Ledi-Geraru (Äthiopien; Villmoare 2015), Homo habilis ist ab etwa 2,4 Millionen Jahren belegt. Homo erectus hatte schon fast unsere Körperform, verließ als erste sicher bekannte Menschenart Afrika (Dmanisi, Georgien, 1,85 bis 1,78 Millionen Jahre; rund 2,1 Millionen Jahre alte Steinwerkzeuge aus China stammen von einem unbekannten Hersteller) und stellte her. Feuer ist sicher seit rund einer Million Jahren belegt (Wonderwerk-Höhle), Kochen seit etwa 780 000 Jahren (Gesher Benot Ya'aqov).
Homo sapiens ist etwa 315 000 Jahre alt (Jebel Irhoud, Marokko). Die Hauptwelle der Ausbreitung verließ Afrika vor 70 000 bis 50 000 Jahren. Außerhalb Afrikas trafen moderne Menschen auf Neandertaler und und vermischten sich mit ihnen. Svante Pääbo, der dies mit nachwies, erhielt 2022 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin.
Jüngere Anpassungen: Hautfarbe folgt der UV-Strahlung, und die Fähigkeit, als Erwachsener Milchzucker zu verdauen (), ist in Nord- und Mitteleuropa bei 80 bis 100 % verbreitet, in Ostasien bei höchstens 5 %. Rund 85 % der genetischen Vielfalt finden sich innerhalb einer Bevölkerung (Lewontin 1972), am meisten in Afrika. Die Übergänge zwischen Regionen sind fließend; biologische Rassen lassen sich nicht abgrenzen.
Stellung und Trennung. Zoologisch ist der Mensch ein Menschenaffe (Hominidae); mit Schimpanse und Bonobo teilt er den jüngsten gemeinsamen Vorfahren. Genetische Datierungen der Trennung hängen von Mutationsrate und Generationszeit ab: 9,3 bis 6,5 Millionen Jahre (Moorjani 2016), 6,3 bis 5,5 Millionen Jahre nach vollständigen Affengenomen (Yoo 2025). Sahelanthropus wird auf 7,2 bis 6,8 Millionen Jahre datiert (Lebatard 2008); ob er aufrecht ging und überhaupt zu den gehört, ist umstritten (Macchiarelli 2020 dagegen, Daver 2022 dafür). Die Spannung zwischen Fossil- und Genomdaten ist ungelöst.
Busch statt Leiter. Vor 2 Millionen Jahren lebten in Ostafrika Paranthropus, frühe Homo-Arten und Homo erectus nebeneinander, vor 50 000 Jahren Homo sapiens, Neandertaler, Denisova-Menschen und Homo floresiensis. Das Gehirnvolumen wuchs nicht gleichmäßig: von 300 bis 350 cm³ bei Ardipithecus über 546 bis 1251 cm³ bei Homo erectus bis zu Mittelwerten von 1460 (Frauen) und 1640 cm³ (Männer) bei Neandertalern; Homo sapiens liegt heute im Mittel bei etwa 1300 cm³. Homo naledi (335 000 bis 236 000 Jahre) und Homo floresiensis hatten noch spät kleine Gehirne. Datiert wird über Vulkanaschen (Argon-Argon), Uran-Thorium, Elektronenspinresonanz, Thermolumineszenz und bis etwa 50 000 Jahre über Radiokohlenstoff; jedes Alter trägt einen Fehlerbereich.
Werkzeuge und Feuer. Die ältesten Steinwerkzeuge aus Lomekwi (3,3 Millionen Jahre, Harmand 2015) sind älter als die Gattung Homo. Oldowan-Geräte erscheinen spätestens vor 2,6 Millionen Jahren (Nyayanga, Kenia: 2,6 bis 3,0 Millionen Jahre; Plummer 2023), Faustkeile des Acheuléen vor etwa 1,76 Millionen Jahren. Kontrollierte Feuernutzung ist in der Wonderwerk-Höhle vor rund einer Million Jahren belegt, regelmäßige Nutzung in der Qesem-Höhle ab etwa 400 000 Jahren. Neu und noch diskutiert: In Barnham (England) wurde für etwa 400 000 Jahre altes Feuermachen mit Pyrit beschrieben (2025). Die Holzspeere von Schöningen wurden auf 337 000 bis 300 000 Jahre datiert (Richter 2015), eine neue Analyse ergab rund 200 000 Jahre (Hutson 2025).
Paläogenetik. Svante Pääbo erhielt den Nobelpreis 2022 „für seine Entdeckungen zu den Genomen ausgestorbener Homininen und zur menschlichen Evolution“. Nach dem Neandertaler-Genom (2010) tragen Menschen außerhalb Afrikas 1,8 bis 2,6 % Neandertaler-DNA, Ostasiaten etwas mehr als Westeurasier (Prüfer 2017); in Afrika finden sich etwa 0,3 %, vor allem durch Rückwanderung (Chen 2020). Den Denisova-Menschen entdeckte man 2010 allein über das Genom eines Fingerknochens; Menschen in Ozeanien tragen je nach Studie etwa 2 bis 5 % Denisova-DNA. Eine Denisova-Variante des Gens EPAS1 hilft Tibetern in großer Höhe (). Neu (2025): Der Schädel von Harbin wurde über Proteine und mitochondriale DNA als Denisova-Mensch erkannt.
Jüngere Anpassung und Vielfalt. Das Allel für hellere Haut im Gen SLC24A5 war bei den frühen Bauern Anatoliens vor über 8000 Jahren schon fast fixiert und kam mit dem Ackerbau nach Europa; die helle Variante von SLC45A2 war in diesen alten Bevölkerungen noch viel seltener als heute (Mathieson 2015); in Ostasien entstand hellere Haut unabhängig. Nach der Vitamin-D-Folsäure-Hypothese gleicht die Pigmentierung Schutz vor UV-Strahlung und Vitamin-D-Bildung aus (Jablonski und Chaplin 2000). Das europäische Laktase-Allel −13910*T ist in Mitteleuropa erst ab 2450 bis 2140 v. Chr. nachweisbar (Mathieson 2015); in Ostafrika entstanden unabhängig andere Allele. Genetische Vielfalt nimmt mit der Entfernung von Afrika ab (); der Fixierungsindex FST, der Anteil der Variation zwischen Bevölkerungen, beträgt beim Menschen etwa 0,15. Weil die Variation überwiegend kontinuierlich und innerhalb von Gruppen liegt, gibt es keine biologisch abgrenzbaren Menschenrassen; die Jenaer Erklärung (2019) nennt das Konzept der Rasse „das Ergebnis von Rassismus und nicht dessen Voraussetzung“.
Methoden der Paläogenetik. Alte DNA ist in kurze Stücke zerfallen; desaminiertes Cytosin wird als Thymin gelesen, sodass sich an den Fragmentenden C→T-Fehler häufen. Dieses Schadensmuster unterscheidet echte alte DNA von heutiger Verunreinigung. Genfluss weist man mit der D-Statistik nach: Bei Stellen, an denen sich zwei heutige Gruppen unterscheiden, teilt die eine Gruppe die abgeleitete Variante öfter mit dem Neandertaler als die andere. Die Länge der Neandertaler-Abschnitte im Genom nimmt durch Rekombination mit jeder Generation ab; daraus lässt sich die Zeit der Vermischung schätzen, für Neandertaler nach einer frühen Arbeit vor 47 000 bis 65 000 Jahren (Sankararaman 2012), nach neueren Genomen alter und heutiger Menschen vor etwa 50 500 bis 43 500 Jahren (Iasi 2024; Sümer 2024), für Denisova-Menschen vor 44 000 bis 54 000 Jahren (Sankararaman 2016).
Kapitel E · Stationen 22 bis 32
Der menschliche Körper
Nerven und Hormone steuern den Körper, die Sinne liefern ihm Informationen. Herz, Lunge, Darm, Leber und Niere versorgen jede Zelle und entsorgen, was übrig bleibt, das Immunsystem schützt vor Erregern. Die letzten Stationen folgen dem Lebenslauf von der Befruchtung bis zum Altern.
Schaubild: Steuerung, Versorgung, Schutz und Lebenslauf. Antippen springt zur Station.
Station 22 von 43
Nervenzelle und Synapse
Wie entsteht in einer Nervenzelle ein elektrisches Signal, und wie gelangt es zur nächsten Zelle?
Das lernst du hier
- die Teile einer Nervenzelle und ihre Aufgaben beschreiben
- erklären, wie ein elektrisches Signal entsteht und durch die Nervenzelle läuft
- beschreiben, wie Botenstoffe an der Synapse ein Signal weitergeben
- Ruhe- und Aktionspotenzial mit den Bewegungen von Na⁺- und K⁺-Ionen erklären
- kontinuierliche und saltatorische Erregungsleitung vergleichen
- die Vorgänge an einer erregenden und an einer hemmenden Synapse beschreiben
- das Ruhepotenzial mit der Nernst-Gleichung und der Goldman-Gleichung quantitativ begründen
- Phasen, Refraktärzeit und Frequenzcodierung des Aktionspotenzials auf spannungsgesteuerte Kanäle zurückführen
- synaptische Integration und die Wirkprinzipien von Synapsengiften und Arzneistoffen erklären
Wenn du eine heiße Herdplatte berührst, ziehst du die Hand weg, bevor du über den Schmerz nachdenkst. Dafür sorgen Nervenzellen, auch Neurone genannt. Allein in deinem Gehirn arbeiten rund 86 Milliarden davon. Eine Nervenzelle hat viele kurze, verzweigte Fortsätze, die . Sie nehmen Signale auf, ähnlich wie Antennen. Im Zellkörper liegt der Zellkern. Von dort führt ein langer Fortsatz weg, das . Es leitet das Signal weiter, manchmal fast einen Meter weit, vom Rückenmark bis in den Fuß. Viele Axone sind von einer fettreichen Hülle umwickelt, der . Sie stammt von Helferzellen, den .
Das Signal ist elektrisch. An der Zellhülle herrscht eine kleine Spannung von etwa 0,07 Volt, innen ist es negativ. Eine kleine Batterie mit 1,5 Volt hat rund zwanzigmal so viel. Die Spannung entsteht, weil innen viele Kalium-Teilchen und außen viele Natrium-Teilchen gelöst sind. Diese Teilchen sind elektrisch geladen und heißen Ionen. Eine Pumpe in der Zellhülle hält den Unterschied aufrecht (Station 5).
Wird die Nervenzelle gereizt, öffnen sich winzige Tore in der Hülle. Natrium strömt hinein, und für weniger als eine tausendstel Sekunde wird das Innere positiv. Das ist das . Gleich danach strömt Kalium hinaus, und die Spannung kehrt zurück. Ein Aktionspotenzial entsteht ganz oder gar nicht; ein stärkerer Reiz macht es kaum höher. Ein starker Reiz löst mehr Aktionspotenziale pro Sekunde aus. Folgen sie sehr dicht aufeinander, werden sie sogar etwas kleiner, weil sich die Natrium-Tore nicht ganz erholen.
Das Aktionspotenzial wandert das Axon entlang wie die La-Ola-Welle durch ein Stadion: Jede Stelle reizt die nächste. Ohne Myelin geht das etwa so schnell, wie du gehst, rund einen Meter pro Sekunde. Mit Myelin springt das Signal von Lücke zu Lücke und erreicht bis zu 120 Meter pro Sekunde, über 400 km/h. Bei der Krankheit Multiple Sklerose greift die körpereigene Abwehr das Myelin in Gehirn und Rückenmark an. Signale kommen dann verlangsamt oder gar nicht an.
Am Ende des Axons liegt die , die Verbindung zur nächsten Zelle. Dazwischen bleibt ein Spalt, schmaler als ein Tausendstel der Dicke eines Haares. Das elektrische Signal kann ihn nicht überspringen. Stattdessen gibt das Endknöpfchen Botenstoffe ab, die . Sie wandern über den Spalt und passen auf der anderen Seite in Andockstellen, die , wie ein Schlüssel ins Schloss. Dann entsteht in der nächsten Zelle ein neues Signal. Danach wird der Botenstoff abgebaut oder wieder aufgenommen. Manche Gifte wirken genau hier: Das Pfeilgift Curare besetzt die Andockstellen an den Muskeln, ohne sie zu öffnen, und die Muskeln erschlaffen.
Nervenzellen (Neurone) empfangen Signale mit den und dem Zellkörper (Soma) und leiten sie über das weiter. Am Ursprung des Axons liegt der Axonhügel; dort entscheidet sich, ob ein Signal weitergegeben wird. Viele Axone sind von einer umgeben, die im Gehirn von Oligodendrozyten und in den Nerven des Körpers von Schwann-Zellen gebildet wird. Zwischen den Myelinabschnitten liegen die . Die Endknöpfchen bilden mit anderen Zellen Synapsen. Im Gehirn kommen auf rund 86 Milliarden Nervenzellen etwa ebenso viele andere Zellen, die meisten davon .
In Ruhe ist das Zellinnere gegenüber außen negativ: Das beträgt etwa −70 mV. Innen ist die Konzentration der Kalium-Ionen (K⁺) rund dreißigmal so hoch wie außen, außen die der Natrium-Ionen (Na⁺) mehr als zehnmal so hoch wie innen. Die Na⁺/K⁺-Pumpe hält diese Unterschiede unter ATP-Verbrauch aufrecht (Station 5). In Ruhe sind vor allem K⁺-Kanäle offen. K⁺ strömt dem Konzentrationsgefälle folgend hinaus, negativ geladene Eiweiße bleiben zurück. Die Innenseite lädt sich negativ auf, bis die elektrische Anziehung den weiteren Ausstrom bremst.
Erreicht eine Depolarisation am Axonhügel die Schwelle (etwa −55 mV), öffnen sich spannungsgesteuerte Na⁺-Kanäle. Na⁺ strömt ein, die Spannung steigt auf etwa +30 mV. Nach weniger als einer Millisekunde schließen sich die Na⁺-Kanäle wieder (sie inaktivieren), und spannungsgesteuerte K⁺-Kanäle öffnen sich. K⁺ strömt aus, die Membran repolarisiert und wird kurz sogar negativer als in Ruhe (Hyperpolarisation). Das folgt dem Alles-oder-nichts-Prinzip und dauert 1–2 ms. In der danach entsteht kein neues oder nur bei stärkerem Reiz. Die Reizstärke steckt deshalb in der Frequenz der Aktionspotenziale.
Ein Aktionspotenzial depolarisiert die benachbarte Membran über die Schwelle und pflanzt sich so fort. Rückwärts läuft es nicht, weil die Stelle dahinter refraktär ist. In marklosen Fasern geschieht das Stück für Stück (kontinuierliche Erregungsleitung, etwa 0,5–2,5 m/s). In myelinisierten Fasern entsteht das Aktionspotenzial nur an den Schnürringen und springt von Ring zu Ring (saltatorische Erregungsleitung, bis 120 m/s). Bei Multipler Sklerose (MS) zerstört das Immunsystem Myelin in Gehirn und Rückenmark; die Leitung wird langsamer oder fällt aus. Nach Angaben der Internationalen MS-Föderation von 2026 leben weltweit etwa 3,1 Millionen Menschen mit MS, in Deutschland nach der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft mehr als 280 000.
An der chemischen öffnet das ankommende Aktionspotenzial Calciumkanäle. Ca²⁺ strömt ein, Vesikel verschmelzen mit der Membran (Exocytose) und schütten den in den 20–40 nm breiten synaptischen Spalt. Er bindet an der Empfängerzelle, und Ionenkanäle öffnen sich. Strömt Na⁺ ein, entsteht ein erregendes postsynaptisches Potenzial (), strömt Cl⁻ ein, ein hemmendes (IPSP). Am Axonhügel addieren sich alle EPSP und IPSP (Summation); nur wenn die Schwelle erreicht wird, entsteht ein neues Aktionspotenzial. Danach spaltet ein Enzym den Transmitter (die Acetylcholinesterase spaltet Acetylcholin), oder Transporter nehmen ihn wieder auf. Wichtige Transmitter sind Acetylcholin (Nerv-Muskel-Verbindung), Glutamat (meist erregend), GABA (γ-Aminobuttersäure, meist hemmend), Dopamin, Serotonin und Noradrenalin. Elektrische Synapsen verbinden Zellen dagegen direkt über Kanalproteine und leiten fast ohne Verzögerung.
Typische Konzentrationen in mmol/l (innen / außen): K⁺ 137–140 / 4–5, Na⁺ 9–14 / 140–142, Cl⁻ 5–8 / 103–115, freies Ca²⁺ 0,0001 / 1,1–1,3 (Lehrbuchwerte; sie schwanken je nach Zelltyp und Quelle). Für ein Ion, für das die Membran allein durchlässig wäre, gibt die Nernst-Gleichung das Gleichgewichtspotenzial an: E = (RT/zF) · ln(caußen/cinnen), bei 37 °C E = (61,5 mV/z) · log₁₀(caußen/cinnen). Daraus folgen EK ≈ −90 mV und ENa ≈ +60 bis +70 mV. Das (meist −60 bis −70 mV) liegt nahe EK, weil in Ruhe vor allem K⁺-Leckkanäle offen sind; ein kleiner Na⁺-Einstrom verschiebt es zu positiveren Werten. Die Na⁺/K⁺-ATPase ist elektrogen, trägt direkt aber nur wenig zum Ruhepotenzial bei; ihre Aufgabe ist, die Gradienten zu erhalten (Station 5).
Das beruht auf zwei Eigenschaften spannungsgesteuerter Na⁺-Kanäle: Sie öffnen bei Depolarisation rasch (Aktivierung) und schließen danach von selbst (Inaktivierung). Oberhalb der Schwelle verstärkt sich der Na⁺-Einstrom selbst, denn Depolarisation öffnet Kanäle, und der Einstrom depolarisiert weiter (positive Rückkopplung). Die Spannung nähert sich ENa, erreicht es aber nicht, weil die Inaktivierung einsetzt und verzögert öffnende K⁺-Kanäle repolarisieren; die Nachhyperpolarisation nähert sich EK. In der absoluten sind zu viele Na⁺-Kanäle inaktiviert, in der relativen ist ein stärkerer Reiz nötig. Das begrenzt die Höchstfrequenz und erzwingt die Frequenzcodierung. Ausgelöst wird das Aktionspotenzial meist am Axoninitialsegment hinter dem Axonhügel, wo besonders viele Na⁺-Kanäle sitzen.
Für die Fortleitung depolarisieren lokale Ströme die Nachbarmembran. Wie weit sie reichen, bestimmen Membran- und Innenwiderstand (Kabeleigenschaften). Dicke Axone leiten schneller, weil ihr Innenwiderstand kleiner ist; Tintenfische nutzen dafür Riesenaxone. Wirbeltiere nutzen Myelin: Es erhöht den Membranwiderstand und senkt die Membrankapazität, sodass der Strom bis zum nächsten reicht, wo dicht gepackte Na⁺-Kanäle das Signal neu erzeugen. Ionen fließen nur dort; das spart Platz und Pumparbeit. Marklose C-Fasern leiten mit 0,5–2,5 m/s, dick myelinisierte Aα-Fasern mit 70–120 m/s. Bei Multipler Sklerose greifen Immunzellen das Myelin des Zentralnervensystems an (Station 30); entmarkte Abschnitte leiten verlangsamt, blockieren oder erzeugen Fehlsignale. 2015 war bei 0,32 % der gesetzlich Versicherten in Deutschland eine MS diagnostiziert, bei Frauen etwa 2,5-mal so häufig wie bei Männern.
An der öffnet die Depolarisation spannungsgesteuerte Ca²⁺-Kanäle. Ca²⁺ bindet an den Sensor Synaptotagmin; SNARE-Proteine ziehen Vesikel- und Zellmembran zusammen, und die Vesikel verschmelzen (Calcium-Modul in Station 5). Transmitter wird in Paketen frei, je ein Quant pro Vesikel. Vom Aktionspotenzial bis zur Antwort der Empfängerzelle vergehen etwa 0,5–1 ms (synaptische Verzögerung). Ionotrope sind ligandengesteuerte Kanäle und antworten in Millisekunden (nikotinischer Acetylcholinrezeptor, AMPA- und NMDA-Rezeptor für Glutamat, GABAA- und Glycinrezeptor). Metabotrope Rezeptoren wirken über G-Proteine langsamer und länger (muskarinische Acetylcholin-, Dopamin-, die meisten Serotonin- und alle Adrenozeptoren). Ein entsteht durch Kationeneinstrom, ein IPSP meist durch Cl⁻-Einstrom oder K⁺-Ausstrom. Ein einzelnes EPSP an einem Motoneuron des Rückenmarks ist nur etwa 1 mV groß; erst viele gleichzeitig (räumliche Summation) oder kurz nacheinander (zeitliche Summation) eintreffende EPSP erreichen die Schwelle. An der motorischen Endplatte erzeugt dagegen jedes Aktionspotenzial ein Endplattenpotenzial von rund 50 mV, das sicher überschwellig ist.
Die Wirkung endet durch Abbau (die Acetylcholinesterase spaltet Acetylcholin in Cholin und Acetat, Cholin wird wieder aufgenommen), durch Wiederaufnahme über Transporter in die Endigung oder in Astrozyten (Glutamat, GABA, Dopamin, Serotonin, Noradrenalin) und durch Diffusion. Viele Arzneistoffe und Gifte greifen an diesen Schritten an; die Vertiefung unten ordnet sie zu. Psychopharmaka und Drogen behandelt Station 38.
| Transmitter | Vorkommen (Beispiele) | Wirkung, Rezeptoren |
|---|---|---|
| Acetylcholin | motorische Endplatte, Parasympathikus, Großhirn | erregend (nikotinisch); muskarinisch je nach Gewebe erregend oder hemmend |
| Glutamat | Großhirnrinde, Hippocampus | wichtigster erregender Transmitter des Gehirns (AMPA, NMDA, metabotrop) |
| GABA | Gehirn | wichtigster hemmender Transmitter des Gehirns (GABAA: Cl⁻-Kanal; GABAB) |
| Glycin | Rückenmark, Hirnstamm | hemmend (Cl⁻-Kanal) |
| Dopamin | Substantia nigra → Striatum; Belohnungssystem | modulierend (D1–D5, metabotrop); Mangel bei Parkinson |
| Serotonin | Raphe-Kerne → weite Teile des Gehirns; Darm | modulierend (überwiegend metabotrop, 5-HT₃ ionotrop) |
| Noradrenalin | Locus caeruleus; Sympathikus | modulierend (α- und β-Adrenozeptoren) |
Hodgkin und Huxley trennten 1952 am Riesenaxon des Tintenfischs mit der Spannungsklemme den Na⁺- und den K⁺-Strom und beschrieben sie als Leitfähigkeiten gNa = ḡNa·m³·h und gK = ḡK·n⁴. Die Torvariablen m, h und n folgen spannungsabhängigen Kinetiken erster Ordnung. Das Modell sagte Form, Leitungsgeschwindigkeit und Refraktärzeit des Aktionspotenzials vorher, lange bevor Ionenkanäle als Proteine bekannt waren (Nobelpreis 1963 mit John Eccles). Mit der Patch-Clamp-Technik zeigten Erwin Neher und Bert Sakmann 1976, dass sich die makroskopischen Ströme aus dem zufälligen Öffnen und Schließen einzelner Kanäle zusammensetzen, mit Strömen im Pikoampere-Bereich (Nobelpreis 1991). Spannungsgesteuerte Na⁺-Kanäle bestehen aus vier homologen Domänen mit je sechs Transmembranhelices; die positiv geladene Helix S4 dient als Spannungssensor, nach dem klassischen Modell verschließt ein kurzes Verbindungsstück zwischen den Domänen III und IV bei der Inaktivierung die Pore von innen.
Rechnen, messen, eingreifen
Gleichgewichtspotenziale berechnen, die Ströme des Aktionspotenzials mit der Spannungsklemme trennen und sehen, wo Gifte und Arzneistoffe angreifen.Ein Gleichgewicht je Ion
Im Gleichgewichtspotenzial hält die elektrische Kraft dem Konzentrationsgefälle genau die Waage, der Nettostrom des Ions ist null. Bei 37 °C gilt E = (61,5 mV/z) · log₁₀(caußen/cinnen). Mit den Lehrbuchwerten K⁺ 140 / 4,5 mmol/l, Na⁺ 14 / 142 mmol/l und Cl⁻ 5 / 103 mmol/l ergeben sich EK ≈ −92 mV, ENa ≈ +62 mV und ECl ≈ −81 mV.
Steigt das Kalium im Blut (Hyperkaliämie, etwa bei Nierenversagen), wird EK und damit das Ruhepotenzial positiver. Die Zellen sind zuerst leichter erregbar; hält die Depolarisation an, bleiben Na⁺-Kanäle inaktiviert, und die Erregbarkeit sinkt. Gefährlich ist das vor allem für das Herz.
Die Goldman-Hodgkin-Katz-Gleichung gewichtet alle Ionen mit ihren Permeabilitäten: Vm = 61,5 mV · log₁₀[(PK[K⁺]a + PNa[Na⁺]a + PCl[Cl⁻]i) / (PK[K⁺]i + PNa[Na⁺]i + PCl[Cl⁻]a)]. Hodgkin und Katz bestimmten 1949 am Tintenfischaxon in Ruhe PK : PNa : PCl ≈ 1 : 0,04 : 0,45. Steigt PNa/PK auf Werte über 10, wie auf dem Gipfel des Aktionspotenzials, nähert sich Vm dem ENa; der Regler reicht hier nur bis 0,5, um den Ruhezustand zu untersuchen.
Konzentrationen nach Hall & Guyton, Textbook of Medical Physiology, 12. Aufl. 2011; Hodgkin & Katz 1949, J Physiol 108:37. Rechnung für 37 °C.
Spannung festhalten, Strom messen
Bei der Spannungsklemme (voltage clamp) hält ein Verstärker die Membranspannung auf einem gewählten Wert und liefert genau den Strom nach, der durch die Kanäle fließt. Springt die Spannung von −65 mV auf 0 mV, fließt zuerst ein kurzer Einwärtsstrom (Na⁺), dann ein anhaltender Auswärtsstrom (K⁺). Tetrodotoxin (TTX) aus dem Kugelfisch beseitigt den ersten, Tetraethylammonium (TEA) den zweiten Strom. Nahe ENa kehrt der Na⁺-Strom seine Richtung um.
Hodgkin und Huxley passten an solche Messungen Kinetiken für die Torvariablen an: dm/dt = αm(V)(1 − m) − βm(V)m, entsprechend für h und n. Die Kurven links stammen aus genau diesen Gleichungen mit den Parametern von 1952 (umgerechnet auf ein Ruhepotenzial von −65 mV). Die Patch-Clamp-Technik verkleinert die Messfläche so weit, dass einzelne Kanäle sichtbar werden: Eine Glaspipette dichtet mit einem Widerstand im Gigaohm-Bereich gegen die Membran ab; Konfigurationen wie cell-attached, inside-out und whole-cell erlauben, Kanäle in der intakten Zelle, isoliert oder als Summe der ganzen Zelle zu messen.
Hodgkin & Huxley 1952, J Physiol 117:500–544; Neher & Sakmann 1976, Nature 260:799.
Ein Angriffsort, viele Stoffe
Gifte von Tieren, Pflanzen und Bakterien treffen oft genau die Schritte der Erregung: Kanäle, die Ausschüttung, den Rezeptor oder den Abbau. Dieselben Angriffsorte nutzt die Medizin, etwa für die örtliche Betäubung, die Muskelentspannung in der Narkose oder die Behandlung von Myasthenia gravis. Dargestellt ist nur das Wirkprinzip.
WHO, Factsheet Botulismus; Rossetto, Pirazzini & Montecucco 2014, Nat Rev Microbiol 12:535; Lehrbuchwissen Pharmakologie.
Gifte und Medikamente an Nerven
Weil Nerven mit Ionen und Botenstoffen arbeiten, können Stoffe sie gezielt stören. Beim Zahnarzt blockiert eine Spritze mit Betäubungsmittel die Natrium-Tore in den Nerven des Kiefers: Es entstehen keine Signale, du spürst keinen Schmerz. Das Gift des Kugelfischs blockiert dieselben Tore im ganzen Körper und ist deshalb lebensgefährlich. Das Bakteriengift Botulinumtoxin verhindert, dass Nerven ihren Botenstoff an die Muskeln abgeben; die Muskeln erschlaffen. Ärzte nutzen es stark verdünnt, um verkrampfte Muskeln zu lösen.
Lokalanästhetika blockieren spannungsgesteuerte Na⁺-Kanäle von innen; dünne Schmerzfasern fallen zuerst aus. Tetrodotoxin blockiert dieselben Kanäle von außen. Botulinumtoxin spaltet Proteine, die für die Exocytose nötig sind: Kein Acetylcholin wird frei, es folgt eine schlaffe Lähmung. Curare besetzt die Acetylcholinrezeptoren der Muskeln, ohne sie zu öffnen. Hemmstoffe der Acetylcholinesterase lassen Acetylcholin im Spalt; als Arzneimittel helfen sie bei Myasthenia gravis, als Insektizide oder Kampfstoffe lösen sie Dauererregung und Lähmung aus.
Die ausführliche Vertiefung mit Grafiken gibt es ab dem Niveau Oberstufe.
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Gehirn, Lernen und Schlaf
Wie ist das Gehirn gebaut, wie hält es Erfahrungen fest, und was geschieht in ihm, während wir schlafen?
Das lernst du hier
- die Teile des Nervensystems und die Aufgaben wichtiger Gehirnbereiche nennen
- erklären, wie Lernen die Verbindungen zwischen Nervenzellen verändert
- beschreiben, was im Schlaf passiert und wie viel Schlaf du brauchst
- zentrales und peripheres, somatisches und vegetatives Nervensystem unterscheiden und den Kniesehnenreflex erklären
- Gehirnbereichen Funktionen zuordnen und Ausfallerscheinungen begründen
- Gedächtnisformen unterscheiden und Schlafstadien in einem Hypnogramm erkennen
- Methoden der Hirnforschung (EEG, fMRT, Läsionsstudien) mit ihren Aussagegrenzen bewerten
- Langzeitpotenzierung mit dem NMDA-Rezeptor als Koinzidenzdetektor erklären
- Schlafregulation und Funktionen des Schlafs anhand von Befunden diskutieren und umstrittene Hypothesen als solche erkennen
Dein Nervensystem hat eine Zentrale und ein Netz von Leitungen. Gehirn und Rückenmark bilden das . Die Nerven, die von dort in alle Körperteile ziehen, bilden das periphere Nervensystem. Manches steuerst du bewusst, etwa deine Beine beim Laufen. Anderes läuft von selbst: Herzschlag, Atmung, Verdauung, Schwitzen. Dafür ist das zuständig. Sein Teil Sympathikus macht den Körper bereit für Anstrengung und Gefahr, der Parasympathikus sorgt für Ruhe und Verdauung.
Manches erledigt das Rückenmark ohne das Gehirn. Klopft die Ärztin unterhalb der Kniescheibe auf die Sehne, schnellt dein Unterschenkel nach vorn. Der Oberschenkelmuskel wurde dabei kurz gedehnt. Ein Fühler im Muskel meldet das ans Rückenmark, und dort wird das Signal direkt auf die Nervenzelle umgeschaltet, die den Muskel anspannt. So ein festes, schnelles Reaktionsmuster heißt .
Der größte Teil deines Gehirns ist das Großhirn. Seine gefaltete Rinde ist in Bereiche mit eigenen Aufgaben gegliedert: Hinten wird gesehen, seitlich gehört und Sprache verstanden, oben Berührung gespürt und vorn geplant und entschieden. Die linke Gehirnhälfte steuert die rechte Körperseite und umgekehrt. Unter dem Großhirn liegt das Kleinhirn; es sorgt für Gleichgewicht und flüssige Bewegungen. Der Hirnstamm verbindet das Gehirn mit dem Rückenmark und steuert Lebenswichtiges wie die Atmung. Das Gehirn wiegt nur etwa 2 % deines Körpers, verbraucht aber rund ein Fünftel der Energie, die dein Körper in Ruhe umsetzt.
Wenn du lernst, verändern sich die Verbindungen zwischen deinen Nervenzellen. Sind zwei Nervenzellen oft gemeinsam aktiv, wird ihre Synapse stärker, ähnlich wie ein Trampelpfad, der breiter wird, je öfter man ihn geht. Für neue Fakten und Erlebnisse braucht das Gehirn den . Fertigkeiten wie Radfahren speichern andere Bereiche. Deshalb kannst du Radfahren, auch wenn du dich an deine erste Fahrt nicht erinnerst.
Im Schlaf ist das Gehirn nicht abgeschaltet. Es durchläuft mehrmals pro Nacht einen Zyklus von etwa 90 Minuten: vom leichten Schlaf in den Tiefschlaf und dann in den , in dem du lebhaft träumst. Dabei festigt das Gehirn, was du tagsüber gelernt hast. Wann du müde wirst, bestimmt auch eine innere Uhr, die sich nach dem Tageslicht richtet. Nach einer Empfehlung amerikanischer Schlafmediziner von 2016 sollten Kinder von 6 bis 12 Jahren 9–12 Stunden schlafen, Jugendliche von 13 bis 18 Jahren 8–10 Stunden.
Das (ZNS) besteht aus Gehirn und Rückenmark, das periphere Nervensystem (PNS) aus den Nerven. Afferente Fasern leiten Meldungen zum ZNS, efferente Befehle zu Muskeln und Drüsen. Das somatische Nervensystem steuert die Skelettmuskulatur und verarbeitet Sinneseindrücke, meist bewusst. Das regelt die Organe unwillkürlich. Der Sympathikus stellt auf Leistung um (Herzfrequenz und Blutdruck steigen, Bronchien und Pupillen weiten sich, die Verdauung wird gedrosselt), der Parasympathikus auf Erholung und Verdauung. Am Zielorgan wirkt der Sympathikus meist über Noradrenalin, der Parasympathikus über Acetylcholin (Station 22).
Beim Kniesehnenreflex dehnt der Schlag auf die Sehne den Oberschenkelstrecker. Muskelspindeln (Dehnungsrezeptoren) erregen afferente Fasern, die im Rückenmark direkt auf die motorische Nervenzelle desselben Muskels umschalten: Der hat nur eine zentrale Synapse (monosynaptisch). Gleichzeitig hemmt ein Zwischenneuron die Beuger. Reiz und Antwort liegen im selben Organ (Eigenreflex). Beim Rückziehreflex nach einem Schmerzreiz sind mehrere Synapsen beteiligt (Fremdreflex). Ärztinnen und Ärzte prüfen mit Reflexen, ob Nerven und Rückenmark intakt sind.
Das Großhirn besteht aus zwei Hälften, die der Balken verbindet. Seine Rinde gliedert sich in Stirn-, Scheitel-, Schläfen- und Hinterhauptslappen mit Rindenfeldern: motorische und somatosensorische Rinde beiderseits der Zentralfurche, Seh- und Hörrinde, Broca- und Wernicke-Areal für Sprache. Tief im Großhirn liegen die Basalganglien (Bewegungsauswahl) und Teile des limbischen Systems wie Hippocampus und Amygdala (Gedächtnis, Gefühle). Das Zwischenhirn umfasst Thalamus (Tor zur Rinde) und Hypothalamus (Steuerzentrale für Körpertemperatur, Hunger, Schlaf und Hormone). Das Kleinhirn enthält mit rund 69 Milliarden etwa 80 % aller Nervenzellen des Gehirns. Mit etwa 2 % der Körpermasse verbraucht das Gehirn in Ruhe rund 20 % der Energie des Körpers.
Gedächtnis lässt sich nach Dauer gliedern: Das sensorische Gedächtnis hält Eindrücke Bruchteile von Sekunden bis wenige Sekunden, das Kurzzeit- oder wenige Inhalte für Sekunden bis Minuten, das Langzeitgedächtnis dauerhaft. Inhaltlich unterscheidet man deklaratives Gedächtnis (Fakten, Erlebnisse) und prozedurales (Fertigkeiten). Wie verschieden sie sind, zeigte der Patient H. M.: Nach einer Operation gegen Epilepsie, bei der 1953 beiderseits große Teile des entfernt wurden, konnte er keine neuen Fakten und Erlebnisse mehr speichern, lernte aber neue Fertigkeiten. Lernen beruht auf : Synapsen, die oft gemeinsam mit der Zielzelle aktiv sind, werden stärker (Hebb-Regel).
Schlaf besteht aus NREM-Schlaf (Non-REM-Schlaf, ohne schnelle Augenbewegungen) mit den Stadien N1 (Einschlafen), N2 (leichter Schlaf) und N3 (Tiefschlaf) und dem . Ein Zyklus dauert etwa 80–100 Minuten, meist folgen vier bis sechs pro Nacht aufeinander; der erste REM-Schlaf beginnt etwa 90 Minuten nach dem Einschlafen. Tiefschlaf überwiegt in der ersten Nachthälfte, REM-Phasen werden gegen Morgen länger. Den Rhythmus von Wachen und Schlafen gibt eine innere Uhr im Hypothalamus vor, der . Licht stellt sie jeden Tag; im Dunkeln bildet die Zirbeldrüse das Hormon Melatonin. Im Schlaf werden Gedächtnisinhalte gefestigt. Amerikanische Fachgesellschaften empfehlen (2015 und 2016) Erwachsenen von 18 bis 60 Jahren mindestens 7 Stunden Schlaf, Jugendlichen 8–10 und Schulkindern 9–12 Stunden.
Was ein Hirnbereich leistet, zeigen verschiedene Methoden mit verschiedenen Grenzen. Das (Hans Berger, erste Ableitung am Menschen 1924) misst an der Kopfhaut Summenpotenziale vieler gleich ausgerichteter Pyramidenzellen der Rinde, zeitlich auf Millisekunden genau, räumlich grob. Die funktionelle Magnetresonanztomografie () misst das BOLD-Signal: Aktive Regionen werden stärker durchblutet, der Anteil sauerstoffreichen Hämoglobins steigt. Sie ist räumlich auf Millimeter genau, zeitlich auf Sekunden, und misst Durchblutung, nicht die Aktivität selbst. Beide Verfahren zeigen Korrelationen. Ob ein Bereich für eine Leistung nötig ist, zeigen erst Läsionsstudien (Broca 1861, Wernicke 1874, H. M.) oder eine gezielte, vorübergehende Störung mit transkranieller Magnetstimulation.
Donald Hebb vermutete 1949, dass Synapsen stärker werden, wenn die Senderzelle die Empfängerzelle wiederholt mit erregt. Bliss und Lømo zeigten 1973 im Hippocampus narkotisierter Kaninchen, dass wiederholte hochfrequente Reizung die Übertragung für 30 Minuten bis zehn Stunden verstärkt: (LTP). Schlüssel ist der . Er öffnet nur, wenn Glutamat gebunden ist und die Membran zugleich depolarisiert ist, denn erst dann verlässt das Mg²⁺-Ion seine Pore. Er meldet also die Gleichzeitigkeit von prä- und postsynaptischer Aktivität. Durch ihn strömt Ca²⁺ ein, aktiviert die Calmodulin-abhängige Kinase II (CaMKII), und zusätzliche AMPA-Rezeptoren werden in die Membran eingebaut. Für die späte LTP sind Genexpression, Proteinsynthese und Umbau der dendritischen Dornen nötig. Schwache, niederfrequente Reizung schwächt Synapsen (Langzeitdepression). Hemmstoffe des NMDA-Rezeptors verhindern LTP und stören bei Ratten das räumliche Lernen (Morris et al. 1986).
Neue deklarative Erinnerungen hängen zunächst vom Hippocampus ab und werden über Wochen bis Jahre zunehmend im Neocortex verankert (Systemkonsolidierung). H. M. (Henry Molaison) konnte nach der Entfernung großer Teile beider medialer Schläfenlappen mit Hippocampus und Amygdala im Jahr 1953 kaum neue Fakten und Ereignisse speichern; ältere Erinnerungen blieben weitgehend erhalten (Scoville und Milner 1957). Beim Spiegelzeichnen verbesserte er sich von Tag zu Tag, ohne sich an das Üben zu erinnern (Milner 1962). Das Arbeitsgedächtnis fasst nach heutiger Einschätzung etwa vier Einheiten (Cowan 2001); die bekannte Angabe „sieben plus oder minus zwei“ (Miller 1956) stammt aus Aufgaben, in denen Inhalte zu Gruppen zusammengefasst und innerlich wiederholt werden konnten.
Schlaf wird nach dem Zwei-Prozess-Modell von Borbély (1982) durch zwei Größen gesteuert. Der Schlafdruck (Prozess S) steigt im Wachen an, unter anderem durch Adenosin, und wird im Schlaf abgebaut; Koffein blockiert Adenosinrezeptoren. Der zirkadiane Prozess C stammt aus dem . Dessen Zellen erzeugen den Rhythmus mit einer Rückkopplungsschleife aus Transkription und Translation: Die Proteine PER und CRY hemmen ihre eigene Aktivierung durch CLOCK und BMAL1 (Nobelpreis 2017 für Hall, Rosbash und Young, die den Mechanismus an der Taufliege mit den Proteinen PER und TIM aufklärten). Ohne Zeitgeber läuft die Uhr mit durchschnittlich 24,18 Stunden, bei jungen wie bei älteren Erwachsenen (Czeisler et al. 1999). Licht wirkt über melanopsinhaltige Ganglienzellen der Netzhaut und hemmt die nächtliche Melatoninbildung der Zirbeldrüse.
Im EEG zeigt N2 Schlafspindeln und K-Komplexe, N3 langsame Wellen hoher Amplitude; im REM-Schlaf ähnelt das EEG dem Wachzustand, die Augen bewegen sich schnell, die Skelettmuskulatur ist schlaff. Mit dem Alter nehmen Gesamtschlafzeit, Schlafeffizienz sowie die Anteile von Tief- und REM-Schlaf ab, Leichtschlaf und nächtliches Wachsein nehmen zu (Metaanalyse von Ohayon et al. 2004). Für die Gedächtnisfestigung im Schlaf sprechen Experimente: Im Tiefschlaf werden Aktivitätsmuster des Hippocampus erneut abgespielt und mit Spindeln der Rinde gekoppelt. Ob der Schlaf das Gehirn auch von Stoffwechselprodukten reinigt (glymphatisches System), ist umstritten: Xie et al. (2013) fanden bei Mäusen im Schlaf einen um 60 % größeren Zwischenzellraum und einen schnelleren Abtransport von β-Amyloid, Miao et al. (2024) bei Mäusen dagegen einen verringerten Abtransport im Schlaf und in Narkose.
Im Hippocampus feuern Ortszellen an bestimmten Stellen einer Umgebung, im benachbarten entorhinalen Cortex Gitterzellen in einem regelmäßigen Dreiecksmuster (Nobelpreis 2014 für O’Keefe sowie May-Britt und Edvard Moser). Im Tiefschlaf treten im Hippocampus kurze, schnelle Oszillationen auf (sharp-wave ripples), in denen Ortszellen ihre Abfolgen vom Tag zeitlich gerafft wiederholen; werden diese Ripples bei Ratten gezielt unterdrückt, verschlechtert sich das räumliche Lernen. Orexin-Neurone im lateralen Hypothalamus stabilisieren den Wachzustand; ihr Verlust verursacht Narkolepsie mit Tagesschläfrigkeit und plötzlichem Muskeltonusverlust.
Messen, speichern, schlafen
Wie das EEG die Schlafstadien zeigt, wie sich Gedächtnissysteme gliedern, und wie Schlafdruck und innere Uhr zusammenwirken.Wellen nach Frequenz
Das EEG wird nach Frequenzbändern beschrieben: Delta unter 4 Hz, Theta 4–7 Hz, Alpha 8–13 Hz, Beta 13–30 Hz, Gamma darüber. Je synchroner die Rindenzellen arbeiten, desto langsamer und höher werden die Wellen; der Tiefschlaf ist deshalb der Zustand mit den größten Ausschlägen.
| Methode | misst | zeitlich | räumlich |
|---|---|---|---|
| EEG, MEG | elektrische bzw. magnetische Felder der Rinde | Millisekunden | Zentimeter |
| fMRT | BOLD-Signal (Durchblutung, Sauerstoffgehalt) | Sekunden | Millimeter |
| PET | Verteilung radioaktiv markierter Stoffe | Minuten | Millimeter |
| Läsion, TMS | Folgen eines Ausfalls oder einer Störung | dauerhaft bzw. Millisekunden | Millimeter bis Zentimeter |
EEG: Elektroenzephalografie, MEG: Magnetoenzephalografie, fMRT: funktionelle Magnetresonanztomografie, BOLD: vom Sauerstoffgehalt des Bluts abhängiges Signal (blood oxygen level dependent), PET: Positronen-Emissions-Tomografie, TMS: transkranielle Magnetstimulation.
Hans Berger, Über das Elektrenkephalogramm des Menschen, 1929; Lehrbuchwerte der Frequenzbänder. Simulierte Kurven, keine Messung.
Mehrere Systeme
Deklaratives (explizites) Gedächtnis ist bewusst abrufbar: episodisch für Erlebnisse, semantisch für Fakten. Es braucht für die Einspeicherung den medialen Schläfenlappen mit dem Hippocampus. Nichtdeklaratives (implizites) Gedächtnis zeigt sich im Verhalten: Fertigkeiten und Gewohnheiten (Basalganglien, Kleinhirn), Bahnung (Priming, Neocortex), klassische Konditionierung (Amygdala für Furcht, Kleinhirn für motorische Reaktionen) und nichtassoziatives Lernen wie Gewöhnung (Reflexbahnen).
Belege sind Doppeldissoziationen: H. M. lernte Fertigkeiten ohne Erinnerung an das Üben; Menschen mit Parkinson- oder Kleinhirnerkrankungen lernen dagegen Fakten, aber neue Fertigkeiten nur schwer.
Scoville & Milner 1957, J Neurol Neurosurg Psychiatry 20:11; Einteilung nach Squire 2004, Neurobiol Learn Mem 82:171.
Schlafdruck und innere Uhr
Prozess S steigt im Wachen sättigend an und fällt im Schlaf exponentiell ab. Prozess C schwankt mit der Tageszeit und verschiebt die Schwellen, bei denen man einschläft (obere Schwelle) und aufwacht (untere). Wer eine Nacht durchwacht, hat am Morgen einen sehr hohen Schlafdruck; trotzdem fühlt man sich am Vormittag oft wieder wacher, weil die innere Uhr dann auf Wachheit drängt.
Das erklärt auch das Nachmittagstief und warum Schichtarbeit und Jetlag den Schlaf stören: Schlafdruck und innere Uhr passen dann nicht zusammen.
Borbély 1982, Hum Neurobiol 1:195; Daan, Beersma & Borbély 1984, Am J Physiol 246:R161. Kurven qualitativ.
Warum wir abends müde werden
Zwei Dinge machen dich müde. Erstens wächst im Gehirn mit jeder wachen Stunde der Schlafdruck, ähnlich wie ein Behälter, der sich füllt. Im Schlaf leert er sich wieder. Zweitens gibt eine innere Uhr vor, wann Tag und wann Nacht ist; abends sorgt sie dafür, dass die Zirbeldrüse das Hormon Melatonin bildet. Helles Licht am Abend, auch vom Bildschirm, kann diese Uhr nach hinten verschieben. Koffein in Cola oder Energydrinks besetzt die Andockstellen eines Stoffes, der den Schlafdruck anzeigt; man fühlt sich wacher, obwohl der Körper Schlaf braucht.
Nach dem Zwei-Prozess-Modell steigt im Wachen der Schlafdruck an, unter anderem weil sich der Botenstoff Adenosin ansammelt; Koffein blockiert seine Rezeptoren. Zugleich gibt die innere Uhr im Hypothalamus einen Tagesrhythmus vor, den das Licht morgens neu stellt. In der Pubertät verschiebt sich die innere Uhr bei vielen Jugendlichen nach hinten; sie werden später müde, müssen für die Schule aber früh aufstehen.
Die ausführliche Vertiefung mit Grafiken gibt es ab dem Niveau Oberstufe.
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Die Sinne
Wie werden Licht, Schall, Duft und Berührung zu Signalen, aus denen das Gehirn ein Bild der Welt baut?
Das lernst du hier
- den Weg vom Reiz über die Sinneszelle bis ins Gehirn beschreiben
- erklären, wie das Auge scharf stellt und wie eine Brille bei Kurz- und Weitsichtigkeit hilft
- beschreiben, wie das Ohr hört und warum Lärm schadet
- Reiz, Rezeptorpotenzial und Aktionspotenzial-Frequenz verknüpfen und Adaptation erklären
- Akkommodation, Netzhaut und Farbsehen mit drei Zapfentypen erklären
- Schallweiterleitung, Ortsprinzip der Hörschnecke und Lärmschäden beschreiben
- die Fototransduktion als G-Protein-Kaskade mit Hyperpolarisation erklären
- Farbsehen und Farbsinnstörungen mit Absorptionsspektren begründen
- Transduktion in Haarzellen, Riech- und Geschmackszellen vergleichen und Wahrnehmung als Leistung des Gehirns deuten
Jedes Sinnesorgan hat Sinneszellen, die auf eine bestimmte Art von Reiz besonders empfindlich reagieren: das Auge auf Licht, das Ohr auf Schall, die Nase auf Duftstoffe. Die Sinneszelle wandelt den Reiz in ein elektrisches Signal um. Nerven bringen es als Folge von Aktionspotenzialen ins Gehirn (Station 22). Erst dort entsteht, was du siehst, hörst oder riechst. Hält ein Reiz an, werden viele Sinneszellen unempfindlicher: Den Geruch in einem Zimmer bemerkt man nach einer Weile kaum noch.
Im Auge bündeln Hornhaut und das Licht, sodass auf der ein scharfes Bild entsteht. Für nahe Dinge wird die Linse runder, für ferne flacher. In der Netzhaut sitzen zwei Sorten Lichtsinneszellen: für das Sehen in der Dämmerung und Zapfen für Farben und scharfes Sehen. Es gibt drei Sorten Zapfen: Eine spricht vor allem auf blaues Licht an, eine auf grünes und eine auf gelbes bis rotes. Aus ihren Signalen mischt das Gehirn alle Farben. Arbeitet eine Sorte anders oder fehlt sie, entsteht eine Farbsehschwäche. Die Rot-Grün-Sehschwäche betrifft etwa 8 von 100 Jungen und Männern europäischer Herkunft, aber nur etwa 4 von 1000 Mädchen und Frauen.
Bei ist der Augapfel meist etwas zu lang: Ferne Dinge werden vor der Netzhaut scharf und wirken verschwommen. Eine Brille mit Zerstreuungslinsen hilft. Bei Weitsichtigkeit ist das Auge zu kurz, Nahes wird unscharf; Sammellinsen gleichen das aus. Mit Anfang vierzig lässt bei fast allen Menschen die Fähigkeit zum Scharfstellen spürbar nach, dann hilft eine Lesebrille.
Schall sind Druckwellen in der Luft. Das Trommelfell schwingt mit, und drei winzige Gehörknöchelchen übertragen die Schwingung auf die flüssigkeitsgefüllte . Dort sitzen Haarsinneszellen: Hohe Töne reizen sie am Anfang der Schnecke, tiefe an ihrer Spitze. Junge Menschen hören Töne von etwa 20 bis 20 000 Schwingungen pro Sekunde (Hertz). Zu laute Musik schädigt die Haarzellen, und sie wachsen nicht nach. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass über eine Milliarde junger Erwachsener durch zu lautes Hören, etwa über Kopfhörer, dauerhafte Hörschäden riskieren.
Im Innenohr liegt auch das Gleichgewichtsorgan. Es meldet Drehungen und wo unten ist. Die Nase unterscheidet sehr viele Düfte, die Zunge fünf Grundgeschmacksarten: süß, sauer, salzig, bitter und umami, den herzhaften Geschmack von Brühe. Vieles, was wir zu schmecken glauben, riechen wir in Wahrheit. Die Haut enthält Sinneszellen für Druck, Vibration, Wärme, Kälte und Schmerz. Und manches, was du wahrnimmst, ergänzt das Gehirn selbst; deshalb lässt es sich täuschen.
Sinneszellen () sprechen auf ihren adäquaten Reiz schon bei sehr kleiner Energie an. Der Reiz öffnet oder schließt Ionenkanäle, und es entsteht ein abgestuftes Rezeptorpotenzial: Je stärker der Reiz, desto größer ist es. Die Sinneszelle oder die nachgeschaltete Nervenzelle übersetzt es in eine Frequenz von Aktionspotenzialen (Station 22). Bei anhaltendem Reiz sinkt die Antwort (). Welche Empfindung entsteht, hängt von der erregten Bahn ab: Druck aufs Auge erzeugt Lichtempfindungen.
Im Auge brechen Hornhaut und Linse das Licht. Zum Nahsehen zieht sich der Ziliarmuskel zusammen, die Zonulafasern entspannen sich, und die elastische Linse wird runder; ihre Brechkraft steigt (). In den ersten beiden Lebensjahrzehnten beträgt die Akkommodationsbreite etwa 7–10 Dioptrien, mit 50 Jahren meist nur noch etwa 0,5 Dioptrien. Die enthält rund 92 Millionen und 4,6 Millionen Zapfen; am dichtesten stehen die Zapfen in der Sehgrube (Fovea), wo wir am schärfsten sehen. Wo der Sehnerv das Auge verlässt, liegt der blinde Fleck.
Drei Zapfentypen sprechen am stärksten auf kurz-, mittel- und langwelliges Licht an (S-, M- und L-Zapfen). Eine Farbe ergibt sich aus dem Verhältnis ihrer Erregungen. Bei der häufigen Rot-Grün-Sehschwäche ist ein M- oder L-Farbstoff verändert oder fehlt. Die Gene dafür liegen auf dem X-Chromosom, deshalb sind etwa 8 % der Männer, aber nur 0,4 % der Frauen europäischer Herkunft betroffen (Station 14). wird mit Zerstreuungslinsen (Minus-Dioptrien), Weitsichtigkeit mit Sammellinsen korrigiert. Kurzsichtigkeit nimmt weltweit zu: 2000 betraf sie geschätzt 23 % der Menschen, für 2050 sagt eine Hochrechnung rund 50 % voraus (Holden et al. 2016).
Im Mittelohr übertragen Hammer, Amboss und Steigbügel die Schwingung des Trommelfells auf das ovale Fenster der und verstärken dabei den Druck. In der Schnecke läuft eine Wanderwelle über die Basilarmembran; hohe Frequenzen erreichen ihr Maximum nahe der Basis, tiefe an der Spitze (Ortsprinzip). Dort biegen sich die Härchen der rund 3500 inneren und 12 000 äußeren . Der Schallpegel wird in Dezibel (dB) gemessen: 10 dB mehr bedeuten die zehnfache Schallintensität, normales Sprechen liegt bei etwa 60 dB. Am Arbeitsplatz muss der Arbeitgeber ab einem Tages-Lärmexpositionspegel von 80 dB(A) handeln (A: nach der Empfindlichkeit des Gehörs gewichtet), ab 85 dB(A) gelten strengere Pflichten (Lärm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung, Stand Oktober 2026).
Das Gleichgewichtsorgan im Innenohr besteht aus drei Bogengängen für Drehbeschleunigungen und zwei Vorhofsäckchen mit Kalkkristallen (Otolithen) für Schwerkraft und geradlinige Beschleunigung. Riechzellen tragen je einen von knapp 400 verschiedenen Duftrezeptoren; erst die Kombination vieler erregter Typen ergibt einen Geruch. Geschmackszellen unterscheiden süß, umami, bitter, salzig und sauer. In der Haut melden Mechanorezeptoren Druck, Vibration und Dehnung, Thermorezeptoren Wärme und Kälte, Nozizeptoren Gewebeschäden. Bienen sehen ultraviolettes Licht, Fledermäuse orten mit Ultraschall-Echos, und viele Zugvögel orientieren sich am Magnetfeld der Erde.
Sinneszellen sind primäre (Riechzellen, Mechanorezeptoren der Haut: eigenes Axon) oder sekundäre Sinneszellen (Haarzellen, Geschmackszellen: Transmitterabgabe an eine Nervenzelle). Fotorezeptoren werden unterschiedlich eingeordnet: Sie sind umgewandelte Nervenzellen, bilden aber kein Aktionspotenzial und geben Transmitter an Bipolarzellen ab. Ihr Rezeptorpotenzial ist abgestuft. Die Antwort wächst etwa mit dem Logarithmus der Reizintensität; so überdecken die Sinne viele Zehnerpotenzen (Weber-Fechner). Phasische Rezeptoren melden Änderungen, tonische auch Dauerzustände; die Adaptation sitzt in der Mechanik, der Transduktion oder den Ionenkanälen.
Die ist eine G-Protein-Kaskade. Im Dunkeln halten cGMP-gesteuerte Kationenkanäle die Außensegmente der Fotorezeptoren depolarisiert (Dunkelstrom), und sie geben ständig Glutamat ab. Licht isomerisiert im Rhodopsin 11-cis-Retinal zu all-trans-Retinal; das aktivierte Rhodopsin aktiviert viele Transducin-Moleküle, diese die Phosphodiesterase PDE6, cGMP fällt, die Kanäle schließen. Die Zelle hyperpolarisiert und gibt weniger Glutamat ab. Die Kaskade verstärkt so stark, dass ein einzelnes Photon in einem Stäbchen eine messbare Antwort auslöst. Retinal stammt aus Vitamin A; Mangel führt zu Nachtblindheit.
Die Zapfenfarbstoffe absorbieren am stärksten bei etwa 420 nm (S), 534 nm (M) und 563 nm (L), das Rhodopsin der Stäbchen bei 498 nm (Mikrospektrofotometrie einzelner Zellen einer menschlichen Netzhaut, Bowmaker und Dartnall 1980). Ihre Absorptionskurven überlappen breit. Ein einzelner Zapfen kann Wellenlänge und Helligkeit nicht unterscheiden (Univarianz); erst der Vergleich von Zapfen tut es. Schon in der Netzhaut verrechnen Ganglienzellen die Signale zu Gegenfarbkanälen (L gegen M, S gegen L+M). Die Gene für den M- und den L-Farbstoff liegen hintereinander auf dem X-Chromosom und sind sehr ähnlich; durch ungleiches Crossing-over entstehen Hybridgene. Je nach Fall fehlt dann ein Farbstoff (Dichromasie) oder sein Maximum ist verschoben (anomale Trichromasie).
Die inneren Haarzellen sind die eigentlichen Sinneszellen: Schall lenkt ihre Stereozilien aus; Spitzenverbindungen öffnen mechanisch gesteuerte Kanäle, und K⁺ aus der kaliumreichen Endolymphe strömt ein. Die äußeren Haarzellen verstärken die Wanderwelle aktiv, indem das Motorprotein Prestin ihre Länge im Takt des Schalls ändert. Dieser cochleäre Verstärker macht das Gehör empfindlich und frequenzscharf; sein Ausfall ist ein Kern der Lärmschwerhörigkeit. Das Ohr ist zwischen 2 und 5 kHz am empfindlichsten. Riechrezeptoren sind G-Protein-gekoppelte Rezeptoren; jede Riechzelle bildet nur einen Typ, und alle Zellen desselben Typs münden im Riechkolben in dieselben Glomeruli (Nobelpreis 2004 für Buck und Axel). Bitterstoffe erkennen etwa 25 TAS2R-Rezeptoren, süß und umami Dimere aus TAS1R-Proteinen.
Wahrnehmung ist eine Konstruktion: Das Gehirn ergänzt den blinden Fleck, hält Farben unter wechselndem Licht konstant und deutet Größen nach Tiefenhinweisen. Täuschungen zeigen diese Regeln. Bei der Müller-Lyer-Täuschung wirkt eine Linie mit Pfeilschwänzen länger als eine gleich lange mit Pfeilspitzen; ob dahinter gelernte Perspektive steckt, ist umstritten. Wie Zugvögel das Magnetfeld wahrnehmen, ist nicht abschließend geklärt; das lichtabhängige Cryptochrom 4 der Netzhaut gilt als aussichtsreicher Kandidat (Xu et al. 2021).
Thermo- und Schmerzrezeptoren nutzen TRP-Kanäle: TRPV1 öffnet bei Hitze über etwa 43 °C und bei Capsaicin, TRPM8 bei Kälte und Menthol; Piezo2 vermittelt Berührung (Nobelpreis 2021 für Julius und Patapoutian). In der Netzhaut sorgen Horizontalzellen für laterale Hemmung und damit für Kontrastverstärkung; on- und off-Bipolarzellen trennen hellere und dunklere Reize, weil sie Glutamat mit metabotropen (mGluR6) bzw. ionotropen Rezeptoren beantworten.
Transduktion im Detail
Die Signalkaskade im Stäbchen, der Weg der Töne durch die Schnecke mit den Grenzwerten für Lärm, und wie Nase und Zunge Moleküle erkennen.Verstärkung und Abschaltung
Die Kaskade verstärkt in zwei Stufen: Ein Rhodopsin aktiviert nacheinander viele Transducine, jede aktive PDE6 spaltet viele cGMP-Moleküle. Abgeschaltet wird über die Rhodopsinkinase und Arrestin, über die GTPase-Aktivität des Transducins und über Ca²⁺: Im Licht sinkt Ca²⁺, die Guanylatcyclase bildet wieder mehr cGMP. Diese Rückkopplung ist ein Teil der Lichtadaptation.
Das all-trans-Retinal wird im Pigmentepithel wieder zu 11-cis-Retinal umgebaut (Sehzyklus). Die Dunkeladaptation braucht deshalb Zeit.
Baylor, Lamb & Yau 1979, J Physiol 288:613 (Einzelphotonen-Antworten); Lehrbuchwissen Neurophysiologie.
Ortsprinzip
Die Basilarmembran ist an der Basis schmal und steif, an der Spitze breit und weich. Jede Frequenz erzeugt eine Wanderwelle, die an einer bestimmten Stelle ihr Maximum erreicht und dahinter rasch erlischt. Die Zuordnung von Ort zu Frequenz beschreibt die Greenwood-Funktion f = 165,4 · (102,1·x − 0,88) Hz, x = relativer Abstand von der Spitze. Georg von Békésy erhielt für die Wanderwelle 1961 den Nobelpreis.
Dezibel und Lärm
Laut Weltgesundheitsorganisation (Factsheet vom März 2026) brauchen weltweit über 430 Millionen Menschen wegen ihres Hörverlusts Rehabilitation; bis 2050 werden es voraussichtlich über 700 Millionen sein.
Greenwood 1990, J Acoust Soc Am 87:2592; OpenStax College Physics 2e, Kap. 17.6; WHO-Factsheet „Deafness and hearing loss“ (3. 3. 2026); LärmVibrationsArbSchV § 6.
| Qualität | Rezeptor | meldet |
|---|---|---|
| süß | TAS1R2 + TAS1R3 (G-Protein) | Zucker, Energie |
| umami | TAS1R1 + TAS1R3 (G-Protein) | Glutamat, Eiweiß |
| bitter | etwa 25 TAS2R (G-Protein) | viele Giftstoffe |
| salzig | Na⁺-Kanäle (ENaC) | Natrium |
| sauer | Protonenkanal (OTOP1) | Säuren, Verdorbenes |
Ob es weitere Grundqualitäten gibt, etwa für Fett, wird erforscht.
Riechen: viele Rezeptoren, ein Code
Im Erbgut des Menschen fanden Niimura und Nei 388 vermutlich funktionsfähige Gene für Riechrezeptoren und 414 nicht mehr funktionsfähige (Pseudogene). Jede Riechzelle bildet einen einzigen Rezeptortyp. Ein Duftstoff bindet an mehrere Typen, ein Typ an mehrere Duftstoffe; das Muster der erregten Glomeruli im Riechkolben ist der Code für den Geruch. Riechzellen werden lebenslang aus Stammzellen erneuert.
Geschmack entsteht auf der Zunge, Aroma größtenteils in der Nase: Duftstoffe gelangen beim Kauen von hinten in die Nasenhöhle. Deshalb schmeckt bei Schnupfen vieles fad.
Buck & Axel 1991, Cell 65:175 (Nobelpreis 2004); Niimura & Nei 2003, PNAS 100:12235.
Sinne, die wir nicht haben
Bienen sehen ultraviolettes Licht, das für uns unsichtbar ist. Viele Blüten haben UV-Muster, die den Bienen den Weg zum Nektar zeigen. Rotes Licht sehen Bienen dagegen kaum. Fledermäuse stoßen Ultraschallrufe aus und hören an den Echos, wo Insekten fliegen. Zugvögel spüren das Magnetfeld der Erde und finden so über Tausende Kilometer ihren Weg. Haie spüren die schwachen elektrischen Felder ihrer Beute, und manche Schlangen sehen Wärme.
Honigbienen haben drei Typen von Lichtsinneszellen mit Maxima im ultravioletten, blauen und grünen Bereich; ihr sichtbares Spektrum ist gegenüber unserem zu kürzeren Wellenlängen verschoben. Fledermäuse orten mit Ultraschall, also Frequenzen über unserer Hörgrenze. Zugvögel nutzen einen Magnetsinn, dessen Mechanismus noch erforscht wird; ein lichtabhängiges Protein in der Netzhaut ist ein Kandidat. Grubenottern nehmen Infrarotstrahlung mit Grubenorganen wahr, Haie elektrische Felder mit den Lorenzinischen Ampullen.
Die ausführliche Vertiefung mit Grafiken gibt es ab dem Niveau Oberstufe.
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Organe und Hormone
Wie sorgt der Körper dafür, dass jede Zelle genug Brennstoff bekommt: nach dem Essen, nachts und beim Sport?
Das lernst du hier
- die Aufgaben von Darm, Leber, Muskeln und Fettgewebe nennen
- Insulin und Glukagon als Gegenspieler beschreiben
- wissen, was bei Diabetes passiert
- den Blutzucker-Regelkreis mit negativer Rückkopplung erklären
- Diabetes Typ 1 und Typ 2 unterscheiden
- die Stoffflüsse nach dem Essen, im Nüchternzustand und beim Sport vergleichen
- die Arbeitsteilung der Organe im Energiestoffwechsel begründen
- Wirkungen von Insulin, Glukagon und Adrenalin zuordnen
- die Anpassung an längeres Fasten erklären
Kein Organ arbeitet allein. Der Darm nimmt die Nährstoffe auf, das Blut verteilt sie, die Lunge liefert den Sauerstoff. Die Leber ist das große Stoffwechselzentrum: Sie speichert Zucker, baut Giftstoffe ab und stellt viele Stoffe her.
Damit alle Zellen immer genug Zucker bekommen, regelt der Körper den Blutzucker. Zwei Botenstoffe (Hormone) aus der Bauchspeicheldrüse arbeiten dabei als Gegenspieler. senkt den Blutzucker: Es sorgt dafür, dass Zellen Zucker aufnehmen und die Leber ihn speichert. erhöht ihn: Es bringt die Leber dazu, gespeicherten Zucker wieder abzugeben.
Bei Diabetes funktioniert diese Regelung nicht richtig. Beim Typ 1 bildet der Körper kein Insulin mehr; Betroffene müssen es spritzen.
Hormone sind Botenstoffe, die über das Blut zu ihren Zielzellen gelangen und dort an passende Rezeptoren binden. Der Blutzucker wird über einen Regelkreis mit negativer Rückkopplung konstant gehalten, nüchtern meist bei 70–99 mg/dl (3,9–5,5 mmol/l).
Steigt er nach dem Essen, schütten die β-Zellen der Langerhans-Inseln in der Bauchspeicheldrüse aus. Muskel- und Fettzellen nehmen dann mehr Glucose auf, die Leber baut Glykogen auf. Sinkt er, schütten die α-Zellen aus, und die Leber gibt Glucose frei. Bei Belastung kommt Adrenalin aus dem Nebennierenmark hinzu.
Diabetes Typ 1 ist eine Autoimmunerkrankung: Das Immunsystem zerstört die β-Zellen, Betroffene brauchen Insulin. Bei Typ 2, der weitaus häufigeren Form, sprechen die Zellen schlechter auf Insulin an (Insulinresistenz), später lässt auch die Insulinbildung nach. Erbanlagen, Übergewicht und Bewegungsmangel erhöhen das Risiko.
Die Organe teilen sich die Arbeit nach ihren Möglichkeiten. Das Gehirn verbraucht in Ruhe rund 20 % der Energie des Körpers und ist auf Glucose angewiesen (Lehrbuchwert etwa 120 g pro Tag); erst nach Tagen des Fastens weicht es zunehmend auf Ketonkörper aus. Erythrocyten haben keine Mitochondrien und leben ausschließlich von der Glykolyse.
Die Leber ist Puffer und Versorger: Sie speichert rund 100 g Glykogen, betreibt Gluconeogenese und bildet Ketonkörper, ohne diese selbst zu verwerten. Das Muskelglykogen (meist mehrere hundert Gramm) dient nur dem Muskel, weil ihm die Glucose-6-phosphatase fehlt.
Insulin wirkt anabol: Glykogen-, Fett- und Proteinsynthese, Einbau von in die Membran von Muskel- und Fettzellen. Glukagon und Adrenalin wirken katabol. Beim Sport steigert die Muskelkontraktion die Glucoseaufnahme auch ohne Insulin. Im längeren Hunger sinkt der Insulinspiegel weiter, die Ketonkörperbildung steigt, das Gehirn verbraucht weniger Glucose; das schont das Muskelprotein, das sonst für die Gluconeogenese abgebaut würde.
Integration und Signalwege
Wie der Körper über Tage und Wochen Hunger umschaltet, wie Insulin und Glukagon in der Zelle wirken, und wie Diabetes diagnostiziert wird.Drei Phasen des Fastens
- Postabsorptiv (bis ~24 h): Leberglykogen hält den Blutzucker, zunehmend Gluconeogenese aus Lactat, Alanin und Glycerin. Insulin fällt, Glukagon steigt, Lipolyse beginnt.
- Frühes Fasten (Tage): Glykogen ist nach 12–24 h aufgebraucht. Die Gluconeogenese verbraucht viel Muskelprotein (anfangs ≈ 75 g/Tag). Die Leber bildet aus Fettsäuren Ketonkörper, die nach 3 Tagen etwa 30 % des Hirnbedarfs decken.
- Langzeitfasten (Wochen): Ketonkörper bei 6–8 mmol/l decken bis zu 60 % des Hirnbedarfs. Der Glucosebedarf des Gehirns sinkt von ≈ 120 auf ≈ 40 g/Tag, der Proteinabbau auf ≈ 20 g/Tag: Die Ketose schont das Muskelprotein. Die Niere übernimmt einen wachsenden Teil der Gluconeogenese und scheidet Ketonkörper als Ammoniumsalze aus.
Der Tod durch Hunger tritt beim Normalgewichtigen nach etwa 60 Tagen ein, wenn die Fettreserven erschöpft sind und der Proteinabbau wieder steigt; Fettreserven von 15 kg entsprechen rund 140 000 kcal.
Cahill 2006, Annu Rev Nutr 26:1–22; Owen et al. 1967, J Clin Invest 46:1589. Kurvenwerte sind Richtwerte für einen gesunden Erwachsenen.
Eine Tyrosinkinase mit vielen Enden
Der Insulinrezeptor (α₂β₂) phosphoryliert sich selbst an Tyrosinresten und bindet dann die Insulinrezeptor-Substrate IRS-1 und IRS-2. Von dort gehen zwei Äste aus: Der PI3-Kinase/Akt-Weg steuert den Stoffwechsel, der Ras/MAPK-Weg Wachstum und Genexpression.
Gegenspieler und Insulinresistenz
PTEN baut PIP₃ ab, PTP1B dephosphoryliert den Rezeptor. Bei Übergewicht phosphorylieren Entzündungssignale (TNF-α, JNK) und Lipidmetabolite (Diacylglycerin, Ceramide) IRS an Serinresten; das schwächt die Weiterleitung. Die Folge ist Insulinresistenz; die β-Zellen kompensieren mit mehr Insulin, bis sie erschöpfen (Typ-2-Diabetes). Insulin selbst hat eine Plasmahalbwertszeit von nur 4–6 min; das mitsezernierte C-Peptid ist das stabilere Maß für die Eigenproduktion.
Lehninger 7. Aufl.; Löffler/Petrides 9. Aufl.
cAMP: ein Botenstoff, viele Ziele
Glukagon (Leber) und Adrenalin über β-Rezeptoren (Leber, Fett, Muskel) aktivieren Gs → Adenylatcyclase → cAMP → Proteinkinase A. PKA phosphoryliert in Minuten: Phosphorylase-Kinase (Glykogenabbau an), Glykogen-Synthase (aus), das bifunktionelle Enzym PFK-2/FBPase-2 (Fructose-2,6-bisphosphat fällt, Glykolyse aus, Gluconeogenese an), die Leber-Pyruvatkinase (aus), die hormonsensitive Lipase (Lipolyse an) und ACC (Fettsäuresynthese aus). Über CREB werden in Stunden PEPCK und G6Pase vermehrt gebildet. Adrenalin wirkt an der Leber zusätzlich über α₁-Rezeptoren (Gq, IP₃, Ca²⁺).
AMPK: der Energiesensor der Zelle
Steigt AMP relativ zu ATP, bindet AMP an die γ-Untereinheit, und LKB1 phosphoryliert AMPK an Thr172. AMPK schaltet ATP-liefernde Wege an (Glucoseaufnahme, Glykolyse, Fettsäureoxidation durch Hemmung der ACC) und ATP-verbrauchende aus (Fettsäure-, Cholesterin- und Proteinsynthese über HMG-CoA-Reduktase, ACC und mTORC1). Metformin aktiviert AMPK indirekt und senkt die hepatische Gluconeogenese. Auch Muskelarbeit und Adiponektin aktivieren AMPK.
Lehninger 7. Aufl.; Löffler/Petrides 9. Aufl.
| Kriterium (venöses Plasma) | normal | erhöhtes Risiko | Diabetes |
|---|---|---|---|
| Nüchternglucose | < 100 mg/dl (< 5,6 mmol/l) | 100–125 mg/dl (IFG) | ≥ 126 mg/dl (≥ 7,0 mmol/l) |
| OGTT, 2 h nach 75 g Glucose | < 140 mg/dl | 140–199 mg/dl (IGT) | ≥ 200 mg/dl (≥ 11,1 mmol/l) |
| HbA1c | < 5,7 % | 5,7–6,4 % | ≥ 6,5 % (≥ 48 mmol/mol) |
| Gelegenheitsglucose | ≥ 200 mg/dl mit Symptomen | ||
Lernzweck. Eine Diagnose verlangt eine Bestätigung (zweite Messung oder zweites Kriterium) und ärztliche Beurteilung; HbA1c ist bei Anämien, Hämoglobinvarianten und Schwangerschaft nicht verlässlich.
Was die Werte bedeuten
Typen im Überblick
- Typ 1: Autoimmunzerstörung der β-Zellen (Autoantikörper gegen GAD65, IA-2, Insulin, ZnT8), absoluter Insulinmangel, Ketoazidose-Neigung. Verbindung zu Station 30.
- Typ 2: Insulinresistenz plus relativer Sekretionsdefekt; rund 90 % aller Fälle; Therapie mit Lebensstil, Metformin, SGLT2-Hemmern, GLP-1-Rezeptoragonisten, Insulin.
- Weitere: Gestationsdiabetes, monogene Formen (MODY, etwa Glucokinase-MODY mit mild erhöhter Nüchternglucose), pankreopriver Diabetes.
Grenzwerte: DDG-Praxisempfehlung „Definition, Klassifikation, Diagnostik und Differenzialdiagnostik des Diabetes mellitus: Update 2022“ (Diabetologie 17, Suppl 2); OGTT- und HbA1c-Risikobereiche entsprechen WHO/ADA.
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Herz, Kreislauf und Atmung
Wie gelangt Sauerstoff aus der Luft bis in jede Zelle, und was ändert sich auf einem hohen Berg?
Das lernst du hier
- den Weg des Blutes durch Herz, Lunge und Körper beschreiben
- erklären, wie das Herz mit seinen Klappen als Pumpe arbeitet
- sagen, wie Sauerstoff aus der Luft ins Blut gelangt und warum man auf hohen Bergen schneller außer Atem ist
- den Bau des Herzens und die vier Phasen des Herzzyklus erklären
- die Erregung vom Sinusknoten bis in die Kammern und die Grundzüge des EKG beschreiben
- den Gasaustausch über Partialdrücke und den Transport von O₂ und CO₂ erklären
- Blutdruckwerte nach der aktuellen Leitlinie einordnen und Risikofaktoren für einen Herzinfarkt nennen
- Druck- und Volumenverläufe im Herzzyklus (Wiggers-Diagramm) mit Klappenbewegungen und EKG verknüpfen
- Herzzeitvolumen, Gefäßwiderstand und Blutdruckregulation erläutern
- den Gasaustausch mit Alveolargasgleichung und O₂-Bindungskurve quantitativ beschreiben und die Höhenanpassung erklären
- die Entstehung von Atherosklerose und Herzinfarkt erläutern
Ein Erwachsener hat etwa fünf Liter Blut. Gut die Hälfte davon ist eine gelbliche Flüssigkeit, das Blutplasma. Darin schwimmen Blutzellen: rote Blutkörperchen, die Sauerstoff tragen, weiße Blutkörperchen, die Krankheitserreger abwehren, und Blutplättchen, die Wunden verschließen. Rot ist das Blut wegen des Farbstoffs in den roten Blutkörperchen.
Das Herz ist ein Muskel, etwa so groß wie deine Faust. Eine Wand teilt es in eine rechte und eine linke Hälfte, jede mit einem Vorhof und einer Kammer. wirken wie Ventile: Sie lassen das Blut nur in eine Richtung fließen. Das Herz arbeitet im Zweitakt. Erst ziehen sich die Kammern zusammen und pumpen Blut hinaus, dann erschlaffen sie und füllen sich wieder (). Den Takt gibt das Herz sich selbst: Der im rechten Vorhof erzeugt in Ruhe meist 60 bis 80 Schläge pro Minute.
Das Blut fließt in zwei Kreisläufen. Die rechte Herzhälfte pumpt sauerstoffarmes Blut in die Lunge, dort nimmt es Sauerstoff auf und gibt Kohlenstoffdioxid ab. Die linke Herzhälfte pumpt das sauerstoffreiche Blut in den ganzen Körper. Arterien führen vom Herzen weg, Venen zum Herzen hin. Dazwischen liegen die , haarfeine Gefäße mit hauchdünner Wand. Durch diese Wand gelangen Sauerstoff und Nährstoffe in die Zellen. Dort gewinnen die Zellen mit dem Sauerstoff Energie aus den Nährstoffen (Zellatmung, Station 9).
Beim Einatmen zieht sich das Zwerchfell, ein Muskel unter der Lunge, zusammen und wird flacher. Der Brustkorb wird größer, und Luft strömt durch Nase, Luftröhre und Bronchien bis in die . Davon hast du Hunderte Millionen. Ihre Wand ist so dünn, dass Sauerstoff hindurch ins Blut wandert und Kohlenstoffdioxid in die Luft. Wie schnell du atmest, steuert dein Gehirn vor allem danach, wie viel Kohlenstoffdioxid im Blut ist.
Auf einem hohen Berg ist der Luftdruck niedriger. Jeder Atemzug bringt dann weniger Sauerstoff in die Lunge, und die roten Blutkörperchen werden nicht mehr ganz voll beladen. Der Körper reagiert: Du atmest schneller und tiefer, das Herz schlägt schneller, und nach einigen Wochen hat er mehr rote Blutkörperchen gebildet. Herz und Gefäße können auch erkranken. Lagert sich über Jahre Fett in der Wand von Arterien ab, werden sie eng; verstopft ein Gefäß, das den Herzmuskel versorgt, entsteht ein Herzinfarkt. Herz-Kreislauf-Krankheiten waren 2025 in Deutschland bei etwa jedem dritten Todesfall die Ursache (Statistisches Bundesamt).
Ein Erwachsener hat rund 4,5 bis 6 Liter Blut, etwa 7 bis 8 % der Körpermasse. Gut die Hälfte ist Plasma (Wasser mit Salzen, Nährstoffen, Hormonen und Proteinen); der Zellanteil, der Hämatokrit, liegt bei rund 40 bis 45 %. Fast alle Zellen sind rote Blutkörperchen (Erythrocyten): kernlose Scheiben voller , die etwa 120 Tage leben. Weiße Blutkörperchen (Leukocyten) dienen der Abwehr (Station 30), Blutplättchen (Thrombocyten) der Blutgerinnung.
Das Herz besteht aus zwei Pumpen, die hintereinandergeschaltet sind. Segelklappen trennen Vorhöfe und Kammern, Taschenklappen die Kammern von Lungenarterie und Aorta. Der Herzzyklus hat vier Phasen. In der Anspannungsphase sind alle geschlossen, der Kammerdruck steigt. In der Austreibungsphase öffnen sich die Taschenklappen, Blut strömt aus. In der Entspannungsphase sind wieder alle Klappen zu, der Druck fällt. In der Füllungsphase öffnen sich die Segelklappen, die Kammern füllen sich. Anspannung und Austreibung bilden die , Entspannung und Füllung die Diastole. Die Herztöne entstehen, wenn Klappen schließen.
Die Erregung entsteht im Herzen selbst. Der im rechten Vorhof erzeugt in Ruhe etwa 60 bis 80 Impulse pro Minute. Sie breiten sich über die Vorhöfe aus, werden im AV-Knoten (Atrioventrikularknoten) kurz verzögert, damit sich die Kammern erst füllen, und laufen dann über His-Bündel, Tawara-Schenkel und Purkinje-Fasern in die Kammermuskulatur. Das zeichnet diese Erregung auf der Haut auf: Die P-Welle zeigt die Vorhoferregung, der QRS-Komplex die Kammererregung, die T-Welle deren Rückbildung. Nerven passen den Herzschlag nur an: Der Sympathikus beschleunigt ihn und verstärkt die Kontraktion, der Parasympathikus (Vagusnerv) bremst.
Arterien haben dicke, elastische Wände und führen Blut unter hohem Druck vom Herzen weg. In den , kaum weiter als ein rotes Blutkörperchen, findet der Stoffaustausch statt. Venen führen das Blut zurück; Venenklappen und die Muskelpumpe der Beine verhindern den Rückfluss. In Ruhe pumpt jede Herzhälfte etwa 5 Liter pro Minute ( = Herzfrequenz · Schlagvolumen ≈ 70/min · 70 ml), bei Belastung ein Mehrfaches (Station 29). Der Blutdruck wird als oberer (systolischer) und unterer (diastolischer) Wert in Millimeter Quecksilbersäule angegeben, etwa 120/80 mmHg. Nach der Leitlinie der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC, 2024) liegt eine vor, wenn in der Praxis wiederholt 140/90 mmHg oder mehr gemessen werden. Bluthochdruck, Rauchen, hohe Werte des LDL-Cholesterins (LDL: Fett-Eiweiß-Teilchen, die Cholesterin im Blut transportieren) und Diabetes fördern die , die Ursache der meisten Herzinfarkte.
Die Atemluft gelangt über Luftröhre und Bronchien in rund 480 Millionen mit zusammen etwa 130 m² Fläche; die Trennwand zum Blut ist an vielen Stellen dünner als ein Mikrometer. Gase wandern durch dorthin, wo ihr niedriger ist: Sauerstoff von etwa 100 mmHg in den Alveolen ins Blut mit etwa 40 mmHg, Kohlenstoffdioxid aus dem Blut (46 mmHg) in die Alveolen (40 mmHg). Verbraucht wird der Sauerstoff in den Mitochondrien bei der Zellatmung, die zugleich das CO₂ liefert (Station 9). Im Blut ist der Sauerstoff fast ganz an Hämoglobin gebunden (Station 3); CO₂ reist überwiegend als Hydrogencarbonat (HCO₃⁻) im Plasma. Das Atemzentrum im verlängerten Mark steigert die Atmung vor allem, wenn der CO₂-Gehalt im Blut steigt. In großer Höhe sinkt mit dem Luftdruck der Sauerstoffpartialdruck; der Körper antwortet mit Mehratmung und schnellerem Puls, über Wochen mit mehr roten Blutkörperchen.
Im Herzzyklus folgen die Klappen den Druckdifferenzen. Mit der Kammererregung (QRS-Komplex) beginnt die Kontraktion der linken Kammer, die am Ende der Diastole etwa 120 ml enthält; übersteigt der Kammerdruck den Vorhofdruck, schließt die Mitralklappe (1. Herzton). In der isovolumetrischen Anspannung steigt der Druck bis zum diastolischen Aortendruck von etwa 80 mmHg, dann öffnet die Aortenklappe. In der Austreibung erreicht er rund 120 mmHg, etwa 70 ml werden ausgeworfen (Ejektionsfraktion rund 60 %). Fällt der Kammerdruck unter den Aortendruck, schließt die Aortenklappe (2. Herzton, Inzisur der Aortenkurve); die isovolumetrische Entspannung dauert, bis die Mitralklappe öffnet. Die rechte Kammer fördert dasselbe Volumen gegen nur etwa 25 mmHg. Mit steigender Frequenz verkürzt sich vor allem die Diastole: Bei 70/min dauert die Systole etwa 0,37 s und die Diastole 0,49 s, bei 150/min etwa 0,25 s und 0,15 s (Bazett-Näherung).
Schrittmacherzellen des haben kein stabiles Ruhepotenzial: HCN-Kanäle lassen einen langsamen Kationeneinstrom zu (Schrittmacherstrom If), bis spannungsgesteuerte Ca²⁺-Kanäle das Aktionspotenzial auslösen. Noradrenalin beschleunigt diese Depolarisation über β₁-Rezeptoren und cAMP, Acetylcholin aus dem Vagus bremst sie. Fällt der Sinusknoten aus, übernehmen der AV-Knoten (Atrioventrikularknoten, etwa 40–60/min) oder Kammer (20–40/min). Der AV-Knoten leitet langsam (PQ-Zeit 0,12–0,20 s). Im entsprechen P-Welle, QRS-Komplex (unter 0,12 s) und T-Welle der Vorhoferregung, der Kammererregung und deren Repolarisation. Das lange Plateau des Kammeraktionspotenzials verlängert die Refraktärzeit und verhindert so eine Dauerkontraktion.
Körper- und Lungenkreislauf sind in Reihe geschaltet und fördern im Mittel dasselbe : in Ruhe rund 5 l/min, bei maximaler Belastung etwa 20 l/min bei Untrainierten und 30–40 l/min bei Ausdauerathleten (Station 29). Der Druck fällt vor allem in den Arteriolen ab; ihr Radius steuert die Durchblutung, denn der Widerstand steigt mit 1/r⁴ (Hagen-Poiseuille). Die Venen enthalten rund zwei Drittel des Blutes. In den Kapillaren fließt es etwa tausendmal langsamer als in der Aorta, weil ihr Gesamtquerschnitt viel größer ist. Kurzfristig regeln Pressorezeptoren in Aortenbogen und Karotissinus den Blutdruck, langfristig die Niere über Salz- und Wasserhaushalt und das Renin-Angiotensin-Aldosteron-System (Station 27). Eine beginnt nach der Leitlinie der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) von 2024 bei bestätigten 140/90 mmHg (Vertiefung unten).
Die Einatmung ist aktiv (Zwerchfell, äußere Zwischenrippenmuskeln), die Ausatmung in Ruhe passiv. Der Gasaustausch folgt dem Fick'schen Diffusionsgesetz: Bei rund 130 m² Fläche und etwa 0,6 µm Gewebedicke (Weibel 2009) ist der O₂-Partialdruck (PO₂) des Kapillarbluts in Ruhe nach einem Drittel der Kontaktzeit von 0,75 s angeglichen. Arterielles Blut enthält rund 20 ml O₂ je dl, fast alles an Hämoglobin gebunden. Vom CO₂, das die Zellatmung liefert (Station 9) und das Blut im Gewebe aufnimmt, reisen je nach Lehrbuch 60–70 % als HCO₃⁻: Die der Erythrocyten bildet Kohlensäure, HCO₃⁻ wird gegen Cl⁻ ins Plasma getauscht (Hamburger-Shift); der Rest ist als Carbamat an Hämoglobin gebunden oder gelöst. Desoxyhämoglobin bindet mehr CO₂ und H⁺ (Haldane-Effekt, Gegenstück zum ). Zentrale Chemorezeptoren am verlängerten Mark messen den pH-Wert im Liquor, der dem arteriellen CO₂-Partialdruck (PaCO₂) folgt; periphere Chemorezeptoren in Glomus caroticum und aorticum treiben die Atmung erst unterhalb eines arteriellen PO₂ (PaO₂) von etwa 60 mmHg kräftig an.
In der Höhe sinkt der Luftdruck, auf dem Mount Everest auf etwa 253 mmHg, ein Drittel des Werts auf Meereshöhe; der O₂-Anteil bleibt 20,9 %. Die Hypoxie steigert über die peripheren Chemorezeptoren die Ventilation; der alveoläre PCO₂ (PACO₂) fällt, der alveoläre PO₂ (PAO₂) steigt (Alveolargasgleichung). Die respiratorische Alkalose gleicht die Niere über Tage durch HCO₃⁻-Ausscheidung aus. nimmt zu, über wächst die Erythrocytenmasse in Wochen (Station 29). Oberhalb von etwa 2500 m kann die akute Höhenkrankheit auftreten, selten ein Höhenlungen- oder Höhenhirnödem (Bärtsch & Swenson 2013). Herz-Kreislauf-Krankheiten verursachten 2025 in Deutschland rund 334 100 von 1 006 588 Sterbefällen (33,2 %; Statistisches Bundesamt). Vielen von ihnen, vor allem dem Herzinfarkt und der koronaren Herzkrankheit, liegt eine zugrunde, eine chronische Entzündung der Arterienwand, ausgelöst durch zurückgehaltenes LDL (Low-Density-Lipoprotein, Teilchen, die Cholesterin im Blut transportieren); reißt eine Plaque ein, verschließt ein Gerinnsel das Gefäß (Vertiefung unten).
Die Druck-Volumen-Schleife zeigt das Schlagvolumen als Breite und die äußere Schlagarbeit als Fläche (70 ml · rund 100 mmHg ≈ 0,9 J). Die Steigung der endsystolischen Druck-Volumen-Beziehung (ESPVR) beschreibt die Kontraktilität, die enddiastolische Beziehung (EDPVR) die Dehnbarkeit. Nach dem Frank-Starling-Mechanismus steigert stärkere Füllung das Schlagvolumen (günstigere Sarkomerlänge, höhere Ca²⁺-Empfindlichkeit der Myofilamente); so gleichen beide Kammern ihre Auswurfmengen an. Positive Inotropie verschiebt die ESPVR nach links oben. Nach Laplace (σ = P · r / 2h) führt chronische Druckbelastung zur konzentrischen Hypertrophie.
Die Gleichung von Severinghaus (1979) beschreibt die O₂-Bindungskurve für pH 7,4 und 37 °C (P₅₀ ≈ 27 mmHg). Das Modell der Grafik trifft Messungen am Everest: auf dem Gipfel ein PAO₂ von etwa 35 mmHg bei einem PACO₂ von 7,5 mmHg (West et al. 1983), in 8400 m ein PaO₂ von 24,6 mmHg bei Hb 19,3 g/dl (Grocott et al. 2009). Hochlandbevölkerungen sind unterschiedlich angepasst: Tibeter haben in gleicher Höhe niedrigere Hämoglobinwerte als Andenbewohner (Beall 2007); eine beteiligte Variante des Gens EPAS1 stammt wahrscheinlich vom Denisova-Menschen (Huerta-Sánchez et al. 2014).
Blutdruck und Herzinfarkt
Blutdruckwerte nach drei Leitlinien einordnen und den Weg von der Plaque zum Infarkt nachvollziehen.| Praxismessung | ESC 2024 | AHA/ACC 2025 |
|---|---|---|
| < 120 und < 70 (bzw. 80) | nicht erhöht | normal (< 120/80) |
| 120–129 oder 70–79 | erhöht | erhöht, wenn systolisch 120–129 und diastolisch < 80 |
| 130–139 oder 80–89 | erhöht | Hypertonie Stadium 1 |
| ≥ 140 oder ≥ 90 | Hypertonie | Hypertonie Stadium 2 |
Werte in mmHg. Lernzweck: Eine Diagnose verlangt wiederholte Messungen, möglichst außerhalb der Praxis, und ärztliche Beurteilung.
Drei Leitlinien, eine gemeinsame Grenze bei 140/90
Die Europäische Gesellschaft für Kardiologie (ESC, August 2024) definiert Hypertonie als bestätigten Praxiswert ab 140 mmHg systolisch oder 90 mmHg diastolisch; neu ist die Kategorie „erhöht“ ab 120/70 mmHg. Außerhalb der Praxis gelten niedrigere Grenzen, weil die Aufregung beim Arzt entfällt: Heimmessung ab 135/85, 24-Stunden-Mittel ab 130/80 mmHg.
Die Grenzen unterscheiden sich, weil die Leitlinien abwägen: Niedrigere Schwellen erfassen mehr Menschen mit erhöhtem Risiko, führen aber auch zu mehr Behandlungen mit möglichen Nebenwirkungen.
McEvoy et al. 2024, Eur Heart J 45:3912–4018; Mancia et al. 2023, J Hypertens 41:1874–2071; AHA/ACC 2025 (Hypertension, doi:10.1161/HYP.0000000000000249); NVL Hypertonie, Version 1, Juni 2023; Neuhauser et al. 2015 (DEGS1); WHO, September 2025.
Eine chronische Entzündung der Gefäßwand
Atherosklerose beginnt dort, wo LDL-Partikel in der Gefäßinnenschicht zurückgehalten und verändert werden. Das aktivierte Endothel lockt Monocyten an, die als Makrophagen das LDL aufnehmen und zu Schaumzellen werden; Entzündungsbotenstoffe halten den Prozess über Jahrzehnte in Gang. Fettstreifen finden sich schon bei Jugendlichen. Gefährlich wird eine Plaque, wenn ihre Kappe einreißt: Der Kern aus Lipiden und Zelltrümmern aktiviert die Gerinnung, ein Thrombus verschließt das Gefäß. Viele Infarkte gehen von Plaques aus, die das Gefäß vorher nur mäßig verengten (Libby et al. 2019).
Anzahl und Anteil sind auseinanderzuhalten: Weil die Bevölkerung altert, kann die Zahl der Herztoten hoch bleiben, obwohl das Risiko in jeder Altersgruppe sinkt.
Statistisches Bundesamt, Todesursachen 2025, Pressemitteilung Nr. 363 vom 9. Oktober 2026; Libby et al. 2019, Nat Rev Dis Primers 5:56; Thygesen et al. 2019, Eur Heart J 40:237; Reimer et al. 1977, Circulation 56:786.
Was beim Herzinfarkt passiert
Die Herzkranzgefäße versorgen den Herzmuskel selbst mit Blut. Lagert sich über Jahre Fett in ihrer Wand ab, werden sie eng. Reißt eine solche Ablagerung ein, bildet sich ein Blutgerinnsel und verstopft das Gefäß. Dahinter bekommt der Herzmuskel keinen Sauerstoff mehr und beginnt abzusterben. Typisch sind starke Schmerzen oder ein Druckgefühl in der Brust, oft mit Atemnot, Übelkeit und kaltem Schweiß. Dann zählt jede Minute: sofort den Notruf 112 wählen.
Ursache ist meist eine Atherosklerose der Herzkranzarterien: LDL-Cholesterin lagert sich in der Gefäßwand ab, Abwehrzellen und Bindegewebe bilden eine Plaque. Reißt ihre Kappe ein, entsteht ein Gerinnsel, das das Gefäß verschließt. Herzmuskelzellen ohne Sauerstoff sterben nach wenigen Dutzend Minuten ab und geben das Eiweiß Troponin ins Blut ab, das im Labor nachweisbar ist. Schmerzen können in Arm, Hals, Kiefer oder Oberbauch ausstrahlen; bei Frauen und älteren Menschen sind die Zeichen häufiger untypisch, etwa nur Atemnot oder Übelkeit. Die wichtigsten beeinflussbaren Risikofaktoren sind Rauchen, Bluthochdruck, hohe LDL-Werte, Diabetes und Bewegungsmangel. Bluthochdruck verursacht lange keine Beschwerden und wird oft erst bei einer Messung entdeckt.
Die ausführliche Vertiefung mit Grafiken gibt es ab dem Niveau Oberstufe.
Station 27 von 43
Verdauung, Leber und Niere
Wie zerlegt der Körper die Nahrung, und wie halten Leber und Niere das Blut sauber?
Das lernst du hier
- den Weg der Nahrung vom Mund bis in den Darm beschreiben
- erklären, wozu Verdauungssäfte und Enzyme da sind und wo die Nährstoffe ins Blut gelangen
- die Aufgaben von Leber und Niere nennen
- die Verdauung von Stärke, Eiweiß und Fett den Organen und Enzymen zuordnen
- die Oberflächenvergrößerung im Dünndarm erklären
- Bau und Arbeitsweise eines Nephrons beschreiben (Filtration, Rückresorption)
- die Wirkung von ADH auf die Harnmenge als Regelkreis erklären
- Verdauung und Resorption auf der Ebene von Enzymen und Transportern erklären
- Biotransformation in der Leber und den Weg von Galle und Bilirubin beschreiben
- Filtration, Rückresorption und Gegenstromprinzip im Nephron quantitativ erläutern; ADH und Renin-Angiotensin-Aldosteron-System vergleichen
- die Rolle der Niere im Säure-Basen-Haushalt sowie Dialyse und Transplantation einordnen
Damit dein Körper die Nahrung nutzen kann, muss er sie in winzige Bausteine zerlegen. Das ist die Verdauung. Im Mund zerkleinern die Zähne das Essen, der Speichel macht es gleitfähig und beginnt schon, Stärke zu zerlegen. Durch die Speiseröhre gelangt der Bissen in den Magen. Dort wird er mit Magensaft durchmischt. Der enthält Salzsäure, die viele Keime abtötet, und ein , das Eiweiße zerschneidet.
Im Dünndarm geht die Hauptarbeit los. Die Bauchspeicheldrüse (Pankreas) gibt Verdauungssaft dazu, die Leber Galle. verteilt Fett in winzige Tröpfchen, ähnlich wie Spülmittel. Enzyme zerlegen jetzt Stärke in Traubenzucker, Eiweiße in Aminosäuren und Fette in Fettsäuren. Diese Bausteine gelangen durch die Darmwand ins Blut. Damit das schnell geht, ist die Innenwand des Dünndarms gefaltet und mit winzigen besetzt. Im Dickdarm wird dem Rest vor allem Wasser entzogen; Bakterien verwerten dort, was wir selbst nicht verdauen können (Station 28).
Die Leber ist die große Chemiefabrik des Körpers. Das meiste, was der Darm aufnimmt, fließt mit dem Blut zuerst zu ihr. Sie speichert Zucker, stellt wichtige Eiweiße für das Blut her, baut Giftstoffe, Alkohol und Medikamente ab und bildet die Galle.
Die beiden Nieren reinigen das Blut. Jede enthält rund eine Million winziger Filtereinheiten, die . Pro Tag filtern die Nieren etwa 180 Liter Flüssigkeit aus dem Blut. Fast alles davon holen sie zurück: Wasser, Salze und Zucker. Übrig bleiben etwa 1,5 Liter Urin mit Abfallstoffen wie . Trinkst du wenig, sorgt ein Hormon, das Wasser spart (), für weniger und dunkleren Urin.
Versagen die Nieren, reinigt eine Maschine das Blut (), oder ein Mensch bekommt eine Spenderniere. Mehr dazu steht unten unter „Kurz erklärt“.
Verdauung bedeutet : Enzyme spalten große Nährstoffmoleküle unter Einlagerung von Wasser in ihre Bausteine (Station 2). Jedes Enzym ist auf ein Substrat und einen pH-Bereich spezialisiert (Station 6). Im Mund beginnt die Amylase des Speichels mit der Stärkespaltung. Im Magen (pH etwa 1 bis 2) denaturiert Salzsäure die Proteine und tötet Keime; spaltet die Proteine in Bruchstücke. Eine Schleimschicht schützt die Magenwand vor der eigenen Säure.
Im Zwölffingerdarm neutralisiert Hydrogencarbonat aus der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) den sauren Brei. Ihre Enzyme spalten alle drei Nährstoffgruppen: Amylase die Stärke, Trypsin und Chymotrypsin die Proteine, Lipase die Fette. Gallensalze aus der Leber emulgieren das Fett, damit die Lipase angreifen kann; die selbst enthält keine Verdauungsenzyme. Die letzten Schritte erledigen Enzyme in der Membran der Darmzellen (Maltase, Lactase, Peptidasen). Glucose, Aminosäuren und kurze Peptide gelangen über Transporter in die Zellen (Station 5) und über die Pfortader zur Leber; Fette werden in den Darmzellen wieder zusammengesetzt und als über die Lymphe abgegeben.
Die Resorption braucht Fläche. Ringfalten (Kerckring-Falten), vergrößern die innere Oberfläche des Darms auf rund 32 m², davon etwa 30 m² im Dünndarm (Helander & Fändriks 2014). Täglich gelangen etwa 9 Liter Flüssigkeit in den Darm, Getränke und Verdauungssäfte zusammen; fast alles wird zurückgewonnen, der Dickdarm entzieht dem Rest Wasser und Salze.
Die Leber (rund 1,5 kg) erhält sauerstoffreiches Blut aus der Leberarterie und nährstoffreiches aus der Pfortader. Sie speichert Glykogen, bildet Plasmaproteine wie Albumin und Gerinnungsfaktoren, wandelt giftiges Ammoniak in Harnstoff um (Station 11) und baut fettlösliche Fremdstoffe so um, dass sie mit Galle oder Urin ausgeschieden werden können (). Die Galle enthält auch Bilirubin, ein gelbes Abbauprodukt des roten Blutfarbstoffs; Darmbakterien bilden daraus den braunen Farbstoff des Stuhls.
Jede Niere enthält etwa eine Million . Im , einem Kapillarknäuel, wird Plasma ohne Zellen und große Proteine abgepresst: etwa 120 ml pro Minute, rund 180 Liter Primärharn am Tag. Im Tubulus werden Wasser, Natrium, Glucose und Aminosäuren zurückgewonnen (Rückresorption), Abfallstoffe und manche Medikamente zusätzlich abgegeben (Sekretion). Übrig bleiben etwa 1,5 Liter Endharn. Den Feinschliff regelt das antidiuretische Hormon () aus der Hypophyse: Steigt bei Wassermangel die Salzkonzentration im Blut, wird mehr ADH ausgeschüttet, das Sammelrohr baut Wasserkanäle ein und holt mehr Wasser zurück. Der Urin wird knapper und konzentrierter, die Salzkonzentration sinkt wieder (negative Rückkopplung).
Belegzellen des Magens bilden über die H⁺/K⁺-ATPase Salzsäure, Hauptzellen , das sich im Sauren selbst zu Pepsin aktiviert; Gastrin, Histamin und Acetylcholin steigern die Säurebildung. Im Duodenum setzen Säure und Nahrungsbestandteile Sekretin (Hydrogencarbonat aus Pankreas und Gallengängen) und Cholecystokinin frei (Enzymsekretion, Kontraktion der Gallenblase). Die Pankreasproteasen entstehen als inaktive : Die Enteropeptidase der Darmschleimhaut aktiviert Trypsinogen zu Trypsin, das die übrigen Vorstufen aktiviert. Versagt dieser Schutz, entsteht eine akute Pankreatitis.
Die Resorption nutzt sekundär aktiven Transport (Station 5): SGLT1 nimmt Glucose und Galactose mit Na⁺ auf, PepT1 Di- und Tripeptide mit H⁺; basolateral gibt GLUT2 die Monosaccharide ans Blut ab. Fette gelangen nach Emulgierung und Spaltung durch die Pankreaslipase in gemischten Mizellen zum Bürstensaum und verlassen den Enterocyten als über die Lymphe (Station 11); die Gallensalze werden zu rund 95 % im Ileum zurückgewonnen (enterohepatischer Kreislauf). Die Schleimhautoberfläche beträgt rund 32 m²: Falten vergrößern sie etwa 1,6-fach, Zotten und Mikrovilli im Dünndarm 60- bis 120-fach (Helander & Fändriks 2014).
Hepatocyten bilden Albumin, Gerinnungsfaktoren und Transportproteine, betreiben Gluconeogenese, Ketogenese und Harnstoffzyklus (Station 11) und die . In Phase I machen Cytochrom-P450-Enzyme Fremdstoffe durch Oxidation reaktiver, in Phase II werden sie mit Glucuronsäure, Sulfat oder Glutathion gekoppelt und dadurch wasserlöslich. Bilirubin aus dem Hämabbau reist an Albumin gebunden zur Leber, wird dort glucuronidiert und mit der Galle ausgeschieden; Abflussstörungen oder Leberschäden führen zur Gelbsucht. Ethanol baut die Leber über Alkohol- und Aldehyddehydrogenase ab; die Alkoholdehydrogenase ist schon bei niedrigen Konzentrationen gesättigt, deshalb sinkt der Blutalkohol pro Stunde um einen annähernd festen Betrag, meist 0,1–0,2 Promille (Kinetik nullter Ordnung, Station 6).
Die Nieren erhalten 20–25 % des Herzzeitvolumens und filtern rund 120 ml/min (180 l pro Tag); etwa 99 % des Wassers werden zurückgewonnen. Der proximale Tubulus resorbiert rund zwei Drittel von Wasser und Na⁺ sowie fast alle Glucose (SGLT2) und Aminosäuren. Die Henle-Schleife baut nach dem Gegenstromprinzip ein osmotisches Gefälle im Mark auf, bis etwa 1200 mosmol/kg: Der absteigende Schenkel ist wasserdurchlässig, der aufsteigende pumpt über NKCC2 NaCl hinaus und ist wasserdicht. ADH (Vasopressin) baut über V₂-Rezeptoren, cAMP und Proteinkinase A Aquaporin-2 in die Sammelrohrzellen ein; je nach ADH-Spiegel reicht die Harnosmolalität von etwa 50 bis 1200 mosmol/kg.
Sinken Blutdruck oder NaCl-Angebot an der Macula densa, schütten juxtaglomeruläre Zellen Renin aus (). Angiotensin II verengt Arteriolen, fördert ADH-Freisetzung und Durst und regt die Bildung von Aldosteron an, das im Sammelrohr Natriumkanäle (ENaC) und Na⁺/K⁺-ATPase vermehrt; ACE-Hemmer und Sartane senken deshalb den Blutdruck (Station 26). Die Niere hält zudem den pH-Wert: Sie gewinnt filtriertes HCO₃⁻ zurück und scheidet täglich etwa 50–100 mmol H⁺ als Ammonium und titrierbare Säure aus. Bei Nierenversagen ersetzen (in Deutschland rund 100 000 Menschen, Schätzung der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie 2026) oder Transplantation die Funktion; 2025 wurden 2266 Nieren übertragen, 672 davon nach Lebendspende (Deutsche Stiftung Organtransplantation).
Die Clearance C = U · V̇ / P gibt an, welches Plasmavolumen pro Minute von einem Stoff befreit wird. Inulin wird frei filtriert und weder resorbiert noch sezerniert; seine Clearance ist die glomeruläre Filtrationsrate (GFR). Kreatinin wird zusätzlich etwas sezerniert und überschätzt die GFR leicht; klinisch wird sie aus Kreatinin und Cystatin C geschätzt (CKD-EPI 2021) und nach KDIGO 2024 in die Stufen G1 bis G5 eingeteilt (Station 42). PAH (p-Aminohippursäure) wird fast vollständig sezerniert, seine Clearance nähert den renalen Plasmafluss (600–700 ml/min); die Filtrationsfraktion liegt bei etwa 20 %. Myogene Antwort der Arteriolen (Bayliss-Effekt) und tubuloglomeruläres Feedback halten die GFR über einen weiten Bereich des Blutdrucks weitgehend konstant.
Der Einzeleffekt des aufsteigenden Schenkels beträgt nur etwa 200 mosmol/kg; die Haarnadelform vervielfacht ihn zur Papillenspitze hin (Gegenstrommultiplikation). Harnstoff-Recycling im inneren Sammelrohr liefert etwa 40–50 % der Osmolalität im inneren Mark, die Vasa recta tauschen im Gegenstrom. Diuretika wirken an definierten Transportern: Schleifendiuretika an NKCC2, Thiazide an NCC, Amilorid an ENaC.
Säure-Basen-Haushalt, Hormone der Niere, Nierenersatz
Wie Lunge und Niere den pH-Wert halten, wie das Renin-Angiotensin-Aldosteron-System den Blutdruck stützt und was bei Nierenversagen geschieht.Ein Puffer mit zwei Stellschrauben
Der pH-Wert des Blutes (7,35–7,45) folgt der Henderson-Hasselbalch-Gleichung pH = 6,1 + lg([HCO₃⁻] / (0,03 · PCO₂)). Die Lunge stellt in Minuten den PCO₂ ein, die Niere in Stunden bis Tagen das Hydrogencarbonat. Beide gleichen jeweils Störungen des anderen teilweise aus (Kompensation).
Die Beispiele sind Lernwerte. Bei metabolischer Azidose erwartet man nach der Winter-Formel einen PaCO₂ von etwa 1,5 · HCO₃⁻ + 8 (± 2) mmHg.
Hamm, Nakhoul & Hering-Smith 2015, Clin J Am Soc Nephrol 10:2232; Guyton & Hall, 14. Aufl. 2021.
Eine Kaskade für Blutdruck und Volumen
Renin ist ein Enzym aus den juxtaglomerulären Zellen der zuführenden Arteriole. Es wird freigesetzt, wenn der Perfusionsdruck der Niere fällt, die Macula densa wenig NaCl meldet oder Sympathikusfasern über β₁-Rezeptoren erregen. Renin spaltet Angiotensinogen aus der Leber zu Angiotensin I; das Angiotensin-konvertierende Enzym (ACE), vor allem im Gefäßendothel der Lunge, bildet daraus Angiotensin II. Dessen Wirkungen laufen über AT₁-Rezeptoren.
Gegenspieler sind die natriuretischen Peptide des Herzens (ANP aus den Vorhöfen, BNP vor allem aus den Kammern), die bei Dehnung der Herzwand Gefäße erweitern und die Natriumausscheidung steigern. Ein Aldosteronüberschuss kann selbst einen Bluthochdruck verursachen.
Guyton & Hall, 14. Aufl. 2021; Brandes, Lang, Schmidt, Physiologie des Menschen, 32. Aufl. 2019.
Kleine Moleküle diffundieren durch die halbdurchlässige Membran entlang ihres Konzentrationsgefälles; der Gegenstrom hält das Gefälle auf der ganzen Länge aufrecht. Überschüssiges Wasser wird mit Druck abgepresst (Ultrafiltration).
Zahlen für Deutschland
Rechtslage (Stand Oktober 2026)
Geltendes Recht ist die Entscheidungslösung des Transplantationsgesetzes: Organe dürfen nach dem Tod nur entnommen werden, wenn die verstorbene Person zugestimmt hat oder, falls keine Erklärung bekannt ist, der nächste Angehörige zustimmt; dabei muss er ihren mutmaßlichen Willen beachten. Erklärungen sind seit März 2024 auch im Organspende-Register möglich. Am 24. September 2026 hat der Bundestag in erster Lesung einen fraktionsübergreifenden Gesetzentwurf für eine Widerspruchsregelung (Drucksache 21/7570) und einen gleichgerichteten Entwurf des Bundesrates beraten; ein Gegenantrag will die Zustimmungspflicht beibehalten und die Registrierung erleichtern. Der Gesundheitsausschuss hört dazu am 4. November 2026 Sachverständige an; beschlossen ist nichts.
DSO-Jahresbericht 2025 (April 2026) und KfH-Pressemitteilung vom 3. 6. 2026; Deutsches Ärzteblatt, 24. 7. 2026; Deutscher Bundestag, Drucksachen 21/7570, 21/2738, 21/8050 und Tagesordnung des Gesundheitsausschusses (Stand 20. 10. 2026).
Wenn die Nieren nicht mehr arbeiten
Versagen beide Nieren, sammeln sich Wasser, Salze und Abfallstoffe im Körper. Dann hilft eine Dialyse: Das Blut fließt durch einen Filter mit einer sehr feinen Membran, an der eine Spülflüssigkeit vorbeiströmt; Abfallstoffe wandern hinüber. Das dauert meist mehrere Stunden und muss etwa dreimal pro Woche sein. Besser ist oft eine neue Niere. Sie kann von einem verstorbenen Menschen stammen, der zur Spende bereit war, oder als Lebendspende von einem nahen Angehörigen. 2025 wurden in Deutschland 2266 Nieren übertragen, aber Ende des Jahres standen 6237 Menschen aktiv auf der Warteliste, waren also bereit für eine Übertragung.
Bei der Hämodialyse diffundieren kleine Moleküle wie Harnstoff und Kalium aus dem Blut durch eine halbdurchlässige Membran in eine Spülflüssigkeit, die im Gegenstrom fließt. Bei der Peritonealdialyse dient das Bauchfell als Membran. In Deutschland sind rund 100 000 Menschen dialysepflichtig (Schätzung 2026). 2025 wurden 2266 Nieren transplantiert, 672 davon nach Lebendspende. Nach geltendem Recht darf nach dem Tod nur spenden, wer zugestimmt hat oder wessen Angehörige zustimmen; sie müssen dabei seinen mutmaßlichen Willen beachten (Entscheidungslösung). Seit September 2026 berät der Bundestag über eine Widerspruchsregelung, bei der jeder als Spender gelten würde, der nicht widersprochen hat; entschieden ist darüber noch nicht.
Die ausführliche Vertiefung mit Grafiken gibt es ab dem Niveau Oberstufe.
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Mikrobiom
Was leisten die Billionen Bakterien im Darm, und wie lenken sie unsere Abwehr?
Das lernst du hier
- erklären, wo im Körper Bakterien leben und wozu sie nützen
- beschreiben, was Ballaststoffe im Darm bewirken
- begründen, warum Antibiotika auch nützliche Bakterien treffen
- die Vergärung von Ballaststoffen zu kurzkettigen Fettsäuren beschreiben
- Wirkungen von Butyrat auf Darmzellen und Abwehr erklären
- Nutzen und Grenzen von Probiotika und Stuhltransfer abwägen
- Gärungswege zu Acetat, Propionat und Butyrat chemisch einordnen
- die Induktion regulatorischer T-Zellen über HDAC-Hemmung und Rezeptoren erklären
- Studienlage zu Mikrobiom, Krankheit und Krebstherapie kritisch bewerten
Bakteriendichte: Sender, Fuchs und Milo 2016 (Größenordnungen). pH: Evans et al. 1988, Messkapsel bei Gesunden. Sauerstoff qualitativ.
Studientyp beachten: Ergebnisse aus Mäusen oder kleinen, unkontrollierten Studien sind Hinweise, keine Behandlungsempfehlung. Stand der Recherche: Oktober 2026.
In und auf deinem Körper leben Billionen Bakterien, die meisten im Dickdarm. Zusammen heißen sie Darmflora oder . Sie sind keine Schmarotzer, sondern Mitbewohner mit Aufgaben: Sie zerlegen Ballaststoffe, die wir selbst nicht verdauen können, bilden daraus Nahrung für die Darmwand, stellen Vitamin K her und lassen Krankheitserregern wenig Platz.
Ballaststoffe stecken in Vollkornbrot, Gemüse, Hülsenfrüchten und Obst. Im Dickdarm vergären Bakterien sie zu kleinen Fettsäuren. Eine davon, die Buttersäure (Butyrat), ist das Lieblingsfutter der Zellen der Darmwand.
Die Abwehr im Darm muss die vielen harmlosen Bakterien und unser Essen dulden, Krankheitserreger aber bekämpfen. Dabei helfen besondere Abwehrzellen, die regulatorischen T-Zellen. Darmbakterien und ihre Fettsäuren sorgen mit dafür, dass genug davon entstehen.
Antibiotika töten nicht nur Krankheitserreger, sondern auch viele nützliche Darmbakterien. Danach braucht die Darmflora Wochen bis Monate, um sich zu erholen.
Ein Mensch trägt ungefähr so viele Bakterien wie eigene Körperzellen, rund 38 Billionen, fast alle im Dickdarm, zusammen etwa 0,2 kg (Sender et al. 2016). Im Magen tötet die Salzsäure die meisten Keime, im Dickdarm leben in jedem Milliliter Inhalt rund 100 Milliarden. Die meisten sind Anaerobier: Sie leben ohne Sauerstoff und gewinnen ihre Energie durch Gärung (Station 8).
sind Kohlenhydrate wie Cellulose, Pektin, Inulin oder resistente Stärke, für die unser Dünndarm keine Enzyme hat. Im Dickdarm vergären Bakterien sie zu den Essigsäure (Acetat), Propionsäure (Propionat) und Buttersäure (Butyrat); dazu entstehen Wasserstoff, Kohlenstoffdioxid und bei manchen Menschen Methan.
Butyrat ist der wichtigste Brennstoff der Dickdarmzellen. Propionat baut die Leber zu Glucose um, Acetat gelangt in den ganzen Körper. Die Fettsäuren säuern den Darminhalt an und hemmen so manche Krankheitserreger.
Die Darmbakterien formen das Immunsystem. (Treg) bremsen Abwehrreaktionen gegen Nahrung und harmlose Bakterien, Butyrat fördert ihre Bildung. Fehlt diese Bremse, kann eine chronische Darmentzündung entstehen.
Probiotika sind lebende Bakterien in Joghurt oder Kapseln. Für wenige Anwendungen gibt es gute Belege, etwa zur Vorbeugung von Durchfall durch Clostridioides difficile während einer Antibiotika-Behandlung. Viele Werbeversprechen sind nicht belegt, und die zugeführten Bakterien siedeln sich meist nicht dauerhaft an.
Das Mikrobiom ist die Gesamtheit der Mikroorganismen eines Lebensraums samt ihrer Gene. Im Darm dominieren Bakterien der Stämme Bacillota (früher Firmicutes) und Bacteroidota, dazu Actinomycetota mit den Bifidobakterien und Pseudomonadota mit den Enterobakterien; hinzu kommen Archaeen wie Methanobrevibacter, Pilze und Viren. Der Genkatalog der Darmbakterien umfasst rund 3,3 Millionen Gene, etwa 150-mal so viele wie das menschliche Genom (Qin et al. 2010). Die Dichte steigt vom Magen (10³ bis 10⁴ Zellen pro Milliliter) zum Kolon (rund 10¹¹ pro Milliliter), weil Säure, Galle, Transportgeschwindigkeit und Sauerstoff nach unten hin abnehmen (Sender et al. 2016).
Gärungschemie. Polysaccharid-Spezialisten wie Bacteroides zerlegen Ballaststoffe mit einem großen Arsenal an Glykosid-Hydrolasen zu Zuckern. Über die Glykolyse entsteht Pyruvat, daraus Acetyl-CoA und schließlich Acetat, Propionat oder Butyrat. Die meisten Butyrat-Bildner, etwa Faecalibacterium prausnitzii und Roseburia, verbrauchen dabei Acetat aus der Umgebung: Ihre Butyryl-CoA:Acetat-CoA-Transferase überträgt das Coenzym A von Butyryl-CoA auf Acetat (Louis et al. 2004). Arten füttern sich so gegenseitig (Cross-Feeding). Im Kolon stehen Acetat, Propionat und Butyrat etwa im Verhältnis 60:20:20. Den Wasserstoff aus der Gärung verbrauchen Methanbildner, Acetogene und Sulfatreduzierer, sonst käme die Gärung zum Erliegen (Modul unten).
Toleranz. Rund 4 · 10¹³ Bakterien liegen nur eine Zellschicht vom Körperinneren entfernt. Eine innere, weitgehend keimfreie Schleimschicht aus dem Mucin MUC2 (Johansson et al. 2008), sekretorisches IgA und antimikrobielle Peptide halten Abstand. Die Immunantwort wird zugleich in Richtung Toleranz gelenkt: Im Kolon entstehen viele regulatorische T-Zellen peripher, auf Signale der Mikrobiota hin. Butyrat hemmt Histon-Deacetylasen und erhöht die Acetylierung am Foxp3-Locus (Furusawa et al. 2013; Arpaia et al. 2013), kurzkettige Fettsäuren wirken über den Rezeptor FFAR2 auf Treg (Smith et al. 2013) und über GPR109A auf Makrophagen und dendritische Zellen (Singh et al. 2014). Eine Mischung aus 17 Clostridien-Stämmen aus menschlichem Stuhl vermehrte in keimfreien Mäusen die Treg und milderte Kolitis (Atarashi et al. 2013).
Sauerstoff als Stellgröße. Darmzellen verbrennen Butyrat über die β-Oxidation und verbrauchen dabei Sauerstoff, sodass das Epithel hypoxisch bleibt. Das begünstigt strikte Anaerobier und hält fakultativ anaerobe Enterobakterien wie E. coli und Salmonella klein, die Sauerstoff oder Nitrat zum Atmen bräuchten (Byndloss et al. 2017). Fehlt Butyrat nach Antibiotika, wird das Epithel sauerstoffreicher, Enterobakterien wachsen, die Dysbiose verstärkt sich selbst.
Autoimmunerkrankungen. Die regulatorischen T-Zellen, die im Darm entstehen, wirken nicht nur dort. Deshalb untersucht man das Mikrobiom auch bei Autoimmunerkrankungen anderer Organe, etwa der rheumatoiden Arthritis (Entzündung der Gelenke) und der multiplen Sklerose (Entzündung im Gehirn und Rückenmark). Bei neu erkrankter, noch unbehandelter rheumatoider Arthritis ist die Bakterienart Prevotella copri angereichert und Bacteroides vermindert (Scher et al. 2013). Bei multipler Sklerose fand die bislang größte Untersuchung mit 576 Patienten und je einer Kontrollperson aus demselben Haushalt Akkermansia muciniphila vermehrt und den Butyrat-Bildner Faecalibacterium prausnitzii vermindert (iMSMS-Konsortium 2022). Solche Unterschiede zeigen nur einen Zusammenhang. Weiter gehen Übertragungsversuche: Eine Gruppe am Max-Planck-Institut für Neurobiologie bei München verglich 34 eineiige Zwillingspaare, in denen nur ein Zwilling erkrankt war. Das Darmmikrobiom des erkrankten Zwillings löste in Mäusen, deren T-Zellen ein Eiweiß der Myelinscheide erkennen, häufiger eine spontane Entzündung des Nervensystems aus als das des gesunden, und die Tiere bildeten weniger des bremsenden Botenstoffs Interleukin-10 (Berer et al. 2017). Ob dasselbe beim Menschen gilt, ist nicht geprüft. Wie Toleranz und Krebsabwehr zusammenhängen, steht in Station 39 (Warum gibt es Krebs?).
Kausalität ist die Schwachstelle des Feldes. Viele Befunde stammen aus keimfreien Mäusen oder aus Korrelationen in Stuhlproben; ein Referenz-Mikrobiom gibt es nicht, die Artenzusammensetzung gesunder Menschen unterscheidet sich stark, ihre Stoffwechselfunktionen weniger. Am Menschen belastbar sind vor allem der Stuhltransfer bei rückfälliger C.-difficile-Infektion (van Nood et al. 2013), die verzögerte Erholung nach Antibiotika unter Probiotika (Suez et al. 2018) und Hinweise, dass Mikrobiom und Ballaststoffe das Ansprechen auf Checkpoint-Hemmer beeinflussen (Spencer et al. 2021; Baruch et al. 2021; Davar et al. 2021).
Wie Bakterien aus Zucker Fettsäuren machen
Gärung im Kolon ist organische Chemie unter Sauerstoffausschluss: Kondensation, Reduktion, Eliminierung, Umesterung von Thioestern. Viele Schritte haben ein Gegenstück im Labor, manche nicht.Umgekehrte β-Oxidation
Butyrat-Bildner verknüpfen zwei Acetyl-CoA und reduzieren das Produkt in drei Schritten, die Reihenfolge entspricht rückwärts gelesen der β-Oxidation von Fettsäuren (Station 11): Thiolase (Claisen-Kondensation), 3-Hydroxybutyryl-CoA-Dehydrogenase (Reduktion eines Ketons), Crotonase (Wasserabspaltung), Butyryl-CoA-Dehydrogenase (Reduktion einer C=C-Bindung). Den letzten Schritt koppelt der Bcd-EtfAB-Komplex an die Reduktion von Ferredoxin: Zwei Elektronen aus NADH teilen sich auf einen energetisch leichten und einen schweren Weg auf, die flavinbasierte Elektronenbifurkation (Li et al. 2008). Das reduzierte Ferredoxin treibt über den Rnf-Komplex einen Ionengradienten an, eine Art Atmung ohne Sauerstoff.
Zum Schluss überträgt in den meisten Arten die Butyryl-CoA:Acetat-CoA-Transferase das CoA auf Acetat (Louis et al. 2004). Thioester sind energiereich, weil der Schwefel die Carbonylgruppe kaum durch Resonanz stabilisiert; der Austausch zwischen zwei Thioestern kostet daher kaum Energie.
Louis et al. 2004, J Bacteriol 186:2099; Li et al. 2008, J Bacteriol 190:843; Lehninger 7. Aufl.
Drei Wege, ein Produkt
Den größten Teil liefert der Succinatweg der Bacteroidota und vieler Negativicutes: Fumarat wird zu Succinat reduziert (Fumarat dient als Elektronenakzeptor einer anaeroben Atmung), Succinyl-CoA lagert sich mithilfe von Vitamin B12 zu Methylmalonyl-CoA um, die Decarboxylierung liefert Propionyl-CoA. Der Acrylatweg setzt Lactat über Lactoyl-CoA und Acryloyl-CoA um, der Propandiolweg verarbeitet die Desoxyzucker Fucose und Rhamnose aus Schleim und Pflanzen (Reichardt et al. 2014).
Die B12-abhängige Methylmalonyl-CoA-Mutase verschiebt eine ganze Thioestergruppe auf das Nachbarkohlenstoffatom, über Radikale, die aus der Spaltung der Cobalt-Kohlenstoff-Bindung von Adenosylcobalamin stammen. Ein vergleichbar selektives Reagenz gibt es im Labor nicht. Dieselbe Mutase arbeitet im Menschen in umgekehrter Richtung beim Abbau von Propionat und ungeradzahligen Fettsäuren; B12-Mangel lässt Methylmalonsäure im Blut ansteigen (Station 42).
Reichardt et al. 2014, ISME J 8:1323; Lehninger 7. Aufl.
Warum Wasserstoff weg muss
Gärende Bakterien geben überschüssige Elektronen als H₂ ab. Steigt der H₂-Partialdruck, wird die H₂-Bildung aus NADH thermodynamisch ungünstig und die Gärung verschiebt sich zu reduzierteren Produkten wie Lactat oder Ethanol oder stockt. Drei Gruppen verbrauchen H₂ und halten den Partialdruck niedrig: Methanbildner (Archaeen, vor allem Methanobrevibacter smithii), reduktive Acetogene und Sulfatreduzierer. Alle drei verbrauchen je Formelumsatz vier H₂, also acht Elektronen; verschieden sind Energieausbeute und Produkte.
Ein Teil des H₂ und CH₄ gelangt ins Blut und wird abgeatmet. Darauf beruht der H₂-Atemtest: Nach Gabe von Lactose steigt H₂ in der Atemluft, wenn Lactose den Dickdarm unverdaut erreicht und dort vergoren wird (Station 42).
ΔG°′-Werte: Thauer, Jungermann und Decker 1977, Bacteriol Rev 41:100.
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Sport, Ernährung und Leistung
Woher nimmt der Muskel seine Energie, was bringt Leistung, was bremst sie, und wo beginnt Doping?
Das lernst du hier
- erklären, woher der Körper beim Sport Energie bekommt und warum ein Sprint anders ist als ein Dauerlauf
- beschreiben, was Essen, Trinken und Schlaf für die Leistung bedeuten
- sagen, warum Doping verboten ist und dem Körper schadet
- die drei Energiesysteme (Kreatinphosphat, Glykolyse, Zellatmung) nach Leistung und Dauer einordnen
- Kohlenhydrat- und Eiweißbedarf von Sportlern begründen
- erlaubte Hilfen (Koffein, Kreatin) von Doping (Anabolika, EPO) unterscheiden und Risiken nennen
- Leistungshemmer wie Schlafmangel, Alkohol, Flüssigkeitsmangel erklären
- Energiebereitstellung als Funktion von Dauer und Intensität beschreiben (Phosphagene, anaerobe Glykolyse, aerober Abbau von Kohlenhydraten und Fetten, Fatmax, Laktatschwelle, VO₂max)
- Wirkmechanismen leistungssteigernder Substanzen auf die Stationen Enzyme, ATP, Zellatmung und Hormone zurückführen
- die WADA-Verbotsliste 2026, den Biologischen Athletenpass und das Anti-Doping-Gesetz in Grundzügen kennen
- Leistungshemmer quantitativ einordnen (Dehydratation, Schlaf, Alkohol, Hitze, Höhe, Energiemangel)
Status nach der WADA-Verbotsliste 2026 (gültig ab 1. Januar 2026). Dosisangaben sind Studienwerte aus Positionspapieren, keine Empfehlung; Wirkungen beziehen sich auf Erwachsene.
Muskeln brauchen zum Arbeiten , und davon hat die Zelle nur einen winzigen Vorrat für ein paar Sekunden. Danach muss sie nachliefern. Beim Sprint geht das ganz schnell über einen Notvorrat (Kreatinphosphat) und über das Zerlegen von Zucker ohne Sauerstoff. Das hält aber nur kurz, und der Muskel wird sauer und müde. Beim Dauerlauf arbeitet der Muskel langsamer, dafür mit Sauerstoff: Zucker und Fett werden in den Mitochondrien vollständig „verbrannt“ (Station 9). Deshalb kann man eine Stunde joggen, aber keine Stunde sprinten.
Der Treibstoff kommt aus dem Essen: Kohlenhydrate (Brot, Nudeln, Obst) sind der schnelle Treibstoff und werden als in Muskeln und Leber gespeichert. Fett ist der große Vorrat, der lange reicht. Eiweiß ist der Baustoff für Muskeln. Wer viel schwitzt, muss trinken: Schon wenig Wassermangel macht müde. Und Schlaf gehört dazu: Mit zu wenig Schlaf ist man langsamer und verletzt sich leichter.
Manche Sportler nehmen verbotene Mittel, um stärker oder ausdauernder zu werden. Das heißt Doping. Es ist Betrug an den anderen, und die Mittel schaden dem Körper: Sie können Herz, Leber und Hormone durcheinanderbringen. Bei Kontrollen werden Urin und Blut untersucht.
Der Muskel hat drei Wege, ATP nachzuliefern. Kreatinphosphat gibt seine Phosphatgruppe direkt an ADP ab: sehr schnell, aber der Vorrat ist nach etwa zehn Sekunden Maximalbelastung weitgehend verbraucht. Die anaerobe Glykolyse (Station 8) spaltet Glucose zu : schnell und ohne Sauerstoff, aber mit wenig ATP je Glucose und mit Säure, die den Muskel bremst. Die Zellatmung (Station 9) liefert am meisten ATP aus Glucose und Fettsäuren, braucht aber Sauerstoff und Zeit. Nach etwa ein bis zwei Minuten Maximalbelastung stammt die Hälfte des ATP aus der aeroben Verbrennung, beim Marathon fast alles.
Training verändert den Körper: Das Herz pumpt je Schlag mehr Blut (Sportherz, niedriger Ruhepuls), die Muskeln bekommen mehr Mitochondrien und Kapillaren, die Glykogenspeicher wachsen. Die maximale Sauerstoffaufnahme (VO₂max) ist ein Maß für die Ausdauer: Untrainierte junge Männer erreichen im Mittel etwa 48, Frauen 38 Milliliter je Kilogramm und Minute, Spitzensportler bis etwa 90.
Ernährung: Ausdauersportler brauchen viele Kohlenhydrate (je nach Training 5 bis 10 g je kg Körpermasse und Tag), Kraftsportler mehr Eiweiß als Nichtsportler (etwa 1,2 bis 2 g je kg; mehr bringt für den Muskelaufbau nichts mehr). Mehr als 2 % Körpermasse durch Schwitzen zu verlieren senkt die Leistung.
Erlaubt oder verboten? Koffein (Wachheit, weniger Ermüdungsgefühl) und Kreatin (größerer Kreatinphosphatvorrat) sind erlaubt und gut untersucht. Verboten sind unter anderem anabole Steroide (künstliche Verwandte des Testosterons: mehr Muskelmasse, aber Schäden an Herz, Leber, Psyche und Hormonsystem), EPO (mehr rote Blutkörperchen, dickeres Blut, Thrombosegefahr), Wachstumshormon, Stimulanzien und Blutdoping. In Deutschland ist Doping im Spitzensport seit 2015 eine Straftat (Anti-Doping-Gesetz); wer Dopingmittel an Jugendliche abgibt, macht sich besonders strafbar.
Energiebereitstellung: Der ATP-Vorrat im Muskel (etwa 8 mmol je kg Feuchtmasse) sinkt selbst bei Maximalbelastung nur um ein bis zwei Millimol, weil drei Systeme nachliefern. Phosphagene: Kreatinphosphat (etwa 26 mmol/kg) überträgt über die Kreatinkinase seine Phosphatgruppe auf ADP, Maximalrate sofort, Vorrat nach rund 10 s weitgehend erschöpft. Anaerobe Glykolyse: Maximalrate nach 10 bis 15 s, liefert beim 30-s-Sprint etwa die Hälfte des ATP (23 % Phosphagene, 49 % Glykolyse, 28 % aerob), erzeugt Lactat und H⁺. Aerober Stoffwechsel: Kohlenhydrate und Fettsäuren in den Mitochondrien; die Hälfte-Hälfte-Grenze zwischen anaerob und aerob liegt bei Maximalbelastung bei etwa 75 s (Gastin 2001). Die höchste Fettverbrennung („Fatmax“, im Mittel 0,52 g/min bei Ausdauertrainierten) liegt bei rund 60 bis 65 % der VO₂max; oberhalb von etwa 90 % VO₂max ist sie vernachlässigbar.
Grenzen: VO₂max (Fick: Herzzeitvolumen × arteriovenöse O₂-Differenz) liegt bei Untrainierten um 48 (Männer) bzw. 38 ml/kg/min (Frauen, 20 bis 29 Jahre), bei Spitzenausdauersportlern bis etwa 90, höchster publizierter Wert 96,7 ml/kg/min. Für die Dauerleistung entscheidet die Laktatschwelle (maximales Laktat-Steady-State, Praxisgröße 4 mmol/l) mehr als die VO₂max. Glykogen (Muskel im Mittel 500 g, Leber 80 g) begrenzt Belastungen über etwa 90 min; Fett (bei 70 kg und 15 % Körperfett rund 390 MJ) praktisch nie.
Substanzen mit Evidenz (erlaubt): Koffein blockiert Adenosinrezeptoren (A₁, A₂A) im Gehirn und senkt die empfundene Anstrengung (3 bis 6 mg/kg, Ausdauer +2 bis 4 %). Kreatin erhöht den Kreatinphosphatvorrat um 20 bis 40 % und verbessert wiederholte Hochintensitätsleistungen. Natriumbicarbonat (extrazellulär) und β-Alanin über Carnosin (intrazellulär) puffern H⁺. Nitrat aus Roter Bete wird zu Stickstoffmonoxid und senkt die O₂-Kosten der Muskelarbeit. Verboten: Anabole Steroide (600 mg Testosteron-Enantat je Woche über 10 Wochen plus Krafttraining: +6,1 kg fettfreie Masse, Bhasin 1996) wirken über den Androgenrezeptor auf die Transkription (Station 12), mit kardiovaskulären, hepatischen, psychiatrischen und endokrinen Schäden. EPO (Station 9: mehr Hämoglobin) hob in vier Wochen den Hämatokrit von 42,7 auf 50,8 % und die VO₂max um 7 % (Birkeland 2000), mit erhöhtem Blutdruck und Thromboserisiko. Wachstumshormon vergrößert die fettfreie Masse (+2,1 kg), aber nicht Kraft oder Ausdauer (Liu 2008). Gendoping und Zellbestandteile (Mitochondrien) stehen 2026 ausdrücklich auf der Liste (M3).
Leistungshemmer: Schlaf von höchstens 6 h senkt die Leistung im Mittel um 7,6 % (Metaanalyse Craven 2022). Alkohol (1,5 g/kg nach dem Training) senkt die Muskelproteinsynthese um 24 bis 37 % und verdrängt Kohlenhydrate aus der Glykogenauffüllung. Rauchen bindet Hämoglobin als Carboxyhämoglobin (typisch 6 %). Hitze: Erschöpfung tritt bei etwa 40 °C Körperkerntemperatur ein, unabhängig von der Starttemperatur. Höhe senkt den Sauerstoffpartialdruck; der Körper antwortet binnen Stunden mit EPO (Eckardt 1989), „live high, train low“ brachte +5 % VO₂max (Levine 1997). Ein Energiedefizit unter 30 kcal je kg fettfreie Masse und Tag (RED-S) stört Hormone, Knochen und Immunsystem. Eisenmangel (Ferritin unter 30 µg/l) begrenzt den O₂-Transport.
Vertiefung: Die Kreatinkinase-Reaktion (Lohmann-Reaktion: PCr + ADP + H⁺ ⇌ Cr + ATP) hält das Verhältnis ATP/ADP fast verzögerungsfrei konstant und bindet zu Beginn der Belastung zusätzlich Protonen. Lactat ist kein Abfall: Es wird über Monocarboxylat-Transporter zwischen Fasern, Herz und Leber verschoben (Lactat-Shuttle, Cori-Zyklus in Station 11) und ist bei Ausdauerbelastung ein wichtiger Brennstoff; die „Übersäuerung“ geht auf die ATP-Hydrolyse und Glykolyse zurück, nicht auf Milchsäure als solche. Der Nachbrenneffekt (EPOC) beträgt nur 6 bis 15 % des Belastungsumsatzes. Beim Biologischen Athletenpass (hämatologisches Modul seit 2009, Steroidmodul 2014, endokrines Modul 2023) wird nicht die Substanz, sondern die individuelle Abweichung der Blut- und Urinwerte über die Zeit bewertet; Mikrodosierung von EPO erhöhte in einer Studie die Hämoglobinmasse um 10 % ohne Auffälligkeit im Pass (Ashenden 2011), ist aber in den ersten Stunden danach direkt im Blut nachweisbar (Mørkeberg 2014).
Station 30 von 43
Das Immunsystem
Wie erkennt der Körper Eindringlinge, und warum wird man von manchen Krankheiten nur einmal krank?
Das lernst du hier
- die drei Stufen der Abwehr beschreiben
- erklären, wie eine Impfung wirkt
- wissen, wogegen Antibiotika helfen
- angeborene und erworbene Abwehr unterscheiden
- humorale und zelluläre Abwehr erklären
- aktive und passive Impfung vergleichen
- Mustererkennung, Antigenpräsentation und klonale Selektion erklären
- MHC I und MHC II zuordnen
- Wirkungsweisen von Antikörpern nennen
Bakterien und Viren sind überall. Die meisten sind harmlos, manche machen krank; sie heißen Krankheitserreger. Der Körper wehrt sich in mehreren Stufen.
Zuerst halten Haut und Schleimhäute die meisten Erreger draußen. Gelangen doch welche hinein, etwa durch eine Wunde, kommen Fresszellen. Das sind weiße Blutkörperchen, die Erreger umschließen und verdauen. Die Stelle wird rot, warm und schwillt an: eine Entzündung.
Gegen hartnäckige Erreger bildet der Körper . Sie passen genau zu einem bestimmten Erreger, verklumpen ihn und markieren ihn für die Fresszellen. Danach bleiben Gedächtniszellen übrig. Kommt derselbe Erreger wieder, reagiert der Körper so schnell, dass man meist nicht krank wird. Das nutzt die Impfung: Sie zeigt dem Körper harmlose Teile oder abgeschwächte Formen eines Erregers, damit er Gedächtniszellen bildet.
Man unterscheidet die angeborene (unspezifische) und die erworbene (spezifische) Abwehr. Die angeborene Abwehr wirkt sofort und gegen viele Erreger gleich: Barrieren, Fresszellen wie und neutrophile Granulocyten, Entzündung, Fieber.
Die erworbene Abwehr braucht beim ersten Kontakt einige Tage. Dafür erkennt sie ganz bestimmte Merkmale eines Erregers, die . Fresszellen und präsentieren Bruchstücke des Erregers den . Diese aktivieren passende B-Zellen, die zu werden und große Mengen Antikörper abgeben (humorale Abwehr). Zytotoxische T-Zellen (Killerzellen) töten körpereigene Zellen, die von Viren befallen sind (zelluläre Abwehr).
Gedächtniszellen sorgen beim nächsten Kontakt für eine schnelle Antwort. Eine aktive Impfung löst diese Bildung aus und schützt lange. Eine passive Impfung gibt fertige Antikörper; sie schützt sofort, aber nur für Wochen bis wenige Monate.
Die angeborene Abwehr erkennt konservierte Molekülmuster von Erregern (, etwa Lipopolysaccharid, Flagellin oder virale RNA) über Mustererkennungsrezeptoren wie die Toll-like-Rezeptoren. Das Komplementsystem markiert Erreger (Opsonisierung), lockt Immunzellen an und kann Membranen durchlöchern.
Dendritische Zellen schlagen die Brücke zur erworbenen Abwehr: Sie nehmen Antigen auf, wandern in den Lymphknoten und präsentieren Peptide auf -II-Molekülen. Naive CD4-T-Zellen mit passendem T-Zell-Rezeptor werden aktiviert und vermehren sich (klonale Selektion und Expansion). Über steuern sie B-Zellen und Makrophagen. B-Zellen erkennen Antigen direkt über ihren B-Zell-Rezeptor und werden mit T-Zell-Hilfe zu Plasmazellen und Gedächtnis-B-Zellen.
Fast jede Körperzelle zeigt auf MHC-I-Molekülen Bruchstücke ihrer eigenen Proteine. CD8-T-Zellen erkennen darauf virale oder durch Tumoren veränderte Peptide und lösen die aus. Natürliche Killerzellen töten Zellen, die MHC I verloren haben. Antikörper wirken durch Neutralisation, Opsonisierung, Agglutination und Aktivierung des Komplements.
Immunologie
Antikörper im Detail, die Immunglobulinklassen, Antigenpräsentation, Komplement, die Entstehung der Rezeptorvielfalt, T-Zell-Subtypen, Überempfindlichkeit, Antikörper als Medikament und Impfungen.Bauplan eines Immunglobulins
Jede Kette besteht aus Immunglobulin-Domänen von etwa 110 Aminosäuren, einem β-Faltblatt-Sandwich mit einer internen Disulfidbrücke. Die leichte Kette hat eine variable (VL) und eine konstante Domäne (CL), die schwere Kette eine variable (VH) und drei (IgG, IgA, IgD) oder vier (IgM, IgE) konstante Domänen. Disulfidbrücken zwischen den Ketten halten das Molekül zusammen.
Janeway 9. Aufl.; Abbas 10. Aufl.
Fünf Klassen im Vergleich
| IgG | IgA | IgM | IgD | IgE | |
|---|---|---|---|---|---|
| Schwere Kette | γ (IgG1–4) | α (IgA1–2) | μ | δ | ε |
| Form im Serum | Monomer | Monomer; Dimer mit J-Kette und sekretorischer Komponente in Sekreten | Pentamer mit J-Kette | Monomer | Monomer |
| Masse | ≈ 150 kDa | ≈ 160 kDa, sIgA ≈ 385–400 kDa | ≈ 900–970 kDa | ≈ 180 kDa | ≈ 190 kDa |
| Serum (Erwachsene) | 7–16 g/l (≈ 75–80 %) | 0,7–4 g/l (≈ 15 %) | 0,4–2,3 g/l (≈ 10 %) | < 0,04 g/l | Spuren (≈ 0,0003 g/l, klinisch in kU/l) |
| Halbwertszeit | ≈ 21 d (IgG3 ≈ 7 d) | ≈ 6 d | ≈ 5 d (Abbas); Janeway nennt ≈ 10 d | ≈ 3 d | ≈ 2 d im Serum, an Mastzellen Wochen |
| Plazenta | ja (FcRn) | nein | nein | nein | nein |
| Komplement (klassisch) | IgG3 > IgG1 > IgG2; IgG4 nein | nein | stark | nein | nein |
| Hauptaufgabe | Sekundärantwort, Opsonisierung, Neutralisation, ADCC, Nestschutz | Schleimhäute, Muttermilch; größte Tagesproduktion (3–5 g) | Primärantwort, Agglutination, B-Zell-Rezeptor; Isoagglutinine des AB0-Systems | B-Zell-Rezeptor naiver B-Zellen | Allergie, Abwehr von Helminthen; bindet FcεRI auf Mastzellen |
Janeway 9. Aufl.; Abbas 10. Aufl.; Serumbereiche: Löffler/Petrides 9. Aufl. und Laborreferenzen (laborabhängig).
Zwei Wege, zwei Fragen
MHC I beantwortet die Frage „Was passiert in dieser Zelle?“ – jede kernhaltige Zelle zeigt Bruchstücke ihrer eigenen Proteine, CD8-T-Zellen prüfen sie. MHC II beantwortet „Was ist da draußen?“ – nur antigenpräsentierende Zellen (dendritische Zellen, Makrophagen, B-Zellen) zeigen aufgenommenes Material den CD4-T-Zellen.
Janeway 9. Aufl.; IPD-IMGT/HLA; ARUP Consult; Mallal et al. 2008, NEJM 358:568.
Drei Eingänge, ein Ausgang
Rund 30 Plasmaproteine, überwiegend aus der Leber, bilden eine Kaskade von Proteasen. Alle drei Aktivierungswege münden in eine C3-Konvertase, die C3 in das Anaphylatoxin C3a und das Opsonin C3b spaltet. C3b auf einer Oberfläche startet die Verstärkungsschleife des alternativen Weges und, als Teil der C5-Konvertase, die Bildung des Membranangriffskomplexes.
Janeway 9. Aufl.; Löffler/Petrides 9. Aufl.; Zanichelli et al. 2015 (HAE-Prävalenz 1 : 65 000 in Italien; Orphanet nennt abweichend seltener).
Vielfalt aus Baukästen
Die Keimbahn enthält keine fertigen Antikörpergene, sondern Segmente. In jeder B-Zelle verknüpft die Rekombinase RAG1/RAG2 zuerst D mit J, dann V mit DJ (schwere Kette), bei den leichten Ketten V mit J. Erkennungssequenzen (RSS) mit 12 oder 23 Basenpaaren Abstand sorgen dafür, dass nur passende Segmente zusammenfinden (12/23-Regel).
Janeway 9. Aufl.; IMGT Repertoire (imgt.org, 2026).
Zwei Signale, dann Differenzierung
Eine naive T-Zelle braucht Signal 1 (T-Zell-Rezeptor erkennt Peptid auf MHC) und Signal 2 (CD28 bindet B7, also CD80/86, auf einer reifen antigenpräsentierenden Zelle). Signal 1 ohne Signal 2 führt zu Anergie, ein Schutz vor Autoimmunität. CTLA-4 konkurriert mit CD28 um B7 und bremst früh, PD-1 bremst in der Peripherie; beide sind Angriffspunkte der Checkpoint-Blockade in der Tumortherapie.
| Subtyp | induziert durch | Master-TF | Effektorcytokine | Gegen / Bezug |
|---|---|---|---|---|
| Th1 | IL-12, IFN-γ | T-bet | IFN-γ | intrazelluläre Erreger; Makrophagenaktivierung |
| Th2 | IL-4 | GATA3 | IL-4, IL-5, IL-13 | Helminthen; Allergie, Asthma |
| Th17 | TGF-β, IL-6, IL-23 | RORγt | IL-17, IL-22 | extrazelluläre Bakterien, Pilze; Psoriasis, CED |
| Treg | TGF-β, IL-2 | FOXP3 | IL-10, TGF-β | Toleranz; IPEX bei FOXP3-Mutation |
| Tfh | IL-6, IL-21 | Bcl-6 | IL-21 | B-Zell-Hilfe im Keimzentrum |
| Th9 / Th22 | IL-4 + TGF-β / IL-6 + TNF | PU.1 / AHR | IL-9 / IL-22 | Allergie / Hautbarriere |
| CD8-CTL | IL-2, IFN-γ | T-bet, Eomes | Perforin, Granzyme, IFN-γ | virusinfizierte und Tumorzellen |
Immunometabolismus: Aktivierte Effektor-T-Zellen schalten auf aerobe Glykolyse um (Warburg-ähnlich), Gedächtnis- und regulatorische T-Zellen leben stärker von oxidativer Phosphorylierung und Fettsäureoxidation. Stoffwechsel und Immunantwort sind dieselbe Biologie.
Janeway 9. Aufl.; Abbas 10. Aufl.
Überempfindlichkeitsreaktionen nach Coombs und Gell
Soforttyp (IgE)
Allergen vernetzt IgE auf FcεRI von Mastzellen und Basophilen: Histamin, Leukotriene, Prostaglandine. Heuschnupfen, Asthma, Urtikaria, Anaphylaxie.
Anaphylaxie: Inzidenz 7–50 pro 100 000 und Jahr, Lebenszeitprävalenz in Europa etwa 3 %. Erstmaßnahme: Adrenalin 0,3–0,6 mg i.m. in den Oberschenkel (Erwachsene).
Zytotoxisch (IgG, IgM)
Antikörper gegen Zelloberflächen oder Matrix: Komplement, Phagocytose, ADCC. Transfusionsreaktion, Rhesus-Inkompatibilität (Anti-D-Prophylaxe), autoimmunhämolytische Anämie, Goodpasture-Syndrom; als Rezeptor-Variante Myasthenia gravis (Acetylcholinrezeptor) und Morbus Basedow (stimulierend).
Immunkomplex
Lösliche Antigen-Antikörper-Komplexe lagern sich in Gefäßwänden, Nieren und Gelenken ab und aktivieren Komplement und Neutrophile. Serumkrankheit, Arthus-Reaktion, Lupus-Nephritis, Post-Streptokokken-Glomerulonephritis.
Verzögert, zellulär (T-Zellen)
Th1 aktivieren Makrophagen, Th17 rekrutieren Neutrophile, CD8 töten direkt. Kontaktdermatitis (Nickel), Tuberkulin-Test, Transplantatabstoßung, Typ-1-Diabetes, Zöliakie-Schleimhautschaden.
Janeway 9. Aufl.; Ring et al., S2k-Leitlinie Anaphylaxie Update 2021, Allergo J Int 30:1–25.
Maus (orange), chimär (variable Domänen Maus), humanisiert (nur CDR Maus), human (blau). Je mehr human, desto weniger Immunreaktion gegen das Medikament und desto längere Halbwertszeit.
Vom Hybridom zum Medikament
Köhler und Milstein fusionierten 1975 B-Zellen immunisierter Mäuse mit Myelomzellen: unsterbliche Hybridome, die je einen monoklonalen Antikörper liefern (Nobelpreis 1984). Heute stammen therapeutische Antikörper aus humanisierten Maus-Antikörpern, transgenen Mäusen mit menschlichen Ig-Genen oder Phagen-Display.
| Antikörper | Ziel | Einsatz |
|---|---|---|
| Rituximab | CD20 (B-Zellen) | B-Zell-Lymphome, rheumatoide Arthritis |
| Trastuzumab | HER2 | Mammakarzinom |
| Adalimumab | TNF-α | rheumatoide Arthritis, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen |
| Pembrolizumab, Nivolumab | PD-1 | Checkpoint-Blockade bei Tumoren |
| Omalizumab | IgE | allergisches Asthma, chronische Urtikaria |
| Dupilumab | IL-4-Rezeptor α | atopische Dermatitis, Asthma |
| Ocrelizumab | CD20 | Multiple Sklerose |
| Bevacizumab | VEGF | Kolorektal- und andere Karzinome |
| Denosumab | RANKL | Osteoporose |
| Evolocumab | PCSK9 | Hypercholesterinämie (Station 11) |
| Eculizumab | Komplement C5 | PNH, atypisches HUS |
| Blinatumomab (bispezifisch) | CD19 × CD3 | akute lymphatische Leukämie |
Diagnostik: Sandwich-ELISA (Fänger-Antikörper, Antigen, enzymgekoppelter Detektions-Antikörper, Farbreaktion), Lateral-Flow-Schnelltests (Schwangerschaft, Antigentests), Durchflusszytometrie mit fluoreszenzmarkierten Antikörpern gegen CD-Marker, Immunfluoreszenz, Western Blot. CAR-T-Zellen tragen einen chimären Antigenrezeptor aus Antikörper-Bindedomäne und T-Zell-Signalteil.
Köhler & Milstein 1975, Nature 256:495; WHO INN 21-531; Abbas 10. Aufl.
Impfstofftypen
| Typ | Prinzip | Beispiele (STIKO-Kalender) | Besonderheit |
|---|---|---|---|
| Lebendimpfstoff | abgeschwächter, vermehrungsfähiger Erreger | Masern-Mumps-Röteln, Varizellen, Rotavirus | starke, lange Immunität; nicht bei schwerer Immunschwäche und in der Schwangerschaft |
| Totimpfstoff | inaktivierter Erreger oder Spaltprodukt | Poliomyelitis (IPV), Influenza, Hepatitis A | Auffrischungen nötig, oft Adjuvans |
| Toxoid | entgiftetes Toxin | Tetanus, Diphtherie | Antikörper neutralisieren das Gift, nicht den Erreger |
| Konjugatimpfstoff | Kapselzucker an Trägerprotein gekoppelt | Pneumokokken (PCV), Hib, Meningokokken ACWY | T-Zell-Hilfe macht Zuckerantigene auch für Säuglinge wirksam (Station 4, Kapsel) |
| Subunit, rekombinant | einzelnes Erregerprotein | Hepatitis B, HPV, Pertussis (azellulär) | sehr gut verträglich |
| mRNA | Zellen bilden das Antigen selbst | COVID-19, RSV (mResvia) | schnell anpassbar; Lipidnanopartikel |
| Vektor | harmloses Virus transportiert das Gen | Ebola, COVID-19 (Vaxzevria) | Immunität gegen den Vektor begrenzt Wiederholungen |
STIKO, Epidemiologisches Bulletin 4/2026; Janeway 9. Aufl.; Guerra et al. 2017, Lancet Infect Dis 17:e420.
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Fortpflanzung und Entwicklung
Wie steuern Hormone den Zyklus, und wie wird aus einer befruchteten Eizelle ein Mensch?
Das lernst du hier
- die Veränderungen in der Pubertät und die Aufgaben der Geschlechtsorgane beschreiben
- erklären, was im Menstruationszyklus in Eierstock und Gebärmutter passiert
- beschreiben, wie aus einer befruchteten Eizelle in rund neun Monaten ein Kind wird
- Verhütungsmittel nach ihrer Wirkweise unterscheiden
- den Menstruationszyklus mit FSH, LH, Östradiol und Progesteron als Regelkreis erklären
- Befruchtung, Einnistung und die Stadien der Embryonalentwicklung beschreiben
- die Aufgaben der Plazenta nennen
- Verhütungsmethoden nach Wirkprinzip und Pearl-Index vergleichen
- negative und positive Rückkopplung der Achse Hypothalamus–Hypophyse–Eierstock begründen
- Furchung, Gastrulation, Neurulation und Organogenese mit den Keimblättern verknüpfen
- toti-, pluri- und multipotente Zellen unterscheiden und iPS-Zellen erklären
- die Rechtslage in Deutschland (ESchG, StZG, GenDG) darstellen und die Reformdebatte einordnen
In der Pubertät wird der Körper erwachsen. Sie beginnt meist zwischen 8 und 14 Jahren, bei Mädchen im Durchschnitt etwas früher als bei Jungen. Das Startsignal kommt aus dem Gehirn: Es schickt Botenstoffe (Hormone) zu den Geschlechtsdrüsen, also zu den Eierstöcken oder den Hoden. Diese bilden dann selbst Hormone, vor allem Östrogene und Testosteron. Der Körper wächst schneller, unter den Achseln und im Schambereich wachsen Haare, bei Mädchen entwickelt sich die Brust, bei Jungen wird die Stimme tiefer. Jeder Körper hat dabei sein eigenes Tempo.
Die Geschlechtsorgane bilden Keimzellen und bringen sie zusammen. In den Hoden entstehen ab der Pubertät ständig neue Spermienzellen. In den Eierstöcken liegen von Geburt an unreife Eizellen; ab der Pubertät reift meist eine pro Monat heran. Keimzellen haben nur 23 statt 46 Chromosomen (Station 13).
Etwa einmal im Monat läuft der Menstruationszyklus ab. Eine Eizelle reift in einem Bläschen im Eierstock und wird beim Eisprung in den Eileiter entlassen. Gleichzeitig wird die Schleimhaut der Gebärmutter dicker. Wird die Eizelle nicht befruchtet, löst sich die Schleimhaut etwa zwei Wochen später und wird mit etwas Blut ausgeschieden: die Regelblutung (Menstruation, Periode). Die erste Regelblutung kommt in Deutschland im Durchschnitt mit knapp 13 Jahren. Zyklen sind verschieden lang, 28 Tage sind nur ein Mittelwert.
Trifft im Eileiter eine Spermienzelle auf die Eizelle, kann sie diese befruchten. Die befruchtete Eizelle teilt sich, wandert in die Gebärmutter und nistet sich in der Schleimhaut ein. Über den Mutterkuchen () erhält das Kind Nährstoffe und Sauerstoff aus dem Blut der Mutter. Acht Wochen nach der Befruchtung sind alle Organe angelegt, danach wächst und reift das Kind. Etwa 40 Wochen nach dem ersten Tag der letzten Regelblutung kommt es zur Welt.
Wer miteinander schläft und kein Kind möchte, verhütet. Kondome halten die Spermien zurück und schützen als einzige Methode auch vor vielen Krankheiten, die beim Sex übertragen werden. Die Pille enthält Hormone, die den Eisprung verhindern. Wie sicher eine Methode ist, hängt auch davon ab, ob man sie richtig anwendet. Ärztinnen, Ärzte und Beratungsstellen helfen bei Fragen.
Die Pubertät beginnt im Gehirn. Der Hypothalamus gibt in kurzen Abständen das Hormon GnRH ab (Gonadotropin-Releasing-Hormon). Es veranlasst die Hypophyse (Hirnanhangsdrüse), und auszuschütten. Diese wirken auf die Keimdrüsen: In den Hoden entstehen Testosteron und Spermien, in den Eierstöcken reifen Follikel und bilden . Die erste Regelblutung (Menarche) kommt in Deutschland im Mittel mit 12,8 Jahren.
Keimzellen entstehen durch Meiose (Station 13). Beim Mann teilen sich ab der Pubertät ständig Vorläuferzellen in den Hodenkanälchen; aus jeder Zelle, die in die Meiose geht, werden vier Spermien. Bei der Frau beginnt die Meiose schon vor der Geburt und ruht dann viele Jahre. Aus jeder Eizellvorstufe entsteht nur eine Eizelle, die übrigen Kerne gehen als Polkörperchen zugrunde.
Im Zyklus arbeiten Gehirn, Eierstock und Gebärmutter als Regelkreis zusammen, ähnlich wie beim Blutzucker (Station 25). In der Follikelphase lässt FSH einen Follikel heranwachsen, der immer mehr Östradiol bildet; die Gebärmutterschleimhaut baut sich auf. Ist der Östradiolspiegel lange genug hoch, schüttet die Hypophyse plötzlich viel LH aus. Etwa 36 Stunden nach Beginn dieses Anstiegs platzt der Follikel: Eisprung. Aus seinem Rest wird der . Er bildet , das die Schleimhaut für eine Einnistung umbaut und zusammen mit Östradiol FSH und LH bremst. Ohne Schwangerschaft lässt der Gelbkörper nach 9 bis 11 Tagen nach, das Progesteron fällt, und die Schleimhaut wird abgestoßen. Normal sind Zyklen von 24 bis 38 Tagen.
Befruchtet wird die Eizelle im Eileiter. Schwanger werden kann man nur an etwa sechs Tagen je Zyklus, die mit dem Tag des Eisprungs enden: Spermien überleben einige Tage, die Eizelle ist nur kurz befruchtungsfähig. Der Keim teilt sich (Furchung), wird zur und nistet sich 6 bis 12 Tage nach dem Eisprung ein, meist nach 8 bis 10 Tagen. Dann bildet er das Hormon , das den Gelbkörper erhält; das weisen Schwangerschaftstests nach. Bis zum Ende der achten Woche nach der Befruchtung spricht man vom Embryo, danach vom Fetus. Die Plazenta versorgt das Kind, ohne dass sich die Blutkreisläufe mischen. Bei der Geburt verstärken sich Wehen und das Hormon Oxytocin gegenseitig: eine positive Rückkopplung.
Verhütungsmethoden setzen an verschiedenen Stellen an: Kondom und Diaphragma als Barriere, hormonelle Methoden vor allem über die Hemmung des Eisprungs und einen zähen Schleim im Gebärmutterhals, Spiralen in der Gebärmutter, die Sterilisation über das Unterbrechen von Samen- oder Eileitern. Wie sicher eine Methode ist, beschreibt der . Nur Kondome schützen zusätzlich vor sexuell übertragbaren Infektionen. Die „Pille danach“ verschiebt den Eisprung; eine bestehende Schwangerschaft beendet sie nicht.
Die Achse Hypothalamus–Hypophyse–Eierstock wird über die Pulsfrequenz von GnRH und über Rückkopplungen gesteuert. FSH regt in den Granulosazellen die Aromatase an, die Androgene aus den LH-stimulierten Thekazellen zu Östradiol umbaut. Meist hemmen Östradiol, Progesteron und Inhibine die Ausschüttung von FSH und LH (negative Rückkopplung). Liegt Östradiol aber rund 50 Stunden über etwa 200 pg/ml, löst es den LH-Gipfel aus (positive Rückkopplung); der Eisprung folgt etwa 36 Stunden nach Beginn des Anstiegs. Typische Medianwerte: Östradiol um den Eisprung 757 pmol/l, LH 22,6 IU/l, Progesteron in der mittleren Lutealphase 39 nmol/l. Kombinierte Verhütungsmittel halten Östrogen und Gestagen gleichmäßig hoch und verhindern so den LH-Gipfel.
Die Zykluslänge schwankt vor allem über die Follikelphase: In 612 613 ausgewerteten Zyklen betrug sie im Mittel 29,3 Tage, die Follikelphase 16,9 ± 5,3 und die Lutealphase 12,4 ± 2,4 Tage. Bei der Befruchtung durchdringt eine kapazitierte Spermienzelle mit der Akrosomreaktion die Zona pellucida; die Rindenreaktion blockiert weitere Spermien, und die Eizelle beendet die Meiose II. In der Blastocyste trennen sich Trophoblast (später Plazenta) und Embryoblast (später Embryo).
In der dritten Woche nach der Befruchtung entstehen bei der über den Primitivstreifen drei Keimblätter: aus dem Ektoderm Haut und Nervensystem, aus dem Mesoderm Muskeln, Knochen, Herz, Blut und Nieren, aus dem Entoderm die Auskleidung von Darm und Lunge, Leber und Bauchspeicheldrüse. Die Chorda induziert die Neuralplatte, die sich bis etwa Tag 28 zum Neuralrohr schließt (Neurulation). Bis zum Ende der achten Woche werden alle Organe angelegt (Organogenese); in dieser Zeit wirken Störungen am schwersten, etwa Thalidomid (Contergan, Fehlbildungen der Gliedmaßen um 1960), Rötelnviren oder Alkohol. Folsäure vor und zu Beginn der Schwangerschaft senkte in einer großen Studie bei Frauen, die schon ein betroffenes Kind hatten, das Risiko eines erneuten Neuralrohrdefekts um 72 %.
Zygote und frühe Furchungszellen sind , die innere Zellmasse und die daraus gewonnenen embryonalen Stammzellen (ES-Zellen) pluripotent, Blutstammzellen multipotent. 2006 versetzten Takahashi und Yamanaka Bindegewebszellen der Maus mit vier Transkriptionsfaktoren (Oct3/4, Sox2, Klf4, c-Myc) in zurück, 2007 gelang das mit menschlichen Zellen; 2012 folgte der Nobelpreis, gemeinsam mit Gurdon. Eineiige Zwillinge entstehen durch Teilung eines frühen Embryos, weltweit bei etwa 4 von 1000 Entbindungen. Die gesamte Zwillingsrate stieg von 9,1 je 1000 Entbindungen (1980–1985) auf 12,0 (2010–2015), vor allem durch Kinderwunschbehandlungen und späteres Kinderkriegen.
Recht (Stand Oktober 2026): Das Embryonenschutzgesetz (seit 1991, zuletzt geändert 2011) schützt den Embryo ab der Kernverschmelzung. Es verbietet unter anderem Eizellspende, Leihmutterschaft, verbrauchende Embryonenforschung, Klonen und Keimbahneingriffe (Station 15); die Präimplantationsdiagnostik ist nur in engen Grenzen erlaubt. Nach dem Stammzellgesetz (2002, zuletzt geändert 2017) dürfen nur ES-Zell-Linien von vor dem 1. Mai 2007 für hochrangige Forschung eingeführt werden; iPS-Zellen fallen nicht darunter. Eine Reform ist umstritten: Die Wissenschaftsakademien empfahlen 2021 Forschung an überzähligen Embryonen, eine Kommission der Bundesregierung hielt 2024 die Eizellspende unter engen Voraussetzungen für möglich. Dagegen stehen der Lebensschutz ab der Befruchtung und Risiken für Spenderinnen. Ein Gesetzentwurf lag bis Juli 2026 nicht vor.
Pränataldiagnostik reicht vom Ultraschall über Bluttests bis zu Eingriffen wie Fruchtwasseruntersuchung und Chorionzottenbiopsie; deren eingriffsbedingtes Fehlgeburtsrisiko lag in einer Metaanalyse bei 0,30 % beziehungsweise 0,20 %. Der Bluttest auf die Trisomien 13, 18 und 21 (nicht-invasiver Pränataltest, NIPT) ist seit Juli 2022 Kassenleistung, wenn die Schwangere ihn nach ärztlicher Beratung für nötig hält; am 8. Oktober 2026 beschloss der Bundestag, die Folgen beobachten zu lassen. Nach § 15 Gendiagnostikgesetz sind vorgeburtliche genetische Untersuchungen nur zu medizinischen Zwecken und mit Beratung erlaubt. Alle Untersuchungen sind freiwillig.
Musterbildung. Morphogene teilen Zellen über ihr Konzentrationsgefälle die Lage mit (Positionsinformation, Wolpert 1969); im Ei der Taufliege bildet Bicoid-Protein einen Gradienten vom Vorderpol aus (Reiter „Musterbildung“ in der Vertiefung). Der Spemann-Organisator (Spemann und Mangold 1924) wirkt über Gegenspieler des Signalstoffs BMP wie Chordin, Sonic hedgehog ordnet die Finger. Hox-Gene legen die Identität entlang der Körperachse fest; ihre Reihenfolge im Cluster entspricht der Reihenfolge entlang der Achse (Kolinearität). Für die genetische Kontrolle der frühen Entwicklung erhielten Lewis, Nüsslein-Volhard und Wieschaus 1995 den Nobelpreis. Modellorganismen: Taufliege, Fadenwurm C. elegans (vollständig bekannte Zelllinie mit 959 somatischen Kernen beim Zwitter), Zebrafisch, Krallenfrosch, Huhn, Maus und Arabidopsis, dazu Organoide und Embryomodelle aus Stammzellen.
Verhütung, Stammzellen, Recht
Wie sicher Methoden über Jahre sind, was Stammzellen noch werden können, welche Regeln gelten, und wie Gradienten einen Körper ordnen.Tippe eine Methode an. Balken: Spanne der Schwangerschaften je 100 Frauen in einem Jahr, blau bei korrekter Anwendung, orange im Alltag; logarithmische Achse. Die Mehrjahreswerte nehmen ein gleichbleibendes Jahresrisiko an.
Methodensicherheit und Anwendungssicherheit
Der Pearl-Index zählt Schwangerschaften je 100 Frauenjahre. Die Sicherheit bei korrekter Anwendung unterscheidet sich von der im Alltag, in der vergessene Pillen oder falsch benutzte Kondome mitzählen. Bei Spiralen und Stäbchen, die einmal gelegt sind, fällt dieser Unterschied fast weg.
Kleine jährliche Risiken summieren sich: Bei 6 bis 13 Schwangerschaften je 100 Frauenjahre wird über fünf Jahre etwa jede vierte bis jede zweite Frau schwanger, wenn das Risiko gleich bleibt (1 − (1 − p)ⁿ). Sterilisationen werden anders angegeben: Von 1000 sterilisierten Frauen werden in den Folgejahren weniger als 5 schwanger, nach einer Vasektomie etwa eine von 2000 Partnerinnen.
familienplanung.de (Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit), Methodenseiten und Lexikon „Pearl-Index“, abgerufen Oktober 2026; Werte dort je 1000 Frauen und Jahr, hier umgerechnet. Symptothermale Methode: Frank-Herrmann et al. 2007, Hum Reprod 22:1310–1319, gut geschulte Anwenderinnen.
Was eine Zelle noch werden kann
iPS-Zellen gleichen ES-Zellen weitgehend, tragen aber Spuren ihres Ursprungsgewebes und der Reprogrammierung. Weltweit liefen 2010 bis 2025 insgesamt 203 klinische Studien mit menschlichen pluripotenten Stammzellen; von 2022 bis 2025 nutzten 89 iPS- und 24 ES-Zellen.
Takahashi und Yamanaka 2006, Cell 126:663–676; Takahashi et al. 2007, Cell 131:861–872; Thomson et al. 1998, Science 282:1145–1147; Nobelpreis 2012 (nobelprize.org); Studienzahlen: 23. Tätigkeitsbericht der ZES (Berichtsjahr 2025, Stand 17.02.2026).
Geltendes Recht (Stand Oktober 2026)
Positionen in der Debatte
Für Reformen werden angeführt: Samenspende ist erlaubt, Eizellspende nicht; viele Paare lassen die Behandlung im Ausland machen; überzählige Embryonen werden ohnehin verworfen; die Stichtagsregel schließe neuere, besser geeignete Zelllinien aus. Dagegen werden angeführt: der Schutz des Embryos ab der Befruchtung; Hormonbehandlung und Eizellentnahme belasten die Spenderin; Gefahr der Kommerzialisierung; Fragen zur Abstammung des Kindes. Beide Seiten berufen sich auf die Menschenwürde.
gesetze-im-internet.de (ESchG vom 13.12.1990, zuletzt geändert 21.11.2011; GenDG § 15); StZG vom 28.06.2002, zuletzt geändert 29.03.2017, laut 23. ZES-Bericht; BMG-Pressemitteilung 15.04.2024; BT-Drucksache 21/2195; Deutsches Ärzteblatt 27.02. und 12.03.2026; Leopoldina/Akademienunion 2021; bundestag.de, Textarchiv 2026, KW 41.
Positionsinformation aus einem Gradienten
Bicoid-Protein entsteht am Vorderpol und verteilt sich durch Diffusion, während es abgebaut wird. Im einfachsten Modell fällt die Konzentration exponentiell: c(x) = c₀ · e−x/λ. Zellkerne lesen Schwellen ab: Über einer hohen Schwelle entstehen Kopfanlagen, darunter Brust, noch tiefer Hinterleib. Die Grenze liegt bei x* = λ · ln(c₀/T). Verdoppelt man c₀, wandert jede Grenze um λ · ln 2 nach hinten, unabhängig von der Schwelle; auf der logarithmischen Achse ist das eine Parallelverschiebung.
Echte Embryonen sind präziser, als ein einzelner verrauschter Gradient erwarten ließe: Zielgene wie hunchback schärfen und stabilisieren die Grenzen. Dasselbe Prinzip, Schwellen auf einem Gradienten, findet sich bei BMP in der Rücken-Bauch-Achse und bei Sonic hedgehog in Neuralrohr und Gliedmaßen.
Wolpert 1969, J Theor Biol 25:1–47; Driever und Nüsslein-Volhard 1988, Cell 54:95–104; Houchmandzadeh et al. 2002, Nature 415:798–802. Schwellen und λ im Modell frei gewählt.
Stammzellen, Verhütung und Recht
Stammzellen können sich teilen und zu anderen Zellarten werden. Aus der befruchteten Eizelle kann ein ganzer Mensch entstehen; Stammzellen im Knochenmark bilden ein Leben lang neue Blutzellen. Forschende können heute sogar Hautzellen im Labor in Stammzellen zurückverwandeln. In Deutschland schützt ein Gesetz Embryonen, Forschung an ihnen ist verboten. Welche Verhütung passt, besprichst du am besten mit einer Ärztin, einem Arzt oder einer Beratungsstelle.
Toti-, pluri- und multipotent beschreibt, wie viel eine Stammzelle noch werden kann: alles einschließlich Plazenta, alle Körperzellen oder nur die Zellen eines Gewebes. Induzierte pluripotente Stammzellen (iPS-Zellen) entstehen aus Hautzellen und kommen ohne Embryonen aus. Das Embryonenschutzgesetz verbietet in Deutschland Forschung an Embryonen, die Eizellspende und die Leihmutterschaft; ob das so bleiben soll, wird diskutiert. Beim Pearl-Index zählt man, wie viele von 100 Frauen in einem Jahr trotz Verhütung schwanger werden: bei der Pille 0,3 bis 1 bei korrekter Anwendung, im Alltag 2,4 bis 7.
Die ausführliche Vertiefung mit Grafiken gibt es ab dem Niveau Oberstufe.
Station 32 von 43
Altern
Warum altern wir, und warum altern Arten so unterschiedlich schnell?
Das lernst du hier
- erklären, warum Menschen heute viel älter werden als früher
- Lebenserwartung und Höchstalter unterscheiden
- beschreiben, was sich beim Altern in den Zellen verändert
- nennen, was nachweislich hilft, gesund alt zu werden
- Überlebenskurven aus Sterbetafeln lesen und vergleichen
- erklären, warum die Sterberate mit dem Alter exponentiell steigt
- Telomere, DNA-Schäden und Zellseneszenz als Ursachen des Alterns beschreiben
- begründen, warum die Evolution das Altern nicht verhindert hat
- die zwölf Kennzeichen des Alterns nach López-Otín et al. (2023) ordnen und verknüpfen
- Mutationsakkumulation, antagonistische Pleiotropie und Wegwerfkörper vergleichen
- Sterblichkeitsmuster verschiedener Arten mit dem Gompertz-Modell erklären
- die Evidenz für Kalorienrestriktion, Senolytika, Metformin und Rapamycin bewerten
Ein Mädchen, das heute in Deutschland geboren wird, hat nach den Sterbeverhältnissen der Jahre 2023 bis 2025 eine von gut 83 Jahren, ein Junge von knapp 79 Jahren. Vor rund 150 Jahren waren es nur knapp 39 und knapp 36 Jahre. Das lag vor allem daran, dass damals jedes vierte bis fünfte Baby im ersten Lebensjahr starb. Sauberes Wasser, bessere Ernährung, Impfungen und Medizin haben das geändert.
Die Lebenserwartung ist ein Durchschnittswert. Sie sagt nicht, wie alt ein Mensch höchstens werden kann. Der älteste Mensch, dessen Alter sicher belegt ist, war die Französin Jeanne Calment: Sie wurde 122 Jahre alt (1875–1997). Die Lebenserwartung ist stark gestiegen, das Höchstalter kaum.
Beim Altern sammeln sich in den Zellen kleine Schäden: Fehler im Erbgut, falsch gefaltete Eiweiße, schwächere Kraftwerke (Mitochondrien). Die Enden der Chromosomen, die , werden bei vielen Zellteilungen kürzer. Manche Zellen hören dann auf, sich zu teilen, und senden Signale aus, die Entzündungen fördern. Stammzellen, die Gewebe erneuern, arbeiten schlechter. Deshalb heilen Wunden langsamer, Muskeln werden schwächer, und Krankheiten wie Krebs, Herzinfarkt oder Demenz werden häufiger.
In der Natur sterben die meisten Tiere früh, durch Fressfeinde, Hunger oder Krankheiten. Für die Evolution zählt deshalb vor allem, dass ein Tier jung gesund ist und Nachkommen bekommt. Schäden, die erst spät auftreten, werden kaum aussortiert. Mäuse werden nur wenige Jahre alt, ein Grönlandhai dagegen mehrere hundert Jahre.
Gesund alt zu werden hilft nachweislich: sich viel bewegen, nicht rauchen, ausgewogen essen und wenig Alkohol trinken. Raucher sterben im Mittel etwa zehn Jahre früher als Nichtraucher. Mittel, die das Altern selbst aufhalten, gibt es bisher nicht.
Eine rechnet aus, wie viele von 100 000 Neugeborenen jedes Alter erreichen würden, wenn die Sterblichkeit eines Zeitraums dauerhaft gälte. Nach der Sterbetafel 2023/2025 beträgt die Lebenserwartung bei Geburt 78,8 Jahre für Jungen und 83,4 Jahre für Mädchen; 65-Jährige haben im Mittel noch 18,0 (Männer) beziehungsweise 21,1 Jahre (Frauen) vor sich. Nach der Tafel 1871/1881 waren es 35,6 und 38,5 Jahre. Damals starben 25 % der Jungen und 22 % der Mädchen im ersten Lebensjahr, heute 0,3 %. Die Überlebenskurve ist dadurch fast rechteckig geworden: Die meisten Menschen sterben heute alt.
Nach der Jugend steigt die Sterberate ungefähr exponentiell mit dem Alter; Benjamin Gompertz beschrieb das 1825 (). In der Sterbetafel 2022/2024 verdoppelt sich die Wahrscheinlichkeit, im kommenden Jahr zu sterben, zwischen 40 und 80 Jahren etwa alle 7 Jahre. Mit 40 stirbt im Lauf eines Jahres etwa einer von 760 Männern, mit 80 einer von 17; bei Frauen einer von 1470 und einer von 26.
In den Zellen laufen mehrere Vorgänge nebeneinander. Die DNA wird ständig geschädigt und meist repariert, ein Rest bleibt. Die Telomere aus der Wiederholung TTAGGG werden bei jeder Teilung kürzer, weil die Replikation die Enden nicht vollständig kopiert. Menschliche Zellen aus Feten teilen sich in Kultur nur 40- bis 60-mal (). Dann gehen sie in die : Sie leben weiter, teilen sich aber nicht mehr und geben Entzündungsstoffe ab. Das schützt vor Krebs (Station 39), schwächt aber auf Dauer die Gewebe. Dazu kommen fehlgefaltete Proteine, nachlassende Mitochondrien (Station 9) und erschöpfte Stammzellen.
Die Selektion wirkt umso schwächer, je später im Leben eine Eigenschaft zum Tragen kommt, weil viele Lebewesen dieses Alter gar nicht erreichen. Erbanlagen, die erst spät schaden, häufen sich deshalb an (Medawar 1952). Erbanlagen, die jung nützen und alt schaden, werden sogar begünstigt (, Williams 1957). Und der Körper investiert nur so viel in Reparatur, wie es sich bei seiner Lebenserwartung lohnt (, Kirkwood 1977).
Altersbedingte Krankheiten prägen die Todesursachen: 2025 starben in Deutschland 33 % der Verstorbenen an Herz-Kreislauf-Krankheiten und 23 % an Krebs. Rund 1,8 Millionen Menschen leben mit einer Demenz (Ende 2025); bei über 90-Jährigen betrifft sie etwa 31 % der Männer und 45 % der Frauen. Bewegung und Nichtrauchen senken das Sterberisiko nachweislich: Menschen, die sich zu wenig bewegen, haben ein um 20 bis 30 % höheres Sterberisiko, die WHO empfiehlt Erwachsenen mindestens 150 Minuten mäßige Bewegung pro Woche.
Die Lebenserwartung bei Geburt ist die Fläche unter der Überlebenskurve: e₀ = ∫ l(x) dx / l(0). Periodensterbetafeln beschreiben die Sterblichkeit eines Zeitraums und sind keine Prognose; für das Einzeljahr 2025 meldet Destatis neue Höchstwerte von 79,1 (Männer) und 83,6 Jahren (Frauen). Die Sterberate μ(x) folgt nach der Jugend gut dem Gompertz-Makeham-Gesetz μ(x) = c + a · ebx; c erfasst altersunabhängige Risiken, ln 2 / b ist die Verdopplungszeit. Anpassungen an die Sterbetafel 2022/2024 ergeben je nach Verfahren und Altersbereich etwa 5 bis 7 Jahre (eigene Berechnung; die Datenbank AnAge nennt 8 Jahre). Weil die Rate exponentiell wächst, verschiebt eine Halbierung aller altersabhängigen Sterberaten die Kurve nur um eine Verdopplungszeit. Ob die Sterberate jenseits von 105 Jahren ein Plateau erreicht, ist umstritten.
López-Otín und Kollegen ordneten 2023 zwölf Kennzeichen des Alterns in drei Gruppen. Primäre Kennzeichen verursachen Schäden: Genominstabilität, Telomerverkürzung, epigenetische Veränderungen, Verlust der und gestörte . Antagonistische Kennzeichen sind Antworten, die zunächst schützen und im Übermaß schaden: gestörte Nährstoffwahrnehmung (Insulin/IGF-1, mTOR, AMPK), mitochondriale Dysfunktion und zelluläre Seneszenz. Integrative Kennzeichen sind die Folgen für Gewebe: Stammzellerschöpfung, veränderte Kommunikation zwischen Zellen, chronische Entzündung () und Dysbiose des Mikrobioms (Station 28). Kritiker halten die Liste für eine Sammlung von Befunden ohne gemeinsame Ursache.
Seneszente Zellen halten über p53/p21 und p16INK4a/Rb den Zellzyklus an (Station 13) und schütten Interleukin-6, Chemokine und Proteasen aus (). Entfernte man bei Mäusen gezielt p16-positive Zellen, blieben sie länger gesund und lebten länger. Die Telomerase verlängert Telomere in Keimbahn, Stammzellen und den meisten Krebszellen.
Evolution: Die Kraft der Selektion nimmt ab dem Beginn der Fortpflanzung mit dem Alter ab (Hamilton 1966). Darauf bauen Mutationsakkumulation, antagonistische Pleiotropie und die Theorie des Wegwerfkörpers auf. Opossums auf einer Insel ohne Raubtiere alterten langsamer als auf dem Festland, in Taufliegen verlängerte Selektion auf späte Fortpflanzung die Lebensdauer; Guppys aus Bächen mit vielen Räubern alterten dagegen nicht schneller. Manche Arten zeigen kaum Altern: Beim Nacktmull stieg die Sterberate nach der Geschlechtsreife nicht an, so weit die Daten reichen (bis zum Alter von 18 Jahren), Grönlandhaie werden Jahrhunderte alt (ältestes untersuchtes Tier 392 ± 120 Jahre).
Eingriffe: Bei Hefe, Würmern, Fliegen und Mäusen verlängern Kalorienrestriktion, gedrosselte Insulin/IGF-1- oder mTOR-Signale und Rapamycin die Lebensdauer. Beim Menschen ist belegt, dass Bewegung, Nichtrauchen und die Behandlung von Risikofaktoren Krankheiten verhindern; nach der Lancet-Kommission ließe sich fast die Hälfte der Demenzfälle durch 14 beeinflussbare Faktoren theoretisch verhindern oder hinauszögern. Offen ist, ob sich das Altern selbst bremsen lässt. In der CALERIE-Studie aßen Gesunde zwei Jahre lang im Mittel 12 % weniger; Risikofaktoren und ein epigenetisches Maß des Alterungstempos verbesserten sich leicht, über die Lebensdauer sagt das nichts. Senolytika wurden nur in kleinen Studien erprobt; für Metformin und Rapamycin gibt es keine Belege für ein längeres Leben gesunder Menschen.
Epigenetische Uhren schätzen aus Methylierungsmustern ein biologisches Alter (Horvath 2013), DunedinPACE das Alterungstempo. Sie sagen Krankheit und Tod statistisch voraus, bleiben aber Ersatzgrößen. Zyklische teilweise Reprogrammierung mit Yamanaka-Faktoren verlängerte bei vorzeitig alternden Mäusen das Leben (Ocampo et al. 2016); das Tumorrisiko ist ungelöst. Dass Altern formbar ist, zeigte die Mutation daf-2 im Insulin/IGF-1-Rezeptor, die die Lebensdauer von C. elegans verdoppelte (Kenyon et al. 1993).
Evolution, Arten, Evidenz
Warum die Selektion im Alter nachlässt, wie verschieden Arten altern und was gegen das Altern belegt ist.Ein Modell ohne Altern
Angenommen, ein Tier altert nicht, stirbt aber jedes Jahr mit derselben Wahrscheinlichkeit durch Räuber, Hunger oder Krankheit. Dann sinkt der Anteil der Überlebenden geometrisch: (1 − m)x. Eine Genvariante, die im Alter x schadet, trifft nur noch diesen Anteil und nur dessen restliche Fortpflanzung. Je höher m, desto früher wird die Selektion gegen späte Schäden schwach.
Prüfungen: Opossums einer raubtierfreien Insel alterten langsamer als Festlandtiere (Austad 1993). Fliegen, die über Generationen nur spät fortgepflanzt wurden, lebten länger (Rose 1984). Guppys aus Bächen mit vielen Räubern alterten aber nicht schneller (Reznick et al. 2004): Wirkt die äußere Sterblichkeit je nach Zustand der Tiere, gilt die einfache Vorhersage nicht.
Hamilton 1966, J Theor Biol 12:12–45; Medawar 1952, An Unsolved Problem of Biology; Williams 1957, Evolution 11:398–411; Kirkwood 1977, Nature 270:301–304; Austad 1993, J Zool 229:695–708; Rose 1984, Evolution 38:1004–1010; Reznick et al. 2004, Nature 431:1095–1099. Modell vereinfacht: gleichbleibende Fruchtbarkeit ab der ersten Fortpflanzung.
Langsam, schnell und kaum messbar
Die höchste dokumentierte Lebensdauer reicht von Wochen beim Fadenwurm bis zu Jahrhunderten beim Grönlandhai. Aussagekräftiger als der Rekord ist der Verlauf der Sterberate: Bei Maus und Mensch steigt sie exponentiell, mit Verdopplungszeiten von etwa 0,3 und 8 Jahren. Beim Nacktmull stieg sie in über 3000 Tieren nach der Geschlechtsreife nicht mehr an; die tägliche Sterberate blieb unter etwa 1 zu 10 000. Auch Süßwasserpolypen (Hydra) zeigten im Labor keinen Anstieg.
Rekorde aus der Natur sind unsicher: Das Alter des Grönlandwals stammt aus der Racemisierung von Asparaginsäure im Auge, das des Grönlandhais aus der Radiokarbondatierung des Linsenkerns; beide haben große Fehlerbereiche.
AnAge-Datenbank (Human Ageing Genomic Resources, Build 15, 2023; Tacutu et al. 2018, Nucleic Acids Res 46:D1083); Ruby, Smith & Buffenstein 2018, eLife 7:e31157; Nielsen et al. 2016, Science 353:702–704; George et al. 1999, Can J Zool 77:571–580; Martínez 1998, Exp Gerontol 33:217–225; Schaible et al. 2015, PNAS 112:15701–15706; Robine et al. 2019, J Gerontol A 74:S13–S20.
Woran man gute Belege erkennt
Gute Belege stammen aus randomisierten Studien mit harten Endpunkten wie Krankheit oder Tod. Beobachtungsstudien zeigen Zusammenhänge, aber nicht sicher Ursachen: Wer sich viel bewegt, unterscheidet sich auch in anderem. Dass Bewegung trotzdem als belegt gilt, liegt daran, dass mehrere Arten von Belegen zusammenpassen: Kohortenstudien mit klarer Dosis-Wirkungs-Beziehung, randomisierte Studien zu Blutdruck, Blutzucker und Fitness und bekannte Wirkmechanismen. Tierversuche zeigen, was möglich ist, nicht, was beim Menschen wirkt. Ersatzgrößen wie Blutwerte oder epigenetische Uhren reagieren schneller, sagen aber nicht sicher die Lebensdauer voraus.
Für Studien zum Altern selbst fehlt ein anerkannter Endpunkt; Lebensdauerstudien am Menschen würden Jahrzehnte dauern. Vorgeschlagen werden deshalb Studien, in denen das gemeinsame Auftreten mehrerer altersbedingter Krankheiten der Endpunkt ist.
WHO, Physical activity, Fact sheet 26.06.2024; Doll et al. 2004, BMJ 328:1519; Livingston et al. 2024, Lancet 404:572–628; Kraus et al. 2019, Lancet Diabetes Endocrinol 7:673–683; Waziry et al. 2023, Nat Aging 3:248–257; Mattison et al. 2017, Nat Commun 8:14063; Baker et al. 2011, Nature 479:232–236; Baker et al. 2016, Nature 530:184–189; Hickson et al. 2019, EBioMedicine 47:446–456; Justice et al. 2019, EBioMedicine 40:554–563; Harrison et al. 2009, Nature 460:392–395; Bjelakovic et al. 2012, Cochrane Database Syst Rev CD007176.
Warum Arten verschieden schnell altern
Eine Maus wird höchstens etwa vier Jahre alt, ein Mensch über hundert, ein Grönlandhai vielleicht einige hundert Jahre. Tiere, die in der Natur oft früh gefressen werden, bekommen schnell viele Junge; in einen besonders haltbaren Körper zu investieren, lohnt sich für sie nicht. Beim Nacktmull, einem kleinen Nagetier, das in Höhlen lebt, steigt das Sterberisiko mit dem Alter dagegen kaum.
Die Theorie des Wegwerfkörpers erklärt die Unterschiede: Ein Körper investiert Energie entweder in Fortpflanzung oder in Reparatur. Wo äußere Gefahren hoch sind, gewinnt schnelle Fortpflanzung. Belegt ist beim Menschen der Nutzen von Bewegung und Nichtrauchen; ob Fasten, Medikamente wie Metformin oder Mittel gegen gealterte Zellen das Altern bremsen, ist nicht gezeigt.
Die ausführliche Vertiefung mit Grafiken gibt es ab dem Niveau Oberstufe.
Kapitel F · Stationen 33 bis 36
Ökologie und Verhalten
Lebewesen hängen voneinander und von ihrer Umwelt ab. Energie fließt durch Ökosysteme, Kohlenstoff und Stickstoff kreisen. Populationen wachsen und schrumpfen, Tiere verhalten sich so, dass sie überleben und sich fortpflanzen. Am Ende steht die Frage, wie stark die Artenvielfalt zurückgeht und was sie schützt.
Schaubild: Vom Verhalten einzelner Tiere bis zur Vielfalt der Biosphäre. Antippen springt zur Station.
Station 33 von 43
Ökosysteme und Stoffkreisläufe
Wie fließt Energie durch einen See oder einen Wald, und warum gehen die Stoffe dabei nicht verloren?
Das lernst du hier
- Biotop, Lebensgemeinschaft und Ökosystem unterscheiden
- Nahrungsketten und Nahrungsnetze mit Produzenten, Konsumenten und Destruenten beschreiben
- erklären, warum auf jeder Stufe der Nahrungskette Energie verloren geht
- den Weg des Kohlenstoffs durch Luft, Pflanzen und Tiere beschreiben
- abiotische und biotische Faktoren unterscheiden und eine Toleranzkurve lesen
- Energiefluss und Stoffkreislauf unterscheiden und die ökologische Effizienz berechnen
- den Kohlenstoff- und den Stickstoffkreislauf mit ihren wichtigsten Schritten beschreiben
- Schichtung, Zirkulation und Eutrophierung eines Sees erklären
- Toleranzkurven auswerten und physiologische von ökologischer Potenz unterscheiden
- Energieflüsse mit Primärproduktion und Transfereffizienzen quantitativ beschreiben
- das globale Kohlenstoffbudget in Gt C und Gt CO₂ bilanzieren und die Senken einordnen
- Eutrophierung als Folge von Phosphor- und Stickstoffeinträgen mechanistisch erklären
Ein Teich, eine Wiese oder ein Wald ist ein Lebensraum mit bestimmten Bedingungen: Licht, Wärme, Wasser und Boden. Diesen Lebensraum nennt man . Die Pflanzen, Tiere, Pilze und Bakterien, die dort zusammenleben, bilden die Lebensgemeinschaft oder . Biotop und Lebensgemeinschaft zusammen sind ein Ökosystem. Jede Art kommt nur mit bestimmten Bedingungen zurecht. Die Bachforelle braucht kühles, sauerstoffreiches Wasser, der Karpfen verträgt auch warme Teiche. Wie gut es einer Art geht, zeigt die Toleranzkurve in der Grafik.
Pflanzen und Algen stellen mit Sonnenlicht ihre Nahrung selbst her (Fotosynthese, Station 10). Sie sind die (Erzeuger). Tiere sind Konsumenten (Verbraucher): Pflanzenfresser fressen Pflanzen, Fleischfresser fressen andere Tiere. Pilze und Bakterien zersetzen tote Blätter, Kot und tote Tiere. Sie heißen (Zersetzer) und machen daraus wieder Nährstoffe für die Pflanzen (mehr über Mikroben in Station 18). Eine Reihe wie Alge → Wasserfloh → Barsch → Hecht ist eine Nahrungskette. Weil die meisten Tiere mehrere Arten fressen und selbst von mehreren gefressen werden, verknüpfen sich die Ketten zu einem Nahrungsnetz.
Mit der Nahrung wird Energie weitergegeben, aber nur ein kleiner Teil davon. Den größten Teil verbraucht jedes Lebewesen selbst: zum Atmen, Bewegen und Warmhalten (Station 9). Diese Energie geht als Wärme verloren. Als grobe Faustregel kommt auf der nächsten Stufe der Nahrungskette nur etwa ein Zehntel an. Deshalb gibt es viel mehr Pflanzen als Pflanzenfresser und nur wenige große Raubtiere.
Die Stoffe gehen dagegen nicht verloren, sie wandern im Kreis. Pflanzen nehmen Kohlenstoff als Kohlenstoffdioxid aus der Luft auf und bauen ihn in Zucker ein. Über die Nahrung gelangt er in die Tiere und durch Atmung und Zersetzung zurück in die Luft. Wenn Menschen Kohle, Öl und Gas verbrennen, holen sie Kohlenstoff aus uralten Lagern im Boden in die Luft. Meere und Pflanzen nehmen etwa die Hälfte davon wieder auf. Die andere Hälfte bleibt in der Luft und erwärmt das Klima.
Auch ein See verändert sich im Lauf des Jahres. Im Sommer liegt warmes Wasser oben und kaltes unten, die Schichten mischen sich kaum. Im Frühling und im Herbst ist das Wasser von oben bis unten etwa gleich kalt; dann kann der Wind den ganzen See durchmischen. Gelangt zu viel Dünger in einen See, wachsen massenhaft Algen. Sterben sie ab, verbrauchen Bakterien beim Zersetzen den Sauerstoff am Grund. Dann können dort keine Fische mehr leben.
Ein Ökosystem besteht aus dem Biotop, dem Lebensraum mit seinen abiotischen (unbelebten) Faktoren wie Licht, Temperatur, Wasser, pH-Wert und Mineralstoffen, und der Biozönose, der Lebensgemeinschaft. Biotische Faktoren sind die Einflüsse anderer Lebewesen: Konkurrenz, Fressfeinde, Parasiten und Partner (Station 34). Für jeden Faktor hat eine Art einen Toleranzbereich zwischen Minimum und Maximum, mit einem Optimum dazwischen. Arten mit engem Bereich heißen stenök, Arten mit weitem euryök. Nach dem Minimumgesetz begrenzt der Faktor das Wachstum, der im Verhältnis zum Bedarf am knappsten ist, in vielen Seen das Phosphat.
Die Produzenten binden mit Licht Energie in organischen Stoffen (Bruttoprimärproduktion) und veratmen davon einen Teil selbst. Der Rest, die , steht den Konsumenten zur Verfügung. Weltweit sind das etwa 105 Milliarden Tonnen Kohlenstoff pro Jahr, gut die Hälfte an Land, der Rest im Meer (Field et al. 1998). Pflanzenfresser (Konsumenten 1. Ordnung) bilden die zweite , Fleischfresser, die sie fressen, die dritte. Destruenten bauen tote Biomasse zu Mineralstoffen, CO₂ und Wasser ab.
Energie fließt durch das Ökosystem und verlässt es als Wärme; die Stoffe kreisen. Von der Energie einer Stufe wird nur ein Teil zu Biomasse der nächsten: Vieles wird nicht gefressen, nicht verdaut oder veratmet. Dieser Anteil heißt ökologische Effizienz. Die bekannte 10-%-Regel ist ein Faustwert. In Meeresökosystemen liegen die Mittelwerte je nach Lebensraum bei etwa 8 bis 12 %, einzelne Schätzungen reichen von unter 1 bis über 50 % (Eddy et al. 2021). Vögel und Säugetiere stecken nur etwa 1 bis 3 % der verdauten Energie in Wachstum, weil sie viel für ihre Körperwärme verbrauchen, Fische und Insekten deutlich mehr (Humphreys 1979). Nahrungsketten haben deshalb selten mehr als vier oder fünf Glieder.
Im Kohlenstoffkreislauf bindet die Fotosynthese CO₂; Zellatmung, Zersetzung und Feuer setzen es wieder frei (Stationen 10 und 9). Die größten Speicher sind Ozean, Böden, die fossilen Lager, die Atmosphäre und die Vegetation. Für 2025 erwartete das Global Carbon Budget etwa 42 Milliarden Tonnen CO₂ aus menschlichen Quellen: rund 38 aus fossilen Brennstoffen und Zement, rund 4 durch Entwaldung und andere Landnutzung. Das entspricht etwa 11,5 Milliarden Tonnen Kohlenstoff. Im Mittel der Jahre 2015 bis 2024 blieb etwa die Hälfte in der Atmosphäre, 29 % nahm der Ozean auf, 21 % die Pflanzen an Land.
Im Stickstoffkreislauf können nur bestimmte Mikroorganismen den Luftstickstoff N₂ binden (Fixierung), etwa die Knöllchenbakterien an den Wurzeln von Klee, Erbsen und Bohnen. Destruenten setzen aus Eiweißen Ammonium frei, Bakterien oxidieren es über Nitrit zu Nitrat (). Bei Sauerstoffmangel wandeln andere Bakterien Nitrat zurück in N₂ (). Mit dem Haber-Bosch-Verfahren bindet die Industrie heute mehr Stickstoff, als die Bakterien aller natürlichen Landökosysteme zusammen. Überschüsse gelangen als Nitrat ins Grundwasser und in Gewässer und führen dort zur . Im Sommer ist ein See geschichtet: oben das warme Epilimnion, darunter die , unten das kalte Hypolimnion. Ganz durchmischt wird er nur bei der Frühjahrs- und der Herbstzirkulation.
Abiotische Faktoren (Licht, Temperatur, Wasser, Ionen, pH, Sauerstoff) und biotische Faktoren (Beziehungen innerhalb einer Art und zwischen Arten, Station 34) bestimmen, wo eine Art vorkommt. Eine Toleranzkurve trägt eine Leistung wie Wachstum gegen einen Faktor auf; zwischen Minimum und Maximum liegt der Toleranzbereich mit Optimum und Pessima. Ohne Konkurrenz gemessen ergibt sie die physiologische Potenz, der unter Konkurrenz tatsächlich besiedelte Bereich ist die . Die Waldkiefer wächst allein am besten auf mäßig feuchten Böden, in Mitteleuropa natürlich aber vor allem auf trockenen Sanden und Mooren, wo die konkurrenzstärkere Rotbuche ausfällt (Ellenberg). Von mehreren Faktoren begrenzt der knappste das Wachstum (Minimumgesetz nach Sprengel und Liebig).
Die Bruttoprimärproduktion (BPP) ist der gesamte durch Fotosynthese gebundene Kohlenstoff. Nach Abzug der Atmung der Produzenten bleibt die Nettoprimärproduktion (NPP), global etwa 105 Gt C pro Jahr, 56 an Land und 49 im Meer (Field et al. 1998; 1 Gt = 1 Pg = 10¹⁵ g). Die ökologische Effizienz (Lindeman-Effizienz) ist die Produktion einer Trophiestufe im Verhältnis zu der der Stufe darunter. Die „10-%-Regel“ ist ein Faustwert aus frühen Analysen (Lindeman 1942; Pauly und Christensen 1995); für Meeresökosysteme liegen die Mittelwerte je Großlebensraum bei etwa 8 bis 12 %, einzelne Werte zwischen unter 1 und über 50 % (Eddy et al. 2021). Endotherme Tiere setzen nur 1 bis 3 % der assimilierten Energie in Produktion um (Humphreys 1979). Energiepyramiden stehen deshalb nie auf dem Kopf, Biomassepyramiden schon: Im Meer tragen rund 1 Gt C an Produzenten etwa 5 Gt C an Konsumenten, weil sich das Phytoplankton sehr schnell erneuert (Bar-On et al. 2018).
Die Bruttoflüsse des Kohlenstoffkreislaufs sind groß und gleichen sich nahezu aus: an Land je etwa 120 bis 130 Gt C pro Jahr, zwischen Ozean und Luft je Richtung etwa 54 bis 80 Gt C (je nach Schätzung). Die menschlichen Flüsse sind kleiner, wirken aber nur in eine Richtung. 2024 setzten fossile Brennstoffe und Zement 10,3 ± 0,5 Gt C frei, Landnutzungsänderungen 1,3 ± 0,7 Gt C, zusammen 11,6 Gt C oder 42,4 Gt CO₂ (1 Gt C entspricht 3,664 Gt CO₂). Im Mittel 2015 bis 2024 blieb etwa die Hälfte in der Atmosphäre, 29 % nahm der Ozean auf, 21 % die Landvegetation (Global Carbon Budget 2025, kurz GCB); für 2010 bis 2019 hatte der Weltklimarat IPCC 46, 23 und 31 % geschätzt. Die Atmosphäre enthielt 2024 rund 898 Gt C (422,8 ppm; 1 ppm CO₂ entspricht 2,124 Gt C), um 1750 rund 590 Gt C (278 ppm).
Im Stickstoffkreislauf liefert die Nitrogenase N₂-fixierender Bakterien Ammonium (Station 6), Destruenten mineralisieren organischen Stickstoff, chemolithoautotrophe Bakterien und Archaeen oxidieren Ammonium über Nitrit zu Nitrat, und Denitrifizierer veratmen Nitrat bei Sauerstoffmangel zu N₂ und N₂O (Mikroben: Station 18). Von den jährlich etwa 413 Tg neu gebundenem Stickstoff geht rund die Hälfte auf den Menschen zurück (Fowler et al. 2013; 1 Tg = 1 Mio. t); das Haber-Bosch-Verfahren lieferte 2024 etwa 156 Mio. t N als Ammoniak (US Geological Survey, USGS 2026). Richardson et al. (2023) setzen die planetare Grenze für industrielle und gezielte biologische Fixierung bei 62 Tg N pro Jahr an; der aktuelle Wert liegt bei etwa 190.
Seen der gemäßigten Breiten sind im Sommer stabil geschichtet, weil warmes Wasser leichter ist (Dichtemaximum bei 4 °C). Abgestorbenes Plankton sinkt ins Hypolimnion und wird dort unter Sauerstoffverbrauch abgebaut. In eutrophen Seen kann der Sauerstoff bis zum Herbst aufgebraucht sein; aus dem sauerstofffreien Sediment wird dann zusätzlich Phosphat frei (interne Düngung). Dass Phosphor in vielen Seen das Algenwachstum begrenzt, zeigte das Ganzseeexperiment im See 226 der Experimental Lakes Area in Kanada (Schindler 1974). Im Bodensee-Obersee sank der Gesamtphosphor nach dem Bau von Kläranlagen mit Phosphatfällung von rund 84 µg/l im Jahresmittel Ende der 1970er-Jahre auf 5,3 µg/l im Jahr 2025 (Internationale Gewässerschutzkommission für den Bodensee, IGKB).
Bilanzgrößen: Die Netto-Ökosystemproduktion (NEP = NPP − heterotrophe Atmung) gibt an, wie viel Kohlenstoff ein Ökosystem speichert; die Netto-Biomproduktion (NBP) zieht zusätzlich Verluste durch Feuer, Ernte und Export ab. Der Klimawandel schwächt die Senken: Nach dem Global Carbon Budget 2025 sind Land- und Ozeansenke um etwa 25 und 7 % kleiner, als sie ohne Klimawandel und Klimaschwankungen wären; etwa 8 % des CO₂-Anstiegs seit 1960 gehen darauf zurück. Auftauender Permafrost könnte bis 2100 je Grad globaler Erwärmung 3 bis 41 Pg C als CO₂ freisetzen (IPCC AR6). Der Ozean nimmt CO₂ physikalisch auf (Lösungspumpe; das Carbonat-Puffersystem erhöht die Aufnahme, doch mit steigendem CO₂ sinkt seine Pufferkapazität, und der langsame Austausch mit dem Tiefenwasser begrenzt sie) und biologisch, indem absinkende Biomasse Kohlenstoff in die Tiefe exportiert (biologische Pumpe).
Kohlenstoff und Nährstoffe in Zahlen
Das globale Kohlenstoffbudget im Vergleich der Quellen und der deutsche Wald als Speicher.| Gt C pro Jahr | 2010–2019 IPCC AR6 | 2015–2024 GCB 2025 | 2024 GCB 2025 |
|---|---|---|---|
| Fossil und Zement (EFOS) | 9,6 ± 0,5 | ≈ 9,8¹ | 10,3 ± 0,5 |
| Landnutzung (ELUC) | 1,6 ± 0,7 | 1,4 ± 0,7 | 1,3 ± 0,7 |
| Atmosphäre (GATM) | 5,1 (46 %) | 5,6 (50 %) | 7,9 ± 0,2 |
| Ozeansenke (SOCEAN) | 2,5 ± 0,6 (23 %) | 3,2 ± 0,4 (29 %) | 3,4 ± 0,4 |
| Landsenke (SLAND) | 3,4 ± 0,9 (31 %) | 2,4 ± 0,8 (21 %) | 1,9 ± 1,1 |
| Ungleichgewicht (BIM) | klein | – | −1,7 |
Prozentangaben: Anteil an den Gesamtemissionen. ¹ Berechnet aus den Jahreswerten des GCB 2025 (Mittel 2015–2024). Mal 3,664 ergibt Gt CO₂; das GCB 2025 nennt für 2024 (aus ungerundeten Werten) 37,8 Gt CO₂ fossil und 42,4 Gt CO₂ insgesamt.
Systemgrenzen der Bilanz
EFOS umfasst die Verbrennung fossiler Brennstoffe, ihre Oxidation in der Industrie und die Zementherstellung, abzüglich des CO₂, das abbindender Zement wieder aufnimmt (2024 etwa 0,2 Gt C). ELUC ist der Nettofluss aus Entwaldung, Aufforstung, Holzernte und Torfnutzung. SLAND ist die Aufnahme durch Pflanzen auf allen Flächen ohne diese direkten Eingriffe, berechnet mit Vegetationsmodellen; SOCEAN stammt aus Modellen und Messungen des CO₂-Partialdrucks. Der Anstieg in der Atmosphäre ist die genaueste Größe, gemessen an Stationen wie Mauna Loa.
BIM ist der Rest, der nicht aufgeht. 2024 war er mit −1,7 Gt C groß: Senken oder Anstieg wurden vermutlich überschätzt, oder Emissionen unterschätzt. Für Prognosen ist wichtig, dass nur etwa die Hälfte jeder emittierten Tonne in der Luft bleibt und dass dieser Anteil nicht fest ist, weil die Senken auf Klima und CO₂ reagieren.
Canadell et al. 2021 (IPCC AR6 WG1, Kap. 5); Friedlingstein et al. 2026, Global Carbon Budget 2025, Earth Syst Sci Data 18:3211.
Daten: Vierte Bundeswaldinventur (BMEL, Thünen-Institut; Stichjahr 2022, veröffentlicht im Oktober 2024). Boden: aus der Bodenzustandserhebung modelliert. Umrechnung in CO₂ mit dem Faktor 3,664.
Vom Speicher zur Quelle
Insgesamt speichert der Wald in Deutschland rund 2200 Mio. t Kohlenstoff, knapp 200 t je Hektar. Der Vorrat der lebenden Bäume sank seit 2017 um 3 %: Dürrejahre und Borkenkäfer ließen vor allem mittelalte Fichtenbestände absterben. Das Totholz nahm um ein Drittel zu, gleicht den Verlust aber nicht aus. Der Wald ist damit zur Kohlenstoffquelle geworden.
Die Systemgrenze entscheidet: Die Inventur misst die Vorräte im Wald. Geerntetes Holz wird im Treibhausgasinventar als eigener Speicher (Holzprodukte) geführt, je nachdem, ob es lange gebunden bleibt (Bauholz) oder bald verbrennt.
bundeswaldinventur.de, Kapitel „Klimaschützer Wald“ und Vorwort (abgerufen Oktober 2026).
Wohin geht das CO₂ aus Kohle, Öl, Gas und Rodungen?
Von 100 Kilogramm CO₂, die Menschen in die Luft bringen, bleiben im Durchschnitt etwa 50 Kilogramm in der Luft. Knapp 30 Kilogramm löst das Meer, gut 20 Kilogramm nehmen die Pflanzen an Land auf. Im Meer macht das gelöste CO₂ das Wasser saurer. Das macht es zum Beispiel Muscheln und Korallen schwerer, ihre Kalkschalen zu bauen.
Im Mittel 2015 bis 2024 blieben 50 % der menschlichen CO₂-Emissionen in der Atmosphäre, 29 % nahm der Ozean auf, 21 % die Landvegetation (Global Carbon Budget 2025). Diese Senken sind nicht garantiert: In heißen, trockenen Jahren nehmen Wälder weniger auf, und der deutsche Wald hat zwischen 2017 und 2022 durch Dürre und Borkenkäfer mehr Kohlenstoff verloren als gebunden (Bundeswaldinventur 2022). Für Umrechnungen gilt: 1 Tonne Kohlenstoff steckt in 3,664 Tonnen CO₂.
Die ausführliche Vertiefung mit Grafiken gibt es ab dem Niveau Oberstufe.
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Populationen
Warum wachsen Populationen nicht unbegrenzt, und wie beeinflussen sich Arten gegenseitig?
Das lernst du hier
- erklären, was eine Population ist und warum sie nicht endlos wächst
- beschreiben, wie Räuber und Beute ihre Zahl gegenseitig beeinflussen
- Konkurrenz, Symbiose und Parasitismus an Beispielen unterscheiden
- Beispiele für eingeschleppte Arten nennen
- exponentielles und logistisches Wachstum mit Wachstumsrate r und Kapazität K beschreiben
- dichteabhängige und dichteunabhängige Faktoren unterscheiden
- Räuber-Beute-Beziehungen mit den Lotka-Volterra-Regeln erklären
- ökologische Nische und Konkurrenzausschlussprinzip erklären
- Wachstumsmodelle mathematisch beschreiben und ihre Annahmen prüfen
- die Lotka-Volterra-Regeln aus dem Modell ableiten und ihre Grenzen am Beispiel Luchs und Schneeschuhhase beurteilen
- Konkurrenzausschluss, fundamentale und realisierte Nische sowie r- und K-Strategien einordnen
- die Entwicklung der Weltbevölkerung mit dem demografischen Übergang und den UN-Projektionen erklären
Alle Lebewesen einer Art, die zur selben Zeit im selben Gebiet leben und sich miteinander fortpflanzen können, bilden eine , zum Beispiel alle Feldhasen auf einer Insel oder alle Bachforellen in einem Bach. Wie viele Tiere auf einer bestimmten Fläche leben, heißt Populationsdichte.
Hat eine Population viel Nahrung und Platz, wächst sie immer schneller: Aus 2 werden 4, dann 8, 16, 32. Manche Bakterien teilen sich unter besten Bedingungen etwa alle 20 Minuten. So kann es aber nicht lange weitergehen. Nahrung und Platz werden knapp, Krankheiten breiten sich leichter aus, und Fressfeinde finden mehr Beute. Die Population wächst langsamer und bleibt schließlich ungefähr gleich groß. Die Zahl, die ein Lebensraum dauerhaft ernähren kann, heißt .
Räuber und Beute beeinflussen sich gegenseitig. Gibt es viele Schneeschuhhasen, finden Luchse viel Nahrung und ziehen mehr Junge groß. Die vielen Luchse fressen dann so viele Hasen, dass die Hasen seltener werden. Nun hungern die Luchse, und ihre Zahl sinkt. Die Hasen können sich wieder vermehren. So schwanken beide Populationen auf und ab, die der Räuber etwas später als die der Beute.
Arten, die dieselbe Nahrung brauchen, sind Konkurrenten. Haben zwei Arten genau dieselben Ansprüche, verdrängt meist eine die andere. Andere Arten helfen sich gegenseitig: Bei der haben beide einen Vorteil, zum Beispiel Pilze und Baumwurzeln oder die Bakterien in unserem Darm (Station 28). Ein Parasit lebt auf Kosten eines anderen Lebewesens, seines Wirtes, wie die Zecke oder der Bandwurm.
Manche Tiere und Pflanzen hat der Mensch aus anderen Erdteilen mitgebracht, etwa den Waschbären aus Nordamerika oder das Drüsige Springkraut aus dem Himalaja. Einige breiten sich stark aus und verdrängen heimische Arten. Auch die Menschen auf der Erde sind eine Population: 2024 waren es etwa 8,2 Milliarden. Die Vereinten Nationen erwarten, dass ihre Zahl noch in diesem Jahrhundert ihren Höchststand erreicht.
Eine Population ist eine Fortpflanzungsgemeinschaft einer Art in einem begrenzten Gebiet. Ihre Größe nimmt durch Geburten und Zuwanderung zu und durch Todesfälle und Abwanderung ab. Die ist die Geburtenrate minus die Sterberate, jeweils je Individuum und Zeiteinheit.
Bei unbegrenzten Ressourcen bleibt r konstant, und die Zunahme ist proportional zur Größe: dN/dt = r · N (exponentielles Wachstum). Die Verdopplungszeit beträgt ln 2 / r. In der Natur gibt es das nur vorübergehend, etwa nach der Besiedlung eines neuen Lebensraums. Mit steigender Dichte sinkt die Zuwachsrate, bis die Population die K erreicht: dN/dt = r · N · (1 − N/K) (logistisches Wachstum). Am schnellsten wächst sie bei N = K/2.
wirken umso stärker, je dichter die Population ist: Konkurrenz um Nahrung und Nistplätze, Fressfeinde, Parasiten, ansteckende Krankheiten. Dichteunabhängige Faktoren wie Kälteeinbrüche, Dürre oder Hochwasser treffen eine Population unabhängig von ihrer Dichte. Die Einteilung in r-Strategen (viele Nachkommen, kurze Lebensdauer, kaum Brutpflege) und K-Strategen (wenige Nachkommen, langes Leben, viel Brutpflege) ist ein vereinfachendes Schema; die meisten Arten liegen dazwischen.
Räuber und Beute beschreibt das Modell von Lotka und Volterra mit drei Regeln: 1. Beide Zahlen schwanken periodisch, die Maxima der Räuber folgen denen der Beute. 2. Die Mittelwerte bleiben langfristig gleich. 3. Werden beide Arten gleich stark dezimiert, etwa durch Bejagung, steigt im Mittel die Zahl der Beute, die der Räuber sinkt. Bekannt sind die etwa zehnjährigen Zyklen von Luchs und Schneeschuhhase aus den Pelzbilanzen der Hudson's Bay Company. Diese Daten zählen allerdings gehandelte Felle und geben die Bestände nur indirekt wieder.
Die ist die Gesamtheit der Ansprüche einer Art an ihre Umwelt: Nahrung, Temperatur, Brutplatz, Aktivitätszeit. Arten mit gleicher Nische können nicht dauerhaft nebeneinander bestehen (, Gause 1934). Symbiose nutzt beiden Partnern, nur dem Parasiten. sind Arten, die mit Hilfe des Menschen in neue Gebiete gelangt sind; einige werden invasiv. Die Weltbevölkerung (2024 etwa 8,2 Milliarden) wächst langsamer; die Vereinten Nationen (UN) erwarten einen Höchststand von etwa 10,3 Milliarden Mitte der 2080er-Jahre.
Exponentielles Wachstum: dN/dt = r · N mit r = b − d (Geburten- minus Sterberate je Individuum), also N(t) = N₀ · eʳᵗ und die Verdopplungszeit t₂ = ln 2 / r. Logistisches Wachstum (Verhulst 1838): dN/dt = r · N · (1 − N/K); der Zuwachs ist bei N = K/2 maximal (r · K/4). Die Kapazität hängt von Ressourcen und Umwelt ab und kann sich ändern. Reagiert die Population verzögert auf ihre Dichte, etwa wegen langer Entwicklungszeiten, schießt sie über K hinaus und schwingt; im diskreten Modell entstehen bei großem r sogar Periodenverdopplungen und Chaos (May 1976).
(intraspezifische Konkurrenz, Prädation, Parasiten, Krankheiten) wirken als negative Rückkopplung und können eine Population regulieren; dichteunabhängige Faktoren (Witterung, Katastrophen) verändern ihre Größe, ohne sie zu regulieren. Das Begriffspaar r- und K-Selektion (MacArthur und Wilson 1967; Pianka 1970) beschreibt zwei Pole: Selektion auf rasche Vermehrung in instabilen, oft unterbesetzten Lebensräumen und auf Konkurrenzstärke nahe der Kapazität. Es ist ein vereinfachendes Schema; die Lebensgeschichtsforschung erklärt die Merkmale heute vor allem über altersabhängige Sterblichkeit und die Art der Regulation (Reznick et al. 2002).
Lotka-Volterra: dB/dt = a·B − b·B·R und dR/dt = c·b·B·R − d·R. Das Gleichgewicht liegt bei B* = d/(c·b) und R* = a/b. Die Lösungen sind geschlossene Bahnen um diesen Punkt (Regel 1), ihre zeitlichen Mittelwerte sind B* und R* (Regel 2), und eine gleiche Entnahmerate h für beide Arten verschiebt das Gleichgewicht zu B* = (d + h)/(c·b) und R* = (a − h)/b (Regel 3). Volterra (1926) erklärte damit D'Anconas Befund, dass der Anteil der Raubfische in den Fängen der Adria während des Ersten Weltkriegs, als weniger gefischt wurde, anstieg. Das Modell kennt keine Dichteabhängigkeit der Beute, keine Sättigung der Räuber, keine Verstecke und keinen Zufall; seine Schwingungen hängen vom Anfangszustand ab. Realistischere Modelle zeigen gedämpfte Schwingungen oder stabile Grenzzyklen.
Konkurrenz: In Gauses Versuchen (1934) verdrängte Paramecium aurelia mit derselben Bakteriennahrung P. caudatum; P. caudatum und P. bursaria bestanden dagegen nebeneinander, weil sie verschiedene Bereiche des Kulturgefäßes und verschiedene Nahrung nutzten. Hutchinson (1957) beschrieb die als vieldimensionalen Raum der Umweltbedingungen: Die fundamentale Nische ist ohne Konkurrenz möglich, die realisierte wird unter Konkurrenz tatsächlich genutzt. Beziehungen zwischen Arten reichen vom Mutualismus (: Mykorrhiza, Flechten, Knöllchenbakterien) über Kommensalismus bis zu , Parasitoiden (Schlupfwespen) und Brutparasitismus (Kuckuck). Die Allelfrequenzen einer Population behandelt die Populationsgenetik (Hardy-Weinberg, Station 16).
Die Weltbevölkerung lag Mitte 2024 bei etwa 8,2 Milliarden. Die Vereinten Nationen (UN) erwarten in den World Population Prospects 2024 (WPP 2024) einen Höchststand von etwa 10,3 Milliarden Mitte der 2080er-Jahre und 10,2 Milliarden im Jahr 2100; mit 80 % Wahrscheinlichkeit wird der Höchststand noch in diesem Jahrhundert erreicht. Die durchschnittliche Kinderzahl je Frau sank von 3,31 (1990) auf 2,25 (2024), die Lebenserwartung bei Geburt liegt bei 73,3 Jahren. Den Verlauf beschreibt das Modell des . Die logistische Gleichung passt auf Menschen nur bedingt, denn Geburtenzahlen hängen von Bildung, Gesundheitsversorgung, Einkommen und gesellschaftlichen Normen ab.
Luchs und Schneeschuhhase: Die Pelzbilanzen der Hudson's Bay Company (ausgewertet von MacLulich 1937 sowie Elton und Nicholson 1942) zeigen Zyklen von etwa zehn Jahren. Sie messen aber gehandelte Felle, abhängig von Fangaufwand, Preisen und den Gebieten der Fallensteller; in manchen Abschnitten liegen die Gipfel der Luchse sogar vor denen der Hasen (Gilpin 1973, „Do hares eat lynx?“). Langzeitexperimente am Kluane Lake (Yukon) zeigten, dass der Hasenzyklus aus dem Zusammenwirken mehrerer Fressfeinde (Luchs, Kojote, Greifvögel und Eulen) mit dem Nahrungsangebot entsteht (Krebs et al. 2001). Ein Zwei-Arten-Modell bildet diesen Zyklus nur grob ab.
Lebensgeschichten, Nischen und eingeschleppte Arten
Das r-K-Schema mit seinen Grenzen, fundamentale und realisierte Nische im Freilandversuch und der Umgang mit invasiven Arten in der EU.| Merkmal | eher r-betont | eher K-betont |
|---|---|---|
| Nachkommen | viele, klein | wenige, groß |
| Brutpflege | kaum | intensiv |
| Entwicklung | schnell, frühe Fortpflanzung | langsam, späte Fortpflanzung |
| Lebensdauer | kurz | lang |
| Bestand | stark schwankend, oft unter K | nahe K, eher stabil |
| Lebensraum | kurzlebig, gestört | beständig |
| Beispiele | Blattläuse, Feldmaus, Löwenzahn | Elefant, Wale, Rotbuche |
Vereinfachendes Schema nach MacArthur und Wilson (1967) und Pianka (1970). Viele Arten passen nicht eindeutig: Der Kabeljau wird groß und alt, legt aber Millionen Eier ohne Brutpflege.
Warum das Schema nicht reicht
Das r-K-Schema verknüpft Lebensgeschichte und Dichte: Bei geringer Dichte zahle sich schnelle Vermehrung aus, nahe der Kapazität Konkurrenzstärke. Experimente und Vergleiche zeigen aber, dass die altersabhängige Sterblichkeit eine zentrale Rolle spielt, neben der Dichteregulation: Guppys aus Bächen mit vielen Raubfischen, die vor allem große Tiere fressen, werden früher geschlechtsreif und bekommen mehr, kleinere Junge.
Reznick, Bryant und Bashey (2002) argumentieren, dass die Dichteabhängigkeit, der Kern der r-K-Theorie, für die Evolution von Lebensgeschichten wichtig bleibt, ihre Wirkung aber davon abhängt, welche Altersklassen von der Regulation betroffen sind. Moderne Lebensgeschichtstheorie arbeitet deshalb mit Lebenstafeln und altersspezifischen Raten.
Begon, Townsend & Harper, Ecology, 4. Aufl. 2006; Reznick et al. 2002, Ecology 83:1509.
Schematisch. Chthamalus kann auch weiter unten leben, wenn Semibalanus entfernt wird; unter Konkurrenz bleibt ihr nur der obere Streifen, den Semibalanus wegen Austrocknung nicht besiedeln kann.
Fundamentale und realisierte Nische
Connell entfernte auf Felsen der schottischen Küste die Seepocke Semibalanus (damals Balanus balanoides) und beobachtete, dass die Larven der kleineren Chthamalus dann auch in der unteren Gezeitenzone überlebten. Die Obergrenze von Semibalanus setzte dagegen die Austrocknung bei Ebbe, also ein abiotischer Faktor.
Das Ergebnis zeigt beide Begriffe in einem Versuch: Die fundamentale Nische von Chthamalus reicht weit nach unten, die realisierte ist durch Konkurrenz (Überwachsen, Abdrängen) auf den oberen Bereich beschränkt. Auf Dauer kann Konkurrenz zur Nischendifferenzierung führen: Arten spezialisieren sich und überlappen weniger.
Connell 1961, Ecology 42:710; Hutchinson 1957, Cold Spring Harb Symp Quant Biol 22:415.
Stand der Unionsliste: Oktober 2026, nach den Angaben der Europäischen Kommission.
Warum einige Arten invasiv werden
Nur ein kleiner Teil der eingeschleppten Arten etabliert sich, und nur ein Teil davon breitet sich stark aus. Begünstigt wird das, wenn natürliche Feinde und Krankheiten im neuen Gebiet fehlen (Feindfreiheit, engl. enemy release), wenn freie Nischen oder gestörte Lebensräume vorhanden sind und wenn viele Tiere oder Samen eingebracht werden. Beispiele aus Deutschland: Der Signalkrebs überträgt die Krebspest auf den heimischen Edelkrebs; der Riesen-Bärenklau verdrängt Uferpflanzen, sein Saft macht die Haut lichtempfindlich.
Für Arten der Unionsliste gelten EU-weit Verbote für Einfuhr, Haltung, Handel, Zucht und Freisetzung. Die Mitgliedstaaten müssen Einschleppungswege überwachen, neue Vorkommen früh erkennen und bekämpfen und bereits verbreitete Arten managen. Auf der Liste stehen unter anderem Waschbär, Signalkrebs, Asiatische Hornisse, Drüsiges Springkraut und Riesen-Bärenklau.
Europäische Kommission, Invasive alien species (abgerufen Oktober 2026); Verordnung (EU) Nr. 1143/2014.
Wie der Waschbär nach Deutschland kam
Der Waschbär stammt aus Nordamerika. 1934 wurden am Edersee in Hessen zwei Paare ausgesetzt, später entkamen weitere Tiere aus Pelztierfarmen. Hier hat er kaum Feinde, findet in Wäldern, Gärten und Mülltonnen viel Nahrung und vermehrt sich stark. Er plündert Vogelnester und frisst Amphibien. Deshalb steht er auf der Liste der invasiven Arten der Europäischen Union.
Der Waschbär ist ein Beispiel für eine invasive Art: 1934 wurden am Edersee in Hessen zwei Paare ausgesetzt, weitere Tiere entkamen später aus Pelztierfarmen. Fehlende Fressfeinde, ein breites Nahrungsspektrum und die Nähe zu Siedlungen ermöglichten exponentielles Wachstum über Jahrzehnte. Seit 2016 steht er auf der Unionsliste der EU; Einfuhr, Haltung, Zucht und Freilassung sind verboten.
Die ausführliche Vertiefung mit Grafiken gibt es ab dem Niveau Oberstufe.
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Verhalten
Warum verhalten sich Tiere so, wie sie es tun, und was davon ist angeboren, was gelernt?
Das lernst du hier
- angeborenes und gelerntes Verhalten an Beispielen unterscheiden
- erklären, wie ein Hund lernt, schon auf einen Ton hin Speichel zu bilden
- beschreiben, wie Honigbienen einander mit einem Tanz den Weg zum Futter zeigen
- Reflex, Erbkoordination und Schlüsselreiz mit Attrappenversuchen erklären
- Prägung, klassische und operante Konditionierung, Nachahmung und Einsicht unterscheiden
- einen Schwänzeltanz entschlüsseln: Richtung und Entfernung der Futterquelle
- Vor- und Nachteile des Gruppenlebens und Formen des Helfens erklären
- Verhalten mit Tinbergens vier Fragen nach proximaten und ultimaten Ursachen analysieren
- Hilfe unter Tieren mit Verwandtenselektion (Hamilton-Regel) und reziprokem Altruismus erklären
- sexuelle Selektion und Kosten-Nutzen-Modelle auf Beobachtungen anwenden
- sexuelle Selektion, Kosten-Nutzen-Modelle und Spieltheorie (evolutionär stabile Strategie) anwenden
- Methoden der Verhaltensforschung und Übertragungen auf den Menschen kritisch beurteilen
Verhalten ist alles, was ein Tier tut: fressen, fliehen, sich putzen, ein Nest bauen oder Junge füttern. Manches kann ein Tier von Anfang an, ohne es geübt zu haben. Eine Spinne webt ihr erstes Netz richtig, obwohl sie nie einer anderen Spinne zugesehen hat. Ein neugeborenes Baby saugt, sobald etwas seine Lippen berührt. Solches Verhalten nennt man angeboren.
Angeborenes Verhalten wird oft durch ganz bestimmte Reize ausgelöst, die . Ein Stichlingsmännchen greift in der Paarungszeit andere Männchen an, weil deren Bauch rot ist. Forscher haben das mit getestet, also mit nachgebauten Modellen: Ein grobes Holzstück mit roter Unterseite wurde heftig angegriffen, ein naturgetreuer Fisch ohne Rot kaum. Möwenküken picken auf den roten Fleck am Schnabel ihrer Eltern; daraufhin würgen die Eltern Futter hervor.
Vieles lernt ein Tier erst durch Erfahrung. Gänseküken laufen dem ersten großen, bewegten Wesen nach, das sie nach dem Schlüpfen sehen, und merken es sich als „Mutter“. Beim Forscher Konrad Lorenz war das er selbst. Diese Form des Lernens heißt . Ein Hund lernt, dass auf ein Geräusch Futter folgt, und kommt schon beim Klappern der Dose angelaufen. Bekommt er für „Sitz“ ein Leckerli, setzt er sich bald öfter hin. Affen schauen sich Tricks voneinander ab, und Schimpansen finden durch Nachdenken Lösungen, etwa Kisten zu stapeln, um an Bananen zu kommen. Spielen ist für junge Tiere eine Art Üben.
Tiere verständigen sich auch. Eine Honigbiene, die viel Futter gefunden hat, tanzt im Stock auf der Wabe. Die Richtung ihres Tanzes zeigt, wo das Futter im Vergleich zur Sonne liegt. Wie lange sie dabei mit dem Hinterleib wackelt, zeigt die Entfernung. Das hat Karl von Frisch herausgefunden. Er bekam dafür 1973 den Nobelpreis, zusammen mit Konrad Lorenz und Niko Tinbergen.
Viele Tiere leben in Gruppen. Das schützt vor Feinden, denn viele Augen sehen mehr. In der Gruppe gibt es oft eine Rangordnung, so muss nicht ständig um Futter gekämpft werden. Manche Tiere helfen anderen, vor allem ihren Verwandten. Was man bei Tieren beobachtet, kann man nicht einfach auf Menschen übertragen: Menschen lernen viel mehr und leben in Kulturen mit eigenen Regeln.
Ob ein Verhalten angeboren oder erlernt ist, prüft man mit Versuchen. Angeboren sind Reflexe: Ein Reiz löst über einen Reflexbogen schnell immer dieselbe Reaktion aus, etwa den Lidschluss- oder den Kniesehnenreflex (Nervenbahnen: Station 22). Komplexer sind Instinkthandlungen mit einer als festem Kern: Eine Graugans, der ein Ei aus dem Nest gerollt ist, holt es mit dem Schnabel zurück. Nimmt man ihr das Ei unterwegs weg, führt sie die Bewegung trotzdem zu Ende (Lorenz und Tinbergen 1938).
Ausgelöst wird eine Instinkthandlung durch einen , den ein angeborener Auslösemechanismus erkennt. Wie stark ein Tier reagiert, hängt auch von seiner Handlungsbereitschaft ab: Ein sattes Tier reagiert schwächer auf Futterreize. Mit lässt sich der Schlüsselreiz herausfinden. Niko Tinbergen zeigte, dass Silbermöwenküken vor allem auf einen roten Fleck an einem langen, schmalen Schnabel picken; ein dünner roter Stab mit weißen Ringen löste sogar mehr Picken aus als ein naturgetreuer Kopf (übernormaler Reiz).
Lernen verändert Verhalten durch Erfahrung. Bei der lernt ein Jungtier in einer kurzen sensiblen Phase, wem es folgt; das Gelernte bleibt danach sehr stabil. Bei der (Iwan Pawlow) wird ein neutraler Reiz wie ein Ton mehrmals mit einem Reiz gekoppelt, der von selbst eine Reaktion auslöst (Futter → Speichelfluss); danach löst der Ton allein die Reaktion aus. Bei der (Lernen am Erfolg, B. F. Skinner) bestimmen die Folgen eines Verhaltens, ob es häufiger oder seltener wird. Dazu kommen Lernen durch Beobachtung (Japanmakaken auf der Insel Kōshima übernahmen ab 1953 das Waschen von Süßkartoffeln von einem jungen Weibchen) und Lernen durch Einsicht (Wolfgang Köhlers Schimpansen auf Teneriffa). Im Spiel üben Jungtiere Bewegungen und Regeln. Wie das Gehirn lernt, zeigt Station 23.
Honigbienen verständigen sich mit einer Tanzsprache. Bei nahen Futterquellen tanzen sie einen Rundtanz, der vor allem „Futter in der Nähe“ meldet. Bei weiter entfernten Quellen tanzen sie den Schwänzeltanz: Der Winkel des Schwänzellaufs zur Senkrechten auf der Wabe entspricht dem Winkel zwischen Sonne und Futterquelle; je länger der Schwänzellauf dauert, desto weiter ist das Ziel entfernt.
Gruppenleben hat Vorteile (Schutz vor Feinden, gemeinsame Jagd, Wärme) und Nachteile (Konkurrenz um Futter und Partner, Krankheiten). Eine Rangordnung regelt den Zugang zu Futter und Partnern, ohne dass ständig gekämpft wird; bei Haushühnern wurde sie 1922 als „Hackordnung“ beschrieben. Hilft ein Tier einem anderen auf eigene Kosten, nennt man das Altruismus. Meist gilt diese Hilfe Verwandten, die einen Teil der eigenen Gene tragen, oder sie wird später erwidert. Auffällige Merkmale wie das Rad des Pfaus entstehen durch sexuelle Selektion: Sie bringen Vorteile bei der Partnerwahl, auch wenn sie das Überleben erschweren. Vergleiche mit dem Menschen sind schwierig, weil menschliches Verhalten stark von Kultur und Erziehung geprägt ist.
Proximat und ultimat. Ursachen erklären, wie ein Verhalten zustande kommt, ultimate, warum es sich in der Evolution durchgesetzt hat (Mayr 1961). Tinbergen (1963) unterschied vier Fragen: Mechanismus (Reize, Nerven, Hormone), Ontogenese (Entwicklung, Erfahrung), Funktion (Beitrag zur ) und Phylogenese (stammesgeschichtliche Herkunft). Beim Gesang männlicher Singvögel heißt das: Längere Tage erhöhen den Testosteronspiegel, Kerne im Vorderhirn steuern den Gesang; das Lied wird in einer sensiblen Phase nach Vorbildern gelernt; es verteidigt das Revier und wirbt um Weibchen; es ging aus einfacheren Lautäußerungen der Vorfahren hervor. Bei Übertragungen auf den Menschen ist Vorsicht geboten: Kultur verändert Verhalten schneller als Gene, viele Befunde stammen aus wenigen, westlich geprägten Gesellschaften (Henrich et al. 2010), und aus „natürlich“ folgt nicht „richtig“ (Sein-Sollen-Fehlschluss). Konrad Lorenz, seit 1938 NSDAP-Mitglied, zog 1940 Parallelen zwischen Haustieren und einem angeblichen „Verfall“ des Menschen und schrieb von der nötigen „Ausmerzung ethisch Minderwertiger“; die Universität Salzburg erkannte ihm 2015 die Ehrendoktorwürde ab.
Angeboren und gelernt. Jedes Verhalten entsteht in der Entwicklung aus Erbanlagen und Umwelt; sinnvoll ist die Frage, ob Unterschiede zwischen Individuen auf Gene oder auf Erfahrung zurückgehen. Belege für angeborene Anteile liefern wie die Eirollbewegung der Graugans, Attrappenversuche zum (Silbermöwenküken, Tinbergen und Perdeck 1950) und Kaspar-Hauser-Versuche: Ohne Vorbild aufgezogene Buchfinken singen ein vereinfachtes Lied ohne die gelernten Feinheiten (Thorpe 1958). Lernen folgt eigenen Regeln: Stockentenküken prägten sich am stärksten 13 bis 16 Stunden nach dem Schlüpfen (Hess 1959); Zebrafinkenmännchen, die bei Japanischen Mövchen aufwuchsen, umwarben später Mövchenweibchen (sexuelle Prägung, Immelmann 1972); Ratten verknüpfen Übelkeit leicht mit einem Geschmack, kaum aber mit Licht oder Ton (Garcia und Koelling 1966); solche Geschmacksaversionen entstehen oft schon nach einem einzigen Erlebnis.
Kommunikation. Der Schwänzeltanz ist ein symbolisches Signal: Im dunklen Stock übersetzt die Tänzerin den Winkel zwischen Sonnenazimut und Futterquelle in einen Winkel zur Schwerkraft. Die Entfernung misst sie über den optischen Fluss auf dem Hinflug: Bienen, die durch einen engen, gemusterten Tunnel flogen, tanzten, als wäre das Ziel viel weiter entfernt (Esch et al. 2001). Ob Neulinge die Tanzinformation nutzen, war lange umstritten; Radarverfolgung zeigte, dass sie die angezeigte Richtung und Strecke fliegen, auch nachdem man sie versetzt hat (Riley et al. 2005).
Sozialverhalten. Altruismus heißt in der Biologie: Ein Verhalten senkt die eigene Fitness und erhöht die eines anderen. Nach der kann es sich ausbreiten, wenn r · B > C gilt (Hamilton 1964), mit dem Verwandtschaftskoeffizienten r, dem Nutzen B für den Empfänger und den Kosten C für den Helfer. Weibliche Belding-Ziesel warnen häufiger vor Räubern, wenn Verwandte in der Nähe sind (Sherman 1977). Zwischen Nichtverwandten kann stabil sein (Trivers 1971), wenn sich dieselben Tiere oft begegnen, einander erkennen und Betrüger meiden: Vampirfledermäuse würgen hungrigen Gruppenmitgliedern Blut hervor, und wer früher etwas bekommen hat, gibt eher selbst ab (Wilkinson 1984; Carter und Wilkinson 2013).
Partnerwahl und Optimalität. Sexuelle Selektion (Darwin 1871) wirkt über Konkurrenz um Partner und über Partnerwahl, meist durch das Geschlecht, das mehr in Nachkommen investiert. Andersson (1982) kürzte in Kenia bei Hahnenschweifwitwen die Schwanzfedern einiger Männchen und klebte sie anderen an: Männchen mit verlängertem Schwanz hatten danach die meisten Nester im Revier. Ob solche Merkmale gute Gene anzeigen (Handicap-Prinzip, Zahavi 1975) oder sich über eine selbstverstärkende Vorliebe ausbreiten (Fisher), ist je nach Art verschieden belegt. Optimalitätsmodelle rechnen Nutzen und Kosten in einer Währung: Nordwestkrähen lassen große Meeresschnecken (Nucella lamellosa) aus etwa 5 m Höhe fallen, nahe der Höhe, bei der die Steigarbeit bis zum Bruch am kleinsten ist (Zach 1979). Wie man Verhalten misst und welche Fehler dabei drohen, zeigt die Vertiefung.
Spieltheorie. Hängt der Erfolg eines Verhaltens davon ab, was die anderen tun, hilft das Konzept der (Maynard Smith und Price 1973). Im Falke-Taube-Spiel kämpft der Falke um eine Ressource vom Wert V und riskiert Verletzungskosten C, die Taube droht nur und weicht aus. Für V < C ist eine Mischung mit dem Falkenanteil p* = V/C stabil; ihre mittlere Auszahlung beträgt nur das (1 − V/C)-Fache der Auszahlung einer reinen Taubenpopulation, die aber von Falken unterwandert würde. Kooperation zwischen Nichtverwandten modelliert man als wiederholtes Gefangenendilemma; in Axelrods Computerturnieren schnitt „Wie du mir, so ich dir“ gut ab (Axelrod und Hamilton 1981). Umstritten ist, wie unverzichtbar das Konzept der Gesamtfitness ist: Nowak, Tarnita und Wilson (2010) hielten es für entbehrlich, 137 Fachleute widersprachen (Abbot et al. 2011); in der Verhaltensökologie wird es weiter breit verwendet.
Helfen berechnen, Verhalten messen
Mit der Hamilton-Regel prüfen, wann sich Hilfe für Verwandte genetisch lohnt, und sehen, wie die Art der Stichprobe Freilanddaten verändert.Was r bedeutet
Der Verwandtschaftskoeffizient r gibt an, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Allel des Helfers auch im Empfänger steckt, weil beide es von gemeinsamen Vorfahren geerbt haben. Bei diploiden Tieren gilt: Eltern und Kinder r = 0,5, Vollgeschwister 0,5, Halbgeschwister 0,25, Cousins 0,125. Bei Hautflüglern (Bienen, Wespen, Ameisen) entwickeln sich Männchen aus unbefruchteten Eiern (Haplodiploidie). Töchter derselben, einmal verpaarten Königin sind deshalb zu 0,75 miteinander verwandt, mit ihren Brüdern aber nur zu 0,25. Honigbienenköniginnen paaren sich mit vielen Drohnen; die meisten Arbeiterinnen eines Volkes sind daher Halbschwestern.
Belege
- Warnrufe: Weibliche Belding-Ziesel rufen häufiger, wenn Verwandte in der Nähe sind, und werden dabei häufiger von Räubern verfolgt (Sherman 1977).
- Helfer am Nest: Junge Weißstirnspinte, eine afrikanische Bienenfresserart, helfen bevorzugt bei der Aufzucht näher verwandter Nestlinge (Emlen und Wrege 1988).
- Staatenbildung: In allen untersuchten Ursprüngen der Eusozialität bei Bienen, Wespen und Ameisen waren die Königinnen der Vorfahren einmal verpaart (Hughes et al. 2008). Das spricht für hohe Verwandtschaft als Voraussetzung, nicht für die Haplodiploidie allein.
Hamilton 1964, J Theor Biol 7:1–52; Sherman 1977, Science 197:1246–1253; Emlen & Wrege 1988, Behav Ecol Sociobiol 23:305–315; Hughes et al. 2008, Science 320:1213–1216; Davies, Krebs & West, An Introduction to Behavioural Ecology, 4. Aufl. 2012.
Vom Ethogramm zur Zahl
- Ethogramm: Katalog der Verhaltensweisen mit eindeutigen Definitionen, etwa „Putzen: Lecken oder Kratzen des eigenen Fells, länger als 2 s“.
- Messgrößen: Häufigkeit (Ereignisse je Stunde), Dauer, Latenz (Zeit bis zum ersten Auftreten), Anteil am Zeitbudget.
- Stichprobe: Daueraufzeichnung eines Fokustiers erfasst alles, aber nur für ein Tier. Momentaufnahmen in festen Abständen schätzen Zeitanteile vieler Tiere, verfehlen aber kurze, seltene Verhaltensweisen. Ad-libitum-Notizen bevorzugen auffällige Tiere und Ereignisse (Altmann 1974).
- Experiment: Attrappen, Wahlversuche, Abspielen von Lauten (Playback), Aufzucht ohne Erfahrung (Kaspar-Hauser-Versuch), Telemetrie mit Sendern.
- Fehlerquellen: Der „Kluge Hans“, ein Pferd, das um 1904 scheinbar rechnen konnte, reagierte auf unbewusste Kopfbewegungen der Fragenden (Pfungst 1907). Beobachter beeinflussen Tiere und deuten Daten unbewusst im Sinne ihrer Erwartung. Gegenmittel sind Blindversuche, mehrere Beobachter mit Übereinstimmungsmaß und eine vorab festgelegte Auswertung. Morgans Kanon (1894) verlangt, ein Verhalten nicht mit einer höheren geistigen Fähigkeit zu erklären, wenn eine niedrigere zur Erklärung ausreicht.
Eingriffe und Versuche an Tieren regelt in Deutschland das Tierschutzgesetz; Leitlinie ist das 3R-Prinzip: ersetzen, reduzieren, verfeinern (Russell und Burch 1959).
Altmann 1974, Behaviour 49:227–267; Bateson & Martin, Measuring Behaviour, 4. Aufl. 2021; Pfungst 1907; Morgan 1894; Russell & Burch 1959.
Warum helfen Tiere einander?
Junge Bienenfresser in Afrika helfen oft ihren Eltern, Geschwister großzuziehen, statt selbst zu brüten. Arbeiterinnen der Honigbiene bekommen gar keine eigenen Jungen und arbeiten für ihr Volk. Das sieht selbstlos aus. Meist helfen Tiere aber Verwandten. Geschwister tragen zum Teil dieselben Erbanlagen. Wer Geschwistern hilft, sorgt also dafür, dass auch ein Teil der eigenen Erbanlagen weitergegeben wird. Manchmal helfen sich auch Nichtverwandte, wenn sie sich kennen und die Hilfe später zurückbekommen: Vampirfledermäuse geben hungrigen Nachbarn etwas Blut ab.
Altruismus ist Hilfe auf eigene Kosten. Die Hamilton-Regel r · B > C sagt, wann sich Hilfe für Verwandte genetisch lohnt: Der Nutzen B für den Verwandten, gewichtet mit dem Verwandtschaftskoeffizienten r (Geschwister 0,5, Cousins 0,125), muss größer sein als die Kosten C für den Helfer. Hilfe unter Nichtverwandten (reziproker Altruismus) ist stabil, wenn sich die Tiere oft begegnen, einander erkennen und Betrüger meiden.
Die ausführliche Vertiefung mit Rechner gibt es ab dem Niveau Oberstufe.
Station 36 von 43
Artenvielfalt und ihr Schutz
Wie viele Arten gibt es, warum verschwinden sie, und was hilft, sie zu erhalten?
Das lernst du hier
- die drei Ebenen der Artenvielfalt an Beispielen erklären
- die wichtigsten Gründe nennen, warum Arten verschwinden
- Leistungen der Natur wie die Bestäubung und Wege des Schutzes beschreiben
- beschriebene und geschätzte Artenzahlen unterscheiden und die Kategorien der Roten Liste lesen
- die fünf direkten Treiber des Artenverlusts nach IPBES ordnen und mit Beispielen belegen
- Schutzgebiete, Natura 2000 und das 30-Prozent-Ziel einordnen
- Artenzahlen, Gefährdungsdaten und Bestandsindizes methodisch einordnen
- die Arten-Areal-Beziehung anwenden und ihre Grenzen beurteilen (Aussterbeschuld, Überschätzung)
- heutige Aussterberaten mit der Hintergrundrate vergleichen und die Unsicherheit benennen
- Rechtsrahmen (Kunming-Montreal, EU-Wiederherstellungsverordnung, § 45b Bundesnaturschutzgesetz, kurz BNatSchG) und Zielkonflikte mit der Energiewende darstellen
Artenvielfalt, auch genannt, hat drei Ebenen: die Vielfalt der Arten (Amsel, Buche, Fliegenpilz), die Vielfalt innerhalb einer Art (keine zwei Buchen haben genau dieselben Erbanlagen) und die Vielfalt der Lebensräume wie Wald, Moor, Wiese, See und Korallenriff.
Bisher haben Forschende rund zwei Millionen Arten beschrieben und benannt. Wie viele es wirklich gibt, weiß niemand genau. Eine bekannte Schätzung kommt auf knapp neun Millionen Arten von Tieren, Pflanzen, Pilzen und Einzellern mit Zellkern; Bakterien könnten noch viel mehr Arten bilden. Die meisten Arten leben in den Tropen, vor allem in Regenwäldern und Korallenriffen. Viele kommen nur an einem einzigen Ort vor.
Viele Arten werden seltener. Die Weltnaturschutzunion führt eine Rote Liste: Von rund 176 000 untersuchten Arten gilt mehr als ein Viertel als bedroht (Stand Juli 2026). Die wichtigsten Gründe: Menschen verwandeln Wälder, Wiesen und Moore in Äcker, Weiden, Straßen und Siedlungen; sie fischen und jagen zu viel; das Klima wird wärmer; Gifte und Dünger gelangen in die Umwelt; eingeschleppte Arten verdrängen heimische.
Forscher schätzen, dass die Menge fliegender Insekten in deutschen Naturschutzgebieten zwischen 1989 und 2016 um mehr als drei Viertel zurückgegangen ist. Seitdem schwankt sie stark mit dem Wetter. Das betrifft auch uns: Bienen, Hummeln, Schwebfliegen und Schmetterlinge bestäuben viele Pflanzen, von denen wir Obst, Gemüse und Samen ernten. Solche Leistungen der Natur heißen .
Schutz ist möglich: Schutzgebiete bewahren Lebensräume, Moore werden wieder vernässt, Flüsse bekommen mehr Platz. Fast alle Staaten der Welt haben 2022 vereinbart, bis 2030 auf 30 % der Land- und Meeresfläche die Natur wirksam zu schützen. Auch Windräder und Solarparks brauchen Platz; sie werden deshalb so geplant, dass seltene Vögel und Fledermäuse möglichst wenig gefährdet sind.
umfasst die genetische Vielfalt innerhalb von Arten, die Vielfalt der Arten und die Vielfalt der Ökosysteme. Genetische Vielfalt macht Populationen anpassungsfähig (Station 16). Zwischen beschriebenen und geschätzten Arten klafft eine große Lücke: Der Catalogue of Life verzeichnete 2025 rund 2,1 Millionen beschriebene lebende Arten. Hochrechnungen für Lebewesen mit Zellkern liegen meist zwischen etwa 5 und 9 Millionen (Costello et al. 2013: 5 ± 3 Millionen; Mora et al. 2011: 8,7 Millionen); mit Bakterien und Archaeen reichen Schätzungen bis in die Milliarden.
Arten sind ungleich verteilt: Ihre Zahl nimmt von den Polen zu den Tropen hin zu. Besonders viele , also Arten, die nur in einem Gebiet vorkommen, leben in sogenannten . Nach Myers et al. (2000) sind bis zu 44 % aller Gefäßpflanzenarten und 35 % der Arten von vier Wirbeltiergruppen auf 25 Gebiete beschränkt, die zusammen nur 1,4 % der Landfläche ausmachen. Heute werden 36 Hotspots gezählt.
Die Rote Liste der ordnet Arten nach ihrem Aussterberisiko in Kategorien ein. In der Version 2026-1 (Juli 2026) sind 175 909 Arten bewertet, 49 505 davon gelten als bedroht (vom Aussterben bedroht, stark gefährdet oder gefährdet), also rund 28 %. Das ist kein Anteil aller Arten der Erde, weil gut untersuchte Gruppen wie die Wirbeltiere häufiger bewertet sind. Die bundesweiten Roten Listen gibt das Bundesamt für Naturschutz (BfN) heraus; sie werden etwa alle zehn Jahre erneuert. Nach dem „Faktencheck Artenvielfalt“ (2024) ist von den rund 40 % der etwa 72 000 heimischen Arten, deren Gefährdung bewertet ist, knapp ein Drittel gefährdet.
Der Weltbiodiversitätsrat nennt fünf direkte Treiber, weltweit in absteigender Wirkung: veränderte Land- und Meeresnutzung, direkte Nutzung (Jagd, Fischerei, Holzeinschlag), Klimawandel, Verschmutzung und . Im Meer steht die Fischerei an erster Stelle. Ein Beispiel für die Folgen ist der Insektenrückgang: Nach Messungen in 63 deutschen Schutzgebieten sank die Biomasse fliegender Insekten von 1989 bis 2016 um geschätzt 76 % (Hallmann et al. 2017); seitdem schwankt sie stark mit dem Wetter (Müller et al. 2023).
Die Natur erbringt : Bestäubung, sauberes Wasser, fruchtbare Böden, Hochwasserschutz und Kohlenstoffspeicherung in Wäldern und Mooren. Mehr als drei Viertel der wichtigsten Nahrungskulturen profitieren von der Bestäubung durch Tiere (IPBES 2016). In der EU bildet mit über 27 000 Gebieten das größte koordinierte Schutzgebietsnetz der Welt; es bedeckt knapp ein Fünftel der Landfläche der EU. Weltweit waren 2024 erst 17,6 % der Land- und 8,4 % der Meeresfläche geschützt; der Kunming-Montreal-Rahmen von 2022 sieht 30 % bis 2030 vor.
Zählen und schätzen. Beschrieben sind rund 2,1 Millionen lebende Arten (Catalogue of Life 2025). Für Eukaryoten reichen Hochrechnungen von 5 ± 3 Millionen (Costello et al. 2013) bis 8,7 ± 1,3 Millionen (Mora et al. 2011); mit Bakterien und Archaeen kommen Schätzungen auf 1 bis 6 Milliarden (Larsen et al. 2017) oder bis zu einer Billion Arten (Locey und Lennon 2016). Die Spanne spiegelt verschiedene Artbegriffe und Hochrechnungsverfahren. Die Vielfalt nimmt zu den Tropen hin zu; 36 mit vielen und starkem Verlust der ursprünglichen Vegetation gelten als Schwerpunkte des Schutzes (Konzept nach Myers et al. 2000).
Gefährdung und Treiber. Die stuft nach quantitativen Kriterien ein: Rückgang, Arealgröße, Populationsgröße und berechnetes Aussterberisiko. Version 2026-1 (9. Juli 2026) umfasst 175 909 bewertete Arten, davon 49 505 bedroht; weil gut untersuchte Gruppen überrepräsentiert sind, ist dieser Anteil von 28 % keine Schätzung für alle Arten. (2019) schätzt, dass rund 1 Million Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht ist, und nennt fünf direkte Treiber in absteigender globaler Wirkung: Land- und Meeresnutzung, direkte Nutzung, Klimawandel, Verschmutzung, . Eine statistische Synthese derselben Evidenz sieht global die Verschmutzung auf Platz drei und im Meer den Klimawandel auf Platz zwei (Jaureguiberry et al. 2022). In Deutschland ist knapp ein Drittel der bewerteten heimischen Arten gefährdet (Faktencheck Artenvielfalt 2024).
Trends richtig lesen. Hallmann et al. (2017) schätzten für 63 deutsche Schutzgebiete einen Rückgang der Biomasse fliegender Insekten um 76 % (1989–2016); die meisten Standorte wurden aber nur in einem Jahr beprobt, und gemessen wurde Biomasse, nicht Artenzahl. Eine Neuauswertung mit detaillierten Wetterdaten führt einen großen Teil des Verlaufs auf ungünstige Witterung zurück und sieht darin einen Hinweis auf die Rolle des Klimawandels (Müller et al. 2023). Der von WWF und Zoologischer Gesellschaft London sank im Bericht 2026 im Mittel um 73 % (1970–2022; 35 803 Populationen von 5 790 Wirbeltierarten). Er mittelt relative Veränderungen; wenige Populationen mit extremem Rückgang prägen das Ergebnis stark (Leung et al. 2020).
Aussterberaten. Fossil- und Stammbaumauswertungen ergeben eine Hintergrundrate von etwa 0,1 bis 1 Aussterbefall je Million Artenjahre (E/MSY; De Vos et al. 2015, aus Stammbäumen: etwa 0,1). Pimm et al. (2014) schätzen die heutige Rate auf etwa das Tausendfache; Ceballos et al. (2015) kommen für Wirbeltiere im 20. Jahrhundert selbst gegenüber einer großzügigen Hintergrundrate von 2 E/MSY auf bis zum Hundertfachen. IPBES (2019) nennt mindestens das Zehn- bis Hundertfache des Mittels der letzten 10 Millionen Jahre. Die Unsicherheit ist groß, weil die meisten Arten unbekannt sind und Aussterben oft erst nach Jahrzehnten bestätigt wird. Ob schon ein sechstes Massenaussterben läuft, ist umstritten: Die Raten sprechen dafür, der bisherige Verlust liegt aber weit unter den mehr als drei Vierteln der Arten, die bei früheren Massenaussterben verschwanden (Barnosky et al. 2011).
Schutz und Zielkonflikte. 5–8 % der weltweiten Ernteproduktion gehen direkt auf tierische Bestäubung zurück, mit einem Marktwert von 235–577 Milliarden US-Dollar pro Jahr (Preise 2015; IPBES 2016). Geschützt waren 2024 weltweit 17,6 % der Land- und 8,4 % der Meeresfläche (Protected Planet Report 2024); auf dem Meer überschritt der Anteil im April 2026 die Marke von 10 % (IUCN). Der Kunming-Montreal-Rahmen (2022) zielt auf 30 % bis 2030, ist aber ein politischer Beschluss ohne Sanktionen; rechtsverbindlich ist die EU-Wiederherstellungsverordnung (EU) 2024/1991, seit 18. August 2024 in Kraft. Konflikte entstehen, wo Flächen knapp sind: vor allem mit Landwirtschaft und Siedlungsbau, aber auch mit Wind- und Solarenergie, die den Klimawandel bremsen sollen und selbst Fläche beanspruchen. Fristen, Umsetzungsstand und die Regeln für Windenergie zeigt die Vertiefung.
Land sparing oder land sharing? Ob man Arten besser schützt, indem man wenige Flächen sehr ertragreich bewirtschaftet und dafür große Flächen der Natur überlässt (sparing), oder indem man überall extensiver wirtschaftet (sharing), hängt von den Arten ab. In Ghana und Nordindien profitierten die meisten untersuchten Vogel- und Baumarten eher vom Sparen (Phalan et al. 2011); Arten der Kulturlandschaft, etwa viele Feldvögel Mitteleuropas, brauchen dagegen extensiv genutzte Flächen. Modelle zeigen den Zielkonflikt (Green et al. 2005); offen ist, ob höhere Erträge tatsächlich Flächen freigeben oder über sinkende Preise die Nachfrage steigern (Rebound-Effekt). Für die Schutzplanung schätzen Populationsgefährdungsanalysen das Aussterberisiko aus Demografie und Zufall; systematische Schutzplanung wählt Flächen nach ihrer Ergänzung zueinander (Komplementarität), nicht nach der Artenzahl allein.
Belege, Recht und Zielkonflikte
Was die Insektenstudien wirklich messen, welche Schutzregeln gelten (Stand Oktober 2026) und wie das Recht Windenergie und Vogelschutz abwägt.Was die Studien messen
Biomasse, Häufigkeit und Artenzahl sind verschiedene Größen. Biomasse reagiert stark auf wenige große, häufige Arten und auf das Wetter im Fangjahr; Artenzahlen hängen vom Bestimmungsaufwand ab. Zeiträume, Regionen und Fallentypen unterscheiden sich, die Balken sind deshalb nicht direkt vergleichbar.
Stand der Debatte
- Für Mitteleuropa belegen mehrere unabhängige Datensätze deutliche Rückgänge, besonders im Grünland und in Agrarlandschaften (Seibold et al. 2019).
- Wie groß der Rückgang weltweit ist, bleibt unsicher: Für die Tropen fehlen Langzeitdaten, und die globale Metaanalyse von van Klink et al. (2020) trägt wegen Fehlern in ihrer Datenbank seit Januar 2026 einen Bedenkenvermerk der Zeitschrift „Science“.
- Als Ursachen gelten intensivere Landnutzung, Verlust von Kleinstrukturen, Pestizide, Stickstoffeinträge, künstliches Licht und der Klimawandel; ihr Gewicht ist von Ort zu Ort verschieden (Wagner et al. 2021).
Hallmann et al. 2017, PLoS ONE 12:e0185809; Seibold et al. 2019, Nature 574:671–674; van Klink et al. 2020, Science 368:417–420; Müller et al. 2023, Nature, doi:10.1038/s41586-023-06402-z; Wagner et al. 2021, PNAS 118:e2023989118; Retraction Watch, 22.1.2026.
Was gilt (Stand Oktober 2026)
Stand der Umsetzung
Bis zum 1. September 2026 hatten nach Angaben der Kommission sieben von 27 Mitgliedstaaten einen Entwurf übermittelt. Deutschland hatte seinen Entwurf vom 25. April bis 25. Juni 2026 öffentlich zur Beteiligung gestellt, ihn zur Frist aber noch nicht eingereicht (Stand der Berichte: Anfang September 2026). Politisch ist die Verordnung umstritten: Bayern beantragte im Februar 2026 im Bundesrat eine Entschließung, die Verordnung außer Kraft zu setzen oder mindestens grundlegend zu überarbeiten; Naturschutzverbände fordern dagegen ambitionierte und finanzierte Pläne.
Verordnung (EU) 2024/1991, ABl. L vom 29.7.2024; CBD-Beschluss 15/4; BMUKN, Pressemitteilung vom 24.4.2026; Eunews, 2.9.2026; Bundesrat, Drucksache 91/26; Protected Planet Report 2024; IUCN, Pressemitteilung vom 1.4.2026.
Regeln für Windenergie an Land (Stand Oktober 2026)
§ 45b BNatSchG (in Kraft seit Juli 2022) legt für 15 kollisionsgefährdete Brutvogelarten Abstände zum Brutplatz fest: Im Nahbereich gilt das Tötungsrisiko als signifikant erhöht, im zentralen Prüfbereich in der Regel ebenfalls, es lässt sich dort aber widerlegen oder durch anerkannte Schutzmaßnahmen senken, im erweiterten Prüfbereich nur bei besonderen Umständen. Abschaltauflagen gelten als unzumutbar, wenn sie den Jahresertrag um mehr als 6 bis 8 % senken (je nach Standortgüte). Nach § 2 Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) liegen Anlagen für erneuerbare Energien im überragenden öffentlichen Interesse, was Ausnahmen erleichtert. In ausgewiesenen Beschleunigungsgebieten entfällt nach § 6b Windenergieflächenbedarfsgesetz (WindBG) die artenschutzrechtliche Prüfung; die Behörde ordnet stattdessen Minderungsmaßnahmen an, für Fledermäuse stets eine Abregelung, oder der Betreiber zahlt einen Ausgleich in Geld.
Positionen und Evidenz
- Für zügige Genehmigungen spricht aus Sicht von Gesetzgeber und Branche, dass der Klimawandel selbst ein wachsender Treiber des Artenverlusts ist und einheitliche Abstände Verfahren beschleunigen und rechtssicher machen.
- Naturschutzfachliche Kritik richtet sich gegen den Verzicht auf Einzelfallprüfungen: Lokale Bestände seltener Arten wie Schreiadler oder Rotmilan und ziehende Fledermäuse könnten unbemerkt Schaden nehmen. Für den Rotmilan trägt Deutschland besondere Verantwortung, weil ein großer Teil des Weltbestands hier brütet.
- Daten: Fundkarteien zählen den Rotmilan zu den häufigsten Schlagopfern an Windenergieanlagen in Deutschland; es sind aber Zufallsfunde ohne Hochrechnung. Unter 2346 in 14 Ländern besenderten Rotmilanen (LIFE EUROKITE) gingen bei ausgewachsenen und fast ausgewachsenen Vögeln 3,8 % der geklärten Todesfälle auf Windenergieanlagen zurück, je rund ein Viertel auf Vergiftung und Fressfeinde, 11 % auf den Straßenverkehr und 10 % auf Stromleitungen (Panter et al. 2026, Vorabveröffentlichung ohne Begutachtung). Die Fachgruppe Rotmilan der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft hält solche Telemetriedaten nicht für übertragbar, weil vor allem Nestlinge besendert wurden, teils in Gebieten mit wenigen Anlagen; nach Ringfunden aus Ostdeutschland gingen dort in den letzten 15 Jahren 15 % der bekannten Todesfälle auf Windenergieanlagen zurück, ohne Verluste am Nest 19 bis 24 % (Stellungnahme 2022). Auf Landkreisebene nahm der Rotmilan dort stärker ab, wo mehr Anlagen stehen (Katzenberger und Sudfeldt 2019); diese Korrelation allein belegt keine Ursache.
- Photovoltaik: Freiflächenanlagen konkurrieren vor allem mit der Landwirtschaft. Auf früherem Intensivacker können extensiv gepflegte Solarparks mehr Pflanzen- und Insektenarten beherbergen (etwa Montag et al. 2016); die Studienlage ist aber schmal und teils von der Branche finanziert. Gebote für Solaranlagen auf Freiflächen und sonstigen baulichen Anlagen in den EEG-Ausschreibungen sind nur zulässig, wenn mindestens drei von fünf Naturschutzkriterien erfüllt werden sollen, etwa höchstens 60 % Modulfläche oder kein Einsatz von Pflanzenschutz- und Düngemitteln (§ 37 Abs. 1a EEG).
§ 45b und Anlage 1 BNatSchG, § 2 und § 37 Abs. 1a EEG, §§ 6 und 6b WindBG (gesetze-im-internet.de, abgerufen am 24.10.2026); Panter et al. 2026 (LIFE EUROKITE, Research Square); Fachgruppe Rotmilan der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft, Stellungnahme vom 21.3.2022; Katzenberger & Sudfeldt 2019 (Dachverband Deutscher Avifaunisten); Montag, Parker & Clarkson 2016.
Windräder, Solarparks und Artenschutz
Windräder und Solarparks liefern Strom ohne Abgase und bremsen so den Klimawandel, der selbst viele Arten bedroht. Sie brauchen aber Platz. An Windrädern können Greifvögel wie der Rotmilan und Fledermäuse tödlich verunglücken. Deshalb müssen Windräder Abstand zu den Nestern seltener Vögel halten oder zu bestimmten Zeiten abgeschaltet werden, etwa in Nächten, in denen viele Fledermäuse fliegen. Solarparks auf früheren Äckern können Wildblumen und Insekten Platz bieten, wenn die Flächen richtig gepflegt werden.
Das Bundesnaturschutzgesetz legt seit 2022 für 15 kollisionsgefährdete Brutvogelarten Abstände fest, in denen das Tötungsrisiko geprüft wird; beim Rotmilan gilt im Umkreis von 500 m um das Nest ein signifikant erhöhtes Risiko. Abschaltungen in Nächten mit wenig Wind schützen Fledermäuse. Wer für eine Solaranlage auf einer Freifläche in einer Ausschreibung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) bietet, muss zusagen, mindestens drei von fünf Naturschutzkriterien einzuhalten, etwa höchstens 60 % der Fläche mit Modulen zu bedecken oder auf Dünger und Pflanzenschutzmittel zu verzichten.
Die ausführliche Vertiefung mit Abstandsrechner gibt es ab dem Niveau Oberstufe.
Kapitel G · Stationen 37 bis 43
Medizin und Biotechnik
Wie Erreger krank machen und Antibiotika wirken, was Arzneimittel und Drogen im Körper tun, warum Krebs entsteht und wie man ihn mit dem Immunsystem bekämpft. Biotechnologie stellt viele dieser Wirkstoffe her, Labortests messen, was im Körper geschieht. Die letzte Station verknüpft den ganzen Lernpfad und prüft, was hängen geblieben ist.
Schaubild: Krankheiten, Behandlung, Herstellung und Messung. Antippen springt zur Station.
Station 37 von 43
Infektionen und Antibiotika
Wie breiten sich Krankheitserreger aus, und warum verlieren Antibiotika ihre Wirkung?
Das lernst du hier
- Bakterien, Viren, Pilze und Parasiten als Krankheitserreger unterscheiden
- erklären, wie sich eine Krankheit ausbreitet und warum Impfungen auch andere schützen
- begründen, warum Antibiotika nur gegen Bakterien helfen und wie resistente Bakterien entstehen
- Übertragungswege und den Verlauf einer Infektion beschreiben
- Basisreproduktionszahl und Herdenimmunitätsschwelle erklären und berechnen
- Wirkorte von Antibiotika nennen und die Zunahme von Resistenzen als Selektion erklären
- die Kochschen Postulate anwenden und ihre Grenzen nennen
- das SIR-Modell auswerten und die Schwelle 1 − 1/R₀ herleiten
- Wirk- und Resistenzmechanismen einschließlich des horizontalen Gentransfers erklären
- Krankheitslast und Gegenmaßnahmen (Antibiotic Stewardship, One Health, neue Wirkstoffe, Phagen) mit Daten bewerten
Krankheitserreger sind winzige Lebewesen oder Teilchen, die dich krank machen können. Die wichtigsten Gruppen sind Bakterien, Viren, Pilze und Parasiten. Bakterien sind einzellige Lebewesen mit eigenem Stoffwechsel; die meisten sind harmlos oder sogar nützlich (Station 18). Viren sind viel kleiner und können sich nur in fremden Zellen vermehren. Zu den Parasiten gehören der Erreger der Malaria und Bandwürmer. Eine Besonderheit sind : falsch gefaltete Eiweiße, die andere Eiweiße ebenfalls falsch falten.
Erreger kommen auf verschiedenen Wegen zu dir: über winzige Tröpfchen beim Husten und Niesen, über Hände und Türklinken, über verdorbenes Essen und schmutziges Wasser, durch Mückenstiche oder über Blut. Bis du nach der Ansteckung krank wirst, vergeht eine Weile, die . Ob sich eine Krankheit ausbreitet, hängt davon ab, wie viele andere ein Kranker ansteckt. Steckt jeder im Mittel mehr als einen an, wächst die Welle. Sind genug Menschen geimpft, findet der Erreger kaum noch jemanden, den er anstecken kann. Dann sind auch Babys und Kranke geschützt, die nicht geimpft werden können. Das heißt .
Gegen Bakterien gibt es Antibiotika. Das bekannteste, das Penicillin, entdeckte Alexander Fleming 1928 in einem Schimmelpilz. Antibiotika greifen Teile an, die nur Bakterien haben, zum Beispiel ihre feste Zellwand. In der Grafik kannst du die Angriffspunkte antippen. Gegen Viren wirken Antibiotika nicht.
Bei einer Behandlung überleben manchmal einzelne Bakterien, die zufällig unempfindlich sind. Sie vermehren sich weiter und geben ihre Schutzgene sogar an andere Bakterien weiter. So entstehen Bakterien, gegen die das Mittel nicht mehr hilft. Je öfter Antibiotika unnötig genommen werden, desto mehr Resistenzen gibt es. Deshalb nimmt man Antibiotika nur, wenn eine Ärztin oder ein Arzt sie verschreibt, und genau so, wie verordnet.
Krankheitserreger (Pathogene) unterscheiden sich im Bau. Bakterien sind Prokaryoten mit Zellwand und kleinen 70S-Ribosomen (Station 4). Viren bestehen aus Erbgut (DNA oder RNA) und einer Eiweißhülle; sie haben keinen eigenen Stoffwechsel und vermehren sich nur in Wirtszellen. Pilze und Parasiten wie die Malaria-Erreger (Plasmodien) oder Würmer sind Eukaryoten. sind falsch gefaltete Proteine ohne Erbgut, etwa bei der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit. Die Biologie dieser Gruppen steht in Station 18, die Abwehr des Körpers und die Impfstofftypen in Station 30.
Übertragen werden Erreger durch Tröpfchen und Aerosole, durch Kontakt mit Menschen oder Gegenständen, fäkal-oral über Lebensmittel und Wasser, durch Blut und Sexualkontakte, durch Überträger wie Mücken und Zecken und von Tieren auf Menschen (Zoonosen). Eine Infektion verläuft in Phasen: Ansteckung, ohne Beschwerden, Krankheit, Genesung. Manche Menschen scheiden Erreger aus, ohne krank zu sein.
Die gibt an, wie viele Menschen ein Infizierter im Mittel ansteckt, solange alle empfänglich sind. Für die saisonale Grippe liegt sie in Studien im Median bei 1,3; für Masern wird sie oft mit 12–18 angegeben, einzelne Schätzungen streuen weiter. Sind schon Menschen immun oder werden Kontakte vermieden, sinkt die effektive Reproduktionszahl R. Unter 1 ebbt eine Welle ab. Daraus folgt die 1 − 1/R₀: Bei R₀ = 4 müssen 75 % immun sein. Kinder in Kita und Schule müssen in Deutschland seit März 2020 einen Masernschutz durch Impfung oder Immunität nachweisen (Masernschutzgesetz).
Antibiotika hemmen Strukturen, die es nur bei Bakterien gibt: den Aufbau der Zellwand (Penicilline), die 70S-Ribosomen (etwa Tetracycline), die DNA-Gyrase, die beim Kopieren Verdrillungen der DNA löst (Fluorchinolone), oder die Bildung von Folsäure (Sulfonamide). Bakterizide Mittel töten Bakterien, bakteriostatische hemmen ihr Wachstum, den Rest erledigt die Abwehr.
Resistent werden Bakterien durch Mutationen oder indem sie Resistenzgene anderer Bakterien aufnehmen, oft auf (). Ein Antibiotikum selektiert dann: Die empfindlichen Bakterien sterben, die resistenten vermehren sich (Station 16). Nach Schätzungen der GRAM-Studie (Global Research on Antimicrobial Resistance) gingen 2021 weltweit 1,14 Millionen Todesfälle auf die Resistenz von Bakterien zurück.
Erreger und Ursache. Robert Koch nannte Kriterien, nach denen ein Mikroorganismus als Ursache einer Krankheit gilt (, mit Friedrich Loeffler in den 1880er-Jahren formuliert, 1890 von Koch vorgetragen): Er findet sich bei allen Erkrankten, lässt sich isolieren und in Reinkultur züchten, löst im Versuchstier dieselbe Krankheit aus und lässt sich daraus erneut gewinnen. Grenzen zeigen symptomlose Träger (Typhus, Cholera), nicht in Reinkultur anzüchtbare Erreger (Treponema pallidum, Mycobacterium leprae), Viren und . Heute ergänzen molekulare Belege die Postulate, etwa Erreger-Nukleinsäure im erkrankten Gewebe. Barry Marshall zeigte 1984 im Selbstversuch, dass Helicobacter pylori eine Magenschleimhautentzündung auslöst (Nobelpreis 2005 mit Robin Warren).
Ausbreitung. Das SIR-Modell (Kermack und McKendrick 1927) teilt eine Bevölkerung in Empfängliche (S), Infektiöse (I) und Genesene oder Immune (R): dS/dt = −β·S·I, dI/dt = β·S·I − γ·I, dR/dt = γ·I. Mit = β/γ wächst eine Welle, solange R = R₀·S > 1. Der Gipfel liegt dort, wo S auf 1/R₀ gefallen ist, also genau bei der Herdenimmunitätsschwelle 1 − 1/R₀. Danach stecken die noch Infektiösen weitere Menschen an; am Ende sind mehr infiziert, als die Schwelle angibt (Überschießen). Eine Impfung mit der Wirksamkeit E braucht die Impfquote (1 − 1/R₀)/E. R₀ ist keine feste Eigenschaft des Erregers, es hängt von Kontakten, Dichte und Umgebung ab: Für SARS-CoV-2 lagen frühe Schätzungen aus 12 Studien zwischen 1,4 und 6,5 (Median 2,8; Liu et al. 2020), für saisonale Grippe im Median bei 1,28 (Biggerstaff et al. 2014).
Wirkorte. β-Lactame (Penicilline, Cephalosporine, Carbapeneme) blockieren die Penicillin-bindenden Proteine, die das Murein quervernetzen; die wachsende Zelle lysiert. Aminoglykoside (30S) erzwingen Ablesefehler, Tetracycline (30S) und Makrolide (50S) hemmen die Proteinsynthese meist bakteriostatisch. Fluorchinolone fixieren DNA-Gyrase und Topoisomerase IV im geschnittenen Zustand. Sulfonamide konkurrieren mit p-Aminobenzoesäure, Trimethoprim hemmt die Dihydrofolat-Reduktase. Selektiv sind die Mittel, weil Menschen kein Murein haben, 80S-Ribosomen besitzen und Folat mit der Nahrung aufnehmen. Ob ein Mittel bakterizid oder bakteriostatisch wirkt, hängt von Konzentration und Erreger ab; klinisch ist die Einteilung weniger wichtig als oft angenommen (Wald-Dickler et al. 2018).
Resistenz. Bakterien werden resistent durch Enzyme, die das Antibiotikum zerstören (β-Lactamasen, darunter ESBL, β-Lactamasen mit erweitertem Spektrum, und Carbapenemasen), durch veränderte Zielstrukturen (PBP2a des Methicillin-resistenten Staphylococcus aureus, MRSA, codiert von mecA), Effluxpumpen und verminderte Aufnahme über Porine. Resistenzgene liegen oft auf Plasmiden und Transposons und wandern durch Konjugation, Transformation und Transduktion auch zwischen Arten (). Jede Anwendung selektiert, auch in der Darmflora und in Nutztieren. Das Colistin-Resistenzgen mcr-1 wurde 2015 auf Plasmiden aus Schweinen, Fleisch und Patienten in China beschrieben (Liu et al. 2016). Deshalb betrachtet Mensch, Tier und Umwelt gemeinsam.
Krankheitslast und Gegenmaßnahmen. Die GRAM-Studie schätzte für 2019 weltweit 1,27 Millionen Todesfälle, die bakterieller Resistenz zuzurechnen sind, und 4,95 Millionen, die mit ihr einhergingen (Murray et al. 2022); für 2021 lauten die Werte 1,14 und 4,71 Millionen (Naghavi et al. 2024). Für Deutschland ergab dieselbe Methode für 2019 rund 9 600 zurechenbare und 45 700 assoziierte Todesfälle (Meštrović et al. 2025). soll den Einsatz verbessern: Indikation prüfen, Erreger bestimmen, gezielt und so kurz wie möglich behandeln. Krankenhäuser müssen Antibiotikaverbrauch und Resistenzlage fortlaufend erfassen und bewerten (§ 23 Abs. 4 Infektionsschutzgesetz). Zahlen zu EU und Deutschland, neuen Wirkstoffen und im Modul unten.
Pharmakodynamik. Die ist die niedrigste Konzentration, die sichtbares Wachstum in vitro verhindert. Die Wirksamkeit hängt bei β-Lactamen vor allem von der Zeit über der MHK ab, bei Aminoglykosiden vom Spitzenspiegel, bei Fluorchinolonen vom Verhältnis der Fläche unter der Konzentrations-Zeit-Kurve (AUC) zur MHK. Zwischen der MHK der empfindlichen Population und der Konzentration, die auch Einschritt-Mutanten hemmt (Mutanten-Präventionskonzentration), liegt das Mutanten-Selektionsfenster, in dem Resistente bevorzugt überleben (Drlica 2003). Persister sind genetisch empfindliche, ruhende Zellen, die eine Behandlung überdauern. Fachlich heißt das Persistenz, ein Sonderfall der Toleranz; Resistenz meint eine vererbte Unempfindlichkeit (Balaban et al. 2019).
Resistenz in Zahlen und neue Wege
Wie viele Menschen an resistenten Infektionen sterben, wo Europa und Deutschland bei ihren Zielen für 2030 stehen und was neue Wirkstoffe und Phagen bisher leisten.Zurechenbar oder assoziiert
Die GRAM-Studie (Global Research on Antimicrobial Resistance) rechnet mit zwei Vergleichen. Assoziiert heißt: Der Mensch starb mit einer resistenten Infektion, und ohne diese Infektion wäre er nicht gestorben. Zurechenbar heißt: Er wäre auch dann nicht gestorben, wenn der Erreger empfindlich gewesen wäre. Die zurechenbare Zahl misst also den Schaden der Resistenz selbst.
Von 1990 bis 2021 sank die Zahl der Todesfälle bei Kindern unter fünf Jahren um mehr als die Hälfte, bei Menschen ab 70 stieg sie um mehr als 80 %. Für 2050 sagt das Modell ohne zusätzliche Maßnahmen 1,91 Millionen zurechenbare und 8,22 Millionen assoziierte Todesfälle voraus, für 2025 bis 2050 zusammen 39 Millionen zurechenbare (Naghavi et al. 2024). In einer politischen Erklärung, gebilligt auf dem UN-Gipfel am 26. September 2024 und am 7. Oktober 2024 von der Generalversammlung angenommen, setzten sich die Vereinten Nationen das Ziel, die mit Resistenz assoziierten Todesfälle bis 2030 um 10 % zu senken, bezogen auf 4,95 Millionen im Jahr 2019.
Die Schätzungen beruhen auf Modellen mit großen Unsicherheitsbereichen; für viele Länder mit geringer Laborausstattung fehlen Daten. Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) schätzt für die EU und den Europäischen Wirtschaftsraum mehr als 35 000 Todesfälle pro Jahr als direkte Folge resistenter Infektionen; es nutzt weniger Erreger-Resistenz-Kombinationen und eine andere Methode.
Murray et al. 2022, Lancet 399:629; Naghavi et al. 2024, Lancet 404:1199; Meštrović et al. 2025, JAC Antimicrob Resist 7:dlaf142; Vereinte Nationen, Politische Erklärung zu antimikrobieller Resistenz (gebilligt 26.09.2024, angenommen 07.10.2024); ECDC, EARS-Net-Jahresbericht 2024 (November 2025).
Ziele für 2030
Der Rat der EU hat 2023 Ziele empfohlen, gemessen an 2019: weniger Blutstrominfektionen mit MRSA (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus, −15 %), mit Escherichia coli, die gegen Cephalosporine der dritten Generation resistent sind (−10 %), und mit Carbapenem-resistenter Klebsiella pneumoniae (−5 %), dazu 20 % weniger Antibiotikaverbrauch. Für jedes Land gelten eigene Werte.
Bis 2024 wurde EU-weit nur das MRSA-Ziel erreicht. Carbapenem-resistente Klebsiellen nahmen um 61 % zu. Der Verbrauch lag 2024 bei 20,3 Tagesdosen je 1 000 Einwohner und Tag (Länder: 9,8 bis 29,9), 2 % über 2019. Deutschland verbraucht weniger als der Durchschnitt, liegt aber über seinem Wert von 2019.
ECDC, EARS-Net-Jahresbericht 2024 und ESAC-Net-Jahresbericht 2024 (18.11.2025); ECDC, Länderprofil Deutschland, Aktualisierung 2025 (Daten 2024).
Wenige neue Wirkstoffe
Die WHO zählte 2025 90 antibakterielle Wirkstoffe in klinischer Prüfung, 2023 waren es 97. Nur 15 gelten als innovativ, 5 wirken gegen mindestens einen Erreger der höchsten Prioritätsstufe, etwa Carbapenem-resistente Acinetobacter baumannii oder Enterobakterien. Seit Juli 2017 wurden 17 neue Mittel gegen Prioritätserreger zugelassen, nur 2 davon aus einer neuen chemischen Klasse. Neue Antibiotika rechnen sich für Hersteller schlecht, weil man sie als Reserve möglichst selten einsetzen soll.
Phagen sind Viren, die nur Bakterien befallen. In einer Fallserie mit 100 individuell zusammengestellten Behandlungen besserten sich 77 % der Infektionen, bei 61 % verschwand der Zielerreger; ohne gleichzeitige Antibiotika gelang das seltener (Pirnay et al. 2024). Kontrollierte Studien zeigten bisher keinen Vorteil: Bei Brandwunden senkte ein Phagencocktail die Keimlast langsamer als die Standardbehandlung (Jault et al. 2019), bei Harnwegsinfekten war er nicht besser als Placebo (Leitner et al. 2021).
WHO, Berichte zur antibakteriellen Pipeline vom 02.10.2025; WHO Bacterial Priority Pathogens List 2024; FDA (Gepotidacin 25.03.2025; bei Gonorrhö Gepotidacin 11.12.2025, Zoliflodacin 12.12.2025); Pirnay et al. 2024, Nat Microbiol 9:1434; Jault et al. 2019, Lancet Infect Dis 19:35; Leitner et al. 2021, Lancet Infect Dis 21:427.
Warum Resistenzen alle betreffen
Resistente Bakterien bleiben nicht bei einem Menschen. Sie gelangen über Hände, Lebensmittel und Abwasser zu anderen, auch von Tieren im Stall zu Menschen. Wer Antibiotika nur nimmt, wenn sie nötig sind, schützt deshalb auch andere. Hände waschen und Impfungen helfen ebenfalls: Jede Infektion, die nicht entsteht, muss nicht behandelt werden.
Forscher schätzen, dass resistente Bakterien 2019 in Deutschland bei rund 45 700 Todesfällen beteiligt waren; bei rund 9 600 war die Resistenz selbst die Ursache (Meštrović et al. 2025). In der EU nehmen vor allem Klebsiellen zu, die gegen Carbapeneme, eine Reserve-Gruppe von Antibiotika, unempfindlich sind: 2024 gab es geschätzt 61 % mehr Blutstrominfektionen mit ihnen als 2019 (EU-Gesundheitsbehörde ECDC). Gegen solche Erreger gibt es nur noch wenige Mittel, und neue Antibiotika kommen langsam.
Die ausführliche Vertiefung mit Grafiken gibt es ab dem Niveau Oberstufe.
Station 38 von 43
Medikamente und Drogen
Was entscheidet darüber, ob ein Stoff im Körper hilft, schadet oder abhängig macht?
Das lernst du hier
- beschreiben, wie ein Medikament in den Körper gelangt und wieder abgebaut wird
- erklären, warum die Dosis über Heilmittel und Gift entscheidet
- erklären, wie Drogen das Belohnungssystem im Gehirn verändern und abhängig machen
- Rezeptor, Agonist und Antagonist unterscheiden
- Halbwertszeit und Fließgleichgewicht an einem Konzentrationsverlauf erklären
- die Wirkorte von Alkohol, Nikotin, Koffein, Cannabis, Opioiden, Kokain und Amphetaminen an der Synapse zuordnen
- Toleranz, Abhängigkeit und Entzug erklären
- Dosis-Wirkungs-Kurven mit EC₅₀, Emax und therapeutischer Breite auswerten und kompetitive Hemmung erkennen
- Pharmakokinetik quantitativ beschreiben: Halbwertszeit, Kumulation, Wechselwirkungen über CYP-Enzyme
- den Weg eines Arzneimittels von der Präklinik bis zur Pharmakovigilanz darstellen
- Rechtslage (AMG, BtMG, KCanG, MedCanG) und Krankheitslast durch Tabak, Alkohol und Drogen mit Zahlen einordnen
Ein Medikament enthält einen Wirkstoff, der im Körper etwas verändert: Er senkt Fieber, lindert Schmerzen oder tötet Bakterien. Viele Wirkstoffe passen wie ein Schlüssel in ein Schloss. Sie binden an einen auf einer Zelle und schalten dort etwas an oder blockieren es.
Eine Tablette löst sich im Magen und Darm auf. Der Wirkstoff gelangt ins Blut und mit ihm in den ganzen Körper. Die Leber baut ihn nach und nach ab, die Nieren scheiden ihn mit dem Urin aus. Deshalb nimmt man viele Medikamente mehrmals am Tag. In der Grafik siehst du, wie die Menge im Blut nach jeder Einnahme steigt und wieder sinkt.
Sinngemäß schrieb der Arzt Paracelsus vor fast 500 Jahren: Die Dosis macht das Gift. Zu wenig Wirkstoff hilft nicht, zu viel schadet. Neue Medikamente werden deshalb viele Jahre lang geprüft, bevor sie zugelassen werden. In Deutschland sind dafür das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) und das Paul-Ehrlich-Institut zuständig, in Europa die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA).
Drogen sind Stoffe, die auf das Gehirn wirken und Gefühle verändern, zum Beispiel Alkohol, Nikotin oder Cannabis. Viele davon wirken auf das Belohnungssystem: Der Botenstoff steigt, und das Gehirn merkt sich „das war gut, noch mal“. Wer solche Stoffe oft nimmt, braucht immer mehr für dieselbe Wirkung, fühlt sich ohne sie schlecht und kann den Konsum irgendwann nicht mehr steuern. Dann ist man abhängig. In Deutschland starben 2023 nach Schätzungen rund 131 000 Menschen an den Folgen des Rauchens. An den Folgen von Alkohol sterben jedes Jahr rund 44 000 Menschen.
Ein Arzneimittel besteht aus einem oder mehreren Wirkstoffen und Hilfsstoffen, die etwa die Tablette formen. Viele Wirkstoffe binden an . Ein aktiviert den Rezeptor wie der körpereigene Botenstoff. Ein besetzt ihn, ohne ihn zu aktivieren, und blockiert so den Botenstoff. Morphin ist ein Agonist am Opioidrezeptor, Naloxon ein Antagonist, der eine Opioidvergiftung aufheben kann. Andere Wirkstoffe hemmen Enzyme, etwa Acetylsalicylsäure die Cyclooxygenase (Station 6).
Den Weg durch den Körper beschreibt die : Aufnahme, Verteilung, Abbau (vor allem in der Leber durch ) und Ausscheidung (meist über die Nieren). Die ist die Zeit, in der die Konzentration im Blut auf die Hälfte sinkt. Bei regelmäßiger Einnahme stellt sich nach vier bis fünf Halbwertszeiten ein ein: Pro Intervall wird so viel abgebaut, wie zugeführt wird.
Die Dosis-Wirkungs-Kurve zeigt, wie die Wirkung mit der Dosis bis zu einem Höchstwert steigt. Je weiter die wirksame von der giftigen Dosis entfernt ist, desto größer ist die . Ein Teil jeder Wirkung kommt von der Erwartung: Ein ohne Wirkstoff kann Beschwerden lindern, die Angst vor Nebenwirkungen kann Beschwerden auslösen (Nocebo).
Psychoaktive Stoffe wirken an Synapsen im Gehirn (Station 22). Alkohol verstärkt die Wirkung des hemmenden Botenstoffs GABA, Nikotin aktiviert Acetylcholinrezeptoren, Koffein blockiert Adenosinrezeptoren, die Müdigkeit vermitteln. Cannabis (Wirkstoff THC, Tetrahydrocannabinol) und Opioide wirken über eigene Rezeptoren, Kokain verhindert die Wiederaufnahme von Dopamin, Amphetamine setzen es zusätzlich frei. Gemeinsam ist den meisten Suchtmitteln: Sie erhöhen Dopamin im Belohnungssystem.
Bei häufigem Konsum passt sich das Gehirn an, etwa mit weniger Rezeptoren. Dieselbe Menge wirkt schwächer (), beim Absetzen treten Gegenreaktionen auf (Entzug). Abhängigkeit heißt, dass man den Konsum nicht mehr steuern kann und er Vorrang vor anderem bekommt. In Deutschland hatten 2024 rund 3,9 Millionen Menschen zwischen 18 und 64 Jahren eine alkoholbezogene Störung, 21,8 % rauchten (Epidemiologischer Suchtsurvey 2024).
Rezeptor und Wirkung. Die Wirkung eines steigt mit der Konzentration A; logarithmisch aufgetragen ergibt sich eine S-Kurve: E = Emax · Aⁿ / (Aⁿ + EC₅₀ⁿ). Die EC₅₀ beschreibt die Potenz, Emax die Wirksamkeit. Ein kompetitiver verschiebt die Kurve parallel nach rechts, ohne Emax zu senken: Mehr Agonist überwindet die Hemmung, das Dosisverhältnis ist r = 1 + [B]/K_B (Schild). Ein nicht kompetitiver Antagonist senkt Emax. Partialagonisten wie Buprenorphin am μ-Opioidrezeptor erreichen auch bei voller Besetzung nicht Emax. Die wird oft als TD₅₀/ED₅₀ angegeben, als Quotient der Dosen, bei denen die Hälfte der Behandelten vergiftet bzw. wirksam behandelt ist. Bei engen Breiten kontrolliert man die Wirkung engmaschig: den Spiegel bei Digoxin und Lithium, die Gerinnung (INR) bei Vitamin-K-Antagonisten.
Pharmakokinetik. Die Halbwertszeit hängt von Verteilungsvolumen (V_d) und Clearance (CL) ab: t½ = ln 2 · V_d / CL. Bei wiederholter Gabe kumuliert der Wirkstoff, bis im gilt: C̄ss = F · D / (CL · τ), mit der Bioverfügbarkeit F, der Dosis D und dem Dosierungsintervall τ. Nach vier Halbwertszeiten sind 94 %, nach fünf 97 % erreicht, unabhängig von der Dosis; eine Ladedosis verkürzt die Anlaufzeit. In der Leber werden viele Wirkstoffe erst oxidiert (Phase I, meist durch ) und dann an Glucuronsäure, Sulfat oder Glutathion gekoppelt (Phase II). Am häufigsten beteiligt ist CYP3A4; Schätzungen seines Anteils reichen von rund 30 % (Zanger und Schwab 2013) bis zur Hälfte der Arzneistoffe, je nach Zählweise. Beim First-Pass-Effekt baut die Leber einen Teil einer geschluckten Dosis schon vor dem großen Kreislauf ab.
Wechselwirkungen und Erwartung. Hemmt ein Stoff ein CYP-Enzym, steigt der Spiegel eines anderen: Grapefruitsaft hemmt CYP3A4 in der Darmwand, das Antibiotikum Clarithromycin in Leber und Darm. Induktoren wie Rifampicin oder Johanniskraut vermehren das Enzym über den Kernrezeptor PXR und senken Spiegel, etwa von hormonellen Verhütungsmitteln. Genvarianten verändern den Abbau: Codein wird über CYP2D6 zu Morphin aktiviert, ultraschnelle Metabolisierer bilden mehr davon. sind messbar: In der Studie SAMSON traten 90 % der Beschwerden, die Teilnehmende unter einem Statin hatten, auch unter Placebo auf (Wood et al. 2020).
Vom Molekül zur Zulassung. Auf die Präklinik folgen Phase I (Verträglichkeit, meist 60–80 Gesunde), Phase II (Dosisfindung, 100–500 Kranke) und Phase III (Wirksamkeitsnachweis, mehrere Tausend). Von der Idee bis zur Zulassung vergehen im Mittel mehr als 13 Jahre; von neun Wirkstoffen, die erstmals an Menschen geprüft werden, wird einer zugelassen (vfa 2025). Auswertungen großer Datenbanken nennen 7,9 % (BIO 2021, Phase I bis Zulassung, 2011–2020) bis 13,8 % (Wong et al. 2019). Zugelassen wird EU-weit von der Europäischen Kommission nach Gutachten der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) oder national vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), für Impfstoffe, Blutprodukte, Antikörper und Gentherapeutika vom Paul-Ehrlich-Institut (§ 77 Arzneimittelgesetz). Danach erfasst die Pharmakovigilanz seltene Nebenwirkungen. müssen bioäquivalent sein, Biosimilars vergleichbar in Struktur, Wirkung und Sicherheit; das erste Biosimilar ließ die EU 2006 zu (Somatropin).
Drogen an der Synapse. Lüscher und Ungless (2006) ordnen Suchtmittel nach ihrem Angriffspunkt: Opioide, Cannabinoide und GHB aktivieren G-Protein-gekoppelte Rezeptoren; Nikotin, Alkohol und Benzodiazepine wirken an ionotropen Rezeptoren; Kokain, Amphetamine und MDMA an Monoamintransportern. Opioide und Cannabinoide dämpfen hemmende GABA-Neurone im ventralen Tegmentum und enthemmen so die Dopamin-Neurone; Kokain blockiert den Dopamintransporter, Amphetamine kehren ihn um. Wiederholter Konsum verändert die Synapsen im Nucleus accumbens dauerhaft (synaptische Plastizität, Station 23); diese Veränderungen überdauern den Entzug und erklären Rückfälle.
Folgen in Zahlen. Rauchen verursachte in Deutschland 2023 rund 131 000 Todesfälle (DKFZ, Tabakatlas 2025), Alkoholkonsum nach Schätzung im Jahrbuch Sucht 2026 rund 44 000 pro Jahr. 2024 wurden 229 853 Krankenhausfälle mit der Hauptdiagnose alkoholbedingter psychischer Störungen behandelt (Destatis). Die Polizei zählte 2025 2 150 drogenbedingte Todesfälle, 1 753 davon nach Mischkonsum (BKA). 9,8 % der 18- bis 64-Jährigen hatten 2024 im letzten Jahr Cannabis konsumiert (Olderbak et al. 2025). Tabak- und Alkoholtote sind Schätzungen über zurechenbare Anteile, Drogentote gezählte Einzelfälle; die Zahlen sind deshalb nur grob vergleichbar. Zur Rechtslage siehe das Modul unten.
Zulassung, Wechselwirkungen, Recht und Zahlen
Wie ein Arzneimittel entsteht, warum zwei Mittel sich gegenseitig verändern, was für Cannabis und andere Stoffe gilt und wie groß die Schäden durch Tabak, Alkohol und Drogen sind.Viele Kandidaten, wenige Zulassungen
Aus 5 000 bis 10 000 untersuchten Substanzen gehen im Mittel neun in die erste Prüfung am Menschen, eine wird zugelassen (vfa). Die Kosten je neu entwickeltem Wirkstoff einschließlich der Fehlschläge schätzt eine Beratungsfirma auf 2,3 Milliarden US-Dollar (Deloitte 2022); eine Auswertung öffentlicher Daten kam einschließlich Fehlschlägen und Kapitalkosten auf einen Median von 1,14 Milliarden US-Dollar (Wouters et al. 2020, korrigiert 2022). Die Spanne zeigt, wie stark solche Schätzungen von Annahmen und Datenquellen abhängen.
Die EU-Zulassung dauert vom Antrag bis zur Entscheidung meist gut ein Jahr; für 2025 ermittelte das Centre for Innovation in Regulatory Science (CIRS) bei der EMA 448 Tage, knapp 15 Monate. Biotechnisch hergestellte Wirkstoffe, etwa Antikörper, müssen zentral über die EMA zugelassen werden (Verordnung (EG) Nr. 726/2004). Neue Arzneimittel unter zusätzlicher Überwachung tragen ein auf der Spitze stehendes schwarzes Dreieck ▼ in der Packungsbeilage.
vfa, So entsteht ein Medikament (06.09.2025); Wong, Siah und Lo 2019, Biostatistics 20:273; BIO, Clinical Development Success Rates 2011–2020 (2021); Wouters et al. 2020, JAMA 323:844, Korrektur JAMA 2022, 328:1111; Deloitte, Measuring the return from pharmaceutical innovation 2022; § 77 AMG.
Gleiche Dosis, anderer Spiegel
Wird ein Wirkstoff fast nur über CYP3A4 abgebaut, verändert ein Hemmstoff seine Clearance stark. Die Halbwertszeit steigt, das Fließgleichgewicht liegt höher und stellt sich später ein. Ein Induktor wirkt umgekehrt; seine Wirkung baut sich über Tage auf, weil erst neues Enzym gebildet werden muss, und klingt nach dem Absetzen ebenso langsam ab.
Das Modell nimmt an, dass ein Hemmstoff die Clearance auf 30 % senkt und ein Induktor sie verdreifacht; reale Werte hängen von Stoff, Dosis und Person ab. Wechselwirkungen stehen in der Fachinformation jedes Arzneimittels.
Zanger und Schwab 2013, Pharmacol Ther 138:103; Rang & Dale's Pharmacology, 10. Aufl.
Geltendes Recht, Entwürfe, Ankündigungen (Stand Oktober 2026)
Geltendes Recht. Das Arzneimittelgesetz (AMG) regelt Herstellung, Zulassung und Abgabe von Arzneimitteln. Das Betäubungsmittelgesetz (BtMG) listet Stoffe in drei Anlagen: nicht verkehrsfähig (etwa LSD), verkehrs-, aber nicht verschreibungsfähig, und verschreibungsfähig (etwa Morphin, Fentanyl, Methadon). Seit dem 1. April 2024 ist Cannabis aus dem BtMG herausgenommen. Das Konsumcannabisgesetz (KCanG) erlaubt Erwachsenen den Besitz begrenzter Mengen und den Eigenanbau, seit 1. Juli 2024 auch nicht gewerbliche Anbauvereinigungen; der Verkauf in Geschäften bleibt verboten. Das Medizinal-Cannabisgesetz (MedCanG) regelt die Verschreibung. Im Straßenverkehr gilt seit 22. August 2024 ein Grenzwert von 3,5 ng THC je ml Blutserum. Seit 12. April 2026 darf Lachgas nicht an Minderjährige abgegeben und nicht über Automaten oder im Versand verkauft werden, große Kartuschen sind ganz verboten; die als K.-o.-Tropfen missbrauchten Stoffe GBL und BDO sind als Reinstoff und in Zubereitungen mit mehr als 20 % für alle verboten, außer für anerkannte gewerbliche, industrielle und wissenschaftliche Zwecke (Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz).
Entwürfe. Ein Gesetzentwurf der Bundesregierung zum MedCanG (Drucksache 21/3061) sieht vor, Cannabisblüten nur nach persönlichem Arztkontakt zu verschreiben und ihren Versand zu verbieten; er ist im Gesundheitsausschuss, aber nicht beschlossen. Ein Entwurf der Grünen (Drucksache 21/2116) will die THC-Grenze für Nutzhanf von 0,3 auf 1 % anheben.
Ankündigungen. Nach dem zweiten Zwischenbericht der Evaluation (1. April 2026) kündigte die Bundesregierung an, beim KCanG „nachzusteuern“; einen Entwurf dazu gibt es bisher nicht.
BMG, FAQ Cannabisgesetz (Stand 04.09.2026) und Pressemitteilung vom 01.04.2026; BT-Drs. 21/1125, 21/3061, 21/2116; hib 830/2026; NpSG-Änderung vom 07.01.2026 (BGBl. 2026 I Nr. 2); BtMG Anlage III. Keine Rechtsberatung.
Die meisten Schäden durch legale Stoffe
Tabak und Alkohol verursachen in Deutschland ein Vielfaches der Todesfälle illegaler Drogen. Die Zahlen stammen aus verschiedenen Verfahren: Für Tabak und Alkohol schätzt man, welcher Anteil der Todesfälle an Krebs, Herz-Kreislauf- und Lebererkrankungen auf den Konsum zurückgeht; drogenbedingte Todesfälle zählt die Polizei einzeln.
Pro Kopf der Bevölkerung ab 15 Jahren wurden 2024 10,5 Liter reiner Alkohol verkauft, 2012 waren es 11,7 Liter. Die volkswirtschaftlichen Kosten schätzt das Jahrbuch Sucht 2020 auf rund 57 Milliarden Euro jährlich für Alkohol und 97 Milliarden Euro für Tabak.
DKFZ, Tabakatlas Deutschland 2025; DHS, Jahrbuch Sucht 2026 (Manthey und Kilian; Orth et al.) und 2020 (Effertz); Olderbak et al. 2025, Dtsch Arztebl Int 122:625 (ESA 2024); BKA, Bundeslagebild Rauschgift 2025; Destatis, Krankenhausdiagnosen 2024.
Warum Jugendliche besonders gefährdet sind
Das Gehirn baut sich bis etwa Mitte zwanzig um. Besonders die Bereiche, die planen und bremsen, reifen spät. Wer früh Alkohol trinkt, raucht oder kifft, stört diesen Umbau und wird leichter abhängig. Deshalb gelten für Jugendliche strengere Regeln, etwa beim Kauf von Alkohol und Tabak.
Der Stirnlappen, der Handlungen plant und Impulse bremst, reift bis ins dritte Lebensjahrzehnt, das Belohnungssystem reagiert schon früher stark. Frühe und häufige Einnahme psychoaktiver Stoffe erhöht das Risiko späterer Abhängigkeit. Bei Cannabis geht täglicher Konsum von Sorten mit hohem THC-Gehalt mit einem deutlich höheren Risiko für Psychosen einher (Di Forti et al. 2019). Das Konsumcannabisgesetz verbietet Minderjährigen Besitz und Erwerb.
Die ausführliche Vertiefung mit Grafiken gibt es ab dem Niveau Oberstufe.
Station 39 von 43
Warum gibt es Krebs?
Wenn der Körper so gut repariert und abwehrt, warum entsteht dann überhaupt Krebs?
Das lernst du hier
- erklären, warum sich Zellen nur kontrolliert teilen dürfen
- Ursachen für Fehler im Erbgut nennen
- verstehen, warum Krebs vor allem im Alter auftritt
- Mutationsquellen und Reparaturwege zuordnen
- das Mehrstufenmodell der Krebsentstehung erklären
- Abwägungen zwischen Reparatur, Erneuerung und Abwehr beschreiben
- typische Behandlungswege bei Autoimmunerkrankungen und Krebs nennen
- Krebs als somatische Evolution und Folge evolutionärer Kompromisse begründen
- Petos Paradox und Schutzmechanismen großer Tiere erklären
- die Debatte um Zufall, Umwelt und Vererbung mit Zahlen bewerten
- Behandlungsstufen bei Autoimmunerkrankungen und die Säulen der Krebstherapie mit ihren Wirkorten beschreiben
Denkmodell: Die Balken zeigen Richtungen, keine Messwerte. Belege stehen jeweils im Text.
Dein Körper besteht aus rund 30 Billionen Zellen, die sich an Regeln halten: Sie teilen sich nur, wenn Nachschub gebraucht wird, und sterben, wenn sie alt oder beschädigt sind. Krebs entsteht, wenn eine Zelle diese Regeln bricht und sich ungebremst vermehrt.
Ursache sind Fehler im Erbgut, Mutationen. Sie entstehen zufällig bei der Zellteilung, durch UV-Licht, Tabakrauch oder manche Viren. Fast alle Fehler werden repariert, oder die beschädigte Zelle stirbt. Erst wenn mehrere Fehler in wichtigen Genen zusammenkommen, wird eine Zelle zur Krebszelle. Das dauert meist Jahrzehnte, deshalb tritt Krebs vor allem im Alter auf.
Warum ist der Körper nicht perfekt geschützt? Weil jeder Schutz etwas kostet. Würden sich Zellen gar nicht mehr teilen, könnten Wunden nicht heilen. Würde jede leicht beschädigte Zelle sofort sterben, würden wir schneller altern. Und eine sehr scharfe Abwehr greift leicht den eigenen Körper an. Der Körper lebt mit einem Kompromiss.
Mehr als ein Drittel der Krebsfälle in Deutschland geht auf Ursachen zurück, die man beeinflussen kann, allen voran das Rauchen. Gegen manche Viren, die Krebs auslösen, gibt es Impfungen.
Krebs ist eine Gruppe von Krankheiten mit gemeinsamem Kern: Eine Zelle teilt sich unkontrolliert, dringt in umliegendes Gewebe ein und kann Tochtergeschwülste () bilden. Dafür braucht sie mehrere Veränderungen: Gaspedal-Gene () werden dauerhaft aktiv, Brems-Gene ( wie p53 oder RB) fallen aus (Station 13).
Mutationen entstehen ständig. Jede Zelle erleidet täglich Tausende DNA-Schäden, fast alle werden repariert. Trotzdem sammeln Stammzellen im Darm etwa 40 neue Mutationen pro Jahr an (Blokzijl et al. 2016). Weil mehrere Treffer nötig sind, steigt das Risiko mit dem Alter steil an: Das mittlere Erkrankungsalter liegt in Deutschland bei 69 Jahren (Frauen) und 71 Jahren (Männer).
Der Körper wägt ab. Er braucht Zellteilung für Wachstum und Wundheilung, Reparatur kostet Energie, eine starke Abwehr kann Entzündungen und Autoimmunerkrankungen auslösen. Die Evolution belohnt, was Überleben und Fortpflanzung sichert; Schäden, die sich erst im Alter zeigen, werden kaum ausgelesen.
Mehr als ein Drittel der Krebsfälle in Deutschland gilt als vermeidbar, Rauchen allein verursacht etwa 19 % (DKFZ 2018). Impfungen gegen humane Papillomviren (HPV) und Hepatitis B verhindern Krebs, den Viren auslösen.
Krebs als Kehrseite der Vielzelligkeit. Ein Körper funktioniert nur, wenn Zellen ihre Teilung zügeln, rechtzeitig sterben, Aufgaben teilen, Ressourcen gerecht nutzen und ihr Umfeld pflegen; Krebszellen brechen genau diese Regeln (Aktipis et al. 2015). Weil Zellen sich teilen und dabei Fehler machen, entsteht Variation, und in einem Gewebe mit Milliarden Zellen wirkt Selektion: Krebs ist somatische Evolution.
Mutationsquellen. Replikationsfehler, spontane Basenschäden durch Desaminierung, Depurinierung und Oxidation (zusammen bis zu 10⁵ Läsionen pro Zelle und Tag; Lindahl 1993; Hoeijmakers 2009), Mutagene von außen wie UV-Licht und Tabakrauch sowie Erreger wie HPV, Helicobacter pylori oder pks⁺-E. coli (Station 28). Das Mehrstufenmodell von Armitage und Doll (1954) erklärt, warum die Inzidenz vieler Karzinome ungefähr mit der sechsten Potenz des Alters steigt: sechs bis sieben geschwindigkeitsbestimmende Schritte. Knudson (1971) zeigte am Retinoblastom, dass bei ererbtem ersten Treffer ein zweiter genügt.
Kompromisse. Dauerhaft aktives p53 verhindert bei Mäusen Tumoren, lässt sie aber früh altern (Tyner et al. 2002); zusätzliche, normal regulierte p53-Kopien schützen ohne diesen Preis (García-Cao et al. 2002), entscheidend ist also die Regulation. Fehlende Telomerase begrenzt die Zahl der Teilungen und bremst Krebs, schwächt aber die Erneuerung. Wachstumssignale erhöhen das Risiko: Menschen mit Laron-Syndrom, deren Zellen nicht auf Wachstumshormon ansprechen, erkranken kaum an Krebs (Guevara-Aguirre et al. 2011). Die Abwehr mutiert selbst: Das Enzym AID, das Antikörper verbessert, trifft in mehr als der Hälfte der diffusen großzelligen B-Zell-Lymphome auch Onkogene (Pasqualucci et al. 2001), die RAG-Rekombinase verursacht Deletionen bei kindlicher Leukämie (Papaemmanuil et al. 2014). Chronische Entzündung fördert Krebs, Tumoren gleichen „Wunden, die nicht heilen“ (Dvorak 1986). Die Theorie des Wegwerfkörpers (Kirkwood 1977) erklärt, warum ein Organismus in Reparatur nur so viel investiert, wie sich für Überleben und Fortpflanzung lohnt.
Zufall, Umwelt, Vererbung. Tomasetti, Li und Vogelstein (2017) schätzten, dass 66 % der Treibermutationen aus Replikationsfehlern stammen, 29 % aus Umwelteinflüssen und 5 % aus Vererbung. Das heißt nicht, dass zwei Drittel der Krebsfälle unvermeidbar sind: Ein Tumor braucht mehrere Treffer, und schon ein vermeidbarer Treffer macht den Fall vermeidbar. Wu et al. (2016) schätzten den Anteil äußerer Faktoren am Risiko auf 70 bis 90 %, das DKFZ kommt für Deutschland auf mindestens 37 % beeinflussbare Fälle (Behrens et al. 2018). Mutierte Klone sind zudem in gesundem Gewebe häufig: In der Speiseröhre ist bis zum mittleren Alter mehr als die Hälfte des Epithels von Klonen mit Treibermutationen besetzt (Martincorena et al. 2018), klonale Blutbildung findet sich bei 9,5 % der 70- bis 79-Jährigen (Jaiswal et al. 2014). Eine Treibermutation allein macht noch keinen Krebs.
Somatische Evolution
Im Körper laufen Mutation und Selektion wie in einer Population: Klone wachsen in gesundem Gewebe, die eigene Abwehr erzeugt Mutationen, und jede Therapie ist ein Selektionsdruck.Ein Flickenteppich aus Klonen
Stammzellen teilen sich ein Leben lang und sammeln dabei Mutationen. Trifft eine Mutation ein Gen, das die Teilung leicht begünstigt, verdrängt der Klon seine Nachbarn. In der Lidhaut von Menschen zwischen 55 und 73 Jahren trugen etwa 20 % der Zellen NOTCH1-Mutationen (Martincorena et al. 2015), in der Speiseröhre ist bis zum mittleren Alter mehr als die Hälfte des Epithels von mutierten Klonen besetzt (Martincorena et al. 2018). Im Blut zeigt sich dasselbe als klonale Hämatopoese mit Mutationen in DNMT3A, TET2 oder ASXL1: unter 40 Jahren bei etwa 0,1 %, ab 90 Jahren bei 18,4 % (Jaiswal et al. 2014).
Die meisten dieser Klone werden nie zu Krebs. In der Speiseröhre sind NOTCH1-Mutationen in normalem Gewebe sogar häufiger als in Tumoren. Versuche an Mäusen deuten darauf hin, dass mutierte Klone im normalen Epithel beginnende Tumoren verdrängen können (Colom et al. 2021). Für die Früherkennung heißt das: Eine nachgewiesene Treibermutation ist kein Krebsbefund.
Martincorena et al. 2015, Science 348:880; 2018, Science 362:911; Jaiswal et al. 2014, NEJM 371:2488; Colom et al. 2021, Nature. Simulation qualitativ.
Waffen mit Nebenwirkung
B-Zellen verändern ihre eigene DNA absichtlich: RAG schneidet und verknüpft Gensegmente (V(D)J-Rekombination), AID desaminiert Cytosin zu Uracil, damit Antikörper besser binden und die Klasse wechseln (Station 30). Beide Enzyme treffen gelegentlich falsche Stellen. Das erklärt, warum Lymphome und Leukämien oft Translokationen an Immunglobulin-Genen tragen.
Fresszellen töten Erreger mit reaktiven Sauerstoff- und Stickstoffverbindungen, die auch die DNA benachbarter Zellen schädigen. Bei chronischer Entzündung (Colitis ulcerosa, Hepatitis, Helicobacter-Gastritis) steigt deshalb das Krebsrisiko. Umgekehrt schützt Immuntoleranz den Körper vor Autoimmunität, und Tumoren nutzen genau diese Bremsen (Station 40).
Pasqualucci et al. 2001, Nature 412:341; Papaemmanuil et al. 2014, Nat Genet 46:116; Dvorak 1986, NEJM 315:1650.
Therapie als Selektion
Ein Tumor mit Milliarden Zellen enthält fast immer einige, die gegen ein Medikament unempfindlich sind. Die volle Dosis tötet die empfindlichen Zellen und räumt damit den resistenten den Platz frei: Resistenz entsteht durch Selektion, wie bei Antibiotika (Station 16). Resistenz hat oft einen Preis, etwa langsameres Wachstum. Die adaptive Therapie nutzt das: Sie pausiert, sobald der Tumor deutlich geschrumpft ist, damit empfindliche Zellen die resistenten in Schach halten.
Eine erste kleine Studie bei metastasiertem Prostatakrebs berichtete längere Zeit bis zum Fortschreiten bei weniger Medikament (Zhang et al. 2017); Auswertung und Vergleichsgruppe wurden kritisiert (Mistry et al. 2021). Größere kontrollierte Studien laufen.
Zhang et al. 2017, Nat Commun 8:1816; Mistry et al. 2021, Nat Commun. Modell nach dem Prinzip der Lotka-Volterra-Konkurrenz, Werte frei gewählt.
Toleranz und Angriff: Krebs und Autoimmunerkrankungen
Dieselben Bremsen der Abwehr, die vor Autoimmunerkrankungen schützen, schützen auch Tumoren. Deshalb wandern Wirkstoffe zwischen Krebsmedizin, Rheumatologie und Neurologie, teils mit umgekehrter Wirkrichtung.Zu wenig oder zu viel Toleranz
Selbstreaktive T-Zellen werden schon im Thymus aussortiert (zentrale Toleranz). Einige entkommen; sie halten im Körper mehrere Mechanismen in Schach, die zusammen die bilden. Ein zentraler Teil davon sind die (Treg).
Der japanische Immunologe Shimon Sakaguchi (heute Universität Osaka) zeigte 1995, was ohne sie geschieht. Er entfernte aus den T-Helferzellen einer Maus (-positive Zellen) diejenigen, die zusätzlich CD25 tragen, etwa jede zehnte. Den Rest übertrug er auf Nacktmäuse, die keinen Thymus und daher keine eigenen T-Zellen haben. Diese Tiere erkrankten an Entzündungen von Schilddrüse, Magen, Bauchspeicheldrüse, Speicheldrüsen, Nebennieren, Eierstöcken, Nieren und Gelenken. Gab er die CD25-Zellen mit, blieb das aus, und zwar umso zuverlässiger, je mehr er mitgab.
Vier Jahre später prüfte dieselbe Gruppe die andere Seite. Nach derselben Entfernung stießen Mäuse einen übertragenen Tumor ab und überlebten länger. Dieselben Tiere entwickelten eine Entzündung von Magen, Schilddrüse und Eierstöcken. Die Arbeit nennt das im Titel eine gemeinsame Grundlage von Tumorabwehr und Autoimmunität.
Den molekularen Schalter fanden Mary Brunkow und Fred Ramsdell, damals in einem Biotechnologieunternehmen bei Seattle, 2001 in der Scurfy-Maus. Bei diesem Mausstamm sterben die erkrankten Tiere drei bis vier Wochen nach der Geburt an einer Autoimmunerkrankung vieler Organe; Ursache ist eine Mutation im Gen . Beim Menschen verursachen Mutationen in diesem Gen das . 2003 zeigten Sakaguchis Gruppe und andere Labore, dass FOXP3 die Entwicklung der Treg steuert. Für diese Entdeckungen zur peripheren Immuntoleranz erhielten Brunkow, Ramsdell und Sakaguchi 2025 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin.
Auch die Bremse selbst kann erblich geschwächt sein. Bei der CTLA-4- ist eine der beiden Kopien des Gens für defekt. Die Treg sind dann zahlreich, tragen aber zu wenig CTLA-4 und können die Kostimulatoren CD80 und CD86 (das zweite Signal zur T-Zell-Aktivierung, Station 30, Immunsystem) nicht mehr von anderen Zellen abziehen. Die Folge sind Autoimmunerkrankungen und zugleich ein Antikörpermangel mit gehäuften Infekten. Die ist unvollständig: Unter 19 genetisch bestätigten Trägern in sechs Familien galten acht Erwachsene als gesund. Es ist dieselbe Bremse, die das Krebsmedikament Ipilimumab absichtlich löst.
Kurzbelege nennen Erstautor und Jahr; die vollständigen Angaben stehen im Quellenverzeichnis am Seitenende. Sakaguchi et al. 1995, J Immunol 155:1151; Shimizu, Yamazaki und Sakaguchi 1999, J Immunol 163:5211; Brunkow et al. 2001, Nat Genet; Kuehn et al. 2014, Science; Schubert et al. 2014, Nat Med 20:1410; Nobelpreis 2025 (nobelprize.org). Die Kurven sind ein Schema ohne Messdaten.
Dieselben Ziele, zwei Richtungen
Wer einen Tumor angreifen will, löst Bremsen und stärkt die Abwehrzellen, die töten können. Wer eine Autoimmunerkrankung behandelt, zieht Bremsen an oder entfernt die angreifenden Zellen. Beide Fächer drehen an denselben Stellschrauben. Deshalb wandern Wirkstoffe zwischen ihnen, oft in anderer Dosis.
Historisch führte der Weg häufig von der Krebsmedizin in die Behandlung von Entzündungen. Der Bostoner Kinderpathologe Sidney Farber erzielte 1948 mit Aminopterin, einem Gegenspieler der Folsäure, erste kurze Remissionen bei kindlicher Leukämie. 1951 gaben Gubner und Kollegen es sieben Patienten mit (RA); sechs besserten sich, nach dem Absetzen kehrten die Beschwerden zurück. Der Abkömmling wurde für die RA 1988 in den USA zugelassen, nachdem Weinblatt et al. 1985 wöchentlich 7,5 bis 15 mg in einer Cross-over-Studie mit 35 Patienten geprüft hatten (jeder Patient erhielt nacheinander Wirkstoff und Placebo). In dieser niedrigen Dosis wirkt Methotrexat vermutlich vor allem über die Freisetzung von Adenosin entzündungshemmend, weniger über die Hemmung der Zellteilung (Cronstein et al. 1993).
Ähnlich bei Cladribin, einem Purin-Analogon, das sich in Lymphozyten anreichert und sie abtötet. Es wurde gegen die Haarzell-Leukämie entwickelt, eine seltene Form von Blutkrebs; als Tablette ist es seit 22. August 2017 in der EU bei hochaktiver (MS) zugelassen. Alemtuzumab, ein Antikörper gegen das Oberflächenmolekül CD52 auf Lymphozyten, kam 2001 in den USA zur Behandlung der chronischen lymphatischen Leukämie und 2013 in der EU bei MS.
Dass es um denselben Hebel geht, zeigen die Nebenwirkungen. Nach Alemtuzumab entwickelte gut ein Drittel der MS-Patienten in den Studien eine weitere Autoimmunerkrankung, am häufigsten der Schilddrüse und meist im dritten Jahr nach der Behandlung (Coles et al. 2021). Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) schränkte die Anwendung 2019/2020 ein und verlangt die Gabe in einer Klinik mit Intensivstation. Umgekehrt lösen Checkpoint-Hemmer Entzündungen aus, die Autoimmunerkrankungen gleichen, etwa Arthritis, Schilddrüsenentzündung oder einen Diabetes vom Typ 1.
Nature Reviews Drug Discovery 2006;5:185 (Abatacept); Tuttle et al. 2023, NEJM (Peresolimab); Mackensen et al. 2022, Nat Med; Müller et al. 2024, NEJM 390:687; Humrich et al. 2022, Ann Rheum Dis 81:1685; Ytterberg et al. 2022, NEJM 386:316; Carswell et al. 1975, PNAS; Coury und Weinblatt 2010, Clin Exp Rheumatol (Geschichte des Methotrexats); Cronstein et al. 1993, J Clin Invest; Coles et al. 2021, Mult Scler; EMA-Produktinformationen Beromun, Mavenclad, Lemtrada; FDA-Zulassungsdaten. Jahreszahlen ohne Ortsangabe beziehen sich auf die USA.
Vier Brücken zwischen den Krankheitsbildern
Die Verbindung läuft in beide Richtungen. Ein Tumor kann eine Autoimmunreaktion auslösen, weil er Eiweiße bildet, die sonst nur in Nerven, Muskeln oder Keimzellen vorkommen. Die Abwehr greift dann den Tumor und das gesunde Gewebe an; das sind die . Umgekehrt erhöht eine lang anhaltende Entzündung das Krebsrisiko, bei Autoimmunerkrankungen am deutlichsten für Lymphome, also Krebs der Lymphozyten. Mit den Checkpoint-Hemmern ist die Krebstherapie selbst zu einer häufigen Ursache von Autoimmunreaktionen geworden, den .
Klinisch schwierig ist die vierte Brücke: Menschen, die bereits eine Autoimmunerkrankung haben und an Krebs erkranken. Wer eine aktive Autoimmunerkrankung hatte, war von den Zulassungsstudien der Checkpoint-Hemmer meist ausgeschlossen; Daten gibt es aus Fallserien und Registern. Danach treten Schübe häufig auf, die Krebstherapie wird öfter abgebrochen, und wer bei Therapiebeginn Medikamente zur Unterdrückung der Abwehr nimmt, hatte in der größten Serie ein kürzeres progressionsfreies Überleben, also eine kürzere Zeit bis zum Fortschreiten des Tumors. Ob das an der Therapie oder an der schwereren Erkrankung liegt, lässt sich mit solchen Daten nicht trennen.
Graus et al. 1997, J Clin Oncol 15:2866; Titulaer et al. 2013, Lancet Neurol 12:157; Mao et al. 2012, J Clin Neurol 8:161; Hill et al. 2001, Lancet 357:96; Zintzaras et al. 2005, Arch Intern Med 165:2337; Baecklund et al. 2006, Arthritis Rheum 54:692; Kostine et al. 2021, Ann Rheum Dis 80:36; Braaten et al. 2020, Ann Rheum Dis 79:332; Wang et al. 2018, JAMA Oncol 4:1721; Abdel-Wahab et al. 2018, Ann Intern Med; Tison et al. 2019, Arthritis Rheumatol.
Nebenwirkung und gutes Zeichen zugleich
Die Krebsimmunologin Laurence Zitvogel (Institut Gustave Roussy bei Paris) und der Zellbiologe Guido Kroemer (Gustave Roussy und Centre de Recherche des Cordeliers, Paris), die gemeinsam auch den Einfluss der Darmbakterien auf Krebsimmuntherapien untersucht haben, fassten diese Beobachtungen 2021 mit Claude Perreault und Olivera Finn unter dem Begriff nützliche Autoimmunität zusammen. Ihr Argument: Viele Tumorantigene sind keine aus Mutationen, sondern normale körpereigene Eiweiße, die auch gesundes Gewebe trägt, beim Melanom etwa die Enzyme der Pigmentbildung. Eine wirksame Abwehr gegen den Tumor trifft dann auch dieses Gewebe. Nach Ansicht der Autoren passt dazu, dass Tumoren aus Zelltypen, auf die der Körper verzichten kann, häufig gut verlaufen: Der Verlust von Melanozyten hinterlässt weiße Hautflecken, der Verlust von Schilddrüsenzellen lässt sich mit Hormontabletten ausgleichen; Herzmuskel- oder Lungenzellen sind nicht ersetzbar.
Die Zahlen stützen das, beweisen es aber nicht. Zwei Verzerrungen sind zu bedenken. Erstens braucht eine Nebenwirkung Zeit, um aufzutreten; wer früh stirbt, kann keine mehr entwickeln, und die Gruppe ohne Nebenwirkung sieht dadurch schlechter aus. Eine gleicht das aus; in der Metaanalyse von Zhou et al. blieb der Vorteil in den sechs Studien mit dieser Methode bestehen. Zweitens unterscheiden sich die Organe stark: Für Haut- und Hormondrüsen-Nebenwirkungen ist der Zusammenhang deutlich, für Leber und Lunge zeigte sich keiner. Ob eine kräftige Behandlung der Nebenwirkung mit Glucocorticoiden (Cortison-Abkömmlingen) die Wirkung gegen den Tumor schwächt, ist offen und wird diskutiert.
Zitvogel, Perreault, Finn und Kroemer 2021, Nat Rev Clin Oncol 18:591; Teulings et al. 2015, J Clin Oncol 33:773; Zhou et al. 2020, BMC Med 18:87; Wang et al. 2018, JAMA Oncol 4:1721.
Behandlungswege: Autoimmunerkrankungen und Krebs
Welche Medikamente in welcher Reihenfolge eingesetzt werden, wo sie im Immunsystem angreifen und was Heilung jeweils heißen kann. Die dazugehörigen Laborwerte stehen in Station 42.Behandeln nach Ziel
Die meisten Autoimmunerkrankungen lassen sich bisher nicht heilen, aber oft in bringen. Leitlinien beschreiben dafür Stufen: Man beginnt mit gut erprobten Mitteln und nimmt gezieltere hinzu, wenn das vereinbarte Ziel nicht erreicht wird. Bei der rheumatoiden Arthritis heißt das : Kontrolle alle ein bis drei Monate, Anpassung, wenn sich nach drei Monaten nichts bessert oder nach sechs Monaten das Ziel verfehlt ist ( 2025).
wirken schnell und bei fast allen Autoimmunerkrankungen, schaden aber auf Dauer Knochen, Stoffwechsel und Abwehr. Die hier genannten Leitlinien verlangen deshalb, sie so kurz und so niedrig dosiert wie möglich einzusetzen. Dafür gibt es , und kleine Moleküle wie JAK-Hemmer.
Wo der Auslöser bekannt ist, lässt er sich meiden: Bei der Zöliakie beendet glutenfreie Ernährung die Immunreaktion. Wo ein Organ ausgefallen ist, ersetzt man, was es nicht mehr bildet: Insulin beim Typ-1-Diabetes, Schilddrüsenhormon bei der Hashimoto-Thyreoiditis. Das behandelt die Folge, nicht die Autoimmunreaktion.
Eingriffe in die Fehlsteuerung selbst. Bei 15 Patientinnen und Patienten mit Lupus, Myositis oder systemischer Sklerose entfernten CD19-CAR-T-Zellen die B-Zellen; alle konnten ihre Immunsuppressiva absetzen, alle 8 mit Lupus erreichten eine Remission, beobachtet im Median 15 Monate (Müller et al. 2024). Teplizumab, ein Antikörper gegen CD3 auf T-Zellen, verzögerte bei Verwandten von Menschen mit Typ-1-Diabetes im Stadium 2 den Ausbruch im Median um rund zwei Jahre (Herold et al. 2019) und ist in der EU zugelassen. CAR-T-Zellen werden bei Autoimmunerkrankungen in Studien geprüft.
EULAR RA 2025 (Smolen et al., Ann Rheum Dis 2026); EULAR SLE 2023 (Fanouriakis et al., Ann Rheum Dis 2024); DGN-Leitlinie Multiple Sklerose (Fassung 2023; Aktualisierung 2026); ECCO Colitis ulcerosa 2022 (Raine et al.); DGVS-Leitlinie Colitis ulcerosa, Teilaktualisierung 2024; ECCO Morbus Crohn 2024 (Gordon et al.); DGN Myasthene Syndrome 2024; EULAR ANCA-Vaskulitis 2022; ETA 2018 (Kahaly et al.); ESPGHAN 2020; Herold et al. 2019; Müller et al. 2024. Leitlinien fassen den Stand zusammen; entschieden wird im Einzelfall gemeinsam mit den Betroffenen.
Vom Lymphknoten bis ins Gewebe
Eine Autoimmunreaktion läuft in Schritten ab (Station 30, Immunsystem): Eine dendritische Zelle zeigt einer T-Zelle ein körpereigenes Antigen und gibt das zweite Signal; die T-Zelle teilt sich, bildet Zytokine und hilft B-Zellen, die zu Plasmazellen werden und Autoantikörper bilden. Abwehrzellen wandern ins Gewebe, Antikörper aktivieren das Komplementsystem. Jeder Schritt ist ein Angriffspunkt.
Ältere Mittel wirken breit: Glucocorticoide auf die Ablesung vieler Gene, Methotrexat, Azathioprin und Mycophenolat auf sich teilende Zellen. Neuere Mittel treffen ein einzelnes Molekül: ein Zytokin, einen Rezeptor, ein Oberflächenmerkmal. Auch sie haben typische Nebenwirkungen: Wer B-Zellen entfernt, schwächt die Abwehr gegen manche Viren; wer C5 hemmt, die gegen Meningokokken; wer Lymphozyten vom Gehirn fernhält, ermöglicht dort eine Virusinfektion (PML).
Dieselben Moleküle in der Krebsmedizin. CD20-Antikörper behandeln B-Zell-Lymphome und Autoimmunerkrankungen; Methotrexat ist in hoher Dosis ein Zytostatikum, in niedriger ein Rheumamittel; JAK-Hemmer wie Ruxolitinib werden bei Erkrankungen des Knochenmarks eingesetzt. Abatacept und Ipilimumab wirken am selben Molekül in entgegengesetzter Richtung (Modul „Toleranz und Angriff“ oben).
Murphy, Weaver und Berg: Janeway's Immunobiology; EU-Fachinformationen (EPAR) Tysabri, Soliris und MabThera; EMA, Bewertung methotrexathaltiger Arzneimittel 2019; Cronstein et al. 1993; DGN 2024; EULAR 2022, 2023 und 2025; ECCO 2022 und 2024.
Heilen, verlängern, lindern
Ob Krebs heilbar ist, hängt vor allem von der Krebsart ab und davon, ob er sich schon ausgebreitet hat. Örtlich begrenzte solide Tumoren werden meist operiert oder bestrahlt. Medikamente erreichen Zellen im ganzen Körper; sie werden vor der Operation (neoadjuvant), danach (adjuvant) oder allein gegeben, wenn der Tumor gestreut hat. Welche Kombination passt, legt eine fest.
Das zeigt die Spannweite. In Deutschland liegt es für alle Krebsarten zusammen bei 65 % (Frauen) und 61 % (Männer), beim Hodenkrebs bei 97 %, beim Bauchspeicheldrüsenkrebs bei 11 % (Zeitraum 2021–2023). Beim Darmkrebs entscheidet das Stadium: im I 96 % und 91 %, im Stadium IV 17 % und 18 %. Fünf Jahre Überleben sind nicht dasselbe wie Heilung; bei manchen Tumoren, etwa Brustkrebs, kommen Rückfälle auch später vor.
Zielgerichtete Medikamente und Immuntherapien haben Verläufe verändert, die früher rasch tödlich waren. Bei der chronischen myeloischen Leukämie lebten unter Imatinib nach zehn Jahren 83,3 % (Hochhaus et al. 2017). Sie setzen den passenden Biomarker voraus (Station 42, Begleitdiagnostik), und unter der Therapie können sich resistente Zellklone durchsetzen.
Robert Koch-Institut, Zentrum für Krebsregisterdaten, und Deutsches Krebsregister e.V.: Krebs in Deutschland für 2021–2023, 15. Ausgabe, Berlin 2025 (Tabellen 3.1.1 bis 3.28.1.1, Abbildung 3.6.6); Hochhaus et al. 2017, N Engl J Med 376:917; Station 40 (Immunonkologie).
Was die Endung verrät
Jeder Wirkstoff hat einen internationalen Freinamen (), den die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vergibt. Der Wortstamm, meist die Endung, zeigt die Wirkstoffgruppe: -mab für monoklonale Antikörper, -tinib für Tyrosinkinase-Hemmer, -parib für PARP-Hemmer, -cept für Rezeptormoleküle, meist als Fusionsprotein mit einem Antikörperteil, -imod für Immunmodulatoren, -cel für Zelltherapien. Der Anfang ist frei gewählt; er soll gut klingen und sich von anderen Namen unterscheiden.
Antikörpernamen enthielten lange zusätzlich Ziel und Herkunft. In Ri-tu-xi-mab steht „tu“ für Tumor und „xi“ für chimär, also aus Maus- und Menschenteilen gebaut; in Ada-lim-u-mab steht „lim“ für das Immunsystem und „u“ für vollständig menschlich, in Toci-li-zu-mab „zu“ für humanisiert. Die Silbe für die Herkunft hat die WHO 2017 gestrichen.
Neues Schema seit 2021. Weil fast alle neuen Antikörper auf -mab endeten, ersetzte die WHO ab der Vorschlagsliste 127 diese Endung durch vier Stämme: -tug für unveränderte Immunglobuline, -bart für Antikörper mit gezielt verändertem konstantem Teil, -ment für Fragmente und -mig für bi- und multispezifische Antikörper. Davor steht eine Silbe für die Zielklasse, etwa -ki- für Zytokine, -ta- für Tumoren, -sto- für immunstimulierend und -pru- für immunsuppressiv. Bereits vergebene Namen bleiben.
WHO: Use of stems in the selection of International Nonproprietary Names (INN) for pharmaceutical substances, Genf 2024, Anhang 3.
Station 40 von 43 · Spezialthema
Immunonkologie
Warum übersieht das Immunsystem Krebszellen, und wie bringt man es dazu, sie doch anzugreifen?
Das lernst du hier
- erklären, warum der Körper Krebszellen oft nicht bekämpft
- beschreiben, wie Medikamente die Bremsen der Abwehr lösen
- ein Beispiel für umgebaute Abwehrzellen nennen
- den Kreislauf der Krebsabwehr in Schritten beschreiben
- die Wirkung von Checkpoint-Hemmern erklären
- das Prinzip der CAR-T-Zellen erklären
- Nutzen und Nebenwirkungen abwägen
- den Krebs-Immunitäts-Zyklus und das Immunediting mit seinen drei Phasen erklären
- Angriffspunkte der Immuntherapien zuordnen: Checkpoints, Zelltherapien, bispezifische Antikörper, Impfstoffe, Viren, Zytokine
- Studiendaten lesen und einordnen (Ansprechrate, Überlebenskurven, Nebenwirkungen)
- Gründe für Resistenz und die Grenzen der Verfahren benennen
Zulassungsangaben nach FDA und EMA, recherchiert im Oktober 2026. „beschleunigt“ oder „bedingt“ heißt: Zulassung unter Auflagen, Bestätigungsstudien laufen noch.
Krebs entsteht aus eigenen Zellen, die sich nicht mehr an die Regeln halten und sich ungebremst teilen (Station 13). Das Immunsystem erkennt solche Zellen oft und räumt sie weg. Manche Krebszellen entkommen aber: Sie tarnen sich oder sie drücken der Abwehr eine Bremse.
Genau hier setzen neue Medikamente an. Checkpoint-Hemmer lösen die Bremse, sodass die Abwehrzellen den Tumor wieder angreifen. Für diese Entdeckung gab es 2018 den Nobelpreis für Medizin.
Ein anderer Weg sind umgebaute Abwehrzellen. Dabei entnimmt man dem Patienten weiße Blutkörperchen, baut sie im Labor so um, dass sie die Krebszellen erkennen, und gibt sie zurück. Diese CAR-T-Zellen helfen vor allem bei bestimmten Blutkrebsarten.
Beides wirkt nicht bei allen Menschen, und es kann starke Nebenwirkungen geben: Eine entfesselte Abwehr greift auch gesundes Gewebe an. Deshalb werden diese Behandlungen sorgfältig abgewogen und überwacht.
Das Immunsystem kann Krebszellen erkennen, weil sie durch Mutationen veränderte Eiweiße bilden. Bruchstücke davon werden auf der Zelloberfläche präsentiert (Station 30); passende T-Zellen erkennen sie als fremd und töten die Zelle.
Damit diese Abwehr nicht außer Kontrolle gerät, hat sie eingebaute Bremsen, die Checkpoints. Viele Tumoren nutzen das aus: Sie tragen auf ihrer Oberfläche das Molekül PD-L1, das an den Rezeptor PD-1 der T-Zelle bindet und sie abschaltet. Antikörper, die diese Bindung blockieren, heben die Bremse auf. Ein zweiter Checkpoint, CTLA-4, bremst schon früher, bei der Aktivierung der T-Zelle im Lymphknoten.
Bei CAR-T-Zellen werden T-Zellen des Patienten im Labor mit einem künstlichen Rezeptor ausgestattet. Er erkennt ein Oberflächenmerkmal der Krebszellen, zum Beispiel CD19 auf B-Zellen, und aktiviert die T-Zelle direkt. Sieben solcher Produkte sind in den USA und der EU zugelassen, alle bei Blut- und Lymphdrüsenkrebs.
Typische Nebenwirkungen entstehen, weil die Abwehr sehr stark anspringt: Fieber und Kreislaufprobleme durch ausgeschüttete Botenstoffe, bei Checkpoint-Hemmern Entzündungen in Darm, Haut, Leber oder Schilddrüse.
Die Abwehr von Tumoren lässt sich als Kreislauf beschreiben: Antigene werden frei, von dendritischen Zellen aufgenommen und präsentiert, T-Zellen werden aktiviert, wandern zum Tumor, dringen ein, erkennen die Krebszellen und töten sie, wodurch neue Antigene frei werden (Krebs-Immunitäts-Zyklus nach Chen und Mellman 2013). An jedem Schritt kann der Kreislauf stocken.
Das Verhältnis von Tumor und Immunsystem beschreibt das Immunediting mit drei Phasen: In der Eliminationsphase werden entartete Zellen beseitigt, in der Gleichgewichtsphase in Schach gehalten, und in der Escape-Phase setzen sich Varianten durch, die der Abwehr entgehen. Dazu gehören der Verlust der Antigenpräsentation, hemmende Botenstoffe und regulatorische Zellen im Tumorumfeld.
Checkpoint-Hemmer (Antikörper gegen CTLA-4, PD-1, PD-L1 und LAG-3) sind heute Standard bei vielen Tumorarten. Beim fortgeschrittenen Melanom lebten nach zehn Jahren 43 % der mit Ipilimumab und Nivolumab behandelten Patienten, gegenüber 19 % unter Ipilimumab allein (CheckMate 067). Adoptive Zelltherapien (CAR-T, tumorinfiltrierende Lymphocyten, TCR-T), bispezifische Antikörper, Impfstoffe, onkolytische Viren und Zytokine ergänzen das Bild.
Die Wirksamkeit hängt davon ab, ob ein Tumor überhaupt erkennbar und zugänglich ist. Tumoren mit vielen Mutationen und vorhandenem T-Zell-Infiltrat sprechen besser an als solche ohne. Resistenz entsteht unter anderem durch Verlust von Komponenten der Antigenpräsentation oder Störungen der Interferonantwort; andere Tumoren schließen T-Zellen aus dem Gewebe aus. Prüfsteine für die Praxis sind Biomarker, die Behandelbarkeit der Nebenwirkungen und die Kosten.
Station 41 von 43
Biotechnologie
Wie nutzt der Mensch Zellen als Fabriken, und wo liegen die Grenzen?
Das lernst du hier
- Beispiele für Biotechnologie aus Küche, Medizin und Umwelt nennen
- erklären, wie Hefe Brot, Bier und Wein entstehen lässt
- beschreiben, wie Bakterien Insulin für Menschen herstellen
- die Farben der Biotechnologie zuordnen
- die Phasen einer Wachstumskurve im Bioreaktor erklären
- den Weg vom Gen zum gentechnisch hergestellten Arzneimittel beschreiben
- Biogas und Bioethanol als Stoffwechselprodukte von Mikroorganismen einordnen
- Wachstum im Batch-Reaktor mit Monod-Kinetik und Ausbeutekoeffizienten beschreiben
- Produktionsorganismen (E. coli, Hefe, CHO-Zellen) nach ihren Eigenschaften auswählen
- Biologika, mRNA-Impfstoffe und Zelltherapien einordnen
- grüne Gentechnik und Bioenergie mit Daten und Rechtsstand bewerten
Biotechnologie heißt: Man nutzt Lebewesen oder ihre Bausteine, um etwas herzustellen. Das macht der Mensch seit Tausenden von Jahren. Hefepilze lassen Brotteig aufgehen und machen aus Traubensaft Wein und aus Getreide Bier. Milchsäurebakterien machen aus Milch Joghurt und Käse. Dabei bauen die Mikroben Zucker ab, ohne Sauerstoff zu brauchen. Das nennt man Gärung (Station 8).
Heute kann man Mikroben neue Aufgaben geben. Man setzt ihnen ein fremdes Gen ein, zum Beispiel das menschliche Gen für Insulin (Station 15). Die Bakterien stellen dann menschliches Insulin her, das Menschen mit Diabetes brauchen. Seit 1982 gibt es solches Insulin als Medikament. Auch viele moderne Mittel gegen Krebs oder Rheuma und die mRNA-Impfstoffe gegen Corona stammen aus der Biotechnologie.
Hergestellt wird in großen Behältern, den . Darin wachsen die Zellen bei genau der richtigen Temperatur, mit Nährlösung und, wenn nötig, mit Luft. Alles muss keimfrei sein: Gelangt eine fremde Mikrobe hinein, verdirbt sie die ganze Ladung. Am Ende wird das gewünschte Produkt aus der Brühe herausgereinigt.
Biotechnologie hilft auch im Haushalt und in der Umwelt. im Waschmittel lösen Flecken schon bei niedrigen Temperaturen. Mikroben machen aus Gülle und Pflanzenresten Biogas, aus dem Strom und Wärme entstehen. Wer Lebewesen gentechnisch verändert, muss sich an strenge Regeln halten, das .
Man teilt die Biotechnologie nach Farben ein: rot für Medizin und Pharmazie, grün für Pflanzen und Landwirtschaft, weiß für die Industrie (Enzyme, Grundchemikalien, Kunststoffe), grau für Umwelt und Abfall (Kläranlage, Biogas), blau für Organismen aus dem Meer. Die Einteilung ist nicht genormt; manche Autoren ergänzen weitere Farben.
Die klassische Biotechnologie nutzt Gärungen. Hefe (Saccharomyces cerevisiae) vergärt Zucker zu Ethanol und CO₂ (Brot, Bier, Wein), Milchsäurebakterien bilden Milchsäure, die das Milcheiweiß gerinnen lässt und Verderb hemmt (Joghurt, Käse, Sauerkraut; Station 8). Im geschlossenen Gefäß () durchläuft eine Kultur typische Phasen: Anlaufphase, exponentielles Wachstum, Verzögerungsphase, stationäre Phase, Absterbephase. Die Grafik zeigt, wie Zuckermenge und Temperatur den Verlauf bestimmen.
Die moderne Biotechnologie nutzt die Gentechnik (Station 15): Ein Gen wird in einen eingebaut und in einen Produktionsorganismus übertragen, der das herstellt. Humaninsulin aus Escherichia coli wurde 1982 als erstes gentechnisch hergestelltes Arzneimittel zugelassen, in Großbritannien, Deutschland und den USA. Bakterien wie E. coli wachsen schnell und billig; Hefen sind einfache Eukaryoten, die Proteine ausschleusen; aus Hamstereierstöcken falten große Proteine wie Antikörper richtig und versehen sie mit Zuckerketten.
Medizinisch wichtig sind wie monoklonale Antikörper (Station 30), mRNA-Impfstoffe und Zelltherapien wie CAR-T-Zellen (Station 40). Bei mRNA-Impfstoffen bilden die eigenen Zellen das Antigen nach einer Bauanleitung, die in winzigen Fetttröpfchen verpackt ist (). Katalin Karikó und Drew Weissman erhielten 2023 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin für veränderte RNA-Bausteine, die solche Impfstoffe erst wirksam machten.
In Biogasanlagen bauen Bakterien und Gülle und Pflanzen ohne Sauerstoff zu Methan ab (Station 18); Hefen vergären Getreide oder Zuckerrüben zu Bioethanol, das Benzin beigemischt wird. 2025 lieferte Biomasse 8,3 % des in Deutschland erzeugten Stroms (Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen, brutto). Für Energiepflanzen wie Mais werden aber Äcker gebraucht, auf denen sonst Nahrung wachsen könnte.
Wachstum im Reaktor. Im Batch-Verfahren folgt das Wachstum der : μ = μmax · S/(Ks + S). Solange S ≫ Ks, wachsen die Zellen exponentiell mit μmax; die Verdopplungszeit ist ln 2/μ. Der Ausbeutekoeffizient Y_X/S (g Biomasse je g Substrat) verknüpft Wachstum und Verbrauch, auch ruhende Zellen verbrauchen Substrat und vergären Zucker weiter (wachstumsunabhängiger Verbrauch). Hefe bildet ohne Sauerstoff Ethanol (theoretisch 0,51 g je g Glucose) und bei Zuckerüberschuss sogar mit Sauerstoff (Crabtree-Effekt). Ethanol hemmt die Hefe selbst; bei viel Zucker endet die Gärung deshalb mit Restzucker. Industriell verbreitet ist das , bei dem Substrat nachgefüttert wird; im Chemostat legt die Verdünnungsrate die Wachstumsrate fest.
Produktionsorganismen. E. coli wächst schnell und billig, glykosyliert aber nicht und lagert viele Proteine als unlösliche Einschlusskörper ab, die zurückgefaltet werden müssen; so entstehen Insulinvorstufen, Wachstumshormon und Interferone. Hefen (Saccharomyces, Komagataella, früher Pichia) schleusen Proteine aus, glykosylieren sie aber mit mannosereichen Zuckerketten; aus Hefe stammen etwa Hepatitis-B- und HPV-Impfstoffe. CHO-Zellen liefern menschenähnliche Glykosylierung und sind Standard für monoklonale Antikörper; sie teilen sich etwa einmal am Tag und brauchen teure Medien. Bei der Maßstabsvergrößerung vom Kolben zum Reaktor mit Tausenden Litern wachsen Sauerstoffeintrag, Durchmischung und Wärmeabfuhr nicht mit.
Biologika. Monoklonale Antikörper (Station 30) entstehen in CHO-Zellen im Fed-Batch über etwa zwei Wochen und werden mit Protein-A-Chromatographie, Virusinaktivierung und weiteren Trennschritten gereinigt. Weil Biologika aus lebenden Zellen stammen, sind Nachahmer nie völlig identisch; sie heißen Biosimilars (Station 38). mRNA-Impfstoffe werden zellfrei hergestellt: Eine RNA-Polymerase schreibt eine DNA-Vorlage in mRNA um, in die N1-Methylpseudouridin statt Uridin eingebaut wird. Karikó und Weissman hatten 2005 gezeigt, dass modifizierte Nukleoside die Erkennung der mRNA durch angeborene Immunsensoren mindern (Nobelpreis 2023). Zell- und Gentherapien (CAR-T, Station 40; Gentherapie, Station 15) gelten in der EU als Arzneimittel für neuartige Therapien (Verordnung (EG) Nr. 1394/2007).
Enzyme. Proteasen, Amylasen, Lipasen und Cellulasen in Waschmitteln bauen Eiweiß-, Stärke- und Fettflecken ab und erlauben niedrigere Waschtemperaturen; Otto Röhm meldete 1913 ein Waschmittel mit Enzymen aus Bauchspeicheldrüsen zum Patent an. Labferment (Chymosin) für Käse stammt heute großenteils aus gentechnisch veränderten Mikroorganismen, Glucose-Isomerase wandelt Glucose in Fructose um. Gerichtete Evolution (Nobelpreis Chemie 2018 für Frances Arnold) macht Enzyme hitze- oder laugenbeständig; den anderen Teil des Preises erhielten George Smith und Gregory Winter für das Phagen-Display, mit dem auch therapeutische Antikörper gefunden werden.
Grüne Gentechnik. tragen Gene für Cry-Proteine aus Bacillus thuringiensis, die erst im Darm bestimmter Insektenlarven aktiviert werden (bei Raupen ist er stark alkalisch) und dort an spezifische Rezeptoren binden. 2019 wuchsen gentechnisch veränderte Pflanzen auf 190,4 Millionen Hektar in 29 Ländern, vor allem Soja, Mais, Baumwolle und Raps mit Herbizidtoleranz, Insektenresistenz oder beidem (ISAAA). Wo Rückzugsflächen für empfindliche Insekten fehlten, wurden Schädlinge resistent (Tabashnik und Carrière 2017). In der EU ist als einzige gentechnisch veränderte Pflanze der Bt-Mais MON810 zum Anbau zugelassen, Deutschland verbietet seinen Anbau seit 2009. Für Pflanzen aus ist die Verordnung (EU) 2026/1388 beschlossen; ihre Regeln gelten ab Juli 2028 (Modul unten, Station 15).
Bioenergie und Fläche. Biogas entsteht in vier Schritten: Hydrolyse, Säurebildung, Essigsäurebildung und Methanbildung durch Archaeen, die Acetat spalten oder CO₂ mit H₂ reduzieren; es enthält 50–75 % Methan. 2025 lieferte Biomasse in Deutschland 42,3 TWh, 8,3 % der Bruttostromerzeugung von 509,8 TWh; netto waren es 40,3 von 488,5 TWh (Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen). Mit dem biogenen Anteil des Abfalls kommt das Umweltbundesamt (UBA) auf 47,8 TWh, 16 % des Stroms aus erneuerbaren Energien. Eine neue Photovoltaikanlage liefert nach dem UBA etwa 800 MWh Strom je Hektar und Jahr, Mais in einer Biogasanlage etwa 20 MWh, rund ein Vierzigstel. Biogas lässt sich speichern und nach Bedarf verstromen. Das UBA empfiehlt, den Anbau von Energiepflanzen nicht weiter zu fördern und Bioenergie auf Reststoffe zu stützen.
Sicherheit. Das ordnet gentechnische Arbeiten vier Sicherheitsstufen zu (§ 7 GenTG): ohne Risiko (S1), geringes (S2), mäßiges (S3) und hohes Risiko oder begründeter Verdacht darauf (S4). Je höher die Stufe, desto strenger das Verfahren: Anlagen der Stufe 1 werden angezeigt, der Stufe 2 angemeldet, der Stufen 3 und 4 genehmigt (§ 8 GenTG). Die Zentrale Kommission für die Biologische Sicherheit (ZKBS) bewertet Einstufungen. Ethisch umstritten sind Patente auf Pflanzen und Gene, die Marktmacht weniger Saatgutfirmen, die Wahlfreiheit durch Kennzeichnung, der Zugang zu sehr teuren Therapien und Versuche, die Eigenschaften gefährlicher Erreger zu verändern.
Impfstoffe, Acker, Energie, Sicherheit
Wie ein mRNA-Impfstoff gebaut ist, wie Bt-Pflanzen wirken und was für neue Züchtungstechniken gilt, wie viel Strom Biomasse liefert und wie Gentechniklabore eingestuft werden.Aufbau und Wirkweise
Die mRNA trägt die Information für ein Antigen, bei COVID-19 das Spike-Protein. Im Lipid-Nanopartikel ist sie vor Enzymen geschützt. Die Zelle nimmt das Teilchen durch Endozytose auf; im sauren Endosom wird das ionisierbare Lipid positiv geladen, stört die Membran und gibt die mRNA ins Zellplasma frei. Ribosomen bilden das Antigen, das dem Immunsystem präsentiert wird (Station 30). Die mRNA gelangt nicht in den Zellkern und wird nach Tagen abgebaut.
Comirnaty wurde am 21. Dezember 2020 als erster mRNA-Impfstoff in der EU bedingt zugelassen. Der Nobelpreis 2023 würdigte die Entdeckung, dass Basenmodifikationen die Entzündungsreaktion auf mRNA dämpfen (Karikó et al. 2005).
Karikó et al. 2005, Immunity 23:165; Nobelpreiskomitee 2023; EMA, Comirnaty EPAR.
Recht der neuen Züchtungstechniken (Stand Oktober 2026)
ISAAA Brief 55 (2019); Tabashnik und Carrière 2017, Nat Biotechnol 35:926; EUR-Lex, Verordnung (EU) 2026/1388, Erwägungsgründe; Europäische Kommission, Umsetzungsstrategie zur Verordnung (EU) 2026/1388; EuGH C-528/16.
Brutto, netto, erneuerbar
Die Bruttostromerzeugung enthält den Eigenverbrauch der Kraftwerke, die Nettostromerzeugung nicht. Auf beiden Wegen lag der Anteil der Biomasse 2025 bei 8,3 % (AG Energiebilanzen, ohne biogenen Abfall). Das UBA zählt den biogenen Anteil des Abfalls zur Biomasse und kommt auf 47,8 TWh; davon 27,7 TWh aus Biogas, 10,0 TWh aus fester Biomasse und 5,6 TWh aus biogenem Abfall; den Rest liefern vor allem Biomethan und Klärgas. In Deutschland laufen rund 9 000 Biogasanlagen.
Anders als Wind- und Solarstrom lässt sich Biogas speichern und flexibel verstromen. Dem steht der geringe Flächenertrag gegenüber: Pflanzen wandeln nur einen kleinen Teil des Sonnenlichts in Biomasse um (Station 10).
AG Energiebilanzen, Stromerzeugung nach Energieträgern 1990–2025 (Stand September 2026); UBA, Erneuerbare Energien in Zahlen (19.10.2026), Erneuerbare Energien in Deutschland 2025 (März 2026) und Bioenergie (19.06.2026).
Vier Stufen
§ 7 des Gentechnikgesetzes ordnet gentechnische Arbeiten nach dem Risiko für Mensch und Umwelt vier Sicherheitsstufen zu. Die Einstufung richtet sich nach Spender- und Empfängerorganismus und dem übertragenen Gen; die Organismen selbst sind in Risikogruppen 1 bis 4 eingeteilt. Mit der Stufe steigen bauliche und organisatorische Anforderungen: Zugang, Unterdruck, Schleusen, Abwasser- und Abluftbehandlung, Schutzkleidung.
Gentechnikgesetz §§ 7, 8; Gentechnik-Sicherheitsverordnung; ZKBS.
Strom aus Biogas und Flächenbedarf
2025 kam etwa jede zwölfte Kilowattstunde Strom in Deutschland aus Biomasse, vor allem aus Biogas. Dafür wird viel Mais angebaut. Auf derselben Fläche würde eine Solaranlage etwa vierzigmal so viel Strom liefern. Dafür kann man Biogas aufbewahren und Strom machen, wenn die Sonne nicht scheint.
Biomasse lieferte 2025 in Deutschland 42,3 TWh Strom (42,3 Milliarden Kilowattstunden), 8,3 % der Bruttostromerzeugung (AG Energiebilanzen). Je Hektar und Jahr ergibt Mais für Biogas nach dem Umweltbundesamt etwa 20 MWh Strom (20 000 Kilowattstunden), eine neue Photovoltaikanlage etwa 800 MWh. Biogas ist dafür speicherbar. Das Umweltbundesamt empfiehlt, Bioenergie vor allem aus Gülle, Reststoffen und Abfällen zu gewinnen.
Die ausführliche Vertiefung mit Grafiken gibt es ab dem Niveau Oberstufe.
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Labordiagnostik und Marker
Was verraten Blutwerte, wie entstehen sie, und wann führen sie in die Irre?
Das lernst du hier
- erklären, warum man Blut im Labor untersucht
- einfache Beispiele für Laborwerte nennen
- verstehen, dass ein Test auch falsch liegen kann
- Messprinzipien und Probenröhrchen zuordnen
- Sensitivität, Spezifität und Vorhersagewerte berechnen
- typische Marker für Entzündung, Herz, Zucker und Abwehr erklären
- Vortestwahrscheinlichkeit und Referenzbereiche in die Befunddeutung einbeziehen
- Marker mit eigener Wirkung im Immunsystem bewerten: Vitamin D, Calcium, Zink, Eisen
- rechtliche Rahmen der In-vitro-Diagnostik einordnen (IVDR, Rili-BÄK)
- Marker bei Autoimmunerkrankungen und Krebs ihrem Zweck zuordnen: Suche, Bestätigung, Verlauf, Therapiewahl
Grenzwerte sind test- und laborabhängig; die genannten Werte stammen aus den angegebenen Leitlinien und Studien. Keine Anleitung zur Selbstdiagnose. Stand: Oktober 2026.
Wenn du krank bist, nimmt die Ärztin manchmal Blut ab. Im Labor misst man darin Stoffe, die verraten, was im Körper los ist: ob eine Entzündung abläuft, ob genug Eisen da ist oder ob der Zucker zu hoch ist. Solche Messgrößen heißen Laborwerte oder Marker.
Jeder Wert hat einen Normbereich, in dem die Werte von 95 von 100 gesunden Menschen liegen. Ein Wert außerhalb heißt deshalb nicht automatisch krank. Ärztinnen und Ärzte beurteilen Laborwerte immer zusammen mit den Beschwerden.
Viele Marker gehören selbst zur Abwehr: Das C-reaktive Protein (CRP) markiert Bakterien für Fresszellen, und bei einer Entzündung sperrt der Körper Eisen weg, damit Bakterien es nicht bekommen.
Damit das Ergebnis stimmt, muss schon die Blutentnahme richtig laufen. Für jeden Test gibt es ein passendes Röhrchen mit einem eigenen Zusatzstoff.
Ein Laborwert ist eine Messung mit Unsicherheit. Der umfasst meist die mittleren 95 % gesunder Menschen, 5 % der Gesunden liegen also außerhalb. Wer 20 unabhängige Werte bestimmen lässt, hat deshalb mit rund 64 % Wahrscheinlichkeit mindestens einen auffälligen Wert, ohne krank zu sein.
Wie gut ein Test ist, beschreiben (Anteil der Kranken mit positivem Ergebnis) und (Anteil der Gesunden mit negativem Ergebnis). Was ein positives Ergebnis bedeutet, hängt zusätzlich davon ab, wie häufig die Krankheit in der getesteten Gruppe ist: Bei seltenen Krankheiten sind viele positive Ergebnisse falsch.
Die meisten Fehler passieren vor der Messung, bei Entnahme, Transport und Lagerung (). EDTA im Röhrchen bindet Calcium und hält das Blut für das Blutbild flüssig; Natriumfluorid stoppt den Zuckerverbrauch der Blutzellen (Station 8).
Bei einer Entzündung bildet die Leber auf das Signal Interleukin-6 hin mehr CRP und Hepcidin. Hepcidin sperrt Eisen in die Zellen, Ferritin steigt, das Eisen im Blut sinkt. Auch Zink und Vitamin D im Blut sinken. Eine akute Entzündung kann deshalb einen Mangel vortäuschen.
Messen heißt Chemie anwenden. Enzymatische Tests koppeln den gesuchten Stoff an die Bildung oder den Verbrauch von NADH, das bei 340 nm absorbiert; Immunoassays nutzen die Spezifität von Antikörpern; die PCR vervielfältigt Nukleinsäuren; die Massenspektrometrie trennt nach Masse und Ladung (Modul unten). Ein Referenzbereich (zentrale 95 % einer Referenzpopulation) ist etwas anderes als eine Entscheidungsgrenze aus Studien, etwa HbA1c ab 6,5 % (48 mmol/mol) für die Diagnose Diabetes (NVL Typ-2-Diabetes 2023) oder die 99. Perzentile für hochsensitives Troponin.
Vortestwahrscheinlichkeit. Der positive Vorhersagewert folgt dem Satz von Bayes. Screening auf seltene Krankheiten lohnt nur mit sehr hoher Spezifität und guter Folgediagnostik: CA-125 und Ultraschall senkten in UKCTOCS mit 202 638 Frauen die Sterblichkeit an Eierstockkrebs nicht (Menon et al. 2021). Umgekehrt schließen altersangepasste D-Dimer-Grenzen (Alter × 10 µg/l ab 50 Jahren) eine Lungenembolie bei mehr Patienten sicher aus (Righini et al. 2014).
. Interleukin-6 steigert in der Leber CRP, Fibrinogen, Ferritin und Hepcidin und senkt Albumin und Transferrin. CRP bindet Phosphocholin auf Bakterien und aktiviert den klassischen Komplementweg; seine Halbwertszeit von etwa 19 Stunden ist bei Gesunden und Kranken gleich, der Spiegel zeigt also die aktuelle Bildung (Vigushin et al. 1993). Procalcitonin steigt vor allem bei bakteriellen Infektionen; eine daran orientierte Beendigung der Antibiotika verkürzte auf Intensivstationen die Therapie von 7 auf 5 Tage, die 28-Tage-Sterblichkeit lag bei 20 % gegenüber 25 % (de Jong et al. 2016). Hepcidin blockiert den Eisenexporter Ferroportin und entzieht Bakterien Eisen, um den Preis einer Anämie der Entzündung.
Vitamin D als Lehrstück. Niedrige 25(OH)D-Spiegel gehen in Beobachtungsstudien mit vielen Krankheiten einher, doch in VITAL (25 871 Teilnehmende) senkte Vitamin D weder Krebs noch schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse (Manson et al. 2019). Hinweise gibt es für weniger Autoimmunerkrankungen (Hahn et al. 2022) und einen kleinen Effekt auf Atemwegsinfekte (Jolliffe et al. 2021). Entzündung selbst senkt 25(OH)D nach einer Knieoperation um rund 40 % (Reid et al. 2011): Ein Teil des Zusammenhangs ist umgekehrte Kausalität. Die Endocrine Society rät seit 2024 von routinemäßigen 25(OH)D-Messungen bei Gesunden ab und nennt keinen Zielwert; die DGE hält 50 nmol/l für ausreichend.
Wie Labore messen
Hinter jedem Laborwert steht ein Messprinzip aus Chemie, Physik oder Molekularbiologie, und hinter jedem Test ein Rechtsrahmen.Licht als Messgerät
Nach dem Lambert-Beer-Gesetz ist die Absorbance proportional zur Konzentration: A = ε · c · d. NADH absorbiert bei 340 nm mit ε = 6 220 l · mol⁻¹ · cm⁻¹, NAD⁺ dort nicht. Der Unterschied liegt im Nicotinamid-Ring: In NAD⁺ ist er aromatisch und positiv geladen, in NADH ein 1,4-Dihydropyridin mit einem zusätzlichen Hydrid an C4.
Deshalb lassen sich viele Stoffe über eine gekoppelte Enzymreaktion messen. Glucose zum Beispiel: Die Hexokinase phosphoryliert sie zu Glucose-6-phosphat, die Glucose-6-phosphat-Dehydrogenase oxidiert dieses und reduziert dabei NADP⁺ zu NADPH. Für jedes Glucosemolekül entsteht ein NADPH, die Zunahme der Absorbance bei 340 nm ergibt die Glucosekonzentration. Ebenso messen Labore die Aktivität von Enzymen wie LDH oder ALT: über die Geschwindigkeit, mit der NADH verschwindet.
Lehninger 7. Aufl.; Thomas, Labor und Diagnose.
Zwei Antikörper, ein Signal
Beim Sandwich-Immunoassay hält ein Fängerantikörper an der Oberfläche das Antigen fest, ein zweiter, markierter Antikörper bindet an eine andere Stelle desselben Moleküls. Die Markierung erzeugt ein Signal: ein Enzym, das einen Farbstoff umsetzt (ELISA), oder ein Molekül, das Licht aussendet (Chemilumineszenz). So werden Troponin, NT-proBNP, PSA, Procalcitonin, Hormone und Antikörper gemessen.
Kleine Moleküle wie Vitamin D oder Medikamente haben nur ein Epitop; für sie nutzt man kompetitive Tests, bei denen das Signal mit steigender Konzentration sinkt.
Thomas, Labor und Diagnose; Wild, The Immunoassay Handbook.
Verdoppeln, bis es leuchtet
In der Echtzeit-PCR verdoppelt sich die Ziel-DNA in jedem Zyklus, solange Primer und Nukleotide reichen (Station 15). Ein Fluoreszenzfarbstoff oder eine Sonde meldet die Menge. Der Ct-Wert ist der Zyklus, in dem das Signal eine Schwelle überschreitet. Zehnmal mehr Ausgangsmaterial erreicht die Schwelle log₂(10) ≈ 3,3 Zyklen früher. Ein niedriger Ct-Wert bedeutet also viel Erregermaterial.
Ein positiver PCR-Befund zeigt Nukleinsäure, nicht zwingend vermehrungsfähige Erreger. Für RNA-Viren wird zuerst eine reverse Transkription vorgeschaltet.
Lehninger 7. Aufl.
Wiegen statt Färben
Die Flüssigchromatographie trennt das Gemisch, die Ionenquelle lädt die Moleküle, der erste Massenfilter lässt nur Ionen einer bestimmten Masse durch, in der Stoßzelle zerfallen sie in typische Bruchstücke, der zweite Massenfilter misst ein ausgewähltes Bruchstück. Ein zugesetzter, mit schweren Isotopen markierter Standard verhält sich chemisch gleich, ist aber schwerer: Das Verhältnis der Signale ergibt die Konzentration. So gilt die LC-MS/MS als Referenzmethode für 25-Hydroxyvitamin D.
Das Neugeborenen-Screening misst aus einem Tropfen getrockneten Bluts auf Filterpapier viele Aminosäuren und Acylcarnitine zugleich. Seit dem 15. Mai 2026 umfasst es in Deutschland 20 statt 16 Zielkrankheiten, neu unter anderem Vitamin-B12-Mangel, Homocystinurie, Propionazidämie und Methylmalonazidurie (Kinder-Richtlinie des G-BA).
Kinder-Richtlinie des G-BA, KBV-Information vom 26.03.2026.
Wer darf was messen?
Geltendes Recht. Seit dem 26. Mai 2022 gilt die EU-Verordnung über In-vitro-Diagnostika (IVDR, (EU) 2017/746). Sie teilt Tests in Risikoklassen A bis D ein; für viele Produkte muss eine Benannte Stelle die Konformität prüfen. Für bereits vorhandene Tests gelten nach der Änderungsverordnung (EU) 2024/1860 gestaffelte Übergangsfristen bis Ende 2027 (Klasse D), 2028 (C) und 2029 (B und A steril), sofern Fristen für Qualitätsmanagement und Antrag eingehalten wurden. Labore, die eigene Tests herstellen, dürfen das unter den Bedingungen von Artikel 5 Absatz 5. In Deutschland regelt die Richtlinie der Bundesärztekammer (Rili-BÄK, Neufassung 2019) die Qualitätssicherung, etwa interne Kontrollen und Ringversuche; für HbA1c wurde die zulässige Ringversuchsabweichung auf ±8 % gesenkt.
Vorschlag, kein geltendes Recht. Am 16. Dezember 2025 hat die EU-Kommission vorgeschlagen, Medizinprodukte- und IVD-Verordnung zu vereinfachen, unter anderem bei Eigenherstellung, Leistungsstudien und elektronischen Gebrauchsanweisungen. Parlament und Rat beraten noch.
Verordnung (EU) 2017/746; Verordnung (EU) 2024/1860; Rili-BÄK, Dtsch Ärztebl 51-52/2019; Kommissionsvorschlag vom 16.12.2025.
Marker bei Autoimmunerkrankungen und Krebs
Welche Laborwerte bei welcher Krankheit zählen, was sie messen und wofür sie taugen: einen Verdacht prüfen, die Diagnose sichern, die Aktivität verfolgen oder ein Medikament auswählen. Die passenden Behandlungswege stehen in Station 39.Vier Fragen an das Labor
Laborwerte beantworten bei Autoimmunerkrankungen verschiedene Fragen. Suchtests sollen möglichst wenige Kranke übersehen (hohe ), Bestätigungstests möglichst wenige Gesunde falsch einordnen (hohe ). Verlaufswerte zeigen, ob die Entzündung zurückgeht. Therapiewerte helfen, das passende Medikament zu wählen, und schützen vor Nebenwirkungen.
Viele Autoantikörper sind schon Jahre vor den ersten Beschwerden im Blut, etwa Antikörper gegen citrullinierte Peptide vor der rheumatoiden Arthritis oder Inselantikörper vor dem Typ-1-Diabetes. Umgekehrt tragen viele Gesunde Autoantikörper, ohne je zu erkranken: Antinukleäre Antikörper fanden sich bei 13,8 % einer US-Stichprobe, Antikörper gegen die Schilddrüsenperoxidase bei 11,3 % der Schilddrüsengesunden. Ohne passende Beschwerden ist ein solcher Befund deshalb meist kein Krankheitszeichen.
Antikörper werden als oder in Einheiten pro Milliliter angegeben. Grenzwerte hängen vom Test ab; Werte verschiedener Labore sind oft nicht direkt vergleichbar.
Klassifikation ist nicht Diagnose. Kriterien wie die von und für den Lupus (2019) vergeben Punkte für Befunde, um für Studien einheitliche Gruppen zu bilden. Im Einzelfall stellen Ärztinnen und Ärzte die Diagnose aus dem Gesamtbild; wer die Kriterien verfehlt, kann trotzdem krank sein.
Satoh et al. 2012; Hollowell et al. 2002 (NHANES III); Nishimura et al. 2007; Aringer et al. 2019; ESPGHAN 2020 (Husby et al.); STRIDE-II (Turner et al. 2021); McDonald-Kriterien 2024; NEMOS 2023; DGN-Leitlinie Myasthene Syndrome 2024; EULAR ANCA-Vaskulitis 2022; ETA 2018 (Kahaly et al.); Insel et al. 2015; Ziegler et al. 2013; Herold et al. 2019; CPIC 2018; Fachinformationen Humira, MabThera, Tysabri, Soliris. Keine Anleitung zur Selbstdiagnose.
Ein Abwehrprotein im Stuhl
Calprotectin besteht aus zwei kleinen Eiweißen, S100A8 und S100A9. Neutrophile Granulozyten, die häufigsten weißen Blutkörperchen, enthalten so viel davon, dass es nach Angaben der Arbeitsgruppe um Eric Skaar (Vanderbilt-Universität) etwa die Hälfte ihres Zellinhalts ausmacht. Es bindet Calcium, Zink und Mangan. In Abszessen von Mäusen entzog es Staphylococcus aureus Mangan und Zink und hemmte so sein Wachstum (Corbin et al. 2008). Diese Abwehrstrategie heißt , wie das Wegsperren von Eisen durch Hepcidin (Reiter „Entzündung verändert Werte“ oben).
Ist die Darmwand entzündet, wandern Neutrophile in die Schleimhaut und gelangen in den Darminhalt. Calprotectin im Stuhl zeigt deshalb eine Entzündung der Darmwand an. Beim , das ähnliche Beschwerden macht, fehlt sie. Das britische empfiehlt den Test seit 2013 für Erwachsene mit neu aufgetretenen Darmbeschwerden ohne Krebsverdacht, um eine (CED) vom Reizdarm zu unterscheiden; die meisten Studien nutzten 50 µg/g als Grenze.
Spezifisch für CED ist Calprotectin nicht. Erhöht ist es auch bei Darminfektionen, Darmkrebs und Polypen und unter Medikamenten wie und Protonenpumpenhemmern. Säuglinge und Kleinkinder haben höhere Werte als Erwachsene. Die Grenzwerte hängen von der Messmethode ab.
Zwei Grenzen statt einer. Der Pfad des Krankenhauses in York (England) arbeitet mit 100 und 250 µg/g und wiederholt den Test im Graubereich nach zwei Wochen ohne NSAR und Acetylsalicylsäure. Eine höhere untere Grenze schickt weniger Menschen zur Darmspiegelung und verlagert Fälle in die Wiederholung. Im Verlauf einer CED gilt die Normalisierung von CRP und Calprotectin (100 bis 250 µg/g) als Zwischenziel, die Abheilung der Schleimhaut in der Endoskopie als langfristiges Ziel ().
NICE Diagnostics Guidance DG11 (2013); York Faecal Calprotectin Care Pathway (Turvill, York Teaching Hospital, 2014/2015); Turner et al. 2021, Gastroenterology 160:1570 (STRIDE-II, Einheit dort als mg/g gedruckt); Corbin et al. 2008, Science 319:962 und Pressemitteilung der Vanderbilt University; Clinical Labs, Calprotectin testing 2021 (Störfaktoren, Kinder).
Gut im Verlauf, schwach als Suchtest
Die meisten sind körpereigene Stoffe, die auch gesunde Zellen bilden, nur in kleinerer Menge. Sie steigen bei manchen Tumoren, aber nicht bei allen, und auch bei gutartigen Erkrankungen. Als Suchtest bei Gesunden taugen sie deshalb meist nicht: Ein Screening mit CA-125 und Ultraschall senkte in der britischen Studie UKCTOCS mit 202 638 Frauen die Sterblichkeit an Eierstockkrebs nicht (Menon et al. 2021).
Ihre Stärke ist der Verlauf bei bekanntem Tumor. War der Marker vor der Operation erhöht, fällt er nach vollständiger Entfernung ab; ein späterer Wiederanstieg kann einen Rückfall anzeigen, bevor Beschwerden auftreten. Nach Darmkrebs im Stadium II und III wird CEA zum Beispiel zwei Jahre lang halbjährlich und danach jährlich bis zum fünften Jahr bestimmt (Nachsorgeschema Klinikum Esslingen 2024).
Zur Früherkennung gehören andere Tests. Den immunologischen Stuhltest auf verstecktes Blut (iFOBT) können gesetzlich Versicherte ab 50 Jahren alle zwei Jahre machen, alternativ eine Darmspiegelung; seit dem 1. April 2025 gilt das für Frauen und Männer gleich. Den PSA-Test empfiehlt die S3-Leitlinie Prostatakarzinom von 2025 Männern ab 45 nach Aufklärung; eine Kassenleistung ist er bisher nicht.
Keimzelltumoren sind die Ausnahme. Bei Hodentumoren gehen AFP, β-hCG und LDH in die Stadieneinteilung ein (Kategorie S der TNM-Klassifikation) und bestimmen mit, wie intensiv behandelt wird. Das relative 5-Jahres-Überleben liegt bei 97 % (RKI 2025).
Menon et al. 2021, Lancet; G-BA, Tragende Gründe zum Beschluss vom 16.01.2025 (Richtlinie für organisierte Krebsfrüherkennungsprogramme); S3-Leitlinie Prostatakarzinom 2025; Nachsorgeschema Kolonkarzinom UICC II/III, Klinikum Esslingen 2024; RKI und DKR, Krebs in Deutschland für 2021–2023 (2025). Die Kurven sind ein Schema ohne Messdaten.
Erst testen, dann behandeln
Eine ist ein Test, ohne den ein bestimmtes Medikament nicht sicher und wirksam eingesetzt werden kann. Sie sucht im Tumorgewebe oder im Blut nach einem , einem Merkmal, das vorhersagt, ob genau dieses Medikament wirkt. Das erste Paar aus Test und Medikament wurde 1998 in den USA gemeinsam zugelassen: der HercepTest, eine Färbung auf das Eiweiß HER2, zusammen mit dem Antikörper Trastuzumab gegen Brustkrebs (Jørgensen 2019).
Gemessen wird mit (Eiweiß im Gewebeschnitt), (Genkopien, Fusionen), PCR (bekannte Mutationen, Station 15) oder (viele Gene zugleich). Aus dem Blut lässt sich untersuchen (Flüssigbiopsie), etwa auf EGFR-Mutationen. Ist dieser Bluttest negativ, soll nach Möglichkeit Gewebe nachgetestet werden, weil der Bluttest Mutationen übersehen kann (Fachinformation Tagrisso).
Auch Nebenwirkungen lassen sich vorhersagen. Wem das Enzym Dihydropyrimidin-Dehydrogenase (DPD) fehlt, der baut 5-Fluorouracil und Capecitabin nicht ab. Seit April 2020 empfiehlt die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA), vor Beginn darauf zu testen. Bis zu 9 % der Menschen europäischer Herkunft haben zu wenig funktionsfähiges Enzym, bis zu 0,5 % gar keines.
Recht. Nach der EU-Verordnung über In-vitro-Diagnostika (IVDR, Verordnung (EU) 2017/746) gehören Begleitdiagnostika in Risikoklasse C (Anhang VIII, Regel 3f). Die Benannte Stelle muss vor der Zertifizierung ein wissenschaftliches Gutachten der Behörde einholen, die das zugehörige Arzneimittel zulässt, also der EMA oder einer nationalen Behörde (Artikel 48). International unterscheiden sich die Zulassungen: Die US-Arzneimittelbehörde FDA ließ Pembrolizumab 2017 für solide Tumoren mit Mikrosatelliteninstabilität unabhängig vom Organ zu; in der EU gilt diese Zulassung nur für bestimmte Tumorarten. Larotrectinib bei NTRK-Fusionen ist auch in der EU organunabhängig zugelassen.
Tumor-DNA nach der Operation. In der Studie DYNAMIC mit 441 Patienten mit Darmkrebs im Stadium II bekam die eine Gruppe nur dann Chemotherapie, wenn nach der Operation Tumor-DNA im Blut nachweisbar war. Chemotherapie erhielten dort 15 % statt 28 %, die rückfallfreie Zwei-Jahres-Rate war nicht schlechter: 93,5 % gegenüber 92,4 % (Tie et al. 2022).
EU-Produktinformationen (EPAR) zu Herceptin, Glivec, Tagrisso, Alecensa, Tafinlar, Lumykras, Erbitux, Lynparza, Keytruda und Vitrakvi, abgerufen im Oktober 2026; EMA, Empfehlung zur DPD-Testung vom 30.04.2020; BfArM, Companion Diagnostics; Jørgensen 2019, Ann Transl Med 7:148; AACR 2018 (FDA-Zulassung 2017); Tie et al. 2022, N Engl J Med (DYNAMIC).
Station 43 von 43
Zusammenhänge
Wie greifen Moleküle, Zellen, Organismen und Ökosysteme ineinander, und was ist hängen geblieben?
Das lernst du hier
- Verbindungen zwischen den Stationen erkennen
- mit Lernkarten wiederholen und im Abschlusstest prüfen
- Zusammenhänge zwischen Zellbau, Erbgut, Stoffwechsel, Nerven, Hormonen, Abwehr und Ökosystemen erklären
- mit Lernkarten wiederholen und im Abschlusstest prüfen
- Querverbindungen fachlich begründen, etwa Genotyp und Phänotyp, Chemiosmose in Chloroplast und Mitochondrium, Membranpotenzial und Erregung, Evolution von Resistenzen
- mit Lernkarten wiederholen und im Abschlusstest prüfen
Die Stationen hängen zusammen. Die Zelle aus Station 4 ist der Ort, an dem alles passiert. Ihr Bauplan steckt in der DNA, die Eiweiße sind die Werkzeuge, der Stoffwechsel liefert die Energie. Nerven und Hormone steuern den Körper, die Abwehr schützt ihn. Pflanzen fangen das Sonnenlicht ein, von dem fast alle anderen Lebewesen leben, und die Evolution erklärt, warum all das so geworden ist.
Im Ring siehst du alle Stationen, nach Kapiteln geordnet. Tippe eine Station an, dann siehst du, mit welchen anderen sie zusammenhängt. Danach kannst du mit den Lernkarten wiederholen und im Abschlusstest prüfen, was du behalten hast.
Die Stationen beschreiben ein System. Gene legen Proteine fest, Proteine arbeiten als Enzyme, Transporter und Antikörper. Membranen und Organellen schaffen Reaktionsräume, ATP koppelt Energie liefernde und verbrauchende Vorgänge. Hormone stimmen die Organe aufeinander ab, und das Immunsystem schützt den Körper, auch gegen entartete eigene Zellen.
Der Lernkarten-Trainer zieht Karten aus allen Stationen auf deinem Niveau. Der Abschlusstest wählt aus jedem Kapitel drei Stationen zufällig aus und stellt aus jeder eine Frage; am Ende nennt er die Stationen, die du wiederholen solltest. „Neue Fragen ziehen“ stellt einen neuen Test zusammen.
Die Querverbindungen zeigen, dass die Trennung in Genetik, Stoffwechsel, Physiologie und Ökologie vor allem eine des Lehrplans ist. Der Weg vom Genotyp zum Phänotyp führt über die Proteinstruktur; Chloroplast und Mitochondrium nutzen dasselbe chemiosmotische Prinzip; das Ruhepotenzial der Nervenzelle beruht auf denselben Ionenpumpen, die an jeder Membran Gradienten aufbauen; Typ-1-Diabetes ist eine Immunerkrankung mit Stoffwechselfolgen; CAR-T-Zellen sind Gentechnik am Immunsystem; Antibiotikaresistenz ist Evolution in Echtzeit; und der Kohlenstoff, den Pflanzen in der Fotosynthese binden, gelangt über die Zellatmung aller Lebewesen wieder in die Atmosphäre.
Wiederhole mit dem Lernkarten-Trainer und prüfe dich im Abschlusstest. Er wählt aus jedem Kapitel drei Stationen zufällig aus und stellt aus jeder eine Frage.